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Daseinsbezogene Informationskompetenz in ländlichen Räumen (DILRA)

Projektvorstellung und erste Ergebnisse
  • Laurine Messner

    Laurine Messner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DILRA-Forschungsprojektes und absolvierte den Masterstudiengang Human-Computer Interaction an der Universität Siegen, aufbauend auf den Bachelorstudiengang Internationales Informationsmanagement/ Informationswissenschaft an der Universität Hildesheim.

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    , Joachim Griesbaum

    Prof. Dr. Joachim Griesbaum ist Professor für Informationswissenschaft an der Universität Hildesheim und Projektleiter des DILRA-Forschungsprojekts. Forschungsschwerpunkte stellen die Bereiche Informationsverhalten, Online-Marketing und E-Learning dar.

    and Anika Stooß

    Anika Stooß ist studentische Hilfskraft im DILRA-Forschungsprojekt und maßgeblich mit der Konzeption und Durchführung der Webanalyse der Gemeindewebseiten beauftragt.

Published/Copyright: January 19, 2022

Zusammenfassung

Der Zugang zu Informationen ist heutzutage von besonderer Relevanz. Ländliche Räume sind durch die speziellen Infrastrukturgegebenheiten dabei mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Für die ideale Informationsversorgung der Bürgerinnen und Bürger sind individuelle Kompetenzen ebenso essenziell wie die Informationsversorgung seitens der Kommunen. Das Forschungsprojekt „Daseinsbezogene Informationskompetenz in ländlichen Räumen (DILRA)“ adressiert dieses Themenfeld. Es analysiert u. a. das daseinsbezogene Informationsverhalten im Landkreis Hildesheim sowie die kommunalen Informationsangebote. Hier werden das Projekt und erste Teilergebnisse vorgestellt. Dabei wird deutlich, Kernprobleme der Informationskompetenz und -versorgung im ländlichen Raum stellen die Bewertung von Informationen und Quellen sowie die begrenzten Umsetzungsmöglichkeiten kommunaler Digitalisierungsansätze dar.

Abstract

The access to information is nowadays more relevant than ever before. Rural areas are confronted with special challenges due to their infrastructural conditions. For the ideal information supply, individual competencies are as crucial as the information structure provided by the municipalities. The presented study analyzes the information behavior of the citizens of Hildesheim district as well as communal information structures. The results indicate main difficulties in evaluating information and information sources along with problems realising digital change on behalf of local municipalities.

Résumé

L’accès à l’information revêt une importance particulière aujourd’hui. Les zones rurales sont confrontées à des défis particuliers en raison de leur situation qui est spécifique pour ce qui relève des infrastructures. Pour que l’information soit fournie de manière idéale aux citoyens, les compétences individuelles sont aussi importantes que l’offre mise en place par les communes en matière d’information. L’étude présentée analyse le comportement d’information des citoyens du quartier d’Hildesheim ainsi que les offres d’information municipales. Il ressort que les problèmes principaux résident dans l’évaluation de l’information et des sources ainsi que dans les possibilités limitées de mise en œuvre des approches de numérisation des municipalités.

Einleitung

Gerade ländliche Regionen sehen sich in Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung spezifischen Herausforderungen ausgesetzt. Der sogenannte „Digitale Wandel“ durchdringt dabei alle Lebensbereiche und führt zu einem umfassenden Transformationsprozess, der zu tiefgreifenden Veränderungen in der Steuerungs- und Organisationslogik kommunaler Institutionen führt und damit die individuellen Lebenswirklichkeiten der Menschen neugestaltet. Gerade auf individueller Ebene müssen daher ganzheitliche digitale Kompetenzen entwickelt werden, um den Herausforderungen des Transformationsprozesses gegenüberzutreten und in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft selbstbestimmt agieren zu können (vgl. u. a. Hartmann & Hundertpfund 2015). Im Folgenden wird ein Überblick über das Forschungsprojekt „Von der Bedarfsanalyse zur Kompetenzentwicklung für den digitalen Wandel: Daseinsbezogene Informationskompetenz in ländlichen Räumen (DILRA)“ gegeben und in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der Studie 1 präsentiert.

Das Projekt „Daseinsbezogene Informationskompetenz in ländlichen Räumen (DILRA)“

Das dreijährige Projekt (04/2020-03/2023) der Fördermaßnahme „Ländliche Räume in Zeiten der Digitalisierung“ im Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung widmet sich der Frage, wie im ländlichen Raum die digitale Kompetenzentwicklung im Sinne einer nachhaltigen digitalen Daseinsvorsorge sichergestellt werden kann. Als Analyseobjekt dient der Landkreis Hildesheim in Niedersachsen. Die Abbildung 1 zeigt eine Kurzübersicht über das methodische Vorgehen.

Abbildung 1 
          Methodischer Aufbau des Forschungsprojekts.
Abbildung 1

Methodischer Aufbau des Forschungsprojekts.

In der ersten Projektphase wurden das daseinsbezogene Informationsverhalten und die dafür grundlegende Informationskompetenz der Nutzenden anhand einer empirischen Befragung erfasst. Komplementär dazu wurden lokale Informationsdienste im Rahmen einer Webanalyse bewertet und die Einschätzungen kommunaler Akteure zum Themenfeld durch Experteninterviews eingeholt. Die zweite Projektphase erhebt wahrgenommene Problemfelder, spezifische Nutzerbedarfe und konkrete Informationspraktiken durch weiterführende Interviews und Fokusgruppen. Auf dieser Grundlage werden in der dritten Projektphase mögliche Verbesserungspotentiale in Bezug auf die Förderung von Informationskompetenz und die Bereitstellung daseinsbezogener Informationsdienste erarbeitet und als Handlungsempfehlungen an Bürgerinnen und Bürger, Kommunen sowie kommunale Bildungsanbieter kommuniziert. Die Abbildung 2 zeigt die Vielschichtigkeit der im Projekt adressierten Themenfelder.

Abbildung 2 
          Themenfelder des Forschungsprojekts DILRA. (Erstellt mit wordcloud.com, 7.12.2020)
Abbildung 2

Themenfelder des Forschungsprojekts DILRA. (Erstellt mit wordcloud.com, 7.12.2020)

Forschung im Themenfeld

Im Folgenden wird ein knapper Abriss zur Forschung im Themenfeld dargelegt. Es zeigt sich, dass bislang vergleichsweise wenige Studien zur Schnittstelle von Informationsbedarfen und Informationskompetenz, spezifiziert nach geografischer Abgeschiedenheit, durchgeführt wurden. Gemäß Linares-Soler (2019) gibt es bislang kaum Forschungsansätze zur (gesamt-)gesellschaftlichen Informationskompetenzerhebung. Nach Ocepek (2017) ist die Forschung zum alltäglichen Informationsverhalten (everyday information behavior (EIB)) noch deutlich ausbaufähig.

Der D21-Digital Index 2019/2020 Bericht zum jährlichen Lagebild der digitalen Gesellschaft in Deutschland attestiert neben dem deutlich verbesserten Internetzugang den Anstieg an digitalen Kompetenzen (Initiative 21 2020, 4). Diese unterscheiden sich bei den 16.158 befragten Deutschen jedoch erheblich nach dem spezifischen Anwendungsfeld. Während die Befragten im Umgang mit Smartphones am kompetentesten sind, sind die Bereiche der Inhaltserstellung oder Problemlösekompetenz von geringen Kompetenzen bzw. Unsicherheit geprägt (Initiative 21 2020, 27). Relevante Einflussfaktoren stellen dabei Bildung, Alter, Geschlecht und Berufsfähigkeit dar (Initiative 21 2020).

Spezifiziert auf die geografische Abgeschiedenheit zeigt der D21-Bericht die positive Tendenz eines steigenden Digitalisierungsgrads der ländlichen Räume, sodass sich folglich das digitale Stadt-Land-Gefälle vermindert. Salemink et al. (2017) identifizieren in einer Zusammenführung der Befunde von 157 Papieren zur digitalen Entwicklung ländlicher Regionen in fortgeschrittenen Ländern zwei digitale Lücken. Danach konterkarieren aktuelle Marktentwicklungen die öffentlichen Ansätze zur Defizitbehebung der technischen Infrastruktur. Zusätzlich wird die digitale Inklusion dadurch gehemmt, dass sich die schlechtere technische Infrastruktur in Verbindung mit einem niedrigen Bildungslevel negativ auf die Annahme und Anwendung digitaler Technologien auswirkt.

Head & Eisenberg (2011) untersuchten die Internetnutzung zur Befriedigung von alltäglichen Informationsbedürfnissen bei Collegestudierenden. Sie identifizierten das Filtern von relevanten aus nicht relevanten Suchergebnissen sowie das Auffinden der individuell nützlichsten Information als die defizitärsten Kompetenzen im alltäglichen Informationsrechercheprozess.

In Hinblick auf die daseinsbezogenen Informationsbedarfe zeigt die Forschungsliteratur Übereinstimmungen in den jeweilig identifizierten Bedarfskategorien: Gesundheit, Kaufinteresse (bspw. Produktsuche, Anbietervergleich), Nahversorgung (bspw. lokale Öffnungszeiten), Aktuelles (bspw. Nachrichten), Freizeitgestaltung (bspw. Hobby, Tourismus), Bildung (bspw. Stellenmarkt, Weiterbildung), Finanzen u. Recht, Soziales und komplex-lebenskritische Belange (bspw. Verhalten bei Brand, Herzinfarkt). Die Häufigkeitsausprägung der Informationsbedarfe pro Rubrik ist dabei abhängig von der untersuchten Zielgruppe (Beer 1998; Head, Eisenberg 2009; Islam 2012; Marcella, Baxter 1999; Martzoukou 2017; Stark 2014). Die identifizierten Themenfelder der Daseinsvorsorge werden für die Untersuchungen im DILRA-Projekt übernommen.

Forschungsfragen und Untersuchungsdesign

Für die erste Projektphase galt es folgende Forschungsfragen zu beantworten:

  1. Welche Informationsbedarfe und Informationsverhaltensmuster weisen Bürgerinnen und Bürger in ländlichen Räumen auf?

  2. Wie erfolgt die lokale daseinsbezogene Informationsbereitstellung lokaler Anbieter?

Dabei versucht das Projekt die Perspektiven der unterschiedlichen Akteure (Nutzende und Anbietende) des daseinsbezogenen Informationsmarktes im ländlichen Raum abzubilden und in Bezug zu setzen. Die Bestandsaufnahme erfolgt anhand einer Methodenkombination, um die verschiedenen Perspektiven der lokalen Informationsversorgung umfänglich abzudecken. Eine quantitative empirische Nutzerbefragung (I) adressiert die erste Forschungsfrage, während Experteninterviews mit kommunalen Informationsbereitstellern (II) sowie eine Webanalyse (III) das korrespondierende Informationsangebot sowie die korrespondierenden Informationsdienste der Gemeinden, also vorrangig die zweite Forschungsfrage adressieren. Die Abbildung 3 zeigt einen Überblick über die Methodik der Studie 1, welche im folgenden Abschnitt im Detail präsentiert wird.

Abbildung 3 
          Methodischer Aufbau der Studie 1.
Abbildung 3

Methodischer Aufbau der Studie 1.

Erhebungsmethoden

Empirische Befragung

Basierend auf der Forschungsliteratur dient der konzipierte Fragebogen dazu, aus Nutzendenperspektive quantitativ konkrete Informationsbedarfe, das Informationsverhalten sowie die objektive und selbsteingeschätzte Informationskompetenz zu erfassen.

Der erste von sechs Fragebogenabschnitten (A) präsentiert soziodemografische Merkmale zur späteren Identifikation potentieller Zusammenhänge. Der zweite Block (B) adressiert den Internetzugang, die dafür genutzten Geräte, die Nutzungshäufigkeit sowie Erfahrungsjahre ebenso wie das empfundene Sicherheitsgefühl (allgemein und bei spezifischen Aktivitäten). Die dritte Fragengruppe (C) beleuchtet anhand von 17 Items die Selbsteinschätzungen der Probanden zu Aspekten des eigenen Informationsverhaltens durch die Angabe, in welchem Maße eine präsentierte Aussage zutrifft (5-Punkte Likert-Skala: „trifft voll zu“ bis „trifft nicht zu“), wobei die vollste Zustimmung die informationskompetenteste Ausprägung darstellt. Der vierte Fragebogenabschnitt (D) widmet sich der Nutzung von Informationsressourcen, vergleichsweise für die analoge und internetbasierte Informationssuche. Eine Matrix mit Mehrfachauswahl erfasst, welche Informationsquellen für welche Themenfelder genutzt werden.

Ergänzend wird die Bedarfshäufigkeit der Informationssuche im Internet der neun Themenfelder (siehe oben) abgefragt. Der vorletzte Abschnitt (E) präsentiert drei offene Fragen zur Darlegung von wünschenswerten Inhalten seitens lokaler Anbieter (I), sowie beispielhafte vergangene Informationsbedürfnisse und den Weg der Befriedigung (II) ebenso wie relevante Belange in der Online-Informationssuche allgemein (III). Der letzte Block (F) erhebt die objektive Informationskompetenz anhand von vier Abfragen, die jeweils exemplarische Fertigkeiten eruieren (Datensicherheitseinschätzung (I), informationeller Wert (II), strategische Suche (III), Autoritätsreflexion (IV)). Die Wissensabfragen werden jeweils mit einer richtigen sowie drei falschen Antwortmöglichkeiten präsentiert und beruhen auf Forschungsarbeiten zur Informationskompetenzerfassung von Boh Podgornik et al. (2016), Chu (2012) und der Kent State University (TRAILS) (2019).

Die Datenerhebung erfolgte im Zeitraum von November 2020 bis Juni 2021 über LimeSurvey sowie auf telefonischem und schriftlichem Wege, um auch diejenigen zu erreichen, die sich eher in analogen Informationsumwelten bewegen.

Neben der Prüfung auf inhaltliche Schlüssigkeit sowie Tippfehler erfolgte die Datenbereinigung nach den folgenden Kriterien:

  1. vollständige Bearbeitung aller Pflichtfragen

  2. Wohnhaft innerhalb des Landkreis Hildesheim (basierend auf Postleitzahl)

  3. Mindestalter von 15 Jahren

  4. realistische Bearbeitungsdauer: ohne/mit Internetzugang: >3min / >7min

Die finale Rücklaufquote bei 495 gültigen Fälle von 892 Aufrufen beläuft sich damit auf 55,49 Prozent (495/892=0,5549). Die Datenanalyse erfolgte mithilfe des Statistikprogramms SPSS. Neben der Berechnung neuer Skalen (bspw. Nutzungsintensität aus dem Item Häufigkeit der Internetnutzung und Erfahrungsjahre Internetnutzung) und Variablen (bspw. Einteilung der Altersangaben in drei Altersgruppen: 15–29 Jahre; 30–59 Jahre; 60+ Jahre) erfolgten Reliabilitätsprüfungen der Skalen mittels Cronbachs Alpha und Gruppierungen (Clustering-Verfahren) verschiedener Ausprägungen der Technologieaffinität sowie der objektiven Informationskompetenz in jeweils drei Gruppen mittels der K-Means Methode.

Zur Berechnung der Gruppenunterschiede wurden anschließend nichtparametrische Verfahren zum Mittelwertsvergleich bei unabhängigen Stichproben, je nach Anzahl der Ausprägungen, genutzt. Bei drei Ausprägungen (3 Altersgruppen, 3 Technologieaffinitätsstufen, 3 Stufen objektiver Informationskompetenz) erfolgte dies mit dem Kruskal Wallis-Test. Bei zwei binären Variablen (Stadt/Land) wurde der Mann-Whitney-U-Test angewandt. Die Nullhypothese besagte dabei, dass keine Gruppenunterschiede erkennbar sind. In dem Fall, dass diese durch eine Signifikanz von 0,05 oder einem geringeren Wert widerlegt wurde, indem sich die Alternativhypothese (Es gibt einen Unterschied zwischen den Gruppen.) bestätigte, erfolgte eine Messung der Effektstärke (r>0,1: geringer Effekt; r>0,3: mittlerer Effekt; r>0,5 großer Effekt (Cohen, 1988)). Des Weiteren kamen Korrelationsanalysen nach Pearson zum Vergleich verschiedener Zusammenhänge zum Einsatz, bei denen das Signifikanzniveau (2-seitig) die üblichen Werte r=0,01 oder r=0,05 misst.

Experteninterviews

Die semistrukturierten, leitfadengestützten Interviews mit lokalen Informationsbereitstellern erlauben einen Einblick in die anbieterbasierte Perspektive der daseinsbezogenen Informationsversorgung im Landkreis Hildesheim. Als lokale Informationsbereitsteller werden dabei jegliche Instanzen verstanden, die einen Daseinsbezug im Landkreis Hildesheim aufzeigen. Ziel ist es, neben den individuellen Sichtweisen, ebenso spezifische Informationen über die jeweilige Instanz (bspw. Kommune, Anbieter für Erwachsenenbildung, Bibliothek, Beratungshaus) zu erhalten. Der Leitfaden, welcher in Anlehnung an Helffereich (2014) konzipiert wurde, stellt hierfür vier zentrale Bereiche bereit:

  1. Aktuelle Informationsbereitstellung (persönlich: Erfahrungswissen, wahrgenommene Problemfelder; institutionell: Grad der Verpflichtung zur Informationsbereitstellung, Art der dargereichten Information, genutzte Wege und Dienste, Einhaltung formeller Standards (Barrierefreiheit), personelle Verantwortlichkeiten, pandemiebedingte Veränderungen)

  2. Strategien der institutionellen Informationsversorgung (Gründe und Strategien für aktuelle Darlegungsweisen, erwarteter Grad der Selbstbeteiligung seitens der Bürger (Bring-bzw. Holschuld, Gestaltung der Kommunikationswege (von Bereitstellung bis Dialog), Grad Informationsnutzung, Informationsbedarfsabschätzung

  3. Optimierungsansätze (Möglichkeiten für erleichterten Informationszugang, Maßnahmen zur Gewährleistung der Inklusion, d. h. kein Ausschluss durch digitale Informationsangebote)

  4. Potentiale und Herausforderungen der Digitalisierung (Chancen, Herausforderungen u. Risiken, Umsetzungslimitationen)

Die Interviews wurden im Zeitraum vom 10. Mai 2021 bis 10. Juni 2021 über das Veranstalterportal des Deutschen Forschungsnetzes (DFNconf) durchgeführt. Die Auswertung erfolgte in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring und Fenzel (2014) deduktiv anhand der vier bereits präsentierten Kategorien, sowie induktiv basierend auf der Datenlage. Hinsichtlich der Güte wurden sowohl auf Intrakoderübereinstimmung (wiederholte Zuordnung) sowie Interkoderübereinstimmung (Prüfung durch andere Person) durchgeführt.

Webanalyse

Die eigenständigen Webseiten der 17 ländlichen Gemeinden sowie zu Vergleichszwecken der Webauftritt des Landkreises Hildesheim und der Stadt Hildesheim werden hinsichtlich inhaltlicher und gestalterischer Merkmale auf die lokalen Informationsangebote anhand eines selbstkonzipierten Kriterienkatalogs in Anlehnung an Trepte et al. (2005) und Marwede (2021) geprüft. Die Einzelabfragen sind dabei in 15 Einzelaspekte unterteilt und gruppieren sich in vier Qualitätskategorien (Technik, Interaktivität, Benutzerfreundlichkeit, Inhalte, Vernetzung). Durch iterative Anpassungen wurde das Prüfschema kontinuierlich optimiert. Die Tabelle 1 zeigt die Gliederung des Kriterienkatalogs sowie die zu erreichende Punktanzahl.

Tabelle 1

Gliederung Kriterienkatalog der Webanalyse.

1. Technische Qualität (9P)
1.1 Webseitenstart (1P)

1.2 Pflegezustand der Webseite (0P*)

1.3 Barrierefreiheit (3P)

1.4 Navigation (3P)

1.5 Suche (2P)
2. Qualität der Interaktivität (3P)
2.1 Möglichkeit zur Kontaktaufnahme (1P)

2.2 Verantwortliche der Webseite (1P)

2.3 Ansprechpartner (1P)
3. Benutzerfreundlichkeit (4P)
3.1 Responsive Design (3P)

3.2 Vorhandensein einer App (1P)
4. Inhaltsqualität (19P)
4.1 Informationsversorgung (7 Themenfelder) (16P)

4.2 Informationsversorgung (Gesamteindruck) (3P)
5. Vernetzungsintensität (9P)
5.1 Vernetzung lokaler Institutionen (1P)

5.2 Soziale Netzwerke (8P)

5.3 Allgemeine Vernetzung der Gemeinden (0P*)

*. Bei der Verwendung von externen Tools wurden aufgrund mangelnder Transparenz über zugrundeliegende Algorithmen keine Punkte vergeben, sondern qualitative Vermerke vorgenommen.

Die Prüfung der Gemeindewebseiten erfolgte von Mai bis Juni 2021, wobei die Webauftritte des Landkreises sowie der Stadt Hildesheim zu Vergleichszwecken im August 2021 durchgeführt wurden. Das Prüfschema wurde vervielfältigt, so dass jedem Gemeindeauftritt eine eigene Exceldatei zur Verfügung steht. Diese werden aufbereitet und den Gemeinden als Steckbriefe kommuniziert.

Ergebnisse

Die finale Stichprobe der empirischen Befragung besteht aus 495 Teilnehmenden, die zu 64,2 Prozent aus den Gemeinden des Landkreises stammen. Sie lässt sich als technologieaffin und informationskompetent beschreiben, wobei der Einfluss der Befragungsmethode hier ebenso wirkt, wie die Schwierigkeit, durchschnittliche Bürgerinnen und Bürger ohne Internetzugang aufzufinden.

Die Technologieaffinität stellt übergreifend den deutlichen Einflussfaktor auf das Informationsverhalten dar. Während für die Medienkompetenz neben der Technologieaffinität der Altersfaktor am stärksten (r=-0,304 p=0,0, Signifikanzniveau 0,01) wirkt, misst bei der subjektiv wahrgenommenen Informationskompetenz die objektive Informationskompetenz den stärkeren Zusammenhang (r=0,325 p=0,0, Signifikanzniveau 0,01) als der Altersfaktor (r=-0,131 p=0,02, Signifikanzniveau 0,05).

Die größte Schwierigkeit besteht in der Bewertung von Informationen und Quellen. Wie Tabelle 2 zeigt, ist das Einschätzen der Vertrauenswürdigkeit einer Quelle (Skala 1–5; MW: 3,68, SD: 0,93) sowie das Identifizieren von Falschinformationen (MW: 3,69, SD: 1,06) im Informationsprozess die kritischste selbstwahrgenommene Kompetenz.

Tabelle 2

Selbsteingeschätzte Kompetenzen im Informationsprozess.

Prozessschritt MW* SD N**
Bedarfsartikulation 4,265 0,5856 318
Quellenauswahl 4,115 0,6914 318
Informationsbewertung 3,860 0,7768 318
Eigenperspektive 4,024 0,6638 318

*. Skala1-5: 1(trifft nicht zu), 3 (weder noch), 5 (trifft voll zu)

**. Stichprobe Gemeinden (ohne Stadtbevölkerung)

Passend dazu wünschen sich die Probanden im Rahmen der offenen Fragen eine offizielle Kennzeichnung seriöser Inhalte, da ihnen die Trennung zwischen Werbung und Informationen bisweilen schwerfällt. Konkrete Vorschläge sind ein Gütezeichen, eine Glaubwürdigkeitsskala oder das optische Hervorheben von Falschinformationen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Auswahl der Informationsquelle im analogen Suchprozess in Abhängigkeit vom Themenbedarf (Experte für Gesundheit, Familie/Freunde für Freizeitgestaltung) erfolgt, wohin gegen bei der internetbasierten Informationssuche die Suchmaschinen, unabhängig vom Inhalt, am häufigsten genutzt werden. Demnach wird die Reflexion über thematische Zweckbezogenheit einer Quelle aus der analogen Suche nicht in die Internetsuche übertragen. Interessant ist, dass sich die Probanden im Umgang mit der Suchmaschine sicher fühlen, unabhängig von der Ausprägung der objektiven Informationskompetenz (Skala1-6:1 niedrige, 6 hohe Ausprägung; geringe IK: MW:5,55 SD:0,934, mittlere IK MW:5,55 SD:0,89, ausgeprägte IK MW:5,56 SD:0,73).

Die Experteninterviews mit lokalen Informationsbereitstellern haben ergeben, dass es bislang keine Einheitlichkeit, weder über theoretische noch praktische Verantwortlichkeiten, zur Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen gibt. Das Bewusstsein für die theoretische Zielsetzung, durch die Nutzung vieler Kanäle und Medien möglichst viele Menschen erreichen zu können, ist ebenso vorhanden, wie das Bewusstsein über die Relevanz kommunaler Informationsversorgung. Grundsätzlich ist es jeder Gemeinde selbst überlassen, die lokale Informationsbereitstellung voranzutreiben und den eigenen Weg zwischen der verpflichtenden Kommunikation von lokalrechtlichen Belangen und sozialer Vernetzung zu finden.

Die anhand eines Kriterienkatalogs durchgeführte Webanalyse bestätigt die qualitativen Unterschiede der 18 Gemeindewebseiten (bestes Ergebnis: 35 von 44 Punkten; schlechtestes Ergebnis: 15 von 44 Punkten) und verstärkt die Annahme, dass die Qualität einer Webseite durch das persönliche Engagement der Verantwortlichen bedingt ist. Die Unterschiede sind vor allem in der technischen Qualität, der Vernetzungs- und Inhaltsqualität zu verzeichnen (Benutzerfreundlichkeit und Interaktivität sind homogener (s. Tab. 1)). Obwohl es ein primäres Ziel ist, die Informationen auf möglichst vielen Kanälen an die Bürgerinnen und Bürger zu bringen, werden soziale Netzwerke in der Praxis wenig genutzt, da es an zeitlichen und finanziellen Kapazitäten mangelt.

Fazit und Ausblick

Die Ergebnisse der Studie 1 zeigen die komplexen Vorgänge der daseinsbezogenen Informationsversorgung im Landkreis Hildesheim. Die Relevanz der Förderung allgemeiner Informationskompetenz (besonders bei der Informationsbewertung) wurde umfassend bestätigt.

Für Kommunen birgt die digitale Informationsversorgung sowie die Abwicklung digitaler Dienstleistungen durch die Kommunen zwar deutliches Potential, doch wird dieses aufgrund des vielschichtigen Mangels an Kapazitäten nicht ausgeschöpft. Ebenfalls scheinen die Verantwortlichkeiten der Gemeindeverwaltungen sehr heterogen und gemeindespezifisch verteilt zu sein, wodurch keine einheitlichen Strategien erkennbar sind. Daher soll ein gemeindeübergreifender Austausch von Best-Practices initiiert werden. Ebenfalls ermöglicht das Prüfschema zur Webseitenevaluation in Eigenregie eine Hilfestellung für eine verbesserte digitale Informationsversorgung. Ein zweitägiger Workshop mit den Gemeindevertretenden soll ebenfalls weitere Hilfestellung leisten.

Während aus einigen Ergebnissen direkt spezifische Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können (bspw. fokussieren sich einige Gemeindewebseiten auf verwaltungsrelevante Themen, wobei vermehrt emotionalen Lokalbezug gewünscht wird), bedarf es im Allgemeinen tieferer Einblicke in die Dynamiken der Informationsversorgung (bspw. zur Systematik der lokalen Quellenauswahl in Abhängigkeit der inhaltlichen Informationsbedarfe) im Landkreis Hildesheim. Dazu dient Studie 2, welche ab Januar 2022 durchgeführt wird.

Projektwebseite: https://www.uni-hildesheim.de/fb3/institute/iwist/forschung/forschungsprojekte/aktuelle-forschungsprojekte/daseinsbezogene-informationskompetenz-in-laendlichen-raeumen-dilra/

Über die Autoren

Laurine Messner

Laurine Messner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DILRA-Forschungsprojektes und absolvierte den Masterstudiengang Human-Computer Interaction an der Universität Siegen, aufbauend auf den Bachelorstudiengang Internationales Informationsmanagement/ Informationswissenschaft an der Universität Hildesheim.

Joachim Griesbaum

Prof. Dr. Joachim Griesbaum ist Professor für Informationswissenschaft an der Universität Hildesheim und Projektleiter des DILRA-Forschungsprojekts. Forschungsschwerpunkte stellen die Bereiche Informationsverhalten, Online-Marketing und E-Learning dar.

Anika Stooß

Anika Stooß ist studentische Hilfskraft im DILRA-Forschungsprojekt und maßgeblich mit der Konzeption und Durchführung der Webanalyse der Gemeindewebseiten beauftragt.

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Online erschienen: 2022-01-19
Erschienen im Druck: 2022-01-14

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 4.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/iwp-2021-2193/html
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