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Von der Buchhandlung in die Bibliothek – eine sinnvolle Entscheidung?

  • Kathrin Pickard

    Kathrin Pickard

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Published/Copyright: October 23, 2017
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Zusammenfassung

Wie sinnvoll ist es, nach einem Lebensweg im Buchhandel in die Bibliothekswissenschaft zu wechseln? Was erwartet die Buchhändlerin im Studium und im Berufsleben? Mit welchen Überschneidungen darf sie rechnen, was ist neu und anders? Die Erfahrung lehrt, dass vieles ähnlich, vieles jedoch auch grundlegend verschieden ist. Aber gerade das macht den Wechsel zu einer spannenden Herausforderung.

Abstract

How much sense does it make to switch to library science after a life in the book trade? What will wait for the bookseller in the course of study and the working life? Which overlappings can she expect, and what will be new and different? Experience shows that many things are alike, many others, however, are fundamentally different. But that is just the reason that turns the move into an exciting challenge.

Nach beinahe zwanzig Jahren Berufserfahrung einen Job zu verlieren, den man mit Leidenschaft und Herzblut ausgeübt hat, ist keine einfache Sache. Zu entscheiden, was danach kommt, ist mindestens ebenso schwer. Dass der Buchhandel heute dem sogenannten Strukturwandel unterliegt, der sich in einem Wort auch mit Online-Buchhandlungen oder eben Amazon umreißen lässt, ist hinlänglich bekannt. Dass dies dazu geführt hat, dass sich eine Vielzahl von gestandenen wie frisch ausgebildeten Buchhändlern beruflich umorientieren muss, ist sicherlich ebenso wenig ein Geheimnis. So kann es passieren, dass man sich plötzlich in vorangeschrittenem Alter gezwungen sieht, sich, allein für sich oder auch mithilfe von Freunden und Familie, die Frage zu stellen – was nun? Idealerweise hat man bereits die eine oder andere Vorstellung davon, womit man zukünftig sein Geld verdienen möchte, oder aber man schwirrt erst einmal orientierungslos durch eine Welt von kostenlosen Berufstests im Internet und alternativ Titeln wie Der Job der zu mir passt. Manchmal allerdings kommt die Inspiration auch von Seiten einer ehemaligen Kollegin und, wie man vielleicht zuvor gar nicht wusste, ehemaligen Bibliothekarin, die ihren Beruf zwar geliebt hat, der ein Wiedereinstieg nach einer längeren Familienpause jedoch nicht recht hat gelingen wollen. Schwärmerei kann ansteckend wirken und so findet man sich kurzfristig und kurzentschlossen in einem Studiengang wieder, der sich Bibliothekswissenschaft nennt und dessen Verbleibstudie auf den Internetseiten der Fachhochschule – inzwischen Technische Hochschule – Köln relativ gute Berufsaussichten verspricht. Aufgrund der Kurzfristigkeit und Kurzentschlossenheit der Entscheidung weiß man zugegebenermaßen nicht viel über den Beruf oder das Studium, man ist jedoch frohen Mutes, dass es schon nicht völlig falsch sein kann, geht es doch immerhin um dasselbe Medium – das Buch. Dass sich schon dieser Gedanke sehr bald als nur bedingt richtig erweisen wird, ahnt man in diesem Moment allerdings noch nicht.

Doch was genau erwartet eine Buchhändlerin im Studiengang Bibliothekswissenschaften an der TH Köln? Dass es hier nur marginal um das Objekt der Begierde – das Buch – geht, sei vorabgestellt. Stattdessen wird man vorbereitet auf ein sich wandelndes Berufsumfeld und ausgebildet für einen Beruf, der sich tagtäglich weiterentwickelt und weiterentwickeln muss, um im Radius der modernen Informationsgesellschaft bestehen zu können. Statt Literatur, der sich im Verlauf des Studiums gerade einmal zwei bis drei Veranstaltungen widmen, verbringt man seine Zeit damit, sich mit HTML, SQL und XML zu befassen. Datenbanken müssen regelkonform befüllt und Informationen aus ihnen wieder abgerufen werden. Ferner gilt es, ein komplexes, politisch bestimmtes Bibliotheksnetz zu verstehen, dessen Ausprägungen, Institutionen, Träger und Rahmenbedingungen einem Studierenden durchaus schon einmal schlaflose Nächte bereiten können. Bibliotheksrecht spielt ebenso eine Rolle, wie Management, Marketing und Kennzahlenanalysen. Die Liste ließe sich ein gutes Stück weiter fortsetzen. Bibliothekspädagogik, Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz, Förderung von Lesekompetenz, Kunden- und Dienstleistungsorientierung, interkulturelle Kommunikation. Und auch Entwicklungen im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken darf man nicht vernachlässigen – sei es Open Access, Digitalisierung oder Langzeitarchivierung, Forschungsumgebungen, Informationsportale oder auch Social Media für Wissenschaftler. Nicht nur als Buchhändlerin merkt man schnell, dass man es hier schon lange nicht mehr mit dem zu tun hat, was hergebrachte und verstaubte Stereotype bis heute vermitteln. Wer sich diese noch einmal vor Augen führen möchte, dem sei der Film Der wunderbare Garten der Bella Brown empfohlen. Stattdessen wird dem Studienanfänger schnell bewusst, dass er sich für einen enorm vielseitigen, modernen und spannenden Beruf entschieden hat. So viel steht fest – im Berufsbild BibliothekarIn ist ganz sicher für jeden etwas dabei. Und tatsächlich – die Bibliothekswelt scheint noch kleiner, als die Buchhandelswelt es ist. Die Chancen, interessante, begeisterte und begeisternde Menschen kennenzulernen und wiederzutreffen, sei es bei einem der zahlreichen Lehrgänge oder Workshops, bei einer der Fachkonferenzen oder beim Praktikum in einer Bibliothek, sind groß. All das führt dazu, dass es im Verlauf des Studiums immer schwieriger wird, die stets wiederkehrende Frage von Freunden und Bekannten „Ach, du studierst Bibliothekswissenschaften? Und was machst du damit?“ in wenigen Worten zu beantworten. Doch trifft man denn nun auch auf Bekanntes? Lassen sich die in langer Berufspraxis erworbenen Erfahrungen und Fähigkeiten hinüberretten in den neuen Beruf? Gerade im Bereich der Öffentlichen Bibliotheken sind die Überschneidungen zwischen Buchhandel und Bibliothek nicht unerheblich. Der Kunde kommt, soll mit allen vorhandenen Mitteln zum Kommen bewegt werden, dem Kunden wird nach bestem Wissen und nach allen Regeln der Kunst geholfen, er nutzt möglichst viele der angebotenen Dienstleistungen, der Kunde geht, hoffentlich zufrieden. Und vor allem – der Kunde kommt wieder. Auch eine Bibliothek ist also eine erfolgsorientierte Institution, wenn auch nicht in monetärer Hinsicht. So weit, so bekannt und vertraut. Und trotzdem – die Maßnahmen und Möglichkeiten, den Kunden zum Kommen und zum Bleiben zu bewegen unterscheiden sich grundlegend von denen des Einzelhandels. Und so ist man, um es abschließend zu formulieren, in einem Beruf gelandet und angekommen, der es auf wunderbare Weise ermöglicht, auf Bekanntes zurückzugreifen und dies mit neuen Impulsen zu verknüpfen. Ideale Bedingungen für einen erfolgreichen Lernprozess übrigens, wie man im Studium wiederholt lernt. Vielleicht erscheint gerade deshalb der Lernstoff so interessant?

Ob nun die Entscheidung, den weiteren Berufsweg in einer Bibliothek fortführen zu wollen, tatsächlich eine sinnvolle war, wird sich in den kommenden Monaten erweisen. Dann werde ich mich (hoffentlich) mit dem Abschlusszeugnis in der Tasche auf Jobsuche begeben und es wird sich zeigen, wie es um die Chancen für die Generation 40+ in einem sich wandelnden Berufsumfeld bestellt ist. Dass es jedoch auf jeden Fall eine gute und richtige Entscheidung war, kann ich vorab schon sagen. Die Möglichkeit, nach langer Berufserfahrung noch einmal einen neuen Weg gehen und trotzdem auf vorhandene Qualifikationen aufbauen zu können, hat mich bereichert, mir einen Einblick in einen reizvollen und modernen Berufszweig eröffnet, in dem sich jedem einzelnen eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Mit- und Neugestaltung bieten. Nicht nur für Buchhändler, aber eben auch für diese, ist der Studiengang Bibliothekswissenschaft also in jedem Sinne wärmstens zu empfehlen.

About the author

Kathrin Pickard

Kathrin Pickard

Published Online: 2017-10-23
Published in Print: 2017-10-28

© 2017 by De Gruyter

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