Home Social Sciences Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €
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Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €

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Published/Copyright: December 5, 2024
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Reiner Keller / Martin Blessinger, Positionierungsmacht: Über Formierung und Regierung der Marktakteure. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2023, 162 S., br., 29,00 €


Fragen des Wertens und Bewertens waren bei zahlreichen (modernen) Klassikern von Simmel bis Bourdieu als Thema stets präsent. In den letzten Jahren hat ein deutlicher Anstieg der Veröffentlichungen mit Bezugnahme auf diese Thematik stattgefunden. Bewertungssoziologische Ansätze reagieren hierbei auf die Ubiquität des untersuchten Phänomens, die vom Ranking exklusiver Weine bis hin zur Bewertung von Reinigungskräften auf Plattformen reicht. Neu ist hierbei auch der vermehrt explizite Bezug auf eine ‚Soziologie des Wertens und Bewertens‘, sodass mitunter selbstbewusst bereits ein „eigenständiges Forschungsfeld“ (Krüger, 2022, S. 188) reklamiert wird.

Der vorliegende Diskussionsbeitrag von Reiner Keller und Martin Blessinger knüpft an diese Forschungskonjunktur an und zeichnet sich hierbei durch einen expliziten Anschluss an das Werk Foucaults aus. Hierdurch entsteht den Autoren zufolge „ein neuer und spezifischer Zugriff auf eine Vielzahl von aktuellen Phänomenen, die gegenwärtig im Zusammenhang einer Soziologie des Numerischen, des Bewertens oder des Evaluierens diskutiert werden“ (S. 9).

Grundlage des Theorieprogramms sind u. a. Beiträge des Erstautors, die bereits an anderen Stellen veröffentlicht wurden. Ein eleganter Streifzug durch soziale und kulturelle Phänomene der Gegenwartsgesellschaft von Germanys Next Top Model bis hin zur kennzifferngesteuerten Transformation der Universitäten dient Keller und Blessinger dazu, jene gesellschaftliche Konstellation zu exemplifizieren, die sie als „Ranking-Gesellschaft“ (S. 13, kursiv im Original) betiteln. Die Autoren nehmen diese – nicht ungeteilte – Zeitdiagnose zum Anlass, um im Anschluss an Foucault das Konzept der „Positionierungsmacht“ zu begründen. Das in der Gouvernementalitätsdebatte vielfach ausformulierte Konzept des ‚Unternehmerischen Selbst‘ stelle hierbei „nur ein Element unter anderen in den Dispositiven der Positionierungsmacht“ (S. 20) dar. Prägnant wird zudem im Hinblick auf eine an Foucault ansetzende Forschungslandschaft die Frage gerichtet: „Sind die Sozialwissenschaften dazu verurteilt, nur noch Variationen über die Grundmelodie der Bio-Macht zu verfassen?“ (S. 31). Die Antwort der Autoren auf diese Frage stellt eine Heuristik von Positionierungsmacht dar, die sich aus vier Merkmalen zusammensetzt. Paraphrasiert lauten diese: Eine hierarchisierende Wahrheitsproduktion, Interventionsstrategien zwecks einer Führung zur Selbstführung, Subjektivierungsweisen im Sinne einer allgemeinen Mobilmachung sowie schließlich die Existenz Dritter, die u. a. Nutznießer besagter Wahrheitsproduktionen sind, etwa im Sinne der Kontrolle von Ressourcenverteilungen.

Das erste empirische Anwendungsbeispiel des Buches thematisiert ein Berufsorientierungsprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit dem Titel Berufsorientierung in überbetrieblichen und vergleichbaren Bildungsstätten (2008). Ziel dieses Programms, dessen Kern eine sogenannte Potenzialanalyse darstellt, ist Keller und Blessinger zufolge die Produktion von Subjekten für einen Arbeitsmarkt, der als Ort dauerhafter Bewährungsproben angesehen wird. In Anknüpfung an das in der Diskursanalyse prominent vertretene Konzept der Wissenssoziologischen Diskursanalyse wird von den Autoren in einem ersten Schritt eine Analyse dieser Potenzialanalyse als „dispositives Arrangement“ (S. 53) unternommen. Dieser Analyseschritt unterteilt sich wiederum in eine Analyse des zugrundeliegenden Wissens sowie einer Analyse der programmatischen Ausgestaltung der Potenzialanalyse. Für beide Teilschritte stellt ein Dokumenten-Korpus die Grundlage dar, der sich aus grauer Literatur der Trägerschaft sowie evaluativer Begleitstudien zusammensetzt. Keller und Blessinger stellen mittels des zugrunde liegenden Wissensbestands eine doppelte Naturalisierung fest: So würden sowohl die arbeitsmarktbezogenen Herausforderungen als auch die Kompetenzen der Individuen als etwas Naturalisiertes erscheinen. Der Zweck der simulierten Prüfungssituationen, so die Autoren, dient der Stärkung lediglich vermeintlich bereits bestehender Kompetenzen. Die hierdurch produzierte, skalierend und vergleichend angelegte Rangordnung von Kompetenzen sei als eine Form der Wahrheitsproduktion anzusehen, die bestimmte Berufsoptionen als sinnvoll und möglich erscheinen ließe und andere nicht. Die darauf aufbauende Anleitung zur Selbstreflexion wird als Installierung von „Selbstführungspraktiken“ (S. 81) begriffen. Die dem zweiten Analyseschritt zugrunde liegende Frage nach der Positionierungsmacht als Bedingung und Effekt der Potenzialanalyse beantworten die Autoren mit einem abwägenden Urteil: Die Potenzialanalyse, so Keller und Blessinger, „scheint ein Phänomen der Positionierungsmacht zu sein“ (S. 89) und sei im vorliegenden Fall wirksam, auch wenn keine hierarchisierende Unterteilung in Gewinner und Verlierer auf einem kompetitiven Markt erfolge. Im Prozess der Formierung von Marktakteuren sei die Positionierungsmacht nämlich „quasi-positionierend“ (S. 84) wirkmächtig mittels der dargelegten, wertenden und hierarchisierenden „Untersuchung des Inneren des Subjekts resp. seiner Kompetenzen“ (S. 86).

Die zweite Fallstudie behandelt das Phänomen der Ratingagenturen in der Finanzindustrie. Ziel ist die Akzentuierung der „besondere[n] Dynamik“ (S. 92), die den Bewertungsprozessen innewohne und die sich auf die zu bewertenden Akteure entsprechend auswirke. Umgesetzt wird dieses Vorhaben im Gewand einer Literaturstudie, die vorhandene Forschungsbestände „machtanalytisch wendet“ (S. 92). Der erweiterte theoretische Anspruch der zweiten Fallstudie besteht überdies in der Zusammenführung der positionierungsmachtspezifischen Perspektive mit einer dieser Machtform entsprechenden Ausprägung von Gouvernementalität (S. 105). Das Ergebnis der Literaturstudie ist zunächst die konzise Rekonstruktion bekannter Topoi aus der Forschungsliteratur: Ratingagenturen als kriteriengeleitete Bewertungsinstanzen nehmen eine auf Konkurrenz und Vergleich hin orientierte Leistungsbewertung betroffener Marktakteure vor. Vorrangig im Rückgriff auf die Arbeiten von Herbert Kalthoff (2007; 2017) sprechen die Autoren von einer hierdurch stattfindenden Transformation der Akteure, wobei das „Produkt abstrakt jedoch bereits in den Bewertungskriterien angelegt ist“ (S. 123). Die hierdurch erzeugte Reaktivität bei den Marktakteuren sei jedoch nicht das eigentliche Ziel der hier wirkenden Regierungsform. Die durch das Rating stattfindende Bestimmung von Investitionsrisiken ziele vielmehr auf das (effiziente) Funktionieren des Finanzmarktes selbst ab.

Im abschließenden Teil des Buches sind die Autoren nochmals um eine zweifache Abgrenzung bemüht. Erstens sei die positionierungsmachtspezifische Gouvernementalität von der biomachtgeleiteten Gouvernementalität zu unterscheiden. Die zentrale Differenz sei darin zu sehen, dass nicht die Regierung des Menschen – oder der Seele wie bei der Pastoralmacht – im Zentrum stehe, sondern die Regierung (im Sinne von Produktion, Führung und Anpassung) des Marktakteurs sowie die Gewährleistung des Funktionierens eines Marktes als „Selbstzweck“ (S. 142). Zweitens sei der hierdurch produzierte Subjekttypus nicht auf ein ‚Unternehmerisches Subjekt‘ zu reduzieren, da beim allgegenwärtigen ‚Kampf um die Plätze‘ die unternehmerische Kompetenz nur eine „bereichsspezifisch realisierte Figur des Marktakteurs“ (S. 148, kursiv im Original) abbilde. An diese Unterscheidungen anknüpfend regen die Autoren zuletzt eine konzeptuelle Vertiefung der hier zur Diskussion gestellten Gouvernementalitätsform an, die etwa über den Vergleich mit anderen Ausformungen von Gouvernementalität erfolgen könne.

Kritische Würdigung

Die von den Autoren herangezogene Zeitdiagnose kann sich in guter Gesellschaft wissen, etwa im Hinblick auf Beiträge, die den Aufstieg „exzessive[r] Bewertungsgesellschaften“ (Vormbusch, 2019, S. 29) diagnostizieren. Die von den Autoren vorgenommene Anknüpfung an Foucaults Machtanalyse erbringt hierbei zwei wesentliche Leistungen für eine Soziologie des Wertens und Bewertens: Erstens wird mit dem Konzept der Positionierungsmacht grundsätzlich die Frage der Macht in Bewertungsprozessen ins Zentrum gerückt, während diese in anderen Studien zum Teil weniger präsent ist. Zweitens stellt der explizite Anschluss an das Machtkonzept Foucaults wie dessen vorgenommene Weiterentwicklung ein Rüstzeug zur Verfügung, mit dem soziale Phänomene im Hinblick auf ihren Entstehungshintergrund und ihre Wirkungsweise gesellschaftstheoretisch gedeutet und somit zeitdiagnostisch erschlossen werden können.

Kritisch soll zum Abschluss folgender Aspekt angemerkt werden: Die angeführten empirischen Fallbeispiele zeigen den Mehrwert positionierungsmachtspezifischer Untersuchungen zwar auf, schöpfen diesen jedoch nicht vollständig aus. Die Bearbeitung der empirischen Anwendungsfälle suggeriert bisweilen eine tendenziell unidirektionale Wirkung von Macht. Die „Brechungen, Kehrtwendungen, Drehungen, Richtungswechsel und Widerstände“ (Deleuze, 1992, S. 103) innerhalb von Machtverhältnissen stehen somit zumindest nicht explizit im Fokus. Freilich konzedieren die Autoren diese Leerstelle auch (S. 90). Die Potenz einer an Foucaults Machtanalytik ansetzenden Bewertungssoziologie könnte mit einer Fokussierung auf etwaige Widerstände gegen „Logiken der Ordinalisierung“ (Barnard & Fourcade, 2021, S. 122) künftig noch deutlicher entfaltet werden. Das Konzept der Positionierungsmacht kann hierbei ein anregender Ausgangspunkt sein.

Literatur

Barnard, A. V. & Fourcade, M. (2021). Das Unbehagen an der Ordinalisierung. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 73(S1), 113–135.10.1007/s11577-021-00743-1Search in Google Scholar

Deleuze, G. (1992). Foucault. Suhrkamp. Search in Google Scholar

Kalthoff, H. (2007). Ökonomisches Rechnen: Zur Konstitution bankwirtschaftlicher Objekte und Investitionen. In A. Mennicken & H. Vollmer (Hrsg.), Zahlenwerk: Kalkulation, Organisation und Gesellschaft (S. 143–164). Springer VS.10.1007/978-3-531-90449-8_8Search in Google Scholar

Kalthoff, H. (2017). Die Bewertung der Investition: Ein theorie-empirischer Blick auf das Kreditgeschäft. In R. Diaz-Bone & R. Hartz (Hrsg.), Dispositiv und Ökonomie: Diskurs- und dispositivanalytische Perspektiven auf Märkte und Organisationen (S. 179–202). Springer VS.10.1007/978-3-658-15842-2_7Search in Google Scholar

Krüger, A. K. (2022). Soziologie des Wertens und Bewertens. Transcript. 10.36198/9783838557229Search in Google Scholar

Vormbusch, U. (2019). Soziokalkulation: Zur Ausweitung des Bewertungshorizonts in der Gegenwartsgesellschaft. In S. Nicolae, M. Endreß, O. Berli & D. Bischur (Hrsg.), (Be)Werten. Beiträge zur sozialen Konstruktion von Wertigkeit (S. 23–44). Springer VS.10.1007/978-3-658-21763-1_2Search in Google Scholar

Online erschienen: 2024-12-05
Erschienen im Druck: 2025-03-05

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 12.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/srsr-2024-2072/html?lang=en
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