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Südkoreas Abschreckungsstrategie

  • Eric J. Ballbach EMAIL logo
Published/Copyright: November 22, 2025

Zusammenfassung

Angesichts der kontinuierlich wachsenden Bedrohung durch Nordkorea, sowie schwindendem Vertrauen in amerikanische Verteidigungszusagen, kommt Südkoreas konventioneller Abschreckungsstrategie eine herausragende Bedeutung zu. Im Zentrum dieser Strategie steht das sog. „Drei-Achsen-System“, welches Präventivschläge, Raketenabwehr und gezielte Vergeltung umfasst. Gleichwohl gehen mit der Verfolgung einer konventionellen Abschreckungsstrategie gegen eine nukleare Bedrohung eine Reihe von strategischen Problemen und Dilemmata einher, die von Glaubwürdigkeitsproblemen über hohe Anforderungen an das Militär bis hin zu einem konstantem Anpassungsdruck reichen.

Abstract

Given the continuously increasing threat from North Korea, coupled with a decreasing trust in US defence commitment, South Korea’s conventional deterrence strategy gains a mounted significance. The „three-axis system“ is at the heart of this strategy, which encompasses pre-emptive strikes, missile defence, and retaliatory strikes. Yet, a conventional deterrence strategy against a nuclear threat brings with it a number of strategic challenges, ranging from credibility issues and high demands on the military to a constant pressure to adapt.

1 Einleitung

Während Nordkorea seine militärischen Fähigkeiten immer weiter ausbaut, wird die Debatte über strategische Stabilität auf der koreanischen Halbinsel weiterhin primär von der Dynamik zwischen Washington und Pjöngjang beherrscht.[1] Unterdessen steht Seoul vor der immensen Herausforderung, Südkoreas Sicherheit unter dem Druck der militärischen und insbesondere nuklearen Bedrohung durch Nordkorea einerseits sowie der verstärkten Angst vor einer Aufgabe (abandonment) durch die Vereinigten Staaten andererseits zu garantieren. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag der Frage nach, welche Verteidigungs- und Abschreckungsstrategie Seoul im Umgang mit der doppelten Bedrohung durch ein nukleares Nordkorea und eine mögliche Preisgabe durch die USA verfolgt. Darüber hinaus werden die strategischen Herausforderungen mit dieser Strategie sowie ihre Auswirkungen auf die strategische Stabilität auf der Halbinsel erörtert.

Es wird gezeigt, dass Südkorea eine unabhängige konventionelle Gegenstrategie umsetzt, um Nordkorea abzuschrecken und den Schaden im Falle eines Konflikts zu begrenzen. Dabei handelt es sich sowohl um offensive als auch defensive Maßnahmen, die darauf abzielen, die Nuklearstreitkräfte Nordkoreas zu zerstören oder nachhaltig zu schwächen. Um die Abschreckung und den Druck auf die nordkoreanische Führung zu verstärken, droht Südkorea zudem mit gezielten Gegenschlägen. Dafür investiert Südkorea in fortschrittliche, integrierte konventionelle Fähigkeiten, darunter Raketenabwehrsysteme, hochpräzise ballistische Raketen und Marschflugkörper sowie komplexe Fähigkeiten in den Bereichen Kommando- und Kontrollstruktur (Command and Control – C2), Kommunikation und Computer (Communication and Computer – C4) sowie Nachrichtengewinnung, Überwachung und Aufklärung (Intelligence, Surveillance and Reconnaissance – ISR). Diese Strategie ist höchst ungewöhnlich, denn nur wenige nichtnukleare Staaten haben versucht, sich auf fortschrittliche konventionelle Fähigkeiten zu stützen, um einen atomar bewaffneten Gegner glaubhaft abzuschrecken. Obwohl Südkorea diese Strategie im Rahmen seines Bündnisses mit den Vereinigten Staaten entwickelt, ist das ultimative Ziel eine vollständig unabhängige operative Fähigkeit.

Es wird argumentiert, dass Südkoreas Ansatz sowohl als kurzfristige als auch langfristige Absicherung gegen die duale Herausforderung durch Nordkoreas militärische Bedrohung und der Angst vor einer Aufgabe durch die USA verstanden werden sollte. Kurzfristig können Südkoreas Fähigkeiten eine unabhängige, nicht-nukleare Abschreckung gegen die Bedrohung durch einen nordkoreanischen Atomangriff darstellen. Gleichermaßen ist die Strategie aber auch Teil einer längerfristigen Absicherung, da sie potenziell ebenfalls die nukleare Latenz (nuclear latency) Südkoreas stärkt. Viele der Fähigkeiten, die Südkorea derzeit aufbaut bzw. erwirbt, verkürzen den Zeitrahmen für die Entwicklung einer glaubwürdigen nuklearen Abschreckung – sollte diese strategische Entscheidung in der Zukunft getroffen werden. Darüber hinaus können diese konventionellen Fähigkeiten als „Übergangsabschreckung“ dienen, um Südkorea während des gefährlichen Zeitfensters bis zur Erlangung einsatzfähiger Atomwaffen zu schützen. Wie gezeigt wird, führt die Verfolgung einer konventionellen Abschreckungsstrategie gegen eine nukleare Bedrohung jedoch auch zu einer Reihe von strategischen Problemen und Dilemmata. So sieht sich Südkorea mit einem Glaubwürdigkeitsproblem und konstantem Anpassungsdruck konfrontiert. Die Entwicklung einer glaubhaften Abschreckung zur Verteidigung gegen das nordkoreanische Atomwaffenarsenal ist schwierig und stellt hohe Anforderungen an das südkoreanische Militär. Dies wirft auch die Frage nach der Beständigkeit einer konventionellen Abschreckungsstrategie auf. Nordkorea arbeitet kontinuierlich daran, Südkoreas Strategie zu umgehen, etwa durch die Entwicklung von mobilen Abschusssystemen und der Anpassung der Kommandostrukturen zum Einsatz der Nuklearwaffen. Südkoreas Strategie macht vor diesem Hintergrund ständige und kostspielige Anpassungen notwendig.

2 Südkoreas geostrategische Lage und Sicherheitsumfeld

2.1 Südkoreas zentrale Sicherheitsherausforderungen

Der Indo-Pazifikraum und insbesondere Nordostasien sind durch ein hohes Maß an militärischen Aktivitäten und sicherheitspolitischen Spannungen zwischen den Ländern der Region gekennzeichnet. Insbesondere die koreanische Halbinsel bildet dabei eine geostrategische Bruchlinie zwischen regionalen Mächten.[2] In diesem Umfeld ist die nationale Sicherheit Südkoreas quasi unentwegt durch Instabilität und Unsicherheit gefährdet. In der 2023 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie wurden die folgenden Bedrohungen als besonders zentral für Südkorea identifiziert:

Abbildung 1: Südkoreas zentrale SicherheitsherausforderungenQuelle: Office of National Security of the Republic of Korea 2023, 12
Abbildung 1:

Südkoreas zentrale Sicherheitsherausforderungen

Quelle: Office of National Security of the Republic of Korea 2023, 12

Nordkoreas militärische Aufrüstung, inklusive der kontinuierlichen Weiterentwicklung der nuklearen Fähigkeiten und der Diversifizierung der Trägersysteme, wird von Südkorea als größte Sicherheitsbedrohung identifiziert.[3]

Im größeren strategischen Kontext hat sich der Konflikt zwischen China und den USA in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft. Der zunehmende strategische Wettbewerb zwischen Washington und Peking hat weitreichende Folgen für Südkorea mit potenziell schwerwiegenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Konsequenzen. Die sich verschlechternden Beziehungen der USA zu China bringen die Verbündeten der USA wie Südkorea in eine schwierige strategische Lage. Sie befürchten, in eine strategische Falle zu tappen oder dass ihre Interessen in einer Krise oder einem Konflikt übersehen werden. Mit dem Ziel, Macht zu projizieren und seine wachsenden Interessen in Übersee zu sichern, modernisiert Peking die Volksbefreiungsarmee (PLA), um ihre Leistungsfähigkeit in allen Bereichen der Kriegsführung zu steigern.[4] Gleichzeitig sind die USA entschlossen, die militärische Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten in Asien zu intensivieren, um Chinas Bemühungen entgegenzuwirken. Die traditionelle südkoreanische Formel anmi kyŏngjung (Sicherheit mit den USA, Wirtschaft mit China) ist vor diesem Hintergrund unhaltbar geworden; nicht zuletzt, da die Grenze zwischen Wirtschafts- und Sicherheitsbereichen in Sektoren wie kritischen Technologien, Lieferketten und Infrastrukturentwicklung zunehmend verschwimmt. Dies erfordert von Südkorea nichts Geringeres als die Meisterung eines strategischen Dilemmas: das Ausbalancieren des Bündnisses mit den USA mit den komplexen Beziehungen zu China.

2.2 Die veränderte Bedrohung aus Nordkorea

Wie bereits erwähnt, wird Nordkorea als zentralste Bedrohung und Sicherheitsherausforderung Südkoreas definiert. In diesem Zusammenhang ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die von Nordkorea ausgehende Bedrohung in den letzten Jahren nicht nur sukzessive zugenommen, sondern sich auch in ihrer grundlegenden Natur maßgeblich verändert hat. Nordkorea baut seine militärischen Fähigkeiten massiv aus, erweitert die militärische Kooperation mit Russland und forciert militärische Provokationen sowie massive Cyber-Angriffe. Art und Umfang der Provokationen sind demnach erheblich gestiegen.

Nordkoreas militärische Modernisierung: Nach dem gescheiterten Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un im Februar 2019 in Hanoi – und im Kontext eines sich rasch wandelnden geopolitischen Umfelds – revidierte Nordkorea seine grundlegende außenpolitische wie auch seine militärische Strategie. In der neuen Militärstrategie, die von Kim Jong Un im Januar 2021 angekündigt wurde, steht eine umfassende Modernisierung der Streitkräfte. Diese umfasst unter anderem die Entwicklung taktischer Atomwaffen, neuer ballistischer Raketensysteme inklusive neuer Hyperschallgleitflugkörper (hypersonic glide vehicles – HGVs) sowie eines neuen U-Boottyps. Darüber hinaus ist die Ausweitung von Nachrichtendienst-, Überwachungs- und Aufklärungsmitteln (ISR) geplant.[5]

Insbesondere ist Pjöngjang bemüht, sein Raketenprogramm weiter zu diversifizieren. Entsprechend investiert das Land in die Entwicklung neuer Raketentypen – darunter Trägersysteme für mehrere Sprengköpfe, Hyperschallraketen, neue U-Boot-gestützte ballistische Raketen, manövrierfähigere Langstrecken-Marschflugkörper sowie feststoffgetriebene ballistische Kurzstreckenraketen. Ein besonderer Fokus gilt dabei offenbar jenen Technologien, mit denen sich Raketen leichter transportieren, schneller starten und schwerer entdecken lassen. In den Jahren 2021 und 2022 führte Nordkorea mehrfach Tests der neu entwickelten Hyperschallwaffen durch, wobei der dritte Abschuss als „letzter Test“ bezeichnet wurde. Im April 2023 testete Nordkorea eine Hae-il-Unterwasserdrohne, die für Strategien zur Abwehr von Angriffen von erheblichem militärischem Wert ist. Nach zwei gescheiterten Versuchen – und offenbar mit Unterstützung durch russisches Know-how – startete Nordkorea im November 2023 erfolgreich einen militärischen Aufklärungssatelliten.[6] Im selben Monat zeigte Nordkorea zudem ein Modell eines neuen taktischen Atomsprengkopfes.[7] Diese Entwicklungen verdeutlichen die offensichtliche Ausweitung des nordkoreanischen Atomwaffenarsenals und seiner potenziellen Einsatzmöglichkeiten.

Nordkoreas neue Südkoreapolitik: Das gescheiterte Gipfeltreffen in Hanoi 2019 markierte zugleich eine grundlegende Revision der strategischen Ausrichtung von Nordkoreas Außenpolitik.[8] Damit ging auch eine Abkehr von der bisherigen Südkoreapolitik Nordkoreas einher. Im Januar 2024 erklärte Kim Jong Un, das lang gehegte Ziel einer Wiedervereinigung mit Südkorea sei aufgegeben worden, und ordnete die Auflösung aller Organisationen und staatlichen Institutionen an, die die Förderung der innerkoreanischen Beziehungen zum Ziel hatten. Einhergehend mit einer entsprechenden Verfassungsänderung wird Südkorea seither als „feindlicher Staat“ bezeichnet und die innerkoreanischen Beziehungen als „Beziehungen zweier feindlicher Staaten im Krieg“.[9] Zentrale Abschnitte von Straßen- und Eisenbahnverbindungen mit Südkorea wurden gesprengt. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA zitierte einen Sprecher des Verteidigungsministeriums mit den Worten, das Land werde weitere Schritte unternehmen, um „die geschlossene Südgrenze dauerhaft zu befestigen.“[10]

Nordkoreas veränderte Nukleardoktrin: Parallel zu den militärischen Entwicklungsschritten hat Nordkorea auch seine Nukleardoktrin nachhaltig verändert. Nach dem ersten Atomtest des Landes im Jahr 2006 erklärte Pjöngjang, die zentrale Mission des Nuklearprogramms bestehe in der Kriegsabschreckung und der Sicherung der Regimestabilität. Die eigenen Atomwaffen wurden folglich als „reine Verteidigungswaffen“ bezeichnet und Pjöngjang beteuerte, diese entsprechend nicht in einem Erstschlag einzusetzen – eine Position, die 2013 auch gesetzlich verankert wurde.[11] Spätere Stellungnahmen haben diese Behauptung jedoch mehr und mehr untergraben. Während einzelne Dokumente bereits zuvor die Möglichkeit eines taktischen Einsatzes von Nuklearwaffen unter bestimmten Bedrohungen angedeutet hatten, verwies Staatschef Kim Jong Un im April 2022 offen auf eine „zweite Mission“ des Nuklearwaffenarsenals.[12] In einer Rede zum 90. Jahrestag der Gründung der Koreanischen Revolutionären Volksarmee beschwor er nicht nur das Ziel, das Atomwaffenprogramm des Landes „sowohl qualitativ als auch quantitativ“ zu stärken. Er ließ auch erkennen, dass sich dessen Zweck nicht auf die Verhinderung eines Krieges beschränke.

Am 8. September 2022 verabschiedete das nordkoreanische Parlament – die Oberste Volksversammlung – schließlich ein neues „Gesetz über die staatliche Politik der Atomstreitkräfte.“[13] Damit wurde die Nukleardoktrin des Landes grundlegend revidiert und spezifiziert. Das Gesetz erläutert unter anderem die allgemeine Bedeutung und Rolle von Atomwaffen in Nordkoreas Verteidigungsstrategie und legt die Bedingungen fest, unter denen sie eingesetzt würden. Während bestimmte Zusicherungen, etwa im Hinblick auf Nichtverbreitungsfragen, bekräftigt werden, sind insbesondere drei Aspekte der neuen Doktrin von Bedeutung.

Erstens verankert das Gesetz die Möglichkeit eines Ersteinsatzes von Atomwaffen (first use), einschließlich eines Präventivschlags, in Nordkoreas Nukleardoktrin. Zwar hält Nordkorea weiterhin an der Abschreckung als Hauptfunktion seines Atomwaffenarsenals fest, ist aber von dem Standpunkt abgerückt, dass Atomwaffen nur als Reaktion auf nukleare Angriffe von Gegnern eingesetzt werden. Vielmehr lässt Pjöngjang nun die Möglichkeit nuklearer Präventivschläge zu – nicht nur gegen Kernwaffenstaaten, sondern auch gegen deren Verbündete. Während die bisherige Doktrin vorsah, dass Atomwaffen eingesetzt werden können, um eine Invasion bzw. einen Angriff eines feindlichen Nuklearstaates abzuwehren und entsprechende Vergeltungsschläge zu unternehmen, erlaubt das neue Gesetz nun explizit auch nukleare Präventivschläge. Demnach dürfen diese eingesetzt werden, sobald festgestellt wird, dass ein Angriff gegen „strategische Ziele“ des Landes, einschließlich seiner Führung, unmittelbar bevorsteht. Nordkorea hat somit die Bedingungen für den Einsatz von Atomwaffen absichtlich unklar gehalten und damit den Spielraum für verschiedene Interpretationen des präemptiven Einsatzes vergrößert. Das Land hat die Kriterien für den Einsatz von Kernwaffen so erweitert, dass sie nicht nur nukleare Angriffe des Gegners, sondern auch unmittelbar bevorstehende nichtnukleare Angriffe oder Angriffe mit Massenvernichtungswaffen auf Nordkorea umfassen.

Zweitens legt das Gesetz fest, wie sich Befugnisse im Hinblick auf die Befehlsgewalt zum Einsatz der Nuklearwaffen delegieren lassen. Offenbar um die Wirksamkeit der südkoreanischen Kill-Chain-Strategie (s. u.) zu untergraben, betont das Gesetz zwar, dass Kim Jong Un „alle Entscheidungsbefugnisse in Bezug auf Atomwaffen“ besitze. Im Falle eines Angriffs auf die nordkoreanische Befehls- und Kommandozentrale würde jedoch „automatisch und unverzüglich ein Atomschlag durchgeführt.“

Drittens hat Nordkorea die Rolle und Bedeutung taktischer Atomwaffen stärker in den Vordergrund gerückt. Durch die Andeutung eines Einsatzplans auf taktischer Ebene hat das Land seine Absichten zur weiteren Entwicklung und zum Einsatz taktischer Atomwaffen im Kriegsfall verdeutlicht. War die Kommando- und Kontrollstruktur (C2) für diese Waffen zuvor lange unklar, hat Nordkorea nun offenbar C2-Fähigkeiten sowie einen vorbestimmten Operationsplan für den Einsatz von Atomwaffen entwickelt. Ohne die genauen Bedingungen zu nennen, warnte Nordkorea, dass ein Nuklearschlag automatisch und sofort gemäß dem vorgegebenen Plan ausgeführt werden könnte, wenn das nukleare Kommando- und Kontrollsystem durch einen feindlichen Angriff bedroht wird. Außerdem haben die nordkoreanischen Spezialkräfte mit Übungen begonnen, die auf eine mögliche Ausweitung ihrer Rolle bei nuklearen Operationen hindeuten.[14]

Diese Entwicklungen zeigen, dass Pjöngjang seine Politik angesichts eines sich verändernden strategischen Umfelds anpasst. Sie sprechen jedoch auch dafür, dass Nordkorea in seinem Selbstbild eine Normalisierung und Konsolidierung als Atomwaffenstaat vollzogen hat.

3 Nationale Verteidigungsgrundsätze und Südkoreas offensive Verteidigungsstrategie

Südkoreas Verteidigungsstrategie, insbesondere im Hinblick auf die nukleare Bedrohung durch Nordkorea, wird primär im Zusammenhang mit der Allianz zwischen den Vereinigten Staaten und der Republik Korea diskutiert. Ihre Grundlage bildet daher in erster Linie die Glaubwürdigkeit des von den USA bereitgestellten nuklearen Schutzschirms. Vor dem Hintergrund der kontinuierlich steigenden Bedrohung durch Nordkorea, aber auch weiterer strategischer Herausforderungen wie dem zunehmenden US-Chinakonflikt, hat Südkorea sukzessive seine autonome, konventionelle Militär- und Verteidigungsstrategie (weiter-)entwickelt. Im Zentrum dieser Strategie steht das sog. „Drei-Achsen-System“ (3축 체계). Bevor dieses näher beleuchtet wird, bietet es sich jedoch an, die grundlegenden nationalen Verteidigungsgrundsätze Südkoreas vorzustellen.

3.1 Nationale Verteidigungsgrundsätze

Eine Analyse der von der südkoreanischen Regierung publizierten Dokumente wie etwa den Verteidigungsweißbüchern oder der Nationalen Sicherheitsstrategie ermöglicht es, die zentralen Elemente der nationalen Verteidigungsgrundsätze Südkoreas zu identifizieren.

Der erste und zentralste Pfeiler dieser Verteidigungsgrundsätze besteht in dem von allen politischen Lagern Südkoreas geteilten Grundsatz des Primats der Allianz mit den USA. Die Aufrechterhaltung dieses Bündnisses – und insbesondere des nuklearen Schutzschirms – bildet den Grundpfeiler der nationalen Sicherheit Südkoreas. Dabei strebt das Land an, die Allianz mit den USA zu einer sich gegenseitig ergänzenden und robusten Beziehung auszubauen, die Sicherheit, wirtschaftliche Zusammenarbeit und globale Führung umfasst. Dies steht im Einklang mit den gemeinsamen Erklärungen der beiden Verbündeten auf ihren Gipfeltreffen in den Jahren 2021 und 2022.[15]

Die Verteidigungszusammenarbeit zwischen Südkorea und den Vereinigten Staaten besteht seit über 70 Jahren. Nach dem Waffenstillstand im Juli 1953 unterzeichneten Südkorea und die Vereinigten Staaten im Oktober desselben Jahres den „Korea-US Mutual Defense Treaty“. Dieser bildet bis heute die Grundlage ihres Bündnissystems. Die verbündeten Streitkräfte vereinbarten darin, die militärische Bereitschaft durch die Entwicklung gemeinsamer Kriegspläne, die Verbesserung der Interoperabilität sowie die Durchführung gemeinsamer und kombinierter Operationen aufrechtzuerhalten. Südkorea trägt dazu bei, indem es sich in angemessenem Umfang an den Verteidigungskosten beteiligt und seine eigenen militärischen Fähigkeiten weiter ausbaut. Im Rahmen des Bündnisses ist das Land bestrebt, seine Rolle bei der Verteidigung seines Territoriums zu festigen und die Voraussetzungen für die Übernahme der operativen Kontrolle im Kriegsfall zu erfüllen.

Der zweite Grundsatz besteht darin, eine robuste Verteidigungsposition zur Abwehr komplexer, „omnidirektionaler“ Sicherheitsbedrohungen einzunehmen.[16] Wichtig dabei ist, dass die nationale Sicherheit Südkoreas auch durch grenzüberschreitende Phänomene wie etwa Terrorismus und Cyber-Angriffe bedroht wird.[17] Entsprechend soll die militärische Bereitschaft weiter gestärkt werden, um Südkoreas Streitkräfte in die Lage zu versetzen, noch wirksamer auf traditionelle und nichttraditionelle Sicherheitsbedrohungen zu reagieren.

Der dritte Grundsatz der südkoreanischen Verteidigungspolitik betont die Rolle der Verteidigungsreform zur Stärkung der nationalen Sicherheit und zur Gewährleistung der territorialen Verteidigung. Entsprechende Reformpläne wie der National Defense Reform Act sehen die gezielte Stärkung von Heer, Marine und Luftwaffe sowie die Forcierung einer technologischen Modernisierung auf der Grundlage einer intensiveren Nutzung von Zukunftstechnologien vor.[18] Auch wenn sich die Reformpläne der beiden politischen Lager in Südkorea voneinander unterscheiden, so lassen sich auch grundlegende Überschneidungen identifizieren. Diese betreffen insbesondere die qualitative und quantitative Ausweitung der Verteidigungskapazitäten sowie die Entwicklung und Einbindung von Zukunftstechnologien.[19]

3.2 Südkoreas Drei-Achsen-System

Südkoreas Drei-Achsen-System ist eine militärische Strategie zur Abschreckung und Reaktion auf die nuklearen und raketengestützten Bedrohungen Nordkoreas. Es umfasst drei Hauptkomponenten: (1) die Kill Chain, d. h. Präventivschläge gegen nordkoreanische Ziele, (2) das koreanische Luft- und Raketenabwehrsystem (Korea Air and Missile Defense – KAMD) sowie (3) das Konzept Korea Massive Punishment and Retaliation (KMPR).[20] Dieses System spiegelt die offensive Haltung Südkoreas wider, die sowohl Präventiv- als auch Vergeltungsschläge vorsieht.

Kill Chain: Die Kill Chain ist eine südkoreanische Militärstrategie, die auf die präventive Zerstörung nordkoreanischer Militäreinrichtungen, insbesondere der Atom- und Raketenanlagen, abzielt. Ihr Zweck besteht darin, die Möglichkeit eines nordkoreanischen Gegenschlags von vornherein auszuschließen. Kill Chain ist somit offensiv ausgerichtet und umfasst ein Zusammenspiel aus Überwachungs-, Zielerfassungs- und kinetischen Fähigkeiten. Kern der Logik ist es, drohende Raketenstarts Nordkoreas rechtzeitig zu erkennen und durch Präzisionsschläge gegen die Abschussinfrastruktur – etwa Raketensilos, mobile Trägersysteme oder U-Boote – unschädlich zu machen, noch bevor ein Erst- oder Folgeangriff erfolgen kann. Das südkoreanische Verteidigungsministerium geht davon aus, die Erkennung, Identifizierung, Entscheidung und den Angriff in weniger als dreißig Minuten durchzuführen, um die Wirksamkeit von Kill Chain zu maximieren. Beobachter verweisen jedoch auf erhebliche operative Herausforderungen.[21] Südkorea müsste in kürzester Zeit bevorstehende Raketenstarts aufspüren, die Daten über die Befehlskette weiterleiten und gleichzeitig sowohl präventive als auch reaktive Angriffe koordinieren. Parallel dazu ist eine funktionierende Raketenabwehr erforderlich, falls einzelne nordkoreanische Geschosse einen Erstschlag überstehen. Angesichts der Möglichkeit eines Überraschungsangriffs mit multiplen und mobilen Abschusssystemen erfordert Kill Chain zudem die ständige Einsatzbereitschaft des südkoreanischen Militärs. Zu den Schlüsselkomponenten dieser Strategie gehören daher fortschrittliche Überwachungssysteme, präzisionsgelenkte Raketen sowie eine Kommandostruktur, die eine schnelle Reaktion ermöglicht. Insbesondere die notwendige Überwachung stellte jedoch lange Zeit eine große Herausforderung dar, da es Südkorea aufgrund der von den USA 1979 erlassenen Raketenbeschränkungsrichtlinie untersagt war, eigenständig Systeme zu entwickeln, die raumbezogene Aufklärungsaktivitäten durchführen können. Dadurch war das Land gezwungen, sich bei der Überwachung Nordkoreas auf US-Nachrichtendienste zu verlassen. Erst im Juni 2021 hob die US-Regierung diese Richtlinien auf, sodass Südkorea seine Raketen- und Raumfahrtkapazitäten nun unbegrenzt ausbauen kann. Im Mai 2025 startete Südkorea seinen vierten selbst entwickelten militärischen Spionagesatelliten erfolgreich von einer US-Raumfahrtbasis in Florida aus, um seine unabhängigen Überwachungsfähigkeiten gegenüber Nordkorea zu stärken.[22]

Südkorea verfügt über ein Arsenal, das sowohl bodengestützte als auch U-Boot-gestützte ballistische Raketen und Marschflugkörper umfasst. Hyunmoo 1 und Hyunmoo 2 sind einsatzfähige ballistische Kurzstreckenraketen (short-range ballistic missile – SRBM), wobei neuere Varianten (Hyunmoo 2C) eine Reichweite von bis zu 800 km besitzen. Hyunmoo 3 ist ein Landangriffs-Marschflugkörper (land-attack cruise missile – LACM), andere Raketen wie Haesong I, ein Anti-Schiffs-Marschflugkörper (anti-ship missile – ASM), sind für die Kill Chain unerlässlich. Haesong II, ein Überschallflugkörper, der in den Varianten SL (Schrägstart) und VL (Vertikalstart) verfügbar ist, bildet einen weiteren wichtigen Bestandteil der Kill Chain. Haesong III ist ein U-Boot-gestützter Flugkörper mit einer Reichweite von 1.500 km. Die neue ballistische Rakete Hyunmoo IV ist mit einem neuen Sprengkopf ausgestattet, der in der Lage ist, Nordkoreas unterirdische Militäranlagen und Kommandozentralen zu zerstören. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 76. Jahrestag des Tages der Streitkräfte stellte das südkoreanische Militär am 1. Oktober 2024 das mobile Startgerät (Transporter Erector Launcher – TEL) für die Boden-Boden-Rakete Hyunmoo-5 mit einer Reichweite von 3.000 km vor. Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsausschusses wiegt die Rakete 36 Tonnen und besitzt eine 8 Tonnen schwere Sprengkopfladung. Sie wurde als Bunkerbrecher-Rakete für den Angriff auf unterirdische Schächte des nordkoreanischen Militärs entwickelt. Bis zur Abschaffung der südkoreanischen Richtlinien für ballistische Raketenreichweiten im Jahr 2021 wäre eine solche Rakete nicht zulässig gewesen.

 Zwei THAAD TELs der US-Streitkräfte nach ihrer Verlegung nach Südkorea, 6. März 2017

Zwei THAAD TELs der US-Streitkräfte nach ihrer Verlegung nach Südkorea, 6. März 2017

Das koreanische Luft- und Raketenabwehrsystem, KAMD: Das zweite Element des Drei-Achsen-Systems ist die koreanische Luft- und Raketenabwehr. Mithilfe eines mehrschichtigen Raketenabwehrsystems sollen von Nordkorea abgeschossene Raketen abgefangen werden, um das südkoreanische Territorium vor Bedrohungen aus der Luft zu schützen. Gelingt es der Kill Chain nicht, die nordkoreanischen Raketen präventiv abzuschießen, soll ein Frühwarnradar die ankommenden Raketen aufspüren, sodass Abfangjäger, Lenkwaffenzerstörer und Boden-Luft-Raketen sie eliminieren können, bevor sie einschlagen.[23] Die KAMD besteht aus mehreren Komponenten: einem Frühwarnsystem, einem Kommando- und Kontrollsystem sowie einem Abfangsystem, das mit einem real-time strike system verbunden ist.[24] Um eingehende Raketen in unterschiedlichen Höhen abzufangen, setzt die KAMD auf verschiedene Raketentypen. Während L-SAM (long-range surface-to-air missiles) darauf ausgelegt sind, ballistische Raketen in größerer Höhe abzufangen, ist M-SAM (medium-range surface-to-air missiles) auf geringere Höhen ausgelegt. Das letzte Element in dieser Reihe ist das Raketenabwehrsystem THAAD (Terminal High Altitude Area Defense). Dabei handelt es sich um ein von den USA bereitgestelltes Luftabwehrsystem, das ein Hit-to-Kill-Verfahren verwendet: Die Abfangraketen kollidieren mit hoher Geschwindigkeit direkt mit dem Ziel und neutralisieren die Bedrohung durch die Wucht des Aufpralls statt durch explosive Sprengköpfe. THAAD ist ein mehrschichtiges, taktisch mobiles und mit anderen Raketen interoperables Verteidigungssystem. Jede seiner massiven Batterien besteht aus sechs bis neun Startfahrzeugen, die jeweils mit acht Abfangraketen ausgestattet sind, sowie einem mobilen Radar- und Kontrollsystem. THAAD wurde 2016 am Standort Seongju in der Provinz Nord-Gyeongsang stationiert und hat eine Reichweite von 200 km. Dennoch weist die KAMD aus technischer Sicht erhebliche Lücken auf, insbesondere in der Abwehr der hochentwickelten ballistischen Raketen Nordkoreas. Die Hwasong-8, Nordkoreas Hyperschallrakete, stellt dabei eine der größten Bedrohungen für das KAMD dar. Ihre Hyperschallgeschwindigkeit, die geringe Flughöhe und die Manövrierfähigkeit in der Endphase der Rakete stellen die südkoreanische Raketenabwehr vor erhebliche Schwierigkeiten, etwa im Hinblick auf die Berechnung der Flugbahn und der Geschwindigkeit einer anfliegenden Rakete. Die südkoreanische Regierung muss ihr Raketenabwehrsystem vor diesem Hintergrund dringend stärken, beispielsweise indem sie in fortschrittliche Raketenabfangsysteme für die Boost- oder Midcourse-Phase investiert. Derartige Systeme sollen Raketen schneller aufspüren, unschädlich machen und auch gegen fortschrittliche Waffen wie die Hwasong-8 schützen.

Korea Massive Punishment and Retaliation, KMPR: Das KMPR-Konzept ist das dritte Element des Drei-Achsen-Systems. KMPR umfasst Vergeltungsschläge gegen Nordkorea im Falle eines nuklearen oder konventionellen Erstschlags Nordkoreas gegen Südkorea. Dabei zielt KMPR auch direkt auf die nordkoreanische Führung, einschließlich Kim Jong Un, indem sie potenzielle Verstecke und Militärbunker ins Visier nimmt und die Kommando- und Kontrollstruktur des Nordens zerstört. Dies basiert auf der Prämisse der Abschreckung durch Bestrafung.

Bei KMPR handelt es sich um eine groß angelegte Operation, an der verschiedene Bereiche des südkoreanischen Militärs, die Luftwaffe, die Marine und das Heer sowie die USFK (United States Forces Korea) beteiligt sind. Dies macht eine enge Koordination und Integration dieser Sektoren notwendig. Voraussetzung hierfür ist die Interoperabilität zwischen den verschiedenen Waffensystemen sowie die Einbindung der US-Verteidigung und des Nachrichtendienstes. Zudem ist die Stabilität der Versorgungskette, vor allem im Konfliktfall, von entscheidender Bedeutung. All diese Voraussetzungen stellen eine große Herausforderung für die Republik Korea dar. Ein großer Nachteil des KMPR besteht darin, dass sein Hauptaugenmerk auf Pjöngjang, der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea, liegt. Andere Gebiete, in denen Waffen stationiert sein könnten, wie der Kernforschungskomplex Yongbyon nördlich von Pjöngjang, werden weniger berücksichtigt.

Im Rahmen von KMPR kommen unterschiedliche Waffensysteme und Wirkmittel zum Einsatz, darunter Mehrfachraketenwerfer, Boden-Boden-Raketen, Luft-Boden-Raketen sowie bunkerbrechende Waffen (bunker buster). Ein Beispiel ist die Hyunmoo-5, eine neu entwickelte Rakete mit einem Gesamtgewicht von 36 Tonnen und einem Sprengkopf von acht Tonnen. Zum Arsenal gehören außerdem die K239 Cheonmu und ATACMS, die Ziele in bis zu 300 km Entfernung bekämpfen können. Mit der GBU-28 verfügt Südkorea über eine bunkerbrechende Präzisionsbombe, die bis zu sechs Meter dicken Beton durchdringen kann. Hinzu kommt die luftgestützte AGM-84H/K SLAM-ER, ein Langstrecken-Präzisionsflugkörper mit einer Reichweite von maximal 280 km, der sowohl Land- als auch Seeziele angreifen kann. Indem die nordkoreanische Führung als Hauptziel eines Angriffs angegeben wird, soll KMPR die Abschreckung gegenüber Nordkorea verstärken und dem Land signalisieren, dass ein konventioneller oder nuklearer Angriff die Existenz seines Regimes unmittelbar gefährden würde.

Strategic Command: Am 1. Oktober 2024 kündigte Südkorea die Einrichtung des ROK Strategic Command (ROK-SC) an. Dieses soll fortan das Drei-Achsen-System überwachen und die Präzisionsschlagfähigkeiten des Landes in allen Bereichen koordinieren; es war derselbe Tag, an dem auch die neue Hyunmoo-5 vorgestellt wurde.[25] Die Aufgabe des ROK-SC besteht darin, den Bedrohungen durch Nordkorea entgegenzuwirken, indem es den Einsatz wichtiger Waffensysteme überwacht. Das ROK-SC beaufsichtigt und koordiniert Raketen-, Cyber-, Drohnen- und Spezialeinsatzkräfte sowie bei Bedarf bestimmte Mittel der Marine und der Luftwaffe. Gleichzeitig führt es die Bemühungen um die Integration der modernen konventionellen Streitkräfte Südkoreas mit den nuklearen Fähigkeiten der USA an. Das Kommando wird damit als Gegenstück zum US-Strategic Command fungieren, das das US-Atomwaffenarsenal, Interkontinentalraketen und von U-Booten abgefeuerte ballistische Raketen überwacht.

4 Erweiterte Abschreckung und Südkoreas Nukleardiskurs

Wie aufgezeigt, investiert Südkorea massiv in den Ausbau seiner konventionellen Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten. Gleichwohl ist sich Seoul selbstredend bewusst, dass konventionelle Abschreckung allein gegen einen nuklear bewaffneten Gegner wie Nordkorea nicht ausreicht. Das Drei-Achsen-System ist daher in das System der erweiterten Abschreckung sowie die Bereitstellung des nuklearen Schutzschirms durch die USA eingebettet. Seoul fordert von Washington daher die Zusicherung, dass jede nukleare Aggression Nordkoreas eine nukleare Antwort nach sich ziehen würde. Die amerikanischen Garantien konnten die Mehrheit der südkoreanischen Öffentlichkeit jedoch nicht beruhigen, die den Aufbau einer unabhängigen Atommacht Südkorea zu präferieren scheint.

Erweiterte Abschreckung und die Regierung Trump 2.0: Die hohen Zustimmungswerte in der südkoreanischen Bevölkerung für die Entwicklung einer eigenen Atomwaffe waren für die Biden-Administration ein offensichtlicher Grund zur Sorge. Sie investierte daher erhebliche diplomatische und politische Ressourcen, um Südkorea von der Robustheit und Glaubwürdigkeit des US-Engagements zu überzeugen. Im April 2023 gipfelten diese Bemühungen in der Washingtoner Erklärung, in der Joe Biden und Yoon Suk Yeol bekräftigten, dass „jeder nukleare Angriff Nordkoreas auf die Republik Korea mit einer schnellen, überwältigenden und entschlossenen Antwort beantwortet werden wird“.[26] In der Erklärung wurde auch die Einrichtung eines neuen Forums, der Nuclear Consultative Group (NCG), angekündigt. Dessen Kernaufgabe besteht darin, „die erweiterte Abschreckung zu stärken, die nukleare und strategische Planung zu erörtern und sich mit der von Nordkorea ausgehenden Bedrohung durch die Verbreitung von Atomwaffen auseinanderzusetzen“.[27] Die Einrichtung des nuklearen Konsultationsmechanismus war darauf ausgelegt, Südkorea mehr Mitspracherecht bei den Vorbereitungen für nukleare Vergeltungsmaßnahmen einzuräumen, während die Vereinigten Staaten die Kontrolle über die Atomwaffen behielten. Darüber hinaus ging es um eine stärkere Einbindung der südkoreanischen konventionellen Streitkräfte in US-Nuklearübungen sowie die Durchführung gemeinsamer Simulationen des nuklearen Krisenmanagements auf der Halbinsel. Washington deutete an, dass seine strategischen Mittelstreckenbomber und U-Boote mit ballistischen Raketen häufiger nach Südkorea entsandt werden sollen.[28] Die Erklärung bekräftigt auch die Absicht Südkoreas, im Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NPT) zu verbleiben. Seoul verpflichtet sich damit indirekt, keine eigenständige Atomwaffenfähigkeit anzustreben.

Mit der Washingtoner Erklärung sollte den Zweifeln an amerikanischen Verteidigungszusagen, die insbesondere in Trumps erster Amtszeit aufgekommen waren, begegnet werden. Präsident Trump hatte in zahlreichen Kommentaren die Kosten der US-Verteidigungsverpflichtungen gegenüber Südkorea beklagt. Wie im Falle Europas forderte er auch Südkorea auf, mehr zu seiner eigenen Verteidigung beizutragen. Dieser transaktionale Ansatz schwächte das Vertrauen Seouls in seinen Partner.

Die Rückkehr Trumps ins Amt im Januar 2025 hat das Vertrauen der südkoreanischen Regierung in die Garantien der USA weiter untergraben. Kurz nach seiner Wiederwahl kritisierte Trump das im Oktober 2024 unter der Biden-Administration geschlossene Abkommen über die Finanzierung der Stationierung von US-Truppen in Korea (Special Measures Agreement). In einem Artikel des Wall Street Journal vom 23. Mai 2025 hieß es, die Vereinigten Staaten hätten beschlossen, 4.500 Soldaten aus Südkorea abzuziehen und sie nach Guam und an andere Stützpunkte zu verlegen.[29] Darüber hinaus halten die Debatten über die Revision der Mission und des primären Fokus der US-Truppen in Korea – weg von Nordkorea, hin zu China – weiter an.[30]

Trumps Unberechenbarkeit und das Fehlen einer klar formulierten Strategie machen es schwierig, die US-Politik gegenüber Pjöngjang vorherzusehen. Dennoch ist es möglich, dass Trump versuchen könnte, die Verhandlungen mit Kim Jong Un wieder aufzunehmen. Solche Entwicklungen würden in Seoul genau beobachtet werden, insbesondere wenn Washington Zugeständnisse hinsichtlich seiner militärischen Präsenz auf der Halbinsel machen würde. Schließlich geben Trumps Drohungen, die US-Militärpräsenz einseitig zu reduzieren, um die Verbündeten unter Druck zu setzen, mehr zu ihrer eigenen Verteidigung beizutragen, Südkorea weiterhin Anlass zu ernster Sorge.

Südkoreas Nukleardiskurs: Trotz der Bemühungen Washingtons, die Sicherheitsbedenken Seouls über die erweiterte Abschreckung zu zerstreuen, sind die Forderungen nach nuklearer Bewaffnung in Südkorea nicht verstummt. Seit 2016 haben sich in einer regelmäßig durchgeführten Meinungsumfrage stets zwischen 60 und 70 Prozent der Befragten für diese Option ausgesprochen.[31] Auch wenn die Unterstützung besonders stark unter den Wählern der konservativen People Power Party (PPP) ist, rückt der Diskurs damit von den Rändern immer mehr ins politische Zentrum. Es ist anzumerken, dass diese öffentliche Unterstützung nicht einfach einen Mangel an Vertrauen in den amerikanischen Verbündeten und seine erweiterte Abschreckungsstrategie widerspiegelt.[32] So sind die Befürworter der nuklearen Option den Umfragen zufolge auch Unterstützer eines starken Bündnisses mit den USA. Diese Haltung spiegelt also weniger die Angst vor einem nachlassenden amerikanischen Engagement wider als vielmehr ein strategisches Kalkül: die Überzeugung, dass nur ein mit Atomwaffen bewaffnetes Südkorea das strategische Gleichgewicht auf der Halbinsel wiederherstellen und eine nordkoreanische Aggression verhindern kann.[33]

Anders als die Mehrheit der Gesamtbevölkerung steht die überwiegende Zahl der südkoreanischen Eliten einer eigenständigen nuklearen Aufrüstung weitaus skeptischer gegenüber. Zwar haben sich einige prominente Politiker, etwa der ehemalige Verteidigungsminister Kim Yong-hyun, für die nukleare Aufrüstung ausgesprochen. Dennoch überwiegt unter den südkoreanischen Eliten – deren Meinung insbesondere in Fragen der Verteidigung und der nationalen Sicherheit Gewicht hat – die Skepsis.[34] Eine im April 2024 durchgeführte Umfrage ergab, dass lediglich 34 Prozent der südkoreanischen Eliten eine nukleare Aufrüstung befürworten, während 66 Prozent dagegen sind.

Diese Ergebnisse besagen jedoch nicht, dass sich die Eliten strikt gegen die Idee von Nuklearwaffen aussprechen. Ebenso wäre es ein Fehler zu glauben, dass trotz der besonders großen Unterstützung im konservativen Lager das progressive Lager keine Ambitionen in Bezug auf Atomwaffen habe. Stattdessen streben viele südkoreanische Sicherheitsexperten in der Tat mittlerweile eine nukleare Latenz an. Hierbei verfügt ein Land über alle Technologien, Fachkenntnisse und die entsprechende Infrastruktur, die für die schnelle Entwicklung von Atomwaffen erforderlich sind, ohne dies jedoch tatsächlich getan zu haben. Die Erlangung der nuklearen Latenz durch die Fähigkeit zur Produktion von spaltbarem Material würde die mit der nuklearen Aufrüstung verbundenen Kosten erheblich reduzieren. Südkorea verfügt zwar über eine fortschrittliche Nuklearindustrie und ausgeklügelte Trägersysteme, aber nicht über die erforderlichen Anreicherungs- und Wiederaufbereitungskapazitäten, um spaltbares Material für Kernwaffen herzustellen. Sollte Südkorea eine Strategie der nuklearen Latenz verfolgen, wird die eigentliche Herausforderung daher vor allem darin bestehen, die Zustimmung der USA zur Entwicklung von Anreicherungs- oder Wiederaufbereitungskapazitäten durch Südkorea zu erhalten. Obwohl Südkorea vermutlich über die Kapazitäten zur Entwicklung dieser Technologien verfügt, ist es derzeit durch das bilaterale Abkommen über nukleare Zusammenarbeit mit Washington (sog. „123 agreement“), daran gehindert.

5 Fazit

Im Schatten der doppelten Herausforderung, die sich einerseits aus der kontinuierlich ansteigenden militärischen Bedrohung durch Nordkorea einerseits und andererseits aus der abnehmenden Glaubwürdigkeit der amerikanischen Verteidigungszusagen ergibt, hat Südkorea eine umfassende, unabhängige, konventionelle Verteidigungsstrategie erarbeitet und umgesetzt. Eine Schlüsselkomponente der südkoreanischen Strategie ist das Drei-Achsen-System. Dieses beruht sowohl auf der Logik des deterrence by denial als auch der Logik deterrence by punishment. Wichtig ist, dass die Strategie präventiv eingesetzt werden soll: Wenn ein nordkoreanischer Angriff als unmittelbar bevorstehend angesehen wird, sieht die Strategie die rasche Durchführung von Schlägen gegen nukleare Ziele vor. Die Tatsache, dass die Nicht-Atommacht Südkorea versucht, den mit Atomwaffen ausgerüsteten Rivalen Nordkorea über konventionelle Mittel abzuschrecken, verdeutlicht, wie die technologische Revolution – etwa in Form von fortschrittlicher Fernerkundung und Präzisionssteuerung – heute eine effektive Abschreckung ermöglicht. Gleichermaßen verweisen Kritiker aber auch auf die großen Herausforderungen, die eine konventionelle Abschreckungsstrategie mit sich bringt; etwa im Bereich der operativen Umsetzung oder im Hinblick auf die Gefahr einer weiteren Verschärfung von Instabilität, bspw. durch regionales Wettrüsten. Umstritten ist auch, inwieweit konventionelle Waffen Nuklearwaffen bei Counterforce-Einsätzen ersetzen können.

Die Herausforderungen, vor denen die konventionelle Strategie Südkoreas steht, scheinen in Seoul zwar nicht offen, aber stillschweigend anerkannt zu werden. In diesem Kontext sind auch die nach wie vor hohe öffentliche Unterstützung für die Entwicklung eigener nuklearer Fähigkeiten in Südkorea sowie die zunehmende Unterstützung der südkoreanischen Elite für eine Stärkung der nuklearen Latenz zu betrachten. Angesichts der Tatsache, dass Nordkorea als eine zunehmend akute Bedrohung wahrgenommen wird und die Wiederwahl Donald Trumps die Unsicherheit über den Kurs der US-Politik in der Region erhöht hat, stellt sich die Frage nach der Belastbarkeit der aktuellen südkoreanischen Abschreckungsstrategie. Maßgeblich wird sein, ob die Führung in Seoul dem öffentlichen Druck nach einem nationalen Atomprogramm beziehungsweise dem Druck der Eliten nach einer Stärkung der nuklearen Latenz langfristig widerstehen kann.

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Online erschienen: 2025-11-22
Erschienen im Druck: 2025-11-27

© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

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