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Westenfeindlichkeit in den islamischen Ländern

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Published/Copyright: March 9, 2023
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Zusammenfassung

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der wachsenden Westenfeindlichkeit in den islamischen Ländern, welches derzeit vor allem in Medien und Politik konstruiert wird und die Wahrnehmung der westlichen Staaten und ihrer Werte maßgeblich beeinflusst, so dass die Verwestlichung mit moralischer Dekadenz in der Welt gleichgesetzt wird. Das Ziel dieses Beitrages besteht darin, die politischen und islamistischen Hintergründe der Westenfeindlichkeit zu erschließen und die aktuellen Diskussionen zur Stellung der westlichen Werte in islamisch geprägten Kulturen zu erörtern.

Abstract

This article deals with the growing hostility towards the Western world in Islamic countries, which is currently being constructed above all in the media and in politics and is significantly influencing the perception of Western states and their values, so that westernisation is equated with moral decadence in the world. The aim of this paper is to describe the political and Islamist backgrounds of hostility towards the Western world and discuss the consequences of the current discussions in Islamic-influenced cultures.

Im 20. Jahrhundert war die islamische Welt politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell im Niedergang begriffen, während der Westen in allen Bereichen aufblühte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sich die im Niedergang befindlichen islamischen Staaten ihrer Lage und der damit verbundenen Gefahr bewusst und versuchten, durch die Verwestlichung ihre Lage zu verbessern. Den meisten muslimischen Staaten ist es jedoch weder wirtschaftlich noch wissenschaftlich gelungen, sich zu entwickeln, alle Maßnahmen in verschiedenen Lebensbereichen scheiterten an der gesellschaftlichen Wirklichkeit der jeweiligen Länder und verursachten soziale und religiöse Spannungen in den islamischen Gesellschaften. In diesem Beitrag versuche ich, nach einem kurzen historischen Rückblick am Beispiel einiger islamischer Länder, die wachsende Westenfeindlichkeit als eine Antwort auf das Scheitern der Modernisierung dieser muslimisch geprägten Länder aufzuzeigen und die Hintergründe der aktuellen Westenfeindlichkeit zu diskutieren.

1. Verwestlichung

Bevor wir uns mit dem Begriff der Verwestlichung auseinandersetzen, ist es sinnvoll, zunächst zu klären, was Musliminnen und Muslime unter „Westen“ verstehen. Wo der Westen anfängt und aufhört, ist in den aktuellen politischen Diskussionen unklar. Klar ist jedoch, was man damit meint. Gemeint sind Europa, die USA und Länder, die sich mit europäischen Werten identifizieren und sich untereinander solidarisieren. Obwohl Israel geografisch nicht im Westen liegt, wird es aus dieser Denkweise heraus zu den westlichen Staaten gezählt. Nicht selten werden Osten und Westen auch als Grenze zwischen Islam und Christentum verstanden.

Verwestlichung ist ein Diskurs, der sich an nicht-westliche Gesellschaften richtet. Dieser Diskurs beinhaltet Rückständigkeit in soziokultureller, ökonomischer und auch wissenschaftlicher Hinsicht, gepaart mit dem Wunsch, den Entwicklungsstand des Westens zu erreichen. Nicht-westliche Gesellschaften haben die Verwestlichung als Mittel zur Überwindung ihrer historischen Rückständigkeit gesehen, um den Standard der westlichen Staaten zu erreichen. Wenn die Modernisierung auch ohne die Verwestlichung zu erreichen ist, wird die Modernisierungsdebatte in den islamischen Ländern ständig mit dem Westen in Verbindung gebracht.

Mit dem Beginn der Verwestlichung islamischer Länder begann eine heftige Debatte unter Musliminnen und Muslimen, in der die Intellektuellen eine teilweise oder vollständige Verwestlichung befürworteten. Das Verständnis der Verwestlichung hat die Geschichte der muslimischen Länder im Prozess der Modernisierung dominiert.

Die Modernisierung dieser Länder ist jedoch nicht auf erwünschte Weise vorangekommen, daher konnten sich diese Länder von ihrer politisch-gesellschaftlichen Krise nicht erholen. Die Gegner der Verwestlichung argumentierten, dass die islamische Zivilisation dem Westen gegenüber überlegen sei und die Verwestlichung bei Musliminnen zu Orientierungslosigkeit führe. Diese Debatte ist durch die Stärkung der Islamisierung in den muslimischen Ländern noch stärker geworden, sodass einige Autoren die Verwestlichung als „eine Ideologie der Verlierer“ bezeichnen.

„Warum haben wir verloren und wie können wir uns von dieser Niederlage befreien? Was sollen wir gegen die tun, die uns besiegen, damit wir nicht besiegt werden? So ist das Phänomen entstanden, das wir als Verwestlichung bezeichnen.“

Weitere Autorinnen und Autoren in der Gegenwart betrachten die Verwestlichung als Ende der islamischen Zivilisation und den Westen als eine Bedrohung für Musliminnen und Muslime. So vergleicht Qutb, ein bedeutender ideologischer Vordenker der ägyptischen Muslimbruderschaft, die westlichen Gesellschaften mit den vorislamischen Mekkanern, die seiner Auffassung nach in Ignoranz (Dschahilya) lebten und eine Gefahr für muslimische Menschen darstellten. In dieser Tradition wächst die Zahl der Autorinnen und Autoren, die den Westen als Quelle von Krieg, Ausbeutung und Vertreibung verteufeln.

„Das Europäische Parlament ist ein Parlament des Satans. Diese Wahrheit sollte als Charaktereigenschaft der Muslim*innen verinnerlicht werden.“

In diesen aktuellen Debatten außerhalb des intellektuellen Diskurses ist das Bild des Westens von Vorurteilen und Feindseligkeiten geprägt. Dem Westen werden Materialismus, Gottlosigkeit (Säkularismus), Kampf gegen den Islam, Arroganz, Menschenfeindlichkeit und Rassismus unterstellt.

Im Folgenden soll auf die Hintergründe der Westenfeindlichkeit unter den mehrheitlich muslimischen Ländern eingegangen werden. Wenn in diesem Beitrag von den muslimischen Ländern gesprochen wird, soll dies keine Pauschalierung der 1,5 Milliarden muslimischen Menschen bedeuten. Wie in jeder Gesellschaft gibt es auch in den muslimisch geprägten Ländern unterschiedliche politische und theologische Positionen, die nicht selten aufeinanderprallen. In diesem Beitrag werden die Hintergründe der wachsenden Westenfeindlichkeit in einigen muslimisch geprägten Ländern beschrieben, ferner wird der Frage nachgegangen, welche Hintergründe als politische und theologische Begründung für die Westenfeindlichkeit dienen und wie die Westenfeindlichkeit als Projektionsfläche für gesellschaftliche Missstände instrumentalisiert wird.

1.1 Dämonisierung des Westens

Nach Ansicht des Medienberaters Altun, der den türkischen Präsidenten mit Rat zur Seite steht, ist die antiwestliche Haltung eine universale Aufgabe, um Gerechtigkeit zu erreichen:

„Der ‚Anti-Westernismus‘ ist eine Folge der Hegemonie der westlichen Welt und der Existenz der westenfreundlichen Menschen. Den antiwestlichen Widerstand als Abweichung oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu behandeln, wird die Ungerechtigkeit in der Welt nur noch vergrößern.“

Diese Haltung, die in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat, ist eigentlich kein neues Phänomen. Die antiwestliche Rhetorik in den islamischen Ländern ist nicht nur auf bestimmte Politikerinnen und Politiker zu reduzieren, die sich durch ihre Rhetorik die Unterstützung verschiedener religiöser oder nationalistischer Gruppen erhoffen, sondern sie ist zu einem zentralen Bestandteil der nationalistischen und islamistischen Bewegungen geworden.

2. Hintergründe der Westenfeindlichkeit in den islamischen Ländern

Die Westenfeindlichkeit hat verschiedene Hintergründe, die nicht nur auf religiöse Argumentationen zurückzuführen sind. Hier möchte ich sie aus verschiedenen Perspektiven analysieren und auf die daraus folgenden Entwicklungen in der Gegenwart hinweisen.

2.1 Der Westen als Zentrum des Unheils in der Welt

Nach der Kolonialisierung verschiedener islamischer Staaten entstand eine Debatte darüber, wie die Niederlage der muslimischen Staaten zu verstehen sei bzw. wie diese und die in ihnen lebenden muslimischen Menschen aus dieser Krise herauskommen könnten. Islamische Reformer, darunter Jamal al-Dīn al-Afghānī (1839–97) und Muḥammad ‚Abduh (1849–1905), vertraten die Meinung, dass muslimische Gläubige westlichen Konzepte wie „Freiheit“ und „Individualismus“ übernehmen können. Al-Ṭahṭāwi ging einen Schritt weiter und vertrat die Meinung, dass das moderne Europa und insbesondere Frankreich die Norm der Zivilisation darstellten und die französischen Gesetze zwar nicht aus der Heiligen Schrift abgeleitet seien, aber Gerechtigkeit und Menschenrechte unterstützten.

Dass aus dieser Debatte eine westenfeindliche Ideologie entstehen konnte, ist der Bewegung der Muslimbruderschaft zuzuschreiben, die immer noch in den islamischen Ländern unter den verschiedenen ideologischen Richtungen die Grundlagen der Westenfeindlichkeit prägen. Diesen Ideologien zufolge steht der Westen dem Islam feindlich gegenüber und ist nicht in der Lage, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Die westliche Zivilisation sei eine Zivilisation der Materie, des Tötens, des Krieges, des Sieges und der Herrschaft. Der wahre Feind muslimischer Menschen sei der säkulare, materialistische, individualistische Westen. Die USA und Europa mögen gegensätzliche Interessen verfolgen, wenn es aber um die Beherrschung der islamischen Länder gehe, würden diese Uneinigkeiten beiseitegelegt.

2.2 Moral im Westen

Dieser Ideologie zufolge befindet sich der Westen in einer moralischen Dekadenz, weil in diesen Gesellschaften uneheliche, sogar abnormale sexuelle Beziehungen nicht mehr als Schande gesehen werden. Große Medienhäuser, die fast überall auf der Welt von einer Handvoll Juden kontrolliert würden, förderten Unmoral in der Welt.

„Obwohl die westliche Zivilisation viele wertvolle Entwicklungen für die Menschheit mit sich gebracht hat, trägt [sie] trotzdem für tausende von Morallosigkeit und Verbrechen die Verantwortung. Die Wünsche und Fantasien dieser Lebensweise zerstören nicht nur die Psychologie der Menschen, sondern gefährden auch das Leben der Menschen.

Es ist eine bittere Wahrheit, dass dieser wissenschaftliche Prozess nichts Positives zum spirituellen Leben der Menschen beiträgt und sein soziales Leben erheblich beeinträchtigt.“

Die Freiheit im Westen ist eine besondere Grundlage für die westenfeindlichen Positionen in den islamischen Ländern. In den Medien, religiösen Einrichtungen und politischen Debatten werden muslimische Bürger vor dem moralischen Verfall im Westen gewarnt. Vor allem wird die Rolle der Frauen in der Öffentlichkeit als eine besondere Gefahr für die muslimischen Familien dargestellt. Schlagwörter wie „Verwestlichung“, „westliche Dekadenz“ bilden die Grundlage für die Identitätskonstruktion der aktuellen islamistischen Bewegungen und politischen Parteien in den islamischen Ländern.

„O Frauen! Tappen Sie nicht in diese Fallen der doppelmoralischen Schwindler, die behaupten, modern, säkular, fortschrittlich und liberal zu sein. Sehen Sie doch, wozu ihre vergoldeten Aussagen über Freiheit, Gleichheit usw. die Frauen in der westlichen Welt gebracht haben. Heute ist die Frau im Westen zu einem ‚Sexualobjekt‘ und sogar zu einer ‚Sexsklavin‘ geworden.“

2.3 Westliche Wissenschaft und Islam

Laut den westenfeindlichen Argumentationen in den islamischen Ländern ist das breite Wissenschaftsverständnis des Westens ein weiteres Problem für die islamischen Gesellschaften, da die Religion keine Rolle mehr in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre spielt und nicht in den Bereich der wissenschaftlichen Erkenntnis fällt. Aus diesem Grund sei es notwendig, sich in der islamischen Forschung nicht auf die Methoden des westlichen Denkens zu verlassen. Sogar beim Studium der Naturwissenschaften sollen die muslimischen Studierenden die islamischen Prinzipien nicht aus den Augen verlieren. Aufgrund dieser Umstände warnt Qutb, dass sie bei der Aneignung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse aus westlichen Quellen darauf achten sollten, ob diese Wissenschaften mit philosophischen Interpretationen verbunden sind, denn diese Interpretationen, und seien es noch so wenige, zielten darauf ab, den islamischen Frühling zu vergiften. So würden beispielsweise Philosophie, Geschichte, Psychologie, Ethik, vergleichende Religionsgeschichte, statistische Daten und die daraus abgeleiteten Ergebnisse und Interpretationen unmittelbar von den Überzeugungen und Gedanken der Unwissenheit beeinflusst. Die offenen oder verdeckten methodologischen Prinzipien der westlichen Wissenschaften stünden dem religiösen Denken im Allgemeinen und dem islamischen Denken im Besonderen feindlich gegenüber.

Aus dieser Grundhaltung heraus ist eine fragwürdige Bewegung entstanden, vor allem unter dem Einfluss von Ismail Raji al-Faruqi (1982) und Naqib al-Attas (1978, 1980), die in den islamistischen Ideologien sehr geschätzt werden: die Bewegung „Islamization of Knowledge“ verfolgt das Ziel, die islamischen Wissenschaften vor dem Einfluss des Westens zu schützen.

„The crisis is especially vexatious for Muslims. By virtue of our submission to western intellectual, cultural, and institutional influences and the impact that these have had on our lives, we are now full partners in the worldwide crisis. Our relationship with the West is no longer marginal, as some continue to believe. We and the rest of the world have accepted its methodology, worldview, and perspectives on history, science, knowledge, culture, progress, and so on. What, then, is this Islamization of Knowledge proposal? What solutions does it offer to the crises of thought that presently plague the world, and how can these solutions be realized? As indicated earlier, the Islamization of Knowledge may be brought about through combined readings of the two books and, based upon their similarity and complementarity, the establishment of a methodology for research and discovery. The Qur’an, like the natural universe, bespeaks and directs toward the other: The Qur’an is a guide to the real-existential, and the real-existential is a guide to the Qur’an. Moreover, true knowledge is attained only through a complementary reading – a “combining” – of these two sources. “

Nach al Attas kommen aus dem Westen schwerwiegende und zerstörerische Probleme in die islamische Welt und schädigen dadurch die Wissenschaften. Die westlichen Wissenschaften sähen zwar wie Wissenschaft aus, seien aber in Wirklichkeit keine Wissenschaften, weil sie Verwirrung verursachten und die Menschen zu einer relativistischen Sichtweise führten. Um die islamischen Wissenschaften vor diesem Verfall zu bewahren, sollte man die Wissenschaften vor dem westlichen Einfluss schützen.

„‚De-Westernization concept of Naquib al-A‘ as is the first step to Islamization. This process has a main character before going to the kernel of Islamization. In brief summary, de-westernization is used as a response toward Westernization.“

Die Bewegung, die zu keinem Erfolg in den islamischen Ländern führte, laut einigen Autorinnen und Autoren sogar gescheitert ist, genießt in Bewegungen des politischen Islam wie Milli Görüs oder der Muslimbruderschaft immer noch breite Anerkennung.

2.4 Kapitalismus und Ausbeutungswirtschaft

Laut einem der Wegbereiter der Westenfeindlichkeit, Qutb, ist der Kapitalismus in Europa entstanden. Dieser verletze die höheren Werte des Menschen, korrumpiere seine Moral und sein Gewissen, habe alles, was die Gerechtigkeit aufrechterhält, umgestoßen, die notwendige Solidarität zwischen Staat und Volk beseitigt, das Elend in seinem ganzen Ausmaß verbreitet und den Frieden hinweggefegt. Daher könne man nicht sagen, dass dieses System für die Menschen und den Geist der Religion geeignet ist. Nach seiner Auffassung beruht die westliche Zivilisation auf Individualismus, der ein übermäßig profitorientiertes, zinstragendes, kapitalistisches System darstellt.

Auch der Begründer der Milli-Görüş-Bewegung, Erbakan, führte einen Krieg gegen die Wirtschaftssysteme im Westen und warnte muslimische Menschen davor. Ihm zufolge basiert das Wirtschaftssystem in Westen auf Zinsen und beutet die Menschen aus. Aus diesem Grund sei es notwendig, die moralischen Gebote des Islam in die Wirtschaft einzuführen und dadurch soziale Gerechtigkeit herzustellen.

Qutb oder Erbakan sehen im europäischen Banksystem den Grund für die moralische Dekadenz in Europa. In dieser Richtung macht auch der türkische Präsident populistische Aussagen und möchte das Wirtschaftssystem in der Türkei nach islamischen Prinzipien gestalten:

„Sie kritisieren uns, womit? Wir senken die Zinssätze! Erwarten Sie nichts anderes von mir. Als Muslim werde ich weiterhin tun, was das Gebot Gottes verlangt.“

2.5 Säkularismus im Westen als Krieg gegen die politischen Ansprüche des Islam

Nach Al Qaradawi fordert der Islam mit seinen materiellen und moralischen, individuellen und sozialen Ansprüchen den Säkularismus heraus. Der Kampf zwischen Islam und Säkularismus sei somit unausweichlich. Gemäß dem Islam sei das Leben eine Ganzheit und eine Trennung zwischen Staat und Religion nicht möglich.

Chomeini vertritt eine ähnliche Meinung: „Eine Sammlung von Gesetzen genügt nicht, um die Gesellschaft zu verbessern. Man braucht eine Exekutive, um die Gesetze zum Wohle der Menschen in die Tat umzusetzen. Daher hat Gott, der Allmächtige, nicht nur Gesetze, d. h. das islamische Gesetzeswerk offenbart, sondern auch einen Staat, eine Exekutive und ein Verwaltungssystem geschaffen.“

Ein wichtiger Ideologe der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, Muhammad Asad, lehnt einen säkularen Staat ab und verurteilt mit einer ausführlichen Darstellung der Prinzipien eines islamischen Staates demokratische Prinzipien der westlichen Staaten als unislamisch:

„Briefly, in a modern ‚secular‘ state there is no stable norm by which to judge between good and evil, and between right and wrong. The only possible criterion is ‚nation’s interest‘“

In dieser Richtung argumentiert auch Erbakan und weist auf die Untrennbarkeit von Politik und Islam hin:

„Zu sagen, dass mich die Politik nicht interessiert, bedeutet, dass mich die Hälfte des Korans nicht betrifft.“

Wenn Erbakan sagt, dass die Nachahmung europäischer Strukturen durch die Musliminnen und Muslime zur Identitätskrise in den muslimischen Staaten geführt habe, macht er den Westen dafür verantwortlich und identifiziert den Westen als einzigen Feind muslimischer Menschen.

Unter den Musliminnen und Muslimen in Europa mag der Begriff „Politischer Islam“ unterschiedliche Debatten verursachen, in den islamischen Ländern wird genau das als ein besonderes Merkmal des Islam hervorgehoben:

„Diejenigen, die den Islam von der Politik trennen, sollten wissen, dass sie dadurch die Politik entmoralisieren […] die Muslim*innen, die Politik nicht ernst nehmen, werden von den Politikern regiert, die den Islam nicht ernst nehmen.“

2.6 Kreuzritter und westlicher Imperialismus

Es ist in aktuellen Debatten sehr häufig zu beobachten, dass Europa als verborgenes Kreuzrittertum bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang soll der internationale Zionismus als Gefahr für muslimische Menschen nicht außer Acht gelassen werden.

„Die heutigen westlichen Imperialisten, die Nachfahren der Kreuzfahrer, können sich der Logik der Kreuzzüge nicht entziehen, um sich die Reichtümer des Ostens in der Vergangenheit und heute anzueignen. In der christlichen Welt gibt es immer noch eine ungerechtfertigte Islamophobie. Sie suchen nach Vorwänden und Gründen, um den Islam anzugreifen und den Reichtum der Muslim*innen zu erlangen. Was seit dem 11. September geschehen ist, ist in der Tat ein moderner Kreuzzug. Die Geschichte ist erneut Zeugin der Grausamkeit und Barbarei des Westens. Die Menschheit wird erneut Zeuge, wie der Westen für seine materielle Existenz große menschliche Krisen verursacht.“

In dieser Debatte werden immer wieder aus Koran und Sunnah Argumente für antiwestliche Positionen abgeleitet, so etwa seien die Christen und Juden niemals als Freunde anzunehmen. Ein Theologe (Imam), der in verschiedenen europäischen Ländern beruflich tätig war, berichtet über seine Erfahrungen:

„Ich halte es für richtig, unsere Leser an den Erfahrungen teilhaben zu lassen, die wir in den Jahren unseres Einsatzes in einigen europäischen Ländern gesammelt haben. Zunächst einmal sollten wir feststellen, dass der Spruch ‚Unglaube ist ein Volk‘ äußerst wahr, gerechtfertigt und angemessen ist. Auch wenn diese Ungläubigen untereinander streiten und sich von Zeit zu Zeit wegen ihrer Interessen bekämpfen, so wissen sie doch, wenn es um den Islam und die Muslime geht, sofort zusammenzukommen und eine Faust zu bilden. […] Ich habe persönlich miterlebt, wie diese Kreuzfahrer die oppositionellen Kräfte und Gruppen unterstützt haben, während wir in den Moscheen von DITIB in Deutschland und den Niederlanden dienten.“

Neben den westlichen Staaten werden auch Intellektuelle, Gruppen und Parteien, die westliche Werte verteidigen, als Diener der westlichen Kreuzfahrer herabgewürdigt und diffamiert. Ein erfolgreiches Referendum in der Türkei zeigte Präsident Erdogan, dass die Bezeichnung des Westens als Feind muslimischer Menschen eine breite Zustimmung bei seiner Wählerschaft findet.

„Wir haben noch viel zu tun. Wir sind uns dessen selbstverständlich bewusst. Die Kreuzfahrermentalität im Westen und ihre Handlanger im Inneren haben angegriffen.“

Es sind zahlreiche weitere Journalisten, Wissenschaftler und Autoren, die immer wieder dem Westen Kreuzrittergeist unterstellen und pauschal den Westen als Feind des Islam und der Musliminnen und Muslime verurteilen.

2.7 Zionismus und Juden

Eine weitere Feindschaft gegenüber dem Westen, vor allem den USA, wird damit begründet, dass der Westen Israel als Staat unterstützt und die Rechte der Palästinenser verachtet, weil die Palästinenser muslimisch seien.

„Ich teile die Unterstützung des Westens für Israel in drei Teile: Erstens hat der Westen Israel seit den 1930er Jahren unterstützt, egal, was es tut. Nach dem 2. Weltkrieg gibt es im Westen ein Schuldgefühl gegenüber Israel. Sie denken so, weil die Juden in Europa einem Völkermord ausgesetzt waren. Insbesondere Deutschland ist in dieser Hinsicht führend. Deshalb werden alle Flüsse aufhören zu fließen, wenn Israel etwas unternimmt. Der zweite Grund ist, dass Israel während des Kalten Krieges als das Banner des Westens wahrgenommen wurde. In einer Situation gegen Muslim*innen ist Israel die größte Front des Westens in dieser Geografie. Der dritte Grund hat mit dem heutigen Tag zu tun. Der Westen steht unweigerlich auf der Seite Israels, weil die HAMAS einige sunnitische Länder hinter sich schart und Israel herausfordert und konfrontiert.“

Nach einer Untersuchung der Kadir-Has-Universität in der Türkei sehen 60,2 % der Bevölkerung die USA als größte Gefahr für die Türkei, Israel folgt mit 54,4 %. Die überwiegende Mehrheit der türkischen Bevölkerung sieht die europäischen Staaten nicht als Freund der Türkei.

Der Gründer der Milli-Görüş-Bewegung, N. Erbakan, tätigte eine Aussage über die Zusammenhänge zwischen Zionismus, Europa und den USA, die die Haltung des politischen Islams eindeutig zum Ausdruck bringt:

„Das Gehirn des Monsters, das die Welt ausbeutet, ist der Zionismus, sein Herz ist der Kreuzritter Europa, seine rechte Hand ist Amerika, seine linke Hand ist Russland.“

2.8 Islamophobie und Westenfeindlichkeit

Mit Begriffen wie „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“, die seit dem 20. Jahrhundert in Medien und andere Publikationen verwendet werden, wird die vermeintliche Feindschaft gegenüber muslimischen Menschen beschrieben. Die Geschichte dieser Begriffe ist nicht alt, aber die inhaltliche Ausrichtung dieser Begriffe schließt an die historischen Argumente dem Westen gegenüber an, die ich teilweise in diesem Beitrag erwähnt habe. Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) versteht unter dem Begriff „Islamophobie“„die Diffamierung des Islam sowie von Persönlichkeiten und Symbolen, die den Muslim*innen heilig sind.“

Ob diese Begriffe, wie Islamophobie oder antimuslimischer Rassismus wirklich die bestehende Feindschaft gegenüber muslimischen Menschen im Westen erklären, wird nicht nur im Westen, sondern auch in den islamischen Ländern hinterfragt und unter „Muslimfeindlichkeit“ als allgemeiner Sammelbezeichnung zusammengefasst. In einem Islamophobiereport als „islamophob“ bezeichnete muslimische Intellektuelle wehrten sich gegen diese Unterstellung, da sie doch keine Angst vor dem Islam hätten und Kritik an islamischer Theologie nicht als Angst vor dem Islam verstanden werden dürfe.

Interessant ist auch, dass bestimmte Gruppen und Organisationen wie die Muslimbruderschaft vor allem in Europa und den USA mit dem Begriff eine angebliche Feindschaft gegenüber Musliminnen und Muslimen im Westen thematisieren. In anderen Ländern wie z. B. Indien, Kongo, Myanmars findet dieser Begriff kaum eine Anwendung.

Dass muslimische Menschen im Westen Feindseligkeiten gegenüberstehen, ist unstrittig. Auffallend ist jedoch, welche Gruppen und mit welchen Interessen mit diesem Begriff operieren.

In den letzten Jahren wird Islamophobie als Instrument von jenen Ländern gegenüber dem Westen verwendet, die Menschen- und Freiheitsrechte mit Füßen treten und Minderheitenrechte einschränken. Die Türkei hat in den letzten Jahren zahlreiche Symposien und Konferenzen zu diesem Thema organisiert und die Feindschaft muslimischen Menschen gegenüber – vor allem im Westen – als Menschenrechtsverletzung verurteilt.

In den Islamophobiedebatten islamischer Länder wird zwar die Muslimfeindlichkeit mithilfe aktueller Beispiele thematisiert, es werden jedoch die Hintergründe der aktuellen Ereignisse mit historischen und theologischen Argumentationen untermauert, wie etwa derjenigen, dass der Westen die Musliminnen und Muslime niemals dulden wolle und sie in der Zukunft auch nicht dulden würde. Die Argumentationslinie unterscheidet sich kaum von den westenfeindlichen Argumenten der Akteure und Akteurinnen des politischen Islam, wie al Banna, Qutb aus dem 19. Jahrhundert.

“Western animosity toward Islam and Muslims is not just a post 9/11 phenomenon. There are ample historical precedents. In the past, Islam and its followers became a new religio-political enemy for the Christians after most of the Middle East and North Africa, which had been under Christian Byzantine control, had come under Muslim rule in the seventh and eighth centuries. The Battle of Poitiers in 732, where the Franks defeated the invading Arabs, was still considered in the twentieth century to be the most decisive battle in early medieval European history.”

In diesen Diskussionen wird immer wieder eine Opferrolle der muslimischen Menschen thematisiert – die Terroranschläge, die Westenfeindlichkeit, die vielleicht auch Gründe der Muslimfeindlichkeit im Westen sein könnten, werden hingegen kaum angesprochen. Es wird lediglich fortwährend und wiederholt argumentiert, dass solche Terroranschläge mit dem Islam nichts zu tun hätten. Die Stimmen, die Musliminnen und Muslime zu einer kritischen Reflexion auffordern, werden als Feinde des Islam oder gekaufte Verräter verunglimpft.

3. Ausblick in die Zukunft

Die wachsende Westenfeindlichkeit in den islamischen Ländern wird als ein politisches Instrument von verschiedenen Gruppen und Parteien für ihre Interessen instrumentalisiert. In der Tat schätzen viele Musliminnen und Muslime Menschenrechte und Demokratie in den westlichen Staaten und würden auch gerne im Westen leben, aber die tiefverwurzelte Westenfeindlichkeit lässt sie nicht frei eigene Denkweise über den Westen reflektieren. Auch in Europa lebende Musliminnen und Muslime, die in verschiedenen Organisationen aktiv sind, tun sich sehr schwer, sich mit westlichen Werten zu identifizieren und sich als Teil der westlichen Gesellschaften zu betrachten.

Ich sehe eine mögliche Chance im Dialog und in der offenen Begegnung, um sich von diesen historischen Stereotypen zu befreien. Daraus könnte der Mut entstehen, die Hintergründe bestimmter Denk- und Lebensweisen zu verstehen und Kritik nicht als Feindseligkeit zu deuten. Die Erfahrungen in Europa mit Aufklärung, Säkularisierung und Demokratisierung sollte intensiver diskutiert und thematisiert werden, damit muslimische Menschen diese Positionen besser verstehen und als eigene betrachten können. Wichtig ist auch der interreligiöse Dialog, um die religiösen Argumente der unterschiedlichen Religionen besser nachzuvollziehen und um die Instrumentalisierung der Religionen für die politischen Debatten verhindern zu können.

Die Freiheit, die für solche offenen Begegnungen eine wichtigste Voraussetzung ist, um ohne Angst vor Repressalien eine aufrichtige Diskussion zu führen, fehlt leider in den meisten islamischen Staaten. Das ist auch der Grund, warum es sehr schwierig ist, sich den herrschenden Meinungen und Stereotypen zu widersetzen.

Published Online: 2023-03-09
Published in Print: 2023-03-07

© 2023 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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