Zusammenfassung
Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte von Experteninterviews, die der Autor im Frühjahr 2015 mit Frau Prof. Dr. Christine Gläser (lehrt an der Fakultät Design, Medien und Information an der HAW in Hamburg), Frau Dr. Anke Petschenka (Fachreferentin für Philosophie an der Universität Duisburg-Essen) und Herrn Prof. Dr. Richard Stang (lehrt an der Hochschule für Medien in Stuttgart) im Rahmen und als Teilaufgabe eines Forschungssemesters geführt hat. Er soll dabei helfen, die aktuelle Situation von Lernzentren in Deutschland einschätzen und Konsequenzen für deren zukünftige Ausgestaltung ziehen zu können.
Abstract
This article is a summary of the main contents of expert interviews that started in spring 2015 with Prof. Dr. Christine Gläser (who teaches at the Faculty of Design, Media and Information at the HAW Hamburg), Dr. Anke Petschenka (Technical Officer for Philosophy at the University of Duisburg-Essen) and Prof. Dr. Richard Stang (who teaches at the Academy of Media in Stuttgart) within and as part of the tasks in a, in Germany so called, “researchsemester”. It is designed to help to assess the current situation of learning centres in Germany and to draw conclusions for the future structure.
1 Tendenzen
Man kann bestimmt mit Fug und Recht sagen, dass es an fast allen deutschen Hochschulbibliotheken gang und gäbe ist, Bestände abzubauen und den gewonnen Platz zur Bereitstellung von Arbeitsplätzen (welcher Art auch immer) und zur Schaffung von Lernflächen zu verwenden. Studierendenwünsche bzw. -erfordernisse verlangen danach. Die Belegungszahlen, also die hohe Auslastung, eine hohe Verweildauer verweisen deutlich auf die Richtigkeit dieser Maßnahme. Es ist auch nicht bekannt, dass sich Nutzer über die Magazinierung oder Aussonderung von Beständen beschwert hätten, auf den Fachreferentensitzungen der Hochschulbibliotheken ist dies bspw. kein umstrittenes Thema.
2 Vergleich zum Ausland
Deutschland hat in den vergangenen Jahren in Bezug auf Integration von Services (die Neuorganisation des IKMZ in Cottbus oder etwa der Hochschule in Ulm bildeten die organisatorische Klammer, um Inhalte adäquater zu transportieren) und auch durch die Einrichtung von Lernzentren im internationalen Vergleich aufgeholt. Die Schere zwischen den Verhältnissen im Ausland und den unseren war vor wenigen Jahren noch größer, die Zusammenführung von Arbeitsplätzen und Servicebereichen ist im Gange. Diesen Eindruck teilen bestimmt viele von uns, es ist schwierig sich eine eindeutige, fundierte, Meinung zu bilden, da eine komplette Übersicht über Lernzentren in Deutschland nicht existiert. Zu nennen ist hier der „Atlas“ der DINI von 2012, der eine Vorarbeit ist, um die Aktivitäten in unserem Land zu beschreiben, die Zusammenführung der DINI-Datenbank mit einer Sammlung, die Prof. Dr. Stang im Rahmen seiner Forschungstätigkeit an der HdM Stuttgart auf(ge)baut (hat):[1] „Learning Spaces – Lernwelten ist die größte internationale bibliographische Fachdatenbank über Entwicklungen und Trends im Bereich Lernräume und Lernorte, vor allem physischer Art“,[2] versucht diesem Umstand abzuhelfen.
3 Forschungsbedarf
Festzuhalten ist: Es gibt keine systematisierte Erhebung von Lernzentren (keine Struktur, um das zu erheben und auszuwerten), also etwa, wie viele Lernplätze es gibt, wie sind diese ausgestattet (hard- und softwaremäßig) und organisiert, wie gestalten sich die Nutzungsstrukturen (wie wird das genutzt, wie lange sind die Studierenden dort, welches Lernen realisieren sie in den einzelnen Settings).
4 Nationale und internationale Beispiele
Wesentlich scheint die Tatsache, dass es viele unterschiedliche „organisationsgetriebene“ Konzepte gibt und dass immer einzelne (Lern-)Elemente mehr oder weniger betont und in die Planung hineingenommen werden, eine systemische Sichtweise, die ganzheitliche Vorstellungen abbildet, aber weitgehend fehlt. Viele gute Einzelbeispiele auf dem Weg dorthin existieren, laut den befragten Experten, bereits: Das nun schon unglaublich oft zitierte Saltire Centre in Glasgow (große, offene Struktur, Vielzahl von Einzel- und Gruppenarbeitsplätzen) funktioniert offenbar gut, im Öffentlichen Bibliotheksbereich werden immer wieder Linz (als Schnittstelle von VHS und Bibliothek bildet es eine Einheit, das Personal qualifiziert sich als Lernberater) und Nürnberg (mit einer hochflexiblen Einrichtung und Beratungsangeboten, räumlich sehr ansprechende Lösung bietend und etwa mit Notebookverleih eine gute technische Infrastruktur vorhaltend) genannt. Das Grimmzentrum in Berlin ist hingegen eher traditionell gestaltet und legt den Fokus auf Einzelarbeitsplätze und ruhiges Lernen. Die UB Tübingen berichtet über gute Erfahrungen, wie Renke Siems letztes Jahr Ende Mai in Nürnberg vortrug. Wir wissen noch nicht viel über die neuen Lernumgebungen in den Universitätsbibliotheken in Konstanz (immer noch keine Freigabe von Essen und Trinken?) und Freiburg. Nachahmenswert finden die Experten z. B. dass die TIB Hannover nach der Sanierung und Renovierung das Lernen auf eine umfassende Basis gestellt hat,[3] natürlich das House of Competence des KIT,[4] das Learning Center der UB in Mannheim[5] und ebenfalls, nach Umbau und Sanierung, die UB Bielefeld,[6] mit ihren zugrundeliegenden Peer-to-Peer-Konzepten (um nicht so sehr und nur nach und in Baden-Württemberg zu schauen). Die O. A. S. E.[7] in Düsseldorf wurde genannt, die Ebene 10 in Wuppertal.[8]
5 Anregungen
Was können/sollten wir noch (im Ausland) anschauen, um uns inspirieren zu lassen, war eine meiner Fragen an die Experten? Die Learning-Hubs der Universität von Alto in Finnland etwa[9] beachten, die Veröffentlichungen von Joan Lippincott[10] zur Kenntnis nehmen, das Learning Space Toolkit[11] der North Carolina State University wird uns ebenfalls wärmstens ans Herz gelegt wie auch die Best-Practice-Beispiele des Joint Information Systems Committee[12] (JISC) auf flickr[13]. Und die Designing Libraries-Database,[14] alles Steinbrüche für Ideen, zur Beachtung bzw. Nachahmung.
6 Ziele
Was sind die Anforderungen, die sich uns stellen? Ausbau der technischen Infrastruktur, Gestaltung virtueller Lernräume, die Verzahnung von physischem und virtuellem Bestand, Single-Sign-On-Lösungen für den einfachen Plattformwechsel, Beachtung der Tatsache, dass Studierende Ihre eigenen (mobilen End-)Geräte mitbringen (hier das Stichwort: BYOD = Bring your own device), Raumästhetik und Raumakustik sinnvoll gestalten, Kollaboration ermöglichen, Events veranstalten, Emotionen wecken, Innovation ermöglichen, Kreativität fördern, Service und Beratung bieten...
7 Erhebungsbedarf
Eine systematische Nutzerforschung hülfe dabei herauszufinden, was die Besucher wünschen, doch: die SteFi-Studie[15] ist schon rund 15 Jahre alt. Natürlich liegen seitdem jede Menge Einzelstudien vor, zu Nutzerwünschen etc., eine umfassende Studie existiert, seitdem, freilich nicht.
8 Individuelle Konzepte und Fragestellungen
Grundsätzlich: es gibt keine One-Size-Lösung, individuelle Konzepte sind gefragt, Bedingungen vor Ort sind zu beachten, die Einbindung in Hochschulgesamtkonzepte ist anzustreben: Wie zentral sollen/können alle Dinge, die Studierende in ihrem Student-Life-Cycle brauchen (IT-Services, Recherche- und Informationsdienstleistungen, Kurse, Online-Beratung für Studierende, Beratung zu Lernplattformen, Prüfungsverwaltung, HIS-Tools etc.) an einem Ort angeboten werden. Und von wem? Die Bereitschaft, Aufgaben zu übernehmen – oder abzugeben. Bereitschaft zur Neu- bzw. Restrukturierung. Hier auch: Wie kann Forschung unterstützt werden? Soll sie Innerhalb oder außerhalb der Hochschulbibliotheken stattfinden? Sollen starke Zentralbibliotheken, die das Nicht-fachspezifische abdecken und genauso die Kooperation der Fachdisziplinen fördern, eben Interdisziplinarität unterstützen?
9 Fazit
Es gibt viel zu tun...

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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- Paul Ladewig: Katechizm biblioteki. Przelożył z języka niemieckiego na język polski Zdzisław Gębolyś; przy wspólpracy Bernharda Kwoki; przelożył z języka niemieckiego na język angielski Zdzislaw Gębolyś. Bydgoszcz: Wydawnictwo Uniwersytetu Kazimierza Wielkiego, 2016. 211 S., 35 s/w-Abb. Kart. ISBN 978-83-8018-050-5. 29,40 zł (ca. 6,60 €)
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