Ein Platz mit bewegter Geschichte
Am südwestlichen Ende des jüdischen Friedhofs entstand im Mittelalter ein Platz, der ab dem 16. Jahrhundert durch den namensgebenden Judenmarkt zum Zentrum des jüdischen Lebens in Frankfurt am Main wurde. Später wurde dieser Platz erheblich vergrößert und 1885, nach dem Bau der orthodoxen Synagoge, zum Börneplatz, benannt nach dem Journalisten, Literatur- und Theaterkritiker Ludwig Börne (1786-1837), der aus dem Frankfurter Ghetto Judengasse stammte.

Dieses Modell der Börneplatzsynagoge wurde für die Ausstellung „Die Architektur der Synagoge“ im Deutschen Architekturmuseum 1988 angefertigt. Das Atelier Tschavgov berücksichtigte dabei sowohl den Bau von Siegfried Kusnizky 1881–82 als auch die Erweiterung 1901 durch Fritz Epstein. (Foto: Jessica Schäfer)
Das nach Plänen des Architekten Siegfried Kuznitzky (1845–1922) erbaute Gotteshaus wurde am 12. September 1882 als neue Synagoge der Gemeindeorthodoxen feierlich eingeweiht. Sie wurde auch Horovitz-Synagoge oder Neue Gemeindesynagoge genannt. Um die Jahrhundertwende wurde das Gotteshaus durch den Architekten Fritz Epstein umgebaut und vergrößert, so dass sie Platz für 1.300 Gläubige bot. Die feierliche Wiedereinweihung durch Rabbiner Dr. Markus Horovitz erfolgte am 8. September 1901.
Um seine jüdische Geschichte zu verschleiern, wurde der Börneplatz im Jahr 1935 in Dominikanerplatz umbenannt, ein Verweis auf das gegenüberliegende Dominikanerkloster. Ihr trauriges Ende fand die Synagoge am Börneplatz in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938: Sie wurde von Mitgliedern der SA und HJ aufgebrochen, verwüstet und in Brand gesteckt.

Für vier Tage kehrten die Fragmente des zerschlagenen Toraschreins auf den Börneplatz zurück. Sie wurden auf dem Umriss der Synagoge im Bereich der Apsis platziert. (Foto: Jessica Schäfer)
Nur wenige Tage später begann der Abriss der Ruine. Wie zu der Zeit nicht unüblich, wurden Teile ihrer Fassade als Baumaterial andernorts wiederverwertet. Nach dem Krieg entstanden auf dem Areal eine Blumengroßmarkthalle und eine Tankstelle; 1978 erfolgte die Rückbenennung des Dominikanerplatzes in Börneplatz und schon 1985 riss man die Blumengroßmarkthalle wieder ab.
Anfang 1987 fanden erneut Bauarbeiten auf dem Börneplatz statt. Für das geplante Kundenzentrum der ehemaligen Frankfurter Stadtwerke wurde ausgeschachtet und dabei Hausfundamente und zwei Mikwen des ehemaligen Ghettos Judengasse freigelegt. Dass die Bauarbeiten dennoch weiter fortgeführt wurden, löste einen öffentlichen Protest aus, der unter dem Namen Börneplatzkonflikt bekannt geworden ist.
Vor Ort kam es zu einer offenen Auseinandersetzung: Demonstranten besetzten den Platz, der daraufhin von der Polizei geräumt und zur Verhinderung einer Wiederholung der Besetzung mit einem Bauzaun abgeriegelt wurde. Die Debatte strahlte auf die gesamte Republik aus und löste eine Auseinandersetzung darum aus, wie mit jüdischem Kulturgut umgegangen werden sollte. Während die Demonstranten der Stadt „Geschichtsentsorgung“ vorwarfen und die vollständige Erhaltung der Ruinen forderten, beharrten Stadtwerke und Stadtverwaltung auf der Umsetzung der Baupläne.
Beendet wurde der Börneplatzkonflikt schließlich durch einen Kompromiss zwischen der Stadt und der jüdischen Gemeinde. Ihm ist es zu verdanken, dass aus fünf Hausfundamenten und zwei Mikwen der Judengasse das Museum Judengasse entstand. Es wurde 1992 eröffnet; 1996 folgte die Einweihung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, die an 11.908 Frankfurter Opfer der Schoa erinnert.
Mapping Memories – Ver(antw)ortung Börneplatz
Der Börneplatz, die angrenzenden Quartiere und insbesondere die Synagoge waren pulsierende Orte jüdischen Lebens in der Moderne, die weit über Frankfurts Stadtgrenzen hinaus bekannt waren. Nach ihrer feierlichen Eröffnung 1882 entwickelte sich die Synagoge zu einem Kristallisationspunkt der jüdischen Renaissance, bevor sie am 10. November 1938 brutal zerstört wurde. Ihr materielles wie immaterielles Erbe ist heute vor Ort weitgehend unsichtbar. Nur ein Umriss auf dem Boden und eine Gedenktafel an der Fassade des städtischen Gebäudes erinnern an sie. Die Gestaltung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz lässt Raum für Fragen: Wie wollen wir erinnern? An was und wen?

Am 9. September 2021 wurde „Mapping Memories – Ver(antw)ortung Börneplatz“ feierlich eröffnet. (Foto: Jessica Schäfer)
Vom 9. bis 12. September 2021 ging das interdisziplinäre Projekt „METAhub Frankfurt – Kultur im digitalen und öffentlichen Raum“ mit dem viertägigen Pop up Event „Mapping Memories – Ver(antw)ortung Börneplatz“ vor Ort diesen Fragen nach. In ihrer installativen Intervention auf dem Umriss der Synagoge öffneten Prof. Nikolaus Hirsch und Prof. Dr. Michel Müller den Blick für die historische und soziale Dimension des Platzes. Die Architekten arbeiteten dabei mit baulichen Elementen aus der Logistik: Paletten und Kisten beherbergten Funde aus archäologischen Grabungen am Börneplatz oder fungierten als Orte für Gespräche und Austausch. Die Frage, welche und wessen Geschichten dort erzählt werden und welche Leerstellen bleiben, rückte dabei ebenso in den Fokus wie der Umgang mit architektonischen Zeugnissen der Börneplatz-Synagoge, die bei Bauarbeiten im Jahr 1990 geborgen werden konnten. Im Zentrum der Installation standen die originalen Bruchstücke des zerstörten Toraschreins, die vorübergehend an ihren Fundort zurückkehrten. Neben den Museumsobjekten gab die Ausstellung Einblick in mehrere künstlerische Projekte, die im Rahmen von METAhub stattfinden.

■Das Projekt “Unboxing Past” von Helgard Haug (Rimini Protokoll) nimmt die steinernen Fragmente der Synagoge im Depot des Archäologischen Museums zum Anlass, um einen Blick hinter die Kulissen musealer Arbeitspraxis zu werfen. Seit einem Jahr beobachten drei Kameras Dr. Thorsten Sonnemann beim “Auspacken” von rund 100 Archivkartons und der Inventarisierung von den steinernen Zeugnissen, die sie bewahren. Das Projekt lädt zum Nachdenken über Praktiken des Archivierens und Erinnerns ein und befragt das museale Gedächtnis, das an den materiellen Kulturgütern haftet. (Foto: Jessica Schäfer)
Die Installationen und künstlerischen Arbeiten wurden von Führungen auf dem Platz und in der Umgebung sowie Gesprächen zwischen Kurator/innen und Künstler/innen gerahmt. Podiumsdiskussionen über gegenwärtige und angemessene Formen des Erinnerns und Gedenkens in Deutschland ergänzten das Programm.
Launch von metahubfrankfurt.de
„Mapping Memories“ war die öffentliche Auftakt-Veranstaltung von METAhub. Das Kooperationsprojekt von Jüdischem Museum Frankfurt, Archäologischem Museum Frankfurt und Künstlerhaus Mousonturm in Zusammenarbeit mit dem NODE Verein zur Förderung Digitaler Kultur e.V. basiert auf einer neuartigen Form der Zusammenarbeit zwischen Museumskurator/innen, -dokumentar/innen und Dramaturg/innen mit Medienkünstler/innen. METAhub wird gefördert im Programm Kultur Digital der Kulturstiftung des Bundes, durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain sowie durch Mittel des Dezernats für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main.
Am 9. September 2021 wurde die neue digitale Plattform metahubfrankfurt.de gelauncht, die Museumsobjekte wieder im Stadtraum verortet und in dieser ersten Phase die Geschichte der Börneplatz-Synagoge anhand von Objekten aus den Sammlungen des Jüdischen Museums, des Archäologischen Museums und des Historischen Museums Frankfurt erzählt.

Der israelische Künstler Ariel Efraim Ashbel bereitet sich im Rahmen seiner künstlerischen Residenz auf seine Bar Mizwa vor. In Gesprächen mit unterschiedlichsten Frankfurter/innen über Aspekte des jüdischen Lebens begibt sich Ashbel zudem auf die Suche nach jüdischen Spuren im Stadtbild, im Alltag und in den Sammlungen von Frankfurter Museen. (Foto: Jessica Schäfer)
Aus dem Archäologischen Museum Frankfurt sind 62 Fragmente des Toraschreins enthalten. Sie wurden von Archäologen im mit Abbruchschutt verfüllten Untergeschoss des Gebäudes gefunden, als im Sommer 1990 die letzten erhaltenen Überreste der ehemaligen Synagoge freigelegt und dokumentiert wurden. Bislang ließen sich Aussehen und Dimensionen des Toraschreins nur anhand historischer Texte und Fotografien rekonstruieren. Seine farbliche Gestaltung sowie Details des ornamentalen Schmucks sind erst Dank der Steinfragmente erfahrbar. Diese Originale bezeugen, dass der Toraschrein nicht abgebaut, sondern regelrecht zertrümmert wurde: Die Steine zeigen die Spuren roher Gewaltanwendung. Sie sind in ihrer Unmittelbarkeit und Haptik ein seltenes und eindrucksvolles Zeugnis des Pogroms vom 9. und 10. November 1938 sowie der nachfolgenden radikalen Zerstörung der Synagoge.
Auf metahubfrankfurt.de sind sie nun einzeln mit Fotografien, Maßen und Beschreibung zu sehen. Aktuell werden die Fragmente im Depot des Archäologischen Museums Frankfurt in 3D gescannt, auch diese Scans sollen online zur Verfügung gestellt werden.

Screenshot der Rubrik „Durchstöbern“ von metahubfrankfurt.de.
In der Rubrik „Durchstöbern“ von metahubfrankfurt.de kann nach Objekten, Geschichten und Orten gesucht werden. Ein Klick auf einen Treffer führt weiter zu allen bekannten Details.

Screenshot der Objektseite auf metahubfrankfurt.de.
Auf der Detailseite zu jedem Objekt stehen eine Fotografie, ein einleitender Text sowie weitere Metadaten zur Verfügung: Im Falle des Archäologischen Museums aktuell Titel, Datierung, Ort, Material und Technik sowie die Bildlizenz.
Die archäologischen Funde werden flankiert von Objekten aus dem Jüdischen Museum Frankfurt, darunter ein Modell der Synagoge, einige Judaica, eine Fotografie vom Innenraum der Synagoge und Zeichnungen sowie eine Grabungsskizze vom Börneplatz. Aus dem Historischen Museum Frankfurt kommen zahlreiche Fotografien und Bildpostkarten, die den Börneplatz und seine Bebauung im Lauf der Jahrzehnte zeigen. Insgesamt sind aus den drei Museen zum Launch rund 150 Objekte online gestellt worden.

Screenshot eines der Museums-Objekte in metahubfrankfurt.de.
Das Jüdische Museum benutzt in seiner Sammlungsdatenbank andere Felder als das Archäologische Museum; hier speisen sich zudem mehrere Einträge aus verschiedenen Thesauri.
Die Metadaten werden direkt aus den Sammlungsdatenbanken importiert. Die drei beteiligten Häuser arbeiten mit BeeCollect. In jeder hauseigenen Datenbank werden die gewünschten Objekte zu einer separaten Objektgruppe hinzugefügt, dann wird die Objektgruppe mit Hilfe eines von der Firma Solvatec entwickelten Custom Plug-Ins nach zuvor definierten Spezifikationen als json-Datei exportiert. Die Export-Files enthalten die relevanten Metadaten zu den Objekten, auch Fotografien werden mitübermittelt. Diese Metadaten werden auch weiterhin ausschließlich in den BeeCollect-Instanzen der Häuser bearbeitet, sodass im Falle von Überarbeitungen nur eine Version existiert. Jede Nacht erfolgt ein Export, damit auch auf der Plattform metahubfrankfurt.de Korrekturen und Ergänzungen zeitnah synchronisiert werden können.
Die Plattform basiert auf einem Django-Framework, das von der niederländischen Agentur Fabrique erstellt wurde und eine adaptierte Weiterentwicklung der Online-Sammlung des Jüdischen Museums Frankfurt darstellt. Dort werden die Daten aus den drei Museen gemappt, sodass die Ausgabe für die Nutzerinnen und Nutzer weitgehend einheitlich aussieht, auch wenn die Schreibanweisungen der Häuser voneinander abweichen. An diesem Punkt wird der interdisziplinäre Ansatz zur Herausforderung, da die Anforderungen der einzelnen Museen an ihre Datenbanken teilweise stark divergieren: Für das Jüdische Museum und das Historische Museum ist beispielsweise das Feld „Künstler“ bzw. „Hersteller“ wichtig; im Archäologischen Museum wird es aufgrund des Alters der Sammlungsobjekte nicht genutzt. Im Sinne einer einheitlichen Nutzererfahrung werden auf metahubfrankfurt.de Felder nur dann ausgespielt, wenn sie ausgefüllt sind.
Gemäß den Förderbedingungen der Kulturstiftung des Bundes müssen alle mit Projektmitteln finanzierten Komponenten Open Source sein. Der Code für das METAhub-Framework wurde dementsprechend auf GitHub[1] veröffentlicht, sodass ähnliche Kooperationen von Museen maßgeblich erleichtert werden. Auch in Frankfurt am Main ist dieser Launch nur die erste Phase: Einer der Wünsche, den das Kulturdezernat mit seiner Beteiligung am Projekt verknüpft, ist die Anschlussfähigkeit für alle Museen der Stadt Frankfurt sowie das Institut für Stadtgeschichte. Perspektivisch Daten aus weiteren Häusern einbinden zu können, war daher eine der Anforderungen an die Entwicklerinnen und Entwickler.
Mehr als eine Datenbank
Objekte sind nur eine von mehreren Taxonomien im METAhub-Framework. Schon auf der Startseite sind darüber hinaus ausgewählte Geschichten und Orte im Fokus. Geschichten sind Content Pages, auf denen mit Hilfe von Text und verschiedenen Medien Inhalte aufgearbeitet werden können – sei es die Vorstellung eines künstlerischen Projekts oder einer Ausstellung.
Als Orte sind zum Launch der Börneplatz, die Börneplatz-Synagoge und der Toraschrein enthalten. Zu jedem Ort gibt es die Möglichkeit, Inhalte analog zu den Geschichten zu kuratieren, um beispielsweise die Geschichte der Synagoge zu erzählen. Dazu können die Objekte, die am jeweiligen Ort gefunden wurden, verknüpft werden, zum Beispiel Bodenfliesen oder Fotografien vom Innenraum der Synagoge.

Screenshot der topografischen Verortung der Objekte in metahubfrankfurt.de.
Schon auf der Startseite wird die Verbindung zum Stadtraum hergestellt: Ein Klick auf einen der Namen führt zur Geschichte des Ortes und zu den Objekten, die dazugehören.
So ergibt sich ein flexibles System, das Storytelling über verschiedene Ebenen hinweg ermöglicht und offen genug ist, die Brücke zwischen Ausstellungen und performativen Formaten zu schlagen.
Im kommenden Jahr soll eine App entstehen, die zunächst drei Orte im Frankfurter Stadtraum, darunter die Börneplatz-Synagoge, in Augmented oder Mixed Reality erfahrbar macht. Sie soll mit den 3D-Scans der Museumsobjekte arbeiten und ebenfalls über das METAhub-Framework mit Inhalten befüllt werden.
Deskriptoren
Archiv, Dokumentation, Museum, Geschichte, Informationssystem, Visualisierung, Website, Frankfurt am Main, Judentum
Literatur
Wolfgang David/Thomas Flügen, Der Thoraschrein der Synagoge am Börneplatz. Archäologisches Museum Frankfurt – Publikatio-nen 1. Frankfurt am Main 2020. ISBN 978-3-88270-510-2Suche in Google Scholar
© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Frontmatter
- Informationsgesellschaft
- Vertrauen und Verantwortung
- Informationsverhalten
- Daseinsbezogene Informationskompetenz in ländlichen Räumen (DILRA)
- Digitales Museum
- Das digitale Jüdische Museum Frankfurt
- Digitaler Stadtraum
- METAhub Frankfurt – Kultur im digitalen und öffentlichen Raum
- Informationswissenschaft
- Zur gesellschaftlichen Verantwortung der Informationswissenschaften
- Tagungsbericht
- Barrierefreiheit digital und analog gedacht
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- Interdisziplinäre Forschungszugänge zu Wissenschaftskommunikation und Informationsverhalten in der Corona-Pandemie
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- Terminkalender 2022
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