Home Social Sciences Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €
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Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €

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Published/Copyright: December 5, 2024
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Sebastian W. Hoggenmüller, Globalität sehen: Zur visuellen Konstruktion von »Welt«. Frankfurt/New York: Campus 2022, 236 S., br., 39,95 €


Was haben eine Fotografie der Erde aus dem Weltraum von 1972, eine Grafik zu Schadstoffemissionen aus dem Wochenmagazin Spiegel von 1992 und Covergestaltungen des World Development Reports der Weltbank aus den Jahren 1978 bis 2022 gemeinsam? Um es vorwegzunehmen: Sie zeigen uns, wie sich seit den 1970er-Jahren buchstäblich eine neue Sicht auf die Welt als eine Einheit, die nationalstaatliche, kulturelle, geographische und lokale Grenzen überschreitet, mithin ein bild-symbolischer Vorstellungsraum von Globalität als visuelles Ereignis entwickelt hat. Wie das geschieht, ist im Buch von Sebastian Hoggenmüller nachzulesen. Darüber hinaus zeigt er uns, wie das anhand einer eigens entwickelten innovativen bildhermeneutischen Methode erschlossen werden kann.

Bereits in der Einleitung wird das anspruchsvolle Programm, einen inhaltlichen Beitrag zur Weltgesellschaftsforschung zu leisten und zugleich eine über den konkreten Untersuchungsgegenstand hinausweisende Methode der Bildanalyse zu entwickeln, entfaltet, und zwar anhand einer als paradigmatisch verstandenen Fotografie der Erde, die im Zuge der NASA Apollo 17-Mondmission 1972 aufgenommen wurde und als Blue Marble ikonisch geworden ist. Dem Autor geht es dabei um dreierlei: Zum einen will er aus bildtheoretischer Perspektive zeigen, in welcher Weise Bilder als ein Medium mit spezifischen Eigenschaften und Wirkungen verstanden werden müssen und dadurch in seinem Untersuchungsfeld eine eigene Dimension der Welt-Beobachtung eröffnen, die bisher kaum in den Blick geraten ist. Zum zweiten will er anhand konkreter Analysen zeigen, wie sich seine Methode der Ästhetischen Re|Konstruktion im Forschungsprozess konturiert hat. Zum dritten will er schließlich zeigen, wie sich Vorstellungen von Globalität im Modus des Bildlichen als visual worlding seit Beginn der 1970er-Jahre bis zum Erscheinen des Buches entwickelt haben. In der Einleitung werden, neben den zentralen Fragestellungen und Forschungsperspektiven, auch die drei Fallanalysen, die die Studie tragen, vorgestellt. Man gewinnt bereits hier einen guten Einblick, wie sich die Untersuchung als zirkulärer Prozess, einem theoretischen Sampling im Sinne der Grounded Theory folgend, im Laufe der Analyse entwickelt hat. Schließlich bietet die Einleitung eine wichtige Orientierung für den Aufbau des Buches, der auch zwischen den Kapiteln immer wieder mit instruktiven Ein- und Überleitungen transparent gehalten wird.

In den drei Hauptkapiteln, die als ANALYSE I, II und III betitelt sind, wird sowohl die methodische als auch die inhaltlich-konzeptionelle Gedankenführung entfaltet. Die erste Analyse (S. 31–88) fokussiert auf die Methodenentwicklung, indem zunächst die extensive Interpretation der Blue Marble schrittweise vorgeführt wird. Inhaltlich kommt der Autor zu folgendem Ergebnis: Die paradigmatische Bedeutung dieser Ikone bestehe darin, dass sie – so wie auch die Weltgesellschaftsforschung zu dieser Zeit – den Beobachtungsstandort der Erde auf ein ‚Außen‘ verschiebt und zugleich – paradoxerweise – durch die spezifischen bildlichen Modulationen der Originalfotografie technisch und kulturell an die Erde gebunden bleibt.

Anschließend führt er dann auch die methodologisch-methodischen Grundlagen, die für die Entwicklung der Ästhetischen Re|Konstruktion herangezogen wurden, ein. SebastianHoggenmüller zeigt, in welcher Weise er auf bereits existierende Ansätze aufbaut, wie etwa die Visuelle Segmentanalyse (Breckner), die Dokumentarische Methode (Bohnsack), die Konstellationsanalyse (Raab) und die Figurative Hermeneutik (Müller), die wiederum in kunst- und bildwissenschaftlichen Konzepten (v. a. Boehm und Imdahl) sowie in Grundlagen der interpretativen Soziologie (Soeffner, Oevermann) fundiert sind. Dabei hebt er die gestalterischen Operationen, die seitens der Forschenden als Mittel der Analyse von Bildern eingesetzt werden (wie etwa das Einzeichnen von Wahrnehmungsprozessen, von bildstrukturierenden Feldlinien, von Montageexperimenten mit Bildelementen und Vergleichsbildern) hervor. Denn diese sind auch für seinen Ansatz grundlegend, den er jedoch – angeregt durch künstlerische Methoden und Prozesse – um eine weitere genuine gestalterische Operation ergänzt, nämlich um das buchstäbliche Nachzeichnen verschiedener Ebenen und Schichten eines Bildes, sei es am Computer oder per Hand. Ziel dabei ist es, unmittelbare Vergleichsbilder als analytisches Werkzeug zu erzeugen. Damit gelingt es, so Hoggenmüller, die ästhetische Dimension von Bildern, die für ihre Sinnbildung zentral ist, buchstäblich zu re-konstruieren und damit die Erkenntnisfähigkeit des Körpers in Form der das Bild nachzeichnenden Hand mit einzubeziehen.

In der Analyse II (S. 89–157) wird das Konzept des visual worlding anhand der eingangs erwähnten, im Spiegel 1992 unter dem Titel „Die großen Verschmutzer“ veröffentlichten Grafik zu weltweiten Schadstoffemissionen, entwickelt. Hier handelt es sich nicht um ein reines Bild, wie im Fall der Blue Marble, sondern um ein zahlenbasiertes figuratives Diagramm, in dem auch die sprachlichen Anteile eine wesentliche Rolle spielen. Mit der schrittweisen Rekonstruktion der bildlichen Anordnung der graphischen, sprachlichen und Zahlen-Elemente sowie der kulturell idealtypisierten figürlichen Personendarstellungen und ihren jeweiligen Bedeutungsgehalten gelingen auch im mittelbaren Vergleich der dafür herangezogenen Bilder vor allem kontraintuitive Erkenntnisse. Denn die offensichtlichen und in den Vordergrund gerückten nationalen und internationalen Differenzsetzungen in Bezug auf die „größten Verschmutzer“ werden durch einen globalen Zusammenhang, der bildsymbolisch als Horizont der allseitigen Betroffenheit von Verschmutzung konstruiert wird, zugleich überstiegen. Davon ausgehend wird in Vergleichsanalysen weiterer diagrammatischer Darstellungen von Schadstoffemissionen im Spiegel gezeigt, dass im Zeitverlauf eine Verschiebung der „Beobachtungsordnung einer nationalen Rangfolge“ und „internationalen Polarität“ hin zu einem zunehmend explizit gemachten globalen Zusammenhang stattgefunden hat. Darauf stützt Sebastian Hoggenmüller schließlich seine zentrale These, dass es sich beim visual worlding um einen historischen Prozess der sukzessiven Entwicklung einer globalen Beobachtungsordnung handelt, der sich vor allem auch auf bildsymbolischer Ebene vollzieht.

Mit der Analyse III (S. 158–193) wird wiederum ein anderer Analyseweg eingeschlagen, indem nicht mehr von einem Einzelbild, sondern von einer Zusammenstellung von 44 Bildern – den Covergestaltungen des jährlich erscheinenden World Development Reports der Weltbank im Zeitraum von 1978 bis 2022 – ausgegangen wird. Auch hier wird die Rekonstruktionsarbeit schrittweise vorgeführt, die Veränderung zentraler Gestaltungsprinzipien aufgezeigt und damit die These vom visual worlding erweitert. Denn bei den Coverbildern des World Development Reports ist zu erkennen, so Hoggenmüller, wie sukzessive eine weitere Ebene der Weltbeobachtung geschaffen wurde, nämlich die Suche danach, wie die Welt kartografisch nicht nur als Beobachtungsgegenstand, sondern auch als Ort der Beobachtung dargestellt werden kann. Methodisch wird hier die Zusammenstellung der Coverbilder als ein in sich strukturierter sinnhafter Zusammenhang verstanden, so wie das Michael Müller mit seinem Konzept der Bildclusteranalyse methodologisch bereits eingeführt hat. Sebastian Hoggenmüller folgt in diesem Cluster sowohl der zeitlichen Sequenzialität, in der die Reports mit ihrer jeweiligen Covergestaltung erschienen sind, als auch der kartografischen Gestaltung der Welt als ihrem zentralen Element. Mit deren zeichnerischen Rekonstruktionen werden auch komplexe symbolische wie technische Aspekte kartografischer Darstellungsmöglichkeiten der runden Erde auf einer flachen Bildfläche und deren Veränderungen auf den Coverbildern thematisch.

Die bisherige Lektüre hat mich als Leserin durch die Vielfalt an auch ausgesprochen subtil ansetzenden Interpretationsmöglichkeiten und zugleich deren systematische Entfaltung durch zeichnerisch selbst geschaffene Bildmodulationen sowie durch zahlreich herangezogene mittelbare Kontrastbilder als jeweilige Vergleichsfolien sehr beeindruckt. Zugleich sind einige lose Enden entstanden, wie etwa der angedeutete, aber nicht weiter verfolgte Unterschied zwischen einem stärker körperbezogenen Zeichnen mit der Hand und einem stärker computergestützten Zeichnen mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen. Auch hätte ich mir mehr Hinweise zu den konkreten Suchstrategien für die mittelbaren Kontrastbilder gewünscht. Damit wäre unter Umständen das tatsächlich bearbeitete empirische Untersuchungsfeld noch deutlicher hervorgetreten. Schließlich blieb die empirische Reichweite des sehr überzeugenden theoretischen Konzeptes zum visual worlding etwas offen. Diese Frage wird im Ausblick des Abschlusskapitels schließlich aufgegriffen, indem Ideen entwickelt werden, wie sie mittels Analysen sehr großer Bildmengen beantwortbar gemacht werden könnte. Davon abgesehen können Leser:innen, in Abwandlung eines Spruches von Heinrich von Kleist „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, im Buch von Sebastian Hoggenmüller buchstäblich zuschauen, wie sich nicht nur einzelne Gedanken, sondern auch die inhaltlichen wie methodologisch-methodischen Konzepte in bild-hermeneutischen Analyseprozessen verfertigen. In dieser Hinsicht ist die gesamte Studie nahezu lehrbuchartig auch als ein rekonstruktiv-hermeneutischer Forschungsprozess zu lesen, der die enge Verzahnung akribischer empirischer Rekonstruktion und methodologisch-methodischer sowie theoretischer Konzeptbildung vorführt.

Die Studie ist durch ihre verschiedenen Zielsetzungen aber auch komplex angelegt und ohne Kenntnisse der Forschungsfelder, in die sie eingebettet ist, voraussetzungsreich. Dies betrifft sowohl die Weltgesellschaftsforschung als auch die methodologisch-methodischen Grundlagen. Denn die systemtheoretisch orientierten Argumentationslinien zur Entwicklung einer Weltgesellschaft, auf die sich die Studie bezieht, werden lediglich als ein argumentativer Referenzraum eingeführt, aber nicht mehr eigens ausgeführt, so dass sie für Leser:innen, die mit diesem Feld nicht vertraut sind, unter Umständen schwer nachvollziehbar sind. Angesichts der Platzierung des Buches in der Campus-Reihe „Studien zur Weltgesellschaft“ ist das möglicherweise auch nicht notwendig – für eine breitere Leserschaft aber eben voraussetzungsreich. Auch die kompakt, aber knapp eingeführten methodologisch-methodischen Bezüge der ÄsthetischenRe|Konstruktion werden in den materialen Analysen nicht mehr explizit gemacht und sind möglicherweise nur für kundige Leser:innen noch zu erkennen. Dadurch tritt die synthetisierende Leistung des innovativen eigenen Ansatzes als eine Weiterentwicklung des methodischen Repertoires der Visuellen Soziologie nicht in der Deutlichkeit hervor, die sie verdienen würde.

Insgesamt zeigt aber das Buch, dass die dynamische Phase der rezenten Visuellen Soziologie, so wie sie sich seit den späten 1990er-Jahren auch im deutschsprachigen Raum entwickelt hat, trotz einer inzwischen langsameren Gangart, keineswegs zum Stillstand gekommen ist. Vielmehr verweist sie auf aussichtsreiches Potential, gerade wenn ihre theoretischen wie methodologisch-methodischen Werkzeuge in verschiedenen Forschungsfeldern zum Zuge kommen.

Online erschienen: 2024-12-05
Erschienen im Druck: 2025-03-05

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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  30. Eingegangene Bücher (Ausführliche Besprechung vorbehalten)
Downloaded on 12.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/srsr-2024-2081/html
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