Home Social Sciences Zur Geschichte gesellschaftlicher Klassifikationen
Article Open Access

Zur Geschichte gesellschaftlicher Klassifikationen

Johannes F. M. Schick / Mario Schmidt / Martin Zillinger (Eds.), The Social Origins of Thought: Durkheim, Mauss, and the Category Project. New York/Oxford: Berghahn Books 2022, 330 S., eBook, 162,87 €
  • Peter Fischer EMAIL logo
Published/Copyright: March 10, 2025
Become an author with De Gruyter Brill

Rezensierte Publikation:

Johannes F. M. Schick / Mario Schmidt / Martin Zillinger (Hrsg.), The Social Origins of Thought: Durkheim, Mauss, and the Category Project. New York/Oxford: Berghahn Books 2022, 330 S., eBook, 162,87 €


Moderne und primitive Formen von Klassifikation

In der Gegenwartsgesellschaft sind Kategorisierungen, Bewertungen und Klassifikationen nahezu überall zu finden, mitunter kann gar von einem Faszinosum für den Vergleich oder Leistungsvergleich (Ringel & Werron, 2019) gesprochen werden. Zu denken ist hier an die Messung der persönlichen Arbeitsleistung oder an die Bewertungen innerhalb sportlicher oder akademischer Wettbewerbe, aber auch an den Bereich der Kultur, wo Platzierungen in den Charts oder Bestenlisten gang und gäbe sind. Auf den ersten Blick bieten solche Listen und Rankings Ordnung und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, gleichzeitig scheint auch der Leistungsgedanke, der einen Vergleich erzwingt, in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent zu sein. Positiv gewendet ordnet ein Vergleich ein und bietet Unterscheidungen. Kategorien hingegen ermöglichen ein Verständnis der Welt.

Die Soziologie reagiert auf diese jüngeren gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Vergleichen und Bewertungen mit einer internen Ausdifferenzierung. Eine „Soziologie des Wertens und Bewertens“ (Krüger, 2022) oder „Soziologie der Rankings“ (Ringel & Werron, 2019), die seit einigen Jahren auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt, sieht mehr als die Herstellung von Ordnung und Orientierungswissen, denn neben Praktiken des Wertens und Klassifizierens geraten hier die Klassifikationssysteme selbst sowie deren Produktion, Legitimierung und Institutionalisierung in den Fokus. Ohne näher auf diese soziologische Spielart, ihre Theorien und Forschungsergebnisse eingehen zu können, scheinen mir doch zwei Aspekte von Bedeutung. Zum einen stellen Klassifikationen, bzw. Unterscheidungen und Einordnungen eine Grundlage der sozialen Welt dar, zum anderen sind diese Praktiken häufig durch politische, ideologische oder ökonomische Gründe motiviert.

Zum ersten Punkt: Bereits die klassische Gruppensoziologie formuliert die Zugehörigkeit zur In-group im Gegensatz zur Out-group auf Grundlage einer Klassifikation nach Merkmalen von Zugehörigkeit. Ähnliches gilt für die Identitätsbildung, die ja auf Ein- und Zuordnung der eigenen Person angewiesen ist. Klassifikationen als Grundlage der sozialen Welt sind bereits Thema von Durkheim und Mauss – dazu gleich mehr. Zum zweiten Punkt: Klassifikationen, Einordnungen und Rankings sind in der modernen Gesellschaft häufig politisch, ökonomisch oder ideologisch motiviert. Ringel und Werron (2019, S. VII) geben diesbezüglich das Beispiel „von Rankings als einem Instrument neoliberaler Ideologie, das sich mit dem Ziel legitimiere, gerankte Akteure zu immer besserer Leistung anzustacheln, während es tatsächlich vor allem Ungleichheiten zementiere, zudem Kriterien wie ‚Leistung‘, ‚Exzellenz‘ oder ‚Entwicklung‘ als universal verbindlich darstelle“. So gearteten Antrieben für die Produktion von Ranking- oder Klassifikationssystemen steht eine soziologisch nüchterne Analyse entgegen.

Mit dem jüngsten Interesse für die Praktiken des Wertens, Bewertens und Klassifizierens rückt ein klassisches Werk der Soziologie und Anthropologie wieder ins Licht, welches lange Jahre allein ein Schattendasein führte: „De quelques formes primitives de classification“ von Émile Durkheim und Marcel Mauss. Das Werk, im französischen Original 1903 in der Anée Sociologique erschienen, liegt im englischen als „Primitive Classifications“ mit einem Vorwort des britischen Sozialanthropologen Rodney Needham aus dem Jahr 1963 und in einer unveränderten Neuauflage aus dem Jahr 2009 vor. Auf deutsch ist der Essay unter dem Titel „Über einige primitive Formen von Klassifikation. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen“ allein als Anhang in Durkheims Schriften zur Soziologie der Erkenntnis (1987 und 1993), herausgegeben von Hans Joas, zu finden.

Das Werk kann als Begründungsschrift der soziologischen Klassifikationstheorie verstanden werden, auf die in der aktuellen Literatur zur Soziologie des Klassifizierens mehr oder minder pflichtgemäß verwiesen wird. So liest man bei Marion Fourcade:

Émile Durkheim vertrat nachdrücklich die Ansicht, jede Form begrifflichen Denkens habe seinen Ursprung im sozialen Leben und in sozialer Morphologie. Menschen kategorisieren die soziale und physische Welt und erhalten durch diese Unterscheidungen ihr Dasein aufrecht. [...] Was Kategorien ihre Autorität verleiht, ist die Tatsache, dass sie kollektiv gebildet, aufrechterhalten und durchgesetzt und dadurch fest in unsere (naturalisierte) soziale Welt integriert werden. (2022, S. 8)

Auch Anne K. Krüger kommt in ihrem Einführungsband zur Soziologie des Wertens und Bewertens auf Durkheim und Mauss zu sprechen. Sie begreift Klassifikationen als grundlegende Muster und hält fest: „In Klassifikationssystemen und der ihnen zugrundeliegenden hierarchischen Ordnung zeigen sich für Durkheim und Mauss dementsprechend die zentralen Zusammenhänge, durch die eine kollektiv geteilte Wahrnehmung der Wirklichkeit hergestellt wird“ (Krüger, 2022, S. 29). Damit ist das Grundprogramm von Durkheim und Mauss beschrieben. Die Referenz, die dem Klassifikationsaufsatz von Durkheim und Mauss seitens der aktuellen Soziologie des Wertens und Klassifizierens zugeschrieben wird, wirft allerdings mehr Fragen auf als sie Antworten geben kann oder will. So bleibt z. B. der Zusammenhang zwischen den primitiven Formen der Klassifikation und den gegenwärtigen Praktiken weitgehend offen. Hiermit ist das komplizierte Problem der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von modernen und Stammesgesellschaften aufgeworfen. Durkheim und Mauss stellen ja mit ihrem Entwurf den Anspruch in den Raum, für Klassifikationen in der Wissenschaft anschlussfähig zu sein.

Wendet man sich aus theoretischem und fachgeschichtlichem Interesse dem Werk zu, dann fällt zunächst ins Auge, dass es sich beim Klassifikationsaufsatz nicht um eine Gelegenheitsschrift handelt, sondern um – wie Joas festhält – ein „ständiges Projekt“ (1987, S. 267), eine Soziologie der Erkenntnis, die z. B. auch in Durkheims Religionssoziologie zu finden ist.

Soziale Ursprünge des Denkens

In der Tat haben wir gesehen, daß diese Klassifikationen nach dem Modell der nächstliegenden und fundamentalsten sozialen Organisation gestaltet wurden. Der Ausdruck „Modell“ ist sogar noch unzureichend. Die Gesellschaft war nicht bloß ein Modell, an dem das klassifizierende Denken sich orientiert hätte, vielmehr diente ihr ureigenstes Gerüst als Rahmen für das soziale System. Die ersten logischen Kategorien waren soziale Kategorien; die ersten Klassen von Gegenständen waren Klassen von Menschen, in die auch Dinge integriert waren. (Durkheim & Mauss, 1993, S. 250)

„The Social Origins of Thought“, herausgegeben von einem Team um den Kölner Anthropologen Martin Zillinger, greift nun genau in diesem Sinne, als längerfristiges Projekt, welches auf die Ursprünge und Grundlagen des Erkennens und Denkens zielt, die Ideen der Durkheim-Schule auf. Der Sammelband ist weitgehend anthropologiegeschichtlich orientiert und versteht das Kategorien-Projekt als kollaboratives Experiment. Die vier Phasen, die Schick, Schmidt und Zillinger in der Entwicklung des Projektes erkennen, geben Aufklärung über dessen Entstehung und skizzieren einen Kontext. Der Beginn (1903–1904) wird durch die Hypothesenbildung als Ergebnis der Untersuchungen von Klanstrukturen und sozialen Fakten markiert. Diese „basic formula“ sei zunächst auf religiöses Denken beschränkt, welche aber in der nächsten Phase (1904–1906) durch eine „sociocentic analysis of time, space and cause“ (S. 6) ergänzt werde. Diese Phase, so die Autoren, sei durch das Experimentieren mit Kategorien geprägt, die u. a. in den Werken von Marcel Mauss und Henri Beuchat („Seasonal Variation of the Eskimo. A Study in Social Morphology“) und von Mauss und Henri Hubert („A General Theory of Magic“) entfaltet werden. Hier entwickelt das Projekt komparative Untersuchungen sozialer konstruierter Kategorien, wie z. B. Zeit, Mana und Nummern. Die dritte Phase (1907–1914) ist geprägt durch das Erscheinen von Durkheims „Elementare Formen“, das Projekt nehme hier eine zunehmend systematische Wendung, die methodologisch durch Sozialkonstruktivismus und Relativismus geprägt ist (S. 10). Die vierte Phase des Projekts (1918–1939) setzen die Herausgeber nach Durkheims Tod an, federführend ist nun vor allem Mauss. Hier wird ein verstärktes Engagement mit Psychologie, Linguistik und Geschichte sichtbar, spätestens in dieser Phase treten auch verstärkt Maurice Halbwachs und Robert Hertz als Akteure innerhalb des Projekts in Erscheinung.

Der Sammelband ist in drei Abschnitte gegliedert, die alle dem Bemühen um historische Einordnung und Kontextualisierung verpflichtet sind: „Silenced Influences and Hidden Texts“, „Lateral Links and Ambivalent Antagonists“ sowie „Forgotten Allies and Secret Students“. Die Stärke des Bandes liegt darin, die Kollaborationen und Netzwerke hinter dem Projekt deutlich zu machen und z. T. vergessene Autoren wieder in Erinnerung zu bringen. So z. B. den Sozialanthropologen und Religionswissen­schaftler Max Müller, oder aber den frühen polnischen Soziologen Stefan Czarnowski. Czarnowski wird von Zillinger als origineller Autor zwischen Kultursoziologie und Kunstgeschichte dargestellt, der als Schüler von Henri Hubert eine rationale Theorie des Heiligen und deren räumlicher Darstellung entwirft. Die Bedeutung des Raums als sozialer Kategorie wird auch in der Auseinandersetzung mit dem heute deutlich bekannteren Maurice Halbwachs ersichtlich, der sich „spatial-collective representations“ widmet, die im Sinne von Marcel aber eher als Erweiterung der Durkheimschen Perspektive begriffen werden sollen (S. 283). Der Durkheim-Schüler Robert Hertz und dessen Werk über die Vorherrschaft der rechten Hand wird von van Loyen in den Blick genommen. Auch von Hertz wird zur Erklärung der organischen Asymmetrie zwischen der linken und der rechten Hand ein Bezug auf gesellschaftliche und soziale Strukturen aufgemacht. Ausgehend von hegemonialer Macht in der Gesellschaft sei es möglich, symbolische Zuschreibung aufgrund von Deutungshoheiten und Wertsetzungen zu erklären. So würde bisweilen Männliches der rechten, Weibliches der linken Hand zugeordnet (S. 263).

Dem von der Durkheim-Schule verfolgten Projekt geht es im Kern darum darzustellen, wie verschiedene Gesellschaften Kategorien herausbilden. Eine Antwort, die auf diese Frage gegeben wurde, lautet: mittels kollektiver Efferveszenz. Der Mitherausgeber Schmidt erklärt in seinem Aufsatz, dass solche – gelegentlich in Form von sozialen Tumulten, Aggressionen oder Krisen auftretende – Muster (S. 118.) neue Kategorien hervorbringen. Intersubjektive Erfahrungen, bzw. Interpretationen, gewonnen aus sozialen Experimenten und religiösen Ritualen, sind so gewendet ein Ursprung der Kategorisierung (S. 220). Mit Mustern wird aber z. B. auch auf gesellschaftliche Rhythmen verwiesen, die einen Zusammenhang mit Ritualen besitzen. Die Fragilität von Efferveszenzen, die Schwierigkeit, sie zu stabilisieren, zwingt allerdings zur regelmäßigen Erneuerung bzw. Wiederholung. Aus einer so gearteten Perspektive wird das Kategorienprojekt wieder mit der Religionssoziologie verbunden.

Das alles ist spannend und zeigt im Fortgang der Lektüre die Kraft des Kategorien-Projekts und dessen theoretische wie empirische Anschlussfähigkeit. Deutlich wird auch, dass sich das Projekt gegen die Vorherrschaft der Philosophie und gegen das westlich-christliche Denken richtet. Zumindest der letzte Punkt ist heute genauso wichtig wie zur Zeit des Projekts. Zum einen aufgrund der zunehmenden postkolonialen Kritik an den Sozialwissenschaften, zum anderen aufgrund der nahezu komplett vollzogenen akademischen Trennung von Soziologie und Ethnologie, bzw. von Soziologie und Sozial- und Kulturanthropologie.

Die Schwächen des Werkes sind mitunter sammelbandspezifisch. So wird nicht nur der „total social fact“ (u. a. S. 86, S. 131, S. 160) gleich in mehreren Artikeln thematisiert, sondern sehen sich auch viele Autoren:innen gezwungen, das Grundmuster des Kategorienprojekts darzustellen, was die Lektüre ermüdend gestaltet. Hier wäre eine herausgeberische Strenge nötig gewesen, die allein durch das knappe Vorwort nicht gewährleistet ist. Wie immer bei Sammelbänden bleibt die Wahl, welche Artikel näher ins Auge gefasst werden sollen, dem Leser überlassen. In der Gesamtschau fällt hingegen auf, dass die Spurensuche zuweilen etwas aus der Bahn gerät und sich in Spekulationen verfängt. So versucht z. B. Sembel, ausgehend von Archiven, Nachlässen und anderen Quellen, wie z. B. erst nach dem Tod der Autoren veröffentlichter kleiner Texte, die Lektüre von Mauss und Durkheim zu rekonstruieren, um so unbewusste oder bisher unbekannte Einflüsse zu finden. Seine Suche nach einer „material order of knowledge“ (S. 52) bleibt hingegen merklich vage und liefert kaum greifbare Ergebnisse. Läuft die Idee der „hidden works“ (S. 46) darauf hinaus, alles zu lesen, was auch Durkheim und Mauss in den Händen hielten, so ist das zwar aus hermeneutischer Perspektive interessant und sagt womöglich etwas über das Interesse der Autoren aus – allerdings bleiben die näheren Intentionen und die Einschätzungen aufgrund der Lektüre, die Frage nach dem „Warum“ etwas gelesen wurde, verborgen.

Was im Werk leider weitgehend fehlt ist eine Perspektive, die sich mit den methodologischen Grundlagen des Kategorien-Projekts kritisch auseinandersetzt und nach Begrenzungen und fehlenden Perspektiven (wie z. B. dem Akteur) fragt. Solche Fragen sind selbstverständlich über den Untersuchungszeitraum hinaus nötig und zielen auf Anschlüsse für gegenwärtige Forschungen, auf das Verhältnis zu oben bereits erwähnten neuen Formen der Klassifikation, oder aber auf eine Wissenssoziologie bzw. einer Soziologie des Denkens. Bereits von Needham (1963) wurden Durkheim und Mauss in einzelnen Aspekten ihrer ethnologischen Studien, vor allem aber auch in ihrer Methodologie kritisiert. Needham erkennt a „lack of logical character in the argument“ (S. xiii), was vor allem die Entwicklung und den Wandel von Klassifikationen anbelangt, er spitzt einige Seiten später ein weiteres Problem zu:

It is perhaps their most serious methodological failing that Dukheim and Mauss do not subject their thesis to test by concoimitant variation. That is, they do not expressly look for societies with identical organization but similar classifications, or societies with different organizations but similar classifications. Not only this, but when their own evidence presents them with such cases they do not recognize what consequences these must have for their arguments. (1963, S. xvi)

Wie tragfähig bzw. empirisch belastbar ist also die These des sozialen Ursprungs von Klassifikationen?

Logische Schnellschüsse und methodologische Unklarheiten halten Needham nicht davon ab, das Werk als bedeutend anzuerkennen.

It might be asked whether there is really a point in republishing, with all the care demanded by translation and editing, a work which is so seriously defective in so many respects (...) the intellectual value of an argument does not depend soley on its validity. (1963, S. xxix)

Der Sammelband zeigt die Verbreitung und Variabilität des Klassifikationsprojekts innerhalb der Durkheim-Schule. Dies gilt nicht nur für den Untersuchungszeitraum und die im Sammelband verhandelten Autoren, sondern auch für spätere Durkheimianer wie z. B. Mary Douglas, die im besprochenen Band keine Erwähnung findet. Ihr Werk „Purity and Danger“ (1966) steht allerdings eindeutig in der Tradition der Durkheim-Schule und des Klassifikationsprojekts.

Soziologie und Ethnologie

Auffallend ist ferner, dass zwar einige Soziolog:innen als Autor:innen im Sammelband auftreten, gleichzeitig aber der soziologische Zugriff auf das Kategorien-Projekt merklich blass bleibt. Tatsächlich werden soziologisch einschlägige Untersuchungen zum Klassifikationsprojekt, die zugegebenermaßen alle schon eine Zeitlang zurückliegen, nicht berücksichtigt. Zu denken ist hier z. B. an Barry Schwartz‘ „Vertical Classification. A Study in Structuralism and the Sociology of Knowledge“ (1981), David Bloors „Durkheim and Mauss Revisited. Classfication and the Sociology of Knowledge“ (1982), Lewis A. Cosers „Classification Revisited“ (1988), Hans Joas‘ „Durkheim und der Pragmatismus. Bewußtseinspsychologie und die soziale Konstruktion der Kategorien“ (1993), aber auch an René Königs „Schriften zur Kultur- und Sozialanthropologie“ (2020). Diese Tatsache kann einem an der Geschichte der Anthropologie orientierten Buch nicht zum Vorwurf gemacht werden, allerdings stehen Mauss und Durkheim und ihr Werk explizit zwischen Soziologie und Ethnologie. So betonte König z. B., dass „die enge Verbindung von Soziologie und Ethnologie [...] im Aufbau der soziologischen Theorie eine höchst bedeutsame Rolle“ (2020, S. 71) spielt. So die Vergleichbarkeit gesichert ist, kann die Besonderheit eines jeweiligen Phänomens gerade durch einen komparativen Blick deutlich werden. Heute ist zu vermuten, dass die Verbindung von Soziologie und Ethnologie seit Königs Wirken – er trat seine erste Professur 1949 in Köln an – merklich losere Züge besitzt und allein noch auf einzelne Personen zurückzuführen ist.

Was bleibt also nach der Lektüre des Sammelbands? Ich sehe neben zahlreichen Anregungen und Wiederentdeckungen vergessener Autoren:innen vor allem den Auftrag, die Geschichte des Kategorienprojekts in systematischer Absicht fortzuschreiben. Dies sollte zum einen vom Bemühen getragen sein, Anschlussfähigkeit an die klassische und aktuelle soziologische Theorie zu sichern. Zum anderen ist eine methodologisch-kritische Reflexion des Ansatzes unabdingbar, in der die Reich- und Tragweite der These von der gesellschaftlichen Bedingtheit der Klassifikationen untersucht werden. Davon betroffen ist die Frage, wie mit der von Durkheim und Mauss aufgestellten These umzugehen ist, dass es eine Verknüpfung von primitiven Klassifikationen und wissenschaftlichen, also modernen Formen der Klassifikationen gibt. Oder anders gewendet: Wenn der Ursprung gesellschaftlicher Klassifikationen in der Religion zu suchen ist, wie ist es dann möglich, solche außeralltäglichen Klassifikationen in die Lebenswelt des Alltags zu übertragen? Mitunter ist es hierzu hilfreich, die Geschichte des Klassifikationsprojektes über den Untersuchungszeitraum hinaus fortzuschreiben und zu diesem Zweck durkheimianische Forschung in Ethnologie und Soziologie einzubeziehen.

Literatur

Bloor, D. (1982). Durkheim and Mauss Revisited. Classification and the Sociology of Knowledge. Studies in the History of Philosophy, 13(4), 267–297.10.1016/0039-3681(82)90012-7Search in Google Scholar

Coser, L. A. (1988). Primitive Classification Revisited. Sociological Theory, 6(1), 85–90.10.2307/201915Search in Google Scholar

Douglas, M. (1966). Purity and Danger. An Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo. Routledge.Search in Google Scholar

Durkheim, E. (1993). Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. Suhrkamp.Search in Google Scholar

Durkheim, E., & Mauss, M. (1903). De quelques formes primitives de classification. Anée Sociologique, VI, 1–72.Search in Google Scholar

Durkheim, E., & Mauss, M. (1963). Primitive Classification. University of Chicago Press.Search in Google Scholar

Durkheim, E., & Mauss, M. (1993). Über einige primitive Formen von Klassifikation. Ein Beitrag zur Erforschung der kollektiven Vorstellungen. In H. Joas (Hrsg.), Emile Durkheim. Schriften zur Soziologie der Erkenntnis (S. 257–289). Suhrkamp.Search in Google Scholar

Fourcade, M. (2022). Zählen, benennen, ordnen. Eine Soziologie des Unterscheidens. Hamburger Edition.Search in Google Scholar

Joas, H. (1993). Durkheim und der Pragmatismus. Bewußtseinspsychologie und die soziale Konstruktion der Kategorien. In H. Joas (Hrsg.), Emile Durkheim. Schriften zur Soziologie der Erkenntnis. S. 257–289. Suhrkamp. Search in Google Scholar

König, R. (2020). Schriften zur Kultur- und Sozialanthropologie. Springer VS.10.1007/978-3-658-28261-5Search in Google Scholar

Krüger, A. K. (2022). Soziologie des Wertens und Bewertens. UTB, Transcript.10.36198/9783838557229Search in Google Scholar

Mauss, M., & Beuchat, H. (2004). Seasonal Variation of the Eskimo. A Study in Social Morphology. Routledge.Search in Google Scholar

Mauss, M., & Hubert, H. (2001). A General Theory of Magic. Routledge.Search in Google Scholar

Needham, R. (1963). Introduction. In E. Durkheim & M. Mauss, Primitive Classification. S. vii–xlviii. University of Chicago Press.Search in Google Scholar

Ringel, L., & Werron, T. (Hrsg.). (2019). Rankings – Soziologische Fallstudien. Springer VS.10.1007/978-3-658-26366-9Search in Google Scholar

Schwartz, B. (1981). Vertical Classification. A Study in Structuralism and the Sociology of Knowledge. University of Chicago Press.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2025-03-10
Erschienen im Druck: 2025-03-05

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Articles in the same Issue

  1. Frontmatter
  2. Frontmatter
  3. Editorial
  4. Symposium
  5. Zur Geschichte gesellschaftlicher Klassifikationen
  6. Durkheims Kategorienprojekt und die Kollektivierung der Klassiker
  7. Die Kategorien des Denkens als Gegenstand des Kulturvergleichs
  8. Essay
  9. Was Sie schon immer über Solidarität wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten
  10. Themenessay
  11. Kunst des Perspektivwechsels. Öffentliche Wissenschaften zwischen gönnerhafter Vernunftanwendung und empathischem Wissenstransfer
  12. Doppelbesprechung
  13. Protest simulieren, Affekte ausleben: Zwei aktuelle Polizeiethnographien
  14. Zum Verhältnis von Soziologie und Krise – Zur Standortbestimmung in herausfordernden Zeiten
  15. Einzelbesprechung Geschichte der Sozialphilosophie und Soziologie
  16. Peter Fischer, Kosmos und Gesellschaft: Wissenssoziologische Untersuchungen zur Frühen Moderne. Weilerswist: Velbrück 2023, 323 S., br., 49,90 €
  17. Einzelbesprechung Kapitalismus
  18. Sarah Lenz / Martina Hasenfratz (Hrsg.), Capitalism unbound: Ökonomie, Ökologie, Kultur. Mit Illustrationen von Maren Flößer. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2021, 342 S., gb., 54,00 €
  19. Einzelbesprechung Normative Entscheidungstheorie
  20. Uwe Schimank, Entscheiden: Ein soziologisches Brevier. Wiesbaden: Springer VS 2022, 176 S., eBook, 22,99 €
  21. Einzelbesprechung Organisationssoziologie
  22. André Armbruster / Christina Besio (Hrsg.), Organisierte Moral: Zur Ambivalenz von Gut und Böse in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS 2021, 473 S., eBook, 69,99 €
  23. Einzelbesprechung Sozialstrukturanalyse
  24. Christoph Weischer, Stabile UnGleichheiten: Eine praxeologische Sozialstrukturanalyse. Wiesbaden: Springer VS 2022, 786 S., eBook, 44,99 €
  25. Einzelbesprechung Soziologie des Wertens und Bewertens
  26. Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €
  27. Einzelbesprechung Visuelle Soziologie
  28. Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €
  29. Rezensentinnen und Rezensenten des 1. Heftes 2025
  30. Eingegangene Bücher (Ausführliche Besprechung vorbehalten)
Downloaded on 12.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/srsr-2024-2090/html
Scroll to top button