Katrin Janz-Wenig, Monika E. Müller, Gregor Patt: Die mittelalterlichen Handschriften und Fragmente der Signaturengruppe D in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Teil 1: Textband; Teil 2: Tafelband. Wiesbaden: Harrassowitz, 2015 (Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Kataloge der Handschriftenabteilung; 4). 2 Bde., 453 + 553 S., 603 farbige Abb. ISBN 978-3-447-10514-9. 298,– EUR.
Rezensierte Publikation:
Katrin Janz-Wenig, Monika E. Müller, Gregor Patt: Die mittelalterlichen Handschriften und Fragmente der Signaturengruppe D in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Teil 1: Textband; Teil 2: Tafelband. Wiesbaden: Harrassowitz, 2015 (Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Kataloge der Handschriftenabteilung; 4). 2 Bde., 453 + 553 S., 603 farbige Abb. ISBN 978-3-447-10514-9. 298,– EUR.
Der vorliegende Katalog erschließt 37 Codices und 57 Einzelfragmente liturgischer Handschriften des 9. bis 16. Jahrhunderts. Diese heute als Bestandsgruppe D geführte Teilsammlung der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Düsseldorf stammt zumeist aus dem Rheinland und Westfalen und kam über die ehemalige Hofbibliothek Düsseldorf an ihren heutigen Aufbewahrungsort. Ursprünglich als Projekt des Handschriftenzentrums der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz geplant, markiert dieser Katalog das erste Erschließungsunternehmen aus dem „seit 2011 in der ULB Düsseldorf aufgebauten lokalen Handschriftenzentrum“ (S. 7). Vor allem durch der Kombination von Beschreibungs- und Tafelband beschreiten die drei Mitarbeiter Gregor Patt (9 Codices), Katrin Janz-Wenig (27 Codices) und Monika E. Müller (10 Codices, 59 Fragmente) Neuland – und dies durchaus unter erschwerten Bedingungen, da sie „anfangs auch den Aufbau des lokalen Kompetenzzentrums für Handschriftenkatalogisierung zu bewältigen hatten“ (ebd.). Herausgekommen ist dabei ein Katalog, der sich als Kombination aus einer auf Liturgica spezialisierter Tiefenerschließung und einer kunsthistorisch orientierten Katalogisierung beschreiben lässt, beides in Anlehnung an die „Richtlinien Handschriftenerschließung“ der DFG (5. Auflage, Bonn 1992), wo Text- und Illustrationskataloge allerdings als separate Erschließungsunternehmungen abgehandelt werden.
Die Liturgica der ULB Düsseldorf sind eine besondere und aus dem Gesamtbestand äußerlich und textlich deutlich herausstechende Gruppe. Inhaltlich ragen sowohl bei den vollständig erhaltenen Codices mit 18 Antiphonalien und zehn Gradualien als auch bei den Fragmenten die liturgischen Musikhandschriften bzw. Chorbücher heraus. Zeitlich ist ein breites Entstehungsspektrum vom 9. bis zum 16. Jahrhundert abgedeckt, freilich mit dem auch für andere Liturgiebestände üblichen Schwerpunkt im 15. und 16. Jahrhundert und einem deutlich kleineren Gipfel im 13. Jahrhundert. Wegen des Ausstattungsniveaus, der Provenienzen und des Alters sind fünf Liturgica aus dem Zisterzienserkloster Altenberg, vier aus dem Dominikanerinnenkloster Paradies bei Soest, vor allem jedoch mehrere Codices aus dem Kanonissenstift Essen bzw. aus dem Benediktinerkloster Werden bei Essen herauszuheben. Bei den Essen-Werdener Beständen zählen drei Handschriften des 9. und 10. Jahrhunderts zur ältesten Düsseldorfer Bestandsschicht überhaupt. Die genannten Provenienznester werden ergänzt durch einige spätmittelalterliche Handschriften der beiden Kreuzherrenkonvente Düsseldorf und Marienfrede, die auch im nicht-liturgischen Bestand der Düsseldorfer Handschriften zu den Hauptprovenienzen gehören.
Die besitzende Bibliothek hat sich – dem unbestreitbaren äußeren Glanz der Handschriften entsprechend – zu einer hybriden Luxuserschließung mit einem klaren kunsthistorischen Schwerpunkt entschlossen. Dieser schlägt sich vor allem in den aufwändigen Textbeschreibungen nieder, aber auch in zusätzlichen tabellarischen Übersichten zum Buchschmuck, in den beiden kunsthistorisch geprägten Einleitungen (S. 20–29; 373–380), im Register (S. 438–442) und natürlich auch im opulent gestalteten Tafelband mit seinen 603 durchgehend farbigen Abbildungen. Der Tafelband stellt einen kleinen Ausschnitt aus dem in voller Totalität digitalisierten Bestand der D-Handschriften dar. Für diese Schwerpunktsetzung gibt es gute Gründe in der bekannten „Buchschmucklastigkeit“ liturgischer Handschriften. Andererseits gibt es hier und da auch Anzeichen von Übererschließung, die im Falle herausragender Stücke, wie dem Essener Sakramentar aus dem 9. Jahrhundert (D 1), zwar gerechtfertigt erscheinen, nicht jedoch bei Handschriften geringerer Bedeutung, wie z. B. eines aus drei Fragmenten bestehenden spätmittelalterlichen Antiphonale, bei dem jedes Einzelteil in seiner äußeren Erscheinung akribisch erschlossen ist (D 37,8; 37,11; 37,31). In scharfem Kontrast zu diesen überaus ausführlichen Beschreibungen steht bei den Fragmenten die fehlende Hereinnahme der Erschließungsdaten in das Hauptregister und in das hagiografische Register (im Gegensatz zum Register des Buchschmucks). Diese Diskrepanz wiegt schwer, weil man sich die Sachverhalte hier in den Beschreibungen recht mühsam zusammensuchen muss, und läuft dem unausgesprochenen Anspruch, das Maximum an Qualität herauszuarbeiten, zuwider. Dass die 59 Einzelfragmente aus 27 unterschiedlichen Codices stammen und die Codices zum Teil wiederum mehrbändige Werke einer ursprünglich zusammengehörigen Handschrift darstellen (D 7/D 9, wohl auch D 14/D 22, D 23/D 24 und D 34/D 36) erfährt man weder in der Einleitung noch in der Handschriftenübersicht (S. 73–77). So wird dem schnell über die Bestände hinweglesenden Benutzer suggeriert, dass im Katalog 95 Handschriften erschlossen seien und nicht die faktische Anzahl von 60 bzw. – weniger streng gerechnet – von 64.
Andererseits hat die Aufgabe, eine relativ geringe Anzahl an Handschriften in einem Band zu beschreiben, entscheidende Vorteile, konnten sich die Bearbeiter auf diese Weise doch voll auf die Eigenheiten liturgischer Handschriften konzentrieren. So sind sowohl die liturgie- als auch die kunsthistorischen Sachverhalte in den Beschreibungen mustergültig aufgearbeitet und durch das beigegebene Material herausragend dokumentiert und nachprüfbar. Kleinere Ungenauigkeiten, wie etwa die unterschiedlichen Datierungsansätze bei D 22 („um 1500“ in der Schlagzeile vs. „Ende des 15. Jh.s“ im Entstehungs- und Geschichtsteil), schmälern diese unbestreitbaren Qualitäten nicht. Nimmt man alles zusammen, so stellt das Katalogisierungsunternehmen zur Düsseldorfer D-Sammlung einen Meilenstein bei der Erschließung liturgischer wie illustrierter Handschriften für das Rheinland und Westfalen dar, weil es die Forschung in diesen eher stiefmütterlich behandelten Bereichen auf ein deutlich verbreitertes materielles Fundament stellt.
© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- Paul Ladewig: Katechizm biblioteki. Przelożył z języka niemieckiego na język polski Zdzisław Gębolyś; przy wspólpracy Bernharda Kwoki; przelożył z języka niemieckiego na język angielski Zdzislaw Gębolyś. Bydgoszcz: Wydawnictwo Uniwersytetu Kazimierza Wielkiego, 2016. 211 S., 35 s/w-Abb. Kart. ISBN 978-83-8018-050-5. 29,40 zł (ca. 6,60 €)
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