Startseite Germanistische Linguistik Interferenzen zwischen Standardsprache und Dialekt und die Chance des bayerischsalzburgischen Grenzgebietes
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Interferenzen zwischen Standardsprache und Dialekt und die Chance des bayerischsalzburgischen Grenzgebietes

  • Markus Kunzmann
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Abstract

Im Gegensatz zu den meisten Grenzen, die innerhalb eines Staates vorzufinden sind, sind die sprachlichen Reflexe an einer Staatsgrenze deutlich wahrnehmbar. Dies kann sich im Wechsel der Dachsprache selbst äußern oder an den sprachlichen Merkmalen, durch die sich die Varietäten dies- wie jenseits einer Staatsgrenze unterscheiden lassen. Ausgehend von dieser Beobachtung wird in diesem Beitrag zuerst der Blick auf das Konstrukt einer Staatsgrenze gerichtet und dargelegt, dass Divergenz durch das Behindern oder Verhindern von Sprachkontakt hervorgerufen werden kann. Da sprachliche Divergenz auch dort auftreten kann, wo Sprachkontakt grundsätzlich möglich wäre, kann die Ursache hierfür in der identitätsstiftenden Funktion von Sprache gesucht werden. Im Anschluss wird auf den Begriff der Amtssprache eingegangen und hervorgehoben, dass es noch weitere Spezifizierungen des Begriffes gibt. Diese Heterogenität zeigt sich auch innerhalb des kontinentalwestgermanischen Sprachkontinuums, wobei gezeigt werden kann, dass in Bezug auf die Amtssprache die Situation zwischen Deutschland und Osterreich die meisten Gemeinsamkeiten vorweist. An der gemeinsamen Grenze dieser beiden Staaten sind im Bereich der gesprochenen Sprache trotz der ähnlichen Ausgangslage Divergenzprozesse zu beobachten. Beide Staaten haben unterschiedliche Standardvarietäten des Deutschen herausgebildet. Diese Plurizentrizität des Deutschen konnte bei Divergenzprozessen auf der Ebene der gesprochenen Sprache eine Rolle spielen. Dieser Faktor kann am besten dort untersucht werden, wo über die gemeinsame Amtssprache hinaus die größten Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten der Grenze auszumachen sind. Diese findet sich in einer historischen Region im heutigen Grenzgebiet, dem ehemaligen Fürsterzbistum Salzburg, das bis 1816 bestand. Teil dieser historischen Region ist heute der Rupertiwinkel auf deutscher und der Salzburger Flachgau auf österreichischer Seite, die sich seit der Trennung sprachlich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Die diachrone Untersuchung der dialektalen Ebene unter der Berücksichtigung der Plurizentrizität des Deutschen könnte nicht nur Aufschluss darüber geben, wie und auf welche Bereiche des dialektalen Sprachsystems die Standardsprache wirkt, sondern konnte auch neue Erkenntnisse darüber liefern, in welcher Weise sich das u. a. quantitative Ungleichgewicht zwischen bundesdeutschem und österreichischem Standarddeutsch in Sprachwandelprozessen bemerkbar macht. Das beschriebene Gebiet ist Mittelpunkt des Dissertationsprojekts des Autors, das sich mit dem Spannungsfeld zwischen Dialekt und Standardvarietät in der Grenzregion auseinandersetzt.

Abstract

Im Gegensatz zu den meisten Grenzen, die innerhalb eines Staates vorzufinden sind, sind die sprachlichen Reflexe an einer Staatsgrenze deutlich wahrnehmbar. Dies kann sich im Wechsel der Dachsprache selbst äußern oder an den sprachlichen Merkmalen, durch die sich die Varietäten dies- wie jenseits einer Staatsgrenze unterscheiden lassen. Ausgehend von dieser Beobachtung wird in diesem Beitrag zuerst der Blick auf das Konstrukt einer Staatsgrenze gerichtet und dargelegt, dass Divergenz durch das Behindern oder Verhindern von Sprachkontakt hervorgerufen werden kann. Da sprachliche Divergenz auch dort auftreten kann, wo Sprachkontakt grundsätzlich möglich wäre, kann die Ursache hierfür in der identitätsstiftenden Funktion von Sprache gesucht werden. Im Anschluss wird auf den Begriff der Amtssprache eingegangen und hervorgehoben, dass es noch weitere Spezifizierungen des Begriffes gibt. Diese Heterogenität zeigt sich auch innerhalb des kontinentalwestgermanischen Sprachkontinuums, wobei gezeigt werden kann, dass in Bezug auf die Amtssprache die Situation zwischen Deutschland und Osterreich die meisten Gemeinsamkeiten vorweist. An der gemeinsamen Grenze dieser beiden Staaten sind im Bereich der gesprochenen Sprache trotz der ähnlichen Ausgangslage Divergenzprozesse zu beobachten. Beide Staaten haben unterschiedliche Standardvarietäten des Deutschen herausgebildet. Diese Plurizentrizität des Deutschen konnte bei Divergenzprozessen auf der Ebene der gesprochenen Sprache eine Rolle spielen. Dieser Faktor kann am besten dort untersucht werden, wo über die gemeinsame Amtssprache hinaus die größten Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten der Grenze auszumachen sind. Diese findet sich in einer historischen Region im heutigen Grenzgebiet, dem ehemaligen Fürsterzbistum Salzburg, das bis 1816 bestand. Teil dieser historischen Region ist heute der Rupertiwinkel auf deutscher und der Salzburger Flachgau auf österreichischer Seite, die sich seit der Trennung sprachlich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Die diachrone Untersuchung der dialektalen Ebene unter der Berücksichtigung der Plurizentrizität des Deutschen könnte nicht nur Aufschluss darüber geben, wie und auf welche Bereiche des dialektalen Sprachsystems die Standardsprache wirkt, sondern konnte auch neue Erkenntnisse darüber liefern, in welcher Weise sich das u. a. quantitative Ungleichgewicht zwischen bundesdeutschem und österreichischem Standarddeutsch in Sprachwandelprozessen bemerkbar macht. Das beschriebene Gebiet ist Mittelpunkt des Dissertationsprojekts des Autors, das sich mit dem Spannungsfeld zwischen Dialekt und Standardvarietät in der Grenzregion auseinandersetzt.

Heruntergeladen am 3.2.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110571110-010/html
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