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Interdisziplinäre Forschungszugänge zu Wissenschaftskommunikation und Informationsverhalten in der Corona-Pandemie

Bericht zur InFoCoP-Konferenz online am 2. Juli 2021
  • Franziska Schmidt EMAIL logo , Ramona Böcker , Hannah Mitera and Thomas Mandl
Published/Copyright: January 19, 2022

In der Coronakrise ist es von essenzieller Wichtigkeit, dass sich die Zivilbevölkerung über das COVID-19-Virus informiert und den Empfehlungen der Expertinnen und Experten bzw. den angeordneten Maßnahmen Folge leistet. Aufgrund der Neuartigkeit des Virus und des akuten Handlungsbedarfs vonseiten jedes Einzelnen war gerade zu Beginn der Pandemie ein erhöhter Bedarf an Informationen gegeben.

Die Vermittlung wissenschaftlicher Informationen, die den Sachverhalt verständlich kommunizieren, stellt eine wichtige Voraussetzung für die langfristige Akzeptanz der Maßnahmen dar. Die Bedeutung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Kommunikation für die gesellschaftliche Debatte einer pluralistischen Gesellschaft muss daher angesichts der Dramatik der Pandemie insbesondere in Bezug auf den Umgang mit Wissen reflektiert werden. Deutlich wird dies auch durch die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, die sich in verschiedenen negativen Entwicklungen widerspiegelt.

Bei Fragen im Zusammenhang mit der Informationsversorgung in Krisen allgemein und während der COVID-19-Pandemie im Besonderen handelt es sich um einen genuin interdisziplinären Unter­suchungsgegenstand, der von zahlreichen Disziplinen erarbeitet wird: Dazu zählen neben der Informations- und Sprachwissenschaft beispielsweise die Medienwissenschaft und Public Health, aber auch technische Disziplinen wie Data Science, die sich mit der Verbreitung von Nachrichten auseinandersetzen. Ein vollständiges Bild kann nur durch die Betrachtung all dieser Blickwinkel entstehen.

Diesen Ansatz verfolgt das Projekt „Wissenschaftsvermittlung in der Informationskrise um die COVID-19-Pandemie“ (WInCO) an der Universität Hildesheim, in dessen Rahmen die interdisziplinäre Fachtagung „Interdisziplinäre Forschungszugänge zu Wissenschaftskommunikation und Informationsverhalten in der Corona-Pandemie“ (InFoCoP) stattfand. Dabei wurde in vier Sektionen mit zehn Vorträgen die Problematik der Informationsversorgung aus verschiedenen Perspektiven diskutiert.

Schon im Grußwort betonte Ulrich Heid die Aktualität sowie Relevanz des Themas und verwies auf ein Interview mit Kanzleramtsminister Helge Braun zur Bedeutung von seriösen wissenschaftlichen Informationen und deren Kommunikation nach außen.

Petra Sandhagen vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim eröffnete die Vortragsreihe mit den Fragen „Welchen Medien vertrauen wir und warum?“. In Erhebungen zur Medienkompetenz und -nutzung konnte sowohl ein erhöhter Informationsbedarf als auch ein verstärkter Rückgriff auf bereits vor der Pandemie genutzte Angebote festgestellt werden. Am Beispiel von Tagesschau und lokaler Heimatzeitung hob Sandhagen die Rolle der im frühen Alter entwickelten Medienvertrautheit hervor. So sollte zum einen die Sensibilisierung für Mediennutzung bereits im Kindesalter stattfinden, um die Medienkompetenz losgelöst von den familiären Gewohnheiten und somit das Vertrauen in bestimmte Informationsquellen zu stärken. Zum anderen sollte Wissenschaftskommunikation nicht nur auf das jeweilige Medium, sondern auch die entsprechende Zielgruppe ausgerichtet werden.

Stefan Dreisiebner von der Karl-Franzens-Universität Graz konnte die allgemeine Zunahme der Mediennutzung während der Corona-Pandemie auch in seiner Studie zum Informationsverhalten nachweisen. Die von April bis Mai 2020 in einer Online-Befragung und Interviews erhobenen Daten fokussierten die Auswahl der Informationsquellen und deren Kriterien sowohl während der Pandemie als auch rückblickend auf die Zeit davor. So konnte festgestellt werden, dass klassische Medien eine bedeutende Rolle einnehmen, Nutzende aber auch auf unterschiedlichen Kanälen bereits mit Falschinformationen in Berührung gekommen sind. Obwohl die Zufriedenheit mit der Informationsversorgung während der Krise hoch und eine Verschiebung der Nutzungsintervalle von unregelmäßig zu regelmäßig zu erkennen war, berichteten Teilnehmende der Studie auch von einem Gefühl des Information Overload, das z. T. eine geringere Mediennutzung zur Folge hatte.

Diesem Balanceakt zwischen der Notwendigkeit der Informationssuche zur Bewältigung von Unsicherheit und der Informationsmeidung aufgrund von Überforderung widmete sich die Kommunikationswissenschaftlerin Elena Link von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. In einer Online-Befragung von Mai 2020 bis Januar 2021 konnte eine Veränderung der Verhaltensweisen im Laufe der Pandemie sowie ein Anstieg der Informationssuche festgestellt werden. In Bezug auf Vermeidungstendenzen sind dabei weniger das wahrgenommene Wissensdefizit als vielmehr die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und die eigene Risikowahrnehmung von Relevanz. Die Förderung des Risikobewusstseins, die Verbesserung sozialer Diffusionsstrategien und die Kompetenz im Umgang mit Überbelastung spielen daher eine wichtige Rolle, um die Erkenntnisse der Wissenschaft einordnen und die Krisensituation bewältigen zu können.

Die Informationsmeidung war auch Gegenstand in der von Janine Brill im zweiten Block vorgestellten Online-Panel-Befragung der Universität Erfurt zum Informationsverhalten in der Corona-Pandemie. So birgt eine intensive Berichterstattung – wie sie in der Krise zu beobachten ist – die Gefahr einer Themenverdrossenheit, die dazu führen kann, dass sich ein emotionaler und kognitiver Widerstand entwickelt und sich der Rückgriff auf das jeweilige individuelle Medienrepertoire verringert. Eine solche Verschiebung der Repertoires, die eine ansteigende Medienmeidung nach sich zieht, geht mit dem Risiko einher, dass wichtige Informationen ungesehen bleiben oder die Qualität der Berichterstattung abgewertet wird. Der schmale Grat zwischen Informationsbedürfnis und -überlastung sollte daher nicht unbeachtet bleiben.

Claudia Frick von der TH Köln schloss mit ihrem Vortrag an weitere Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation an. Im Fokus standen insbesondere die internen wissenschaftlichen Prozesse, die während der Pandemie extern sichtbar geworden sind, sowie die damit verbundene Notwendigkeit von Science Literacy. Die Komplexität der Kommunikation, darunter die Widersprüchlichkeit von Ergebnissen, die Bedeutung von Preprints und die Belebung durch Streitdiskurse, sind fester Bestandteil der Wissenschaft – jedoch ist dieses Wissen der breiten Öffentlichkeit nicht zwangsläufig zugänglich. Wissenschaftskommunikation im Dialog, Citizen Science sowie Open Science sind daher wichtige Ansatzpunkte, um die Entwicklung von Medien-, Informations- und Wissenschaftskompetenz voranzutreiben.

Ein Mangel an diesen Kompetenzen kann neben einer Meidung des Diskurses auch weitere Gefahren nach sich ziehen, die in der dritten Sektion diskutiert wurden. Katharina Christ von der Universität Trier eröffnete die Session mit Work-in-Progress-Einblicken in eine Mixed-Methods-Studie zu Verschwörungstheorien und ihrer Glaubwürdigkeit. Dabei veranschaulichte sie anhand von Beispielen aus ihrem aus 50 Videos bestehenden Korpus, dass sich die Produzierenden verschiedener Videoformate sowie multimodaler Muster und Glaubwürdigkeitsmarker bedienen, um ihren Theorien Nachdruck zu verleihen und Vertrauen zu erwecken. Faktoren wie Selbstdarstellung, Anlehnung an klassische Medien und die Darstellung des Netzwerkes stellten sich als besonders auffällig heraus, erreichten bei den Befragungen dennoch lediglich geringe Glaubwürdigkeitszusprachen.

Tim Majchrzak von der Universitetet i Agder (Norwegen) referierte über eine weitere informationsbezogene Herausforderung der Corona-Pandemie und stellte die Hypothese auf, dass die Ausbreitung von Corona durch Fehl- und Desinformationen begünstigt wird, da sie Ängste schüren und zu sozialem Unfrieden sowie (gesundheitlichen) Schäden führen können. Im Rahmen einer explorativen Studie konnte er anhand von Twitterdaten die Gefahr durch falsche Tweets, Hashtags zur Diskreditierung seriöser Quellen und Emojis herausstellen und Handlungsempfehlungen ableiten. Er betonte insbesondere die Relevanz des Verständnisses von (Fehl-)Informationen und ihrer Charakteristika sowie von sozialen Medien („social media listening“) und deren Ausrichtung auf das menschliche Informationsbedürfnis. Um dem Spannungsfeld entgegenwirken zu können, braucht es einen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz.

Als weitere negative Auswirkung der Coronakrise lässt sich die Hassrede im Netz identifizieren, mit deren Zunahme sich Lidiia Melnyk von der Friedrich-Schiller-Universität Jena auseinandersetzte. Sie wies darauf hin, dass die Krisensituation starke Emotionen und die Suche nach einem Sündenbock verstärkte und zeigte die Dynamik von Hate Speech in Bezug auf den Zeitverlauf, die Thematiken sowie die Zielgruppen in der Pandemie auf, indem sie die Hasskommentare zu COVID-19 aus ihrem Korpus nach semantischer Nähe gruppierte. So konnte herausgestellt werden, dass der als konstruktiv angedachte Diskussionsraum der Kommentarfunktion von Hassredner/innen als Reaktion auf politische, soziale und wirtschaftliche Ereignisse zur Stigmatisierung genutzt wird. Eine anschließende Sentiment-Analyse soll weiterführende Einblicke in die Thematik geben.

Im letzten Block stellte Christiane Zehrer von der Hochschule Magdeburg-Stendal ihre Untersuchung zur Informationsvermittlung durch „Corona-Schilder“ als Texte im öffentlichen Raum bzw. als multimodaler Zeichenprozess vor. Die Schilder stellen die kommunikative Herausforderung während der Pandemie sowohl bildlich als auch sprachlich dar: So müssen die Informationen der Ministerien und des Bundes bspw. auf wenig Platz zusammengefasst, verständlich kommuniziert und regelmäßig an die neuen Beschlüsse angepasst werden. Zum Zwecke der stark örtlich verankerten Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürger verschiedener Rollen werden insbesondere ikonographische Zeichen und multimodale Konzepte verwendet, um das Verhalten der Rezipierenden zu beeinflussen. Diese Art der Krisenkommunikation sollte zukünftig auch in Bezug auf institutionelle Kommunikationsstrategien berücksichtigt werden.

Den Herausforderungen institutioneller Kommunikation, hier besonders in Bezug auf Belgiens Mehrsprachigkeit, widmeten sich Vince Liégeois (Université de Bourgogne) und Jolien Mathysen (Universiteit Gent) in einer frame-semantischen Analyse des Coronadiskurses. Anhand eines aus institutionellen Informationstexten bestehenden Korpus wurde bisher insbesondere die lexikalische Ebene von COVID-19 untersucht, die folgende Herausforderungen hervorhebt: Während eine verharmlosende Darstellungsweise zur Unterschätzung der Gefahr führen kann, kann eine sprachlich vollzogene Dramatisierung vonseiten der (Regierungs-)Institutionen Angst auslösen und den Eindruck erwecken, dass keine Hoffnung im Kampf gegen das Virus besteht. Daraus wird die Relevanz linguistischer Ansätze deutlich, um den Einfluss auf das Verhalten der Rezipierenden einschätzen zu können.

Die Aktualität des Coronadiskurses und die Bedeutung des Austausches über die interdisziplinären Forschungszugänge zu Wissenschaftskommunikation und Informationsverhalten sind durch die Tagung in den Fokus gerückt worden. Alle Sprecherinnen und Sprecher diskutierten Herausforderungen, denen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen entgegengetreten werden kann. Auch die Teilnehmenden betonten die Vielfalt der Forschungsansätze und deren Relevanz für den öffentlichen Diskurs.

Für die zukünftige Auseinandersetzung und den weiterführenden Austausch stehen verschiedene Formate zur Verfügung: Teile der Konferenz wurden über den Deutschlandfunk Nova im Sendungsformat „Hörsaal“ ausgestrahlt. Die ganzheitliche Zusammenfassung der Tagungsergebnisse wird durch die Veröffentlichung eines Open-Access-Sammelbands Anfang 2022 sichergestellt. Es wird außerdem eine Anschlusstagung stattfinden, bei der insbesondere der Dialog mit der Zivilgesellschaft im Mittelpunkt steht. Dieser Austausch ist auch Teil des Projekt-Blogs, auf dem ab September 2021 multimodale Aktionsformate zu finden sind.

Das Projekt WInCO und die Tagung InFoCoP wurden im Rahmen des Programms „Zukunftsdiskurse“ des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur aus Mitteln des „Niedersächsischen Vorab“ gefördert. Weitere Informationen zum Projekt und Blog sind online zu finden: https://www.uni-hildesheim.de/winco/

Deskriptoren: Tagung, Informationsverhalten, Wissenschaftskommunikation, Social Media, COVID-19

Online erschienen: 2022-01-19
Erschienen im Druck: 2022-01-14

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 4.2.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/iwp-2021-2202/html
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