Landesbibliographien und historische Fachbibliographien – Fortsetzung des Gedankenaustauschs bei der Tagung der AG Regionalbibliographie in Karlsruhe
Von der letztjährigen Tagung der AG Regionalbibliographie in München war folgendes festgehalten worden: „Alarmierend ist seit einiger Zeit die Lage der geschichtswissenschaftlichen Fachbibliographie in Deutschland. Nachdem die bislang von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betriebenen Jahresberichte für deutsche Geschichte und die von der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen herausgegebene Historische Bibliographie eingestellt wurden – beide aufgrund fehlender finanzieller Weiterförderung – hat sich die bibliographische Situation der Geschichtswissenschaft in Deutschland massiv verschlechtert. Vor dem Hintergrund der Überführung der einstigen Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste gemäß den Vorstellungen der DFG versucht die für das Fachgebiet Geschichte zuständige BSB nun eine Art Rettungsaktion. Da für den geplanten Aufbau einer Deutschen Historischen Bibliographie nur geringe personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, kann das neue Instrument keine Bibliographie herkömmlicher Art sein; es setzt eher im Sinne von Linked Open Data auf die Vernetzung von Ressourcen und auf automatisierte Verfahren. […] Da die deutschen Landesbibliographien regionale geschichtswissenschaftliche Literatur erschließen, kommen sie grundsätzlich als potentieller Partner der projektierten Datendrehscheibe in Betracht.“ (Bibliotheksdienst 2017, Heft 9, S. 779)
Neues über den Entwicklungsstand der geplanten Deutschen Historischen Bibliographie (DHB) konnte nun in Karlsruhe Katrin Getschmann berichten, die als Mitarbeiterin des FID Geschichte seit September 2016 für den Aufbau der DHB zuständig ist. In dieses Instrument fließen die Nachweise der Jahresberichte für deutsche Geschichte (750.000 Datensätze) und – nach noch ausstehender abschließender Rechteklärung – die Nachweise aus der Historischen Bibliographie (300.000 Datensätze) ein. Auf dieser Grundlage entsteht eine allgemeine historische Bibliographie, die wissenschaftliche Publikationen zur deutschen Geschichte ab dem 6. Jahrhundert und deutsche geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen ohne Bezug zur deutschen Geschichte und ohne zeitliche Einschränkung nachweisen wird. Erschlossen werden die Titel durch eine grobe Fachsystematik nach Zeit, Ort und Sache. Zusätzlich sollen bibliographische Daten aus anderen Projekten und Quellen (Deutsches Museum, Institut für Zeitgeschichte, Regionalbibliographien und benachbarte Fachinformationsdienste) gewonnen und bibliographische Metadaten von Verlagen integriert werden. Über eine Zotero-Schnittstelle soll es eine Selbstmeldeoption für die Forschung geben. Hinsichtlich der vorgesehenen (teil-)automatischen Sacherschließung arbeitet das Projekt mit einem Softwarepartner, der Firma Avantgarde Labs GmbH in Dresden, zusammen.
Eine enge Kooperation bei der Auswertung regionaler geschichtswissenschaftlicher Fachzeitschriften wurde bereits mit der Bayerischen Bibliographie angebahnt. Aus Sicht der DHB wäre die Gewinnung weiterer Kooperationspartner aus dem Kreis der übrigen Landesbibliographien wünschenswert, sofern diese ihre Daten im Format MARCXML liefern können und ihre Sacherschließung unter Berücksichtigung der GND durchführen. Zunächst müssten freilich die inhaltlichen Schnittmengen ermittelt werden, eine aktuelle Aufgabe, die sich mit folgender Frage beschreiben lässt: Welche von den Landesbibliographien ausgewerteten Fachzeitschriften decken sich mit dem Profil der künftigen DHB?
Das Streben nach Zusammenarbeit betrifft im Übrigen ein weiteres neues Organ, das Rezensionsportal recensio.regio, das in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Landesgeschichte des Verbands der Historikerinnen und Historiker Deutschlands und dem Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine als „Ableger“ von recensio-net entsteht. Da die meisten Landesbibliographien geschichtswissenschaftliche Rezensionen verzeichnen, bietet sich auch an dieser Stelle die Option wechselseitiger Datennutzung geradezu an.
Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung der AG Regionalbibliographie in der Badischen Landesbibliothek am 23. und 24. Mai 2017 bildete der Überblick über die vielseitige bibliographische Arbeit des Herder-Institutsfür historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, die von Jürgen Warmbrunn dargestellt wurde. Nach mehrjähriger Unterbrechung wurde wieder über die Bibliographien für Ostmitteleuropa, darunter u. a. Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, Ungarn, die baltischen und die böhmischen Länder berichtet. Für sie erschienen bis in die Zeit nach dem Jahr 2000 gedruckte Bibliographien, die danach durch elektronische Nachweise in Form einer Allegro-basierten Literaturdatenbank ersetzt wurden. 2011 wurden sie in ein Bibliographieportal integriert, das 2016 dank tatkräftiger Unterstützung durch die Frankfurter Verbundzentrale mit rund 700.000 Nachweisen wissenschaftlich relevanter Literatur zur Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas seit dem Erscheinungsjahr 1994 in den HeBIS-Verbund migriert werden konnte.
Es ist nun, zunächst noch in einer bereits mehrsprachigen Betaversion, als eine lokale Ausprägung des auf VuFind basierenden Hessischen Discovery Systems (HDS) zugänglich und bietet gegenüber der früheren Version erhebliche Vorteile für den Nutzer. Die über die Homepage des Herder-Instituts zugängliche Literaturdatenbank des Bibliographieportals weist gegenwärtig über 730.000 Literaturstellen nach und bietet dem Nutzer eine sehr breite Palette an Sucheinstiegen an, wobei zusätzlich verschiedene Filter – beispielsweise für die Eingrenzung der Recherche auf einzelne Länder und Regionen oder auf bestimmte Sprachen – eingesetzt werden können. Für die Fachinformationsdienste Geschichtswissenschaft und Ost-, Ostmittel- und Südeuropa bietet sich das Bibliographieportal als ein wichtiger Partner an. Nachdem die inhaltliche Erschließung bereits auf GND-Schlagwörter umgestellt wurde, ist für das zweite Halbjahr 2017 zusätzlich auch die Erschließung nach der von der Bayerischen Staatsbibliothek für diese Fachinformationsdienste genutzten Version der DDC vorgesehen. Weitere bereits im Umsetzung befindliche Projekte sind die Nutzung von Verfahren der Kataloganreicherung auch für Zeitschriften, nach Vorbild des Index theologicus der UB Tübingen die Verwendung von Zotero für die Erschließung elektronischer Fachzeitschriften sowie die Erprobung von elektronischen Übersetzungsverfahren.
Hatte sich die Arbeitsgruppe im vergangenen Jahr nach längerer Zeit wieder einmal intensiv über Sinn und Zweck der Regionalbibliographie ausgetauscht, befasste sie sich dieses Jahr mit einem ihrer zentralen „Produkte“, der Virtuellen Deutschen Landesbibliographie (VDL). Die schrittweise ab 2001 nach dem Modell des KVK aufgebaute Metasuchmaschine, die die parallele Suchanfrage in allen deutschen Landesbibliographien erlaubt, ist nicht so sehr technisch, wohl aber optisch in die Jahre gekommen. Während sich der KVK selbst längst in einem zeitgemäßen Webdesign präsentiert, spiegelt die VDL das Layout von damals wider. Die AG Regionalbibliographie wünscht daher ein Redesign und hat konkrete Vorschläge zur Optimierung einzelner Funktionalitäten entwickelt. Vor allem aber verfolgt sie das Ziel, die VDL auf der obersten Ebene des KVK (in der Säule der deutschen, österreichischen und schweizerischen Kataloge) zu verankern, um die Präsenz und Sichtbarkeit der VDL als einer wichtigen länderübergreifenden Rechercheplattform zur Landesgeschichte und Landeskunde zu erhöhen.
Die traditionellen Fortschrittsberichte aus den Bundesländern brachten keine grundlegenden Neuerungen, zeigten aber einmal mehr das zwar unterschiedlich umfangreiche, gleichwohl überall bemerkenswerte quantitative Wachstum der landesbibliographischen Datenbanken, was auch ein Ergebnis der Retrokonversion und der Offline-Einspielung des Titelmaterials älterer regionaler Bibliographien ist.
Ludger Syré
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe
© 2017 by De Gruyter
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