Erfahrung und Stereotyp an der elsässischbadischen Grenze – Repräsentationen der Anderen und ihre narrative Verarbeitung
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Martin Pfeiffer
und Peter Auer
Abstract
In diesem Beitrag analysieren wir narrative Interviewpassagen, in denen elsässische und badische Informant/innen von grenzüberschreitenden Alltagserfahrungen berichten. Wir gehen zum einen der Frage nach, ob der Dialekt heute noch eine tragfähige Ressource für die Kommunikation über den Rhein hinweg ist; zum anderen rekonstruieren wir die stereotypen Vorstellungen, die Elsässer und Badener in der Grenzregion voneinander haben. Die Beurteilung der Möglichkeit grenzüberschreitender Kommunikation fallt auf den beiden Rheinseiten recht unterschiedlich aus. Wahrend die Elsässer die Verständigung über den Rhein hinweg zumeist als relativ unproblematisch wahrnehmen, erleben die Badener die Kommunikationsversuche mit Elsässern oftmals als Scheitern. Viele Badener unterstellen den Elsässern, absichtlich nicht mit ihnen Deutsch zu reden, obwohl sie es konnten. Hinter diesem auf den Sprachgebrauch bezogenen Stereotyp steht zum einen die Vorstellung der Badener von Monolingualität als Norm, zum anderen die Annahme, dass es sich beim Elsässischen um einen Teil ‚des Deutschen‘ handle. Die unterschiedlichen Sprachgebrauchsnormen im Elsass werden dabei ebenso wenig berücksichtigt wie das Verständnis der Elsässer ihrer eigenen Sprache als unabhängige Regionalsprache Frankreichs. Insgesamt ist die grenzübergreifende Kommunikation im Oberrheingebiet aus verschiedenen Gründen prekär geworden. Die Stereotype über die Anderen sind auf beiden Rheinufern durchaus ähnlich, nämlich zumeist negativ. Wo die Elsässer den Deutschen „Zack-Zack“- Mentalität, fehlende Höflichkeit und Rücksichtslosigkeit zuschreiben, unterstellen die Badener den Franzosen, dass sie rücksichtslos, frech und laut sind. Insgesamt belegen die Erzählungen die Konstruktion einer starken, national motivierten Alterität entlang der politischen Grenze. Ihr steht nur vereinzelt eine schwächere, regionale Identität gegenüber, die in Baden starker sprachlich begründet zu sein scheint als im Elsass.
Abstract
In diesem Beitrag analysieren wir narrative Interviewpassagen, in denen elsässische und badische Informant/innen von grenzüberschreitenden Alltagserfahrungen berichten. Wir gehen zum einen der Frage nach, ob der Dialekt heute noch eine tragfähige Ressource für die Kommunikation über den Rhein hinweg ist; zum anderen rekonstruieren wir die stereotypen Vorstellungen, die Elsässer und Badener in der Grenzregion voneinander haben. Die Beurteilung der Möglichkeit grenzüberschreitender Kommunikation fallt auf den beiden Rheinseiten recht unterschiedlich aus. Wahrend die Elsässer die Verständigung über den Rhein hinweg zumeist als relativ unproblematisch wahrnehmen, erleben die Badener die Kommunikationsversuche mit Elsässern oftmals als Scheitern. Viele Badener unterstellen den Elsässern, absichtlich nicht mit ihnen Deutsch zu reden, obwohl sie es konnten. Hinter diesem auf den Sprachgebrauch bezogenen Stereotyp steht zum einen die Vorstellung der Badener von Monolingualität als Norm, zum anderen die Annahme, dass es sich beim Elsässischen um einen Teil ‚des Deutschen‘ handle. Die unterschiedlichen Sprachgebrauchsnormen im Elsass werden dabei ebenso wenig berücksichtigt wie das Verständnis der Elsässer ihrer eigenen Sprache als unabhängige Regionalsprache Frankreichs. Insgesamt ist die grenzübergreifende Kommunikation im Oberrheingebiet aus verschiedenen Gründen prekär geworden. Die Stereotype über die Anderen sind auf beiden Rheinufern durchaus ähnlich, nämlich zumeist negativ. Wo die Elsässer den Deutschen „Zack-Zack“- Mentalität, fehlende Höflichkeit und Rücksichtslosigkeit zuschreiben, unterstellen die Badener den Franzosen, dass sie rücksichtslos, frech und laut sind. Insgesamt belegen die Erzählungen die Konstruktion einer starken, national motivierten Alterität entlang der politischen Grenze. Ihr steht nur vereinzelt eine schwächere, regionale Identität gegenüber, die in Baden starker sprachlich begründet zu sein scheint als im Elsass.
Kapitel in diesem Buch
- Frontmatter I
- Inhalt V
- Vorwort 1
- Vom Sprechen zur Sprache. Versuch über die variationslinguistische Praxis des Begrenzens 9
- Die Grenzdialekte des Deutschen 31
- Die deutsch-dänische Grenze von 1920 als Zäsur 55
- Dialektologische Methoden in einer Grenzregion 77
- Grenzüberschreitung diesseits der Grenze 99
- Erdäpfel vs. Ardäbbel – Sprechlagenspektren und Isoglossenwahrnehmung im westerzgebirgisch-kernvogtländischen Raum 121
- Erfahrung und Stereotyp an der elsässischbadischen Grenze – Repräsentationen der Anderen und ihre narrative Verarbeitung 143
- Synchronisierung und Sprachdynamik im deutsch-österreichischen Grenzraum 179
- Interferenzen zwischen Standardsprache und Dialekt und die Chance des bayerischsalzburgischen Grenzgebietes 207
- Der Einfluss der Deutsch-Schweizer Staatsgrenze auf das alemannische Dialektkontinuum 227
- Politische Grenzen – Sprachliche Grenzen? 249
- Register 253
Kapitel in diesem Buch
- Frontmatter I
- Inhalt V
- Vorwort 1
- Vom Sprechen zur Sprache. Versuch über die variationslinguistische Praxis des Begrenzens 9
- Die Grenzdialekte des Deutschen 31
- Die deutsch-dänische Grenze von 1920 als Zäsur 55
- Dialektologische Methoden in einer Grenzregion 77
- Grenzüberschreitung diesseits der Grenze 99
- Erdäpfel vs. Ardäbbel – Sprechlagenspektren und Isoglossenwahrnehmung im westerzgebirgisch-kernvogtländischen Raum 121
- Erfahrung und Stereotyp an der elsässischbadischen Grenze – Repräsentationen der Anderen und ihre narrative Verarbeitung 143
- Synchronisierung und Sprachdynamik im deutsch-österreichischen Grenzraum 179
- Interferenzen zwischen Standardsprache und Dialekt und die Chance des bayerischsalzburgischen Grenzgebietes 207
- Der Einfluss der Deutsch-Schweizer Staatsgrenze auf das alemannische Dialektkontinuum 227
- Politische Grenzen – Sprachliche Grenzen? 249
- Register 253