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„Indigene Bibliotheken“ in Lateinamerika: Neue Perspektiven und Herausforderungen von Bibliotheken in multikulturellen Kontexten

  • Daniela Celis Roggendorf

    Daniela Celis Roggendorf

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    , Annika Hartmann

    Dr. Annika Hartmann

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    and Gunther Kunze

    Gunther Kunze

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Published/Copyright: November 5, 2021
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Zusammenfassung

Dieser Beitrag stellt Initiativen aus Lateinamerika vor, welche sich für größere Partizipation und Repräsentanz von indigenen Gruppen im Bibliotheksbereich einsetzen. Nach einer kurzen Kontextualisierung werden die unterschiedlichen Ansätze und Handlungsfelder „indigener Bibliotheken“ diskutiert. Ein besonderen Aspekt der Auseinandersetzung bildet dabei der Spracherhalt. Abschließend werden Herausforderungen angesprochen und Fragen nach den Möglichkeiten von Bibliotheken bei der Dekolonisierung von Wissensbeständen angestoßen.

Abstract

The article introduces social initiatives in Latin America which help to advance greater participation for and representation of indigenous groups in the library sector. After a brief contextualisation, different approaches and activities towards establishing „indigenous libraries“ are discussed with a special focus on strategies for language maintenance. Challenges and options for action are explored for libraries to assist in the project of decolonising existing knowledge.

Laut dem UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) leben in Lateinamerika und der Karibik 45 Millionen Menschen, die sich als Mitglied einer der 800 indigenen Gruppen identifizieren.[1] Das sind 7,1 Prozent der insgesamt 640 Millionen (2020) in Lateinamerika und der Karibik lebenden Menschen.[2]

Die Schätzungen davon, wie viele indigene Menschen in Lateinamerika und der Karibik[3] leben variieren dabei stark, nicht zuletzt deshalb, da indigene Identitäten in den Zensus unterschiedlich abgefragt und historisch gesehen verschiedene Kriterien angelegt wurden.[4] Im Ländervergleich zeigen sich dabei große Unterschiede: Während Brasilien und Argentinien zu den Ländern mit sehr geringem Anteil an indigenen Bevölkerungsgruppen zählen – zumeist unter 5 Prozent – so sind Bolivien, Ecuador, Peru und Guatemala die Heimat vieler indigener Bevölkerungsgruppen, die auch noch einen relativ hohen Anteil der Gesamtbevölkerung stellen. Auch in Bezug auf indigene Sprachen lässt sich für die erwähnten Länder eine vergleichsweise hohe Verbreitung identifizieren.[5] Weitere Sprecher*innen indigener Sprachen leben außerdem im Süden Mexikos[6] und Paraguays, wo das Guaraní sogar den Status einer zweiten Amtssprache genießt und von 95 Prozent der Bevölkerung verstanden wird.[7] Selbst in Brasilien, wo der Anteil gemessen an der Gesamtbevölkerung, sehr gering ist, bildet das Amazonasbecken dennoch einen (letzten) Rückzugsort für viele teilweise noch sehr isoliert lebende Gruppen[8], die in ihrer Sprache, Lebensweise und Gesundheit zunehmend gefährdet sind.[9] Die reinen Sprecher*innenzahlen sagen jedoch nur wenig über die Vitalität der Sprachgemeinschaft aus. Zensusdaten basieren oft auf Selbstauskünften und, da zum einen soziales Stigma in Bezug auf indigene Sprachen immer noch eine Rolle spielt, zum anderen die Sprachkompetenz nicht geprüft wird, sagen die Zahlen mehr über Einstellungen gegenüber diesen Sprachen aus, als über ihre tatsächliche Beherrschung.[10]

Tab.:

Indigene Bevölkerung in Lateinamerika nach Land in 2010. Quelle: Latinoamérica indígena en el siglo XXI – Primera década[11].

Indigene Bevölkerung in Lateinamerika nach Land in 2010

Land

Letzter verfügbarer Zensus

Geschätzte indigene Bevölkerung zum Ende des Jahrzehnts (in Mio.)

Anteil an der Gesamtbevölkerung (in Prozent)

Argentinien

2010

0,95

15,0

Bolivien

2012

4,12

41,0

Brasilien

2010

0,82

0,5

Costa Rica

2011

0,10

2,4

Chile

2002

0,79

7,1

Ecuador

2010

1,02

7,0

El Salvador

2007

0,01

0,2

Guatemala

2002

5,88

41,0

Honduras

2001

0,55

7,2

Kolumbien

2005

1,53

3,3

Mexiko

2010

16,83

15,0

Nicaragua

2005

0,35

6,0

Panama

2010

0,42

12,2

Paraguay

2012

0,11

1,7

Peru

2007

7,60

26,0

Venezuela

2011

0,72

2,8

Lateinamerika

--

41,81

7,8

Wenn auch diese indigenen Gemeinden sich im Hinblick auf Sprache, Normen, Bildungsstand, Teilhabe und Repräsentation in lateinamerikanischen Gesellschaften mitunter stark unterscheiden, so teilen viele Menschen, die sich als indigen identifizieren, Erfahrungen sozialer, politischer und wirtschaftlicher Exklusion und Ausbeutung, die mit Kolonialismus und seinen modernen Ausdrucksformen einhergehen. Indigenität, also die Zugehörigkeit zu einer indigenen Gruppe, macht diese Personen – vor allem im Vergleich zu ihren nicht-indigenen Mitmenschen – besonders vulnerabel für Armut, Diskriminierung und gesundheitliche Probleme.[12] Indigen zu sein bedeutet in vielen Staaten Lateinamerikas immer noch, gegen Einschränkungen in den Bürger- und Menschenrechten, Bedrohungen von Leben und Gut, Verlust des eigenen Territoriums und/oder der linguistischen und kulturellen Vielfalt kämpfen zu müssen.[13]

Welche Möglichkeiten das Bibliothekswesen in Lateinamerika bietet, um indigene Menschen zu unterstützen, inwieweit deren Wissen und kulturelles Gedächtnis in den bisherigen Gedächtnisinstitutionen in der Region aufbewahrt werden konnte und wie eine „dekolonisierte Bibliothek“ überhaupt aussehen kann, das sind Fragen, die in den letzten Jahrzehnten an Relevanz gewonnen haben. Einige der bedeutenden Vorstöße in diese Richtung, sowie die Lehren, die man aus ihnen ziehen kann, sollen in der Folge einmal vorgestellt werden.

„Bibliotecas indígenas“ in Lateinamerika – Erste Impulse

„Indigene Bibliotheken“ waren im 20. Jahrhundert vielmehr Bibliotheken über, denn Bibliotheken für indigene Menschen. Nationalbibliotheken und andere Gedächtnisinstitutionen sammelten und bewahrten Materialien zu „indigenen Kulturen“ beziehungsweise zu dem, was vor allem eine weiße lateinamerikanische Elite darunter fasste, während ein Großteil indigener Bevölkerungsgruppen von politischen Organisationen, aber auch von Bildungs- und Kulturinstitutionen ausgeschlossen blieb. Fragen danach, was indigene Menschen unter „indigenem Erbe“ verstanden und ob, und wenn ja, auf welche Weise sie dieses sammeln und bewahren wollten, wurden in den nationalen Bibliothekspolitiken kaum berücksichtigt. Ebenso blieb eine Auseinandersetzung darüber aus, inwieweit Bibliotheksdienste in den lateinamerikanischen Ländern auch indigene Personen erreichten.[14]

Erst als indigene Bewegungen in den 1980er Jahren als politische Akteure sichtbarer wurden, nahm das bibliothekswissenschaftliche Interesse am Themenfeld „indigene Bibliotheken“ zu.[15] Vor dem Hintergrund ungelöster sozialer, ökonomischer, politischer wie ethnischer Konflikte nahmen Expert*innen Bibliotheken zunehmend als Entwicklungsmotor und Instrument für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel wahr. Dieser Rolle konnte die (Öffentliche) Bibliothek allerdings nur gerecht werden, wenn sie alle Teile der Gesellschaft und deren kulturelle, sozioökonomische, politische wie sprachliche Realitäten anerkennt und adressiert, wie lateinamerikanische Bibliotheksexpert*innen 1982 in der Caracas-Deklaration festhielten.[16] Sie sprachen sich zudem in dieser explizit dafür aus, das Verständnis für „nationale, indigene und Minderheitenkulturen zur Bildung einer nationalen Identität“[17] sowie die Kenntnis und den respektvollen Umgang mit anderen Kulturen zu fördern und zu deren Erhalt, Schutz und Verbreitung beizutragen. Wichtige Impulse kamen auch aus dem globalen Bibliothekskontext in Form des 1984 ins Leben gerufenen Förderprogramms Advancement of Librarianship in the Third World, später Action for Development through Libraries Programme (ALP) der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA), das erste Projekte und Konferenzen mit Fokus auf Literaturversorgung indigener Bevölkerungsgruppen finanziell förderte.[18]

Zwei dieser Konferenzen waren insofern richtungsweisend, da sie sich erstmalig auf regionaler Ebene mit „Bibliotheksdiensten für indigene Gemeinschaften“ beschäftigten und erste Erfahrungen in diesem Bereich zusammentrugen: das Treffen im Jahr 2000 in Mexiko-Stadt[19] und die Folgekonferenz 2003 in Lima[20]. Bei diesen Treffen wurde auch das Verständnis von „indigenen Bibliotheken“ als interkulturellem mehrsprachigen Dokumentationszentrum sowie sozialem Interaktionsraum geschärft, der zur Aufbewahrung, zum Erhalt und zur Verbreitung des kulturellen, materiellen wie immateriellen Erbes indigener Gruppen und ihrer Vorfahren beitragen und Bildungsprozesse, Zusammenhalt der Communities sowie die Verbreitung von in indigenen Sprachen verfasster Literatur und Texten fördern sollte.[21]

Bibliotheksprojekte, die direkt oder indirekt indigene Menschen adressierten, entstanden in Lateinamerika seit den 1980er Jahren oftmals in Zusammenhang mit anderen Aktionsbereichen, beispielsweise der Förderung von Informationskompetenz und Menschenrechten und insbesondere mit Programmen zur sogenannten ländlichen Entwicklung.[22] Eines der ersten (dokumentierten) Projekte entstand mit Unterstützung der IFLA und in Zusammenarbeit zwischen nichtstaatlichen Organisationen und der Nationalbibliothek in den 1990er Jahren in Venezuela, wo im Rahmen des Ausbaus von Schulen auch bibliothekarische Dienste für indigene Communities im Amazonasgebiet etabliert wurden.[23] Seitdem wurden Projekte sowohl in Ländern initiiert, in denen viele indigene Menschen leben, als auch in Ländern mit einem prozentual geringeren Anteil. Diese folgen dabei keinem bestimmten Modell, sondern sind aufgrund der großen nationalen, regionalen, soziokulturellen und historischen Unterschiede der Länder sehr vielfältig. Gemeinsam war diesen jedoch, dass sie Bibliothek neu dachten, konzeptionell wie materiell. Die Bibliothek im südlichen Hochland Guatemalas zum Beispiel, bietet nicht nur Platz für 3.000 Bücher, sondern fungiert auch als Gemeinde- und Ausbildungszentrum für Kaqchikel-Maya. Dieser Konzeptionswandel drückt sich auch in der Bezeichnung „Comunitecas“ und neuen, kreativen Architekturformen aus: Die beweglichen, in leuchtenden Farben angestrichenen Bambus-Paneelen der Comuniteca nehmen die prägnanten Muster einheimischer Textilien auf.[24] Um Menschen in abgelegenen Orten zu erreichen und einzuschließen, kommen mittlerweile auch vermehrt virtuelle Formate, aber auch mobile Bibliotheken zum Einsatz, beispielsweise die bibliolanchas genannten umfunktionierten Boote im venezolanischen Amazonasgebiet. Eine Gemeinsamkeit dieser Projekte war ebenfalls die Auseinandersetzung mit sprachlicher Vielfalt und mündlichen Überlieferungskulturen und der Rolle, die Bibliotheken hierbei spielen konnten und sollten.

Bibliotheken im Spannungsfeld von Sprache, Schrift und Identität

Traditioneller Schriftlichkeit wird häufig unhinterfragt ein höherer Wahrheitsgehalt zugesprochen, während davon abweichende Formen an den Rand gedrängt und als nicht ernstzunehmend, wissenschaftlich oder auch nur studier- und erhaltenswert eingestuft werden. Historisch betrachtet haben aber vergleichsweise wenige Kulturen auf dem amerikanischen Kontinent ein vollständiges Schriftsystem entwickelt.[25] Mit dem Import desjenigen der „Alten Welt“ und seinen prestigeträchtigsten Trägern – nämlich Büchern – wurde auch der Glaube an die enge Verknüpfung zwischen Schrifttechnologie und Zivilisationsniveau übernommen.[26] In den sich gerade durch die Aufbewahrung und Bereitstellung von schriftlichem Material definierenden Bibliotheken[27] wird diese Hierarchisierung in der Regel besonders deutlich.

Wie oben bereits angedeutet, zeichnen sich viele indigene Kulturen in Lateinamerika jedoch u. a. dadurch aus, dass sie in erster Linie auf mündlicher Weitergabe basieren. Punktuelle und durchaus wohlgemeinte Versuche der Politik, die Verwendung indigener Sprachen in den Domänen der Schriftlichkeit (Bildungssektor, Presse, Verwaltung, Rechtsprechung) zu fördern, scheitern häufig an der sehr diversen Sprachrealität, z. B. wenn Lehrmaterialien nur eine Varietät eines größeren Sprachraumes abbilden oder sich einer konstruierten Gemeinsprache bedienen, die aber Sprecher*innen anderer Varietäten nicht verstehen oder zumindest nicht als ihre anerkennen.[28] Bilinguale, multikulturelle Bildungsprojekte könnten zwar langfristig zu einer stärkeren Konsolidierung von indigenen Sprachen als Unterrichts- und Bildungssprachen und so zu größerer Akzeptanz innerhalb und außerhalb der Communities beitragen. Diese werden jedoch häufig immer noch als Projekte und eben nicht langfristig oder auch umfassend genug, also im Sinne einer interkulturellen Bildung für alle, gedacht.[29]

Im Zusammenhang mit „indigenen Bibliotheken“ ist es unerlässlich, eine „kritische Überprüfung der traditionellen, vom ‚Westen‘ aufgezwungenen Formen der Konzeption und Produktion von Wissen“[30] vorzunehmen und verschiedene Arten von Wissen[31] zu integrieren, die auf die tatsächlichen Informationsbedarfe ihrer Gemeinschaften reagieren. Eine Möglichkeit bietet die Eigenentwicklung von Materialien.[32] So könnte nicht allein zum Erhalt von Sprachen und Traditionen der Gemeinschaften beigetragen, sondern auch ein partizipativer Bestandsaufbau vorangetrieben werden. Die Kulturen der indigenen Communities erhalten so mehr Wertschätzung und Repräsentation in Beständen, die bisher vor allem die Mehrheitsgesellschaft und die dominante Sprache abgebildet haben, ihnen wird so aber vor allem die Möglichkeit der Mitgestaltung gegeben. Als Beispiel nennt Edgardo Civallero[33] Tonarchive, die Bibliothekar*innen in enger Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften entwickeln und in denen Aufnahmen jener Mitglieder gesammelt werden, die für die mündliche Traditionsweitergabe verantwortlich sind.[34] Er postuliert, dass „[d]ie Aufzeichnung mündlicher Überlieferungen im weitesten Sinne als Teil der Erwerbungspolitik von Bibliotheken betrachtet werden könnte“.[35]

Herausforderungen und Denkanstöße

Seit den ersten Initiativen bildeten „indigene Bibliotheken“ neue Ermächtigungsräume, die dem Erhalt und der Dokumentation bedrohter Sprachen und materieller wie immaterieller Kulturformen dienten. Als Informations- und Kommunikationsräume unterstützten sie zudem indigene Gruppen in ihren Bemühungen um soziale, politische und wirtschaftliche Teilhabe.[36] Mit der Frage danach, wie indigene Gruppen am besten erreicht werden konnten, fand die Bibliothek ebenfalls neue Gestaltungsformen abseits der großen im urbanen Raum angesiedelten Nationalbibliotheken. Wichtige Lerneffekte haben ebenso in Bezug auf Agency stattgefunden: Projekte, an denen indigene Personen selbst beteiligt waren, sowie Aktivitäten und Ziele mitbestimmen konnten, haben sich schlussendlich als nachhaltiger herausgestellt.[37] Anstatt indigene Gruppen als Zielgruppe zu konzipieren, werden diese nun verstärkt als Partner und Akteure wahrgenommen.[38]

Trotz dieser Impulse gibt es weiterhin große, vor allem, strukturelle Herausforderungen in diesem Feld: Projekte sind aufgrund mangelnder finanzieller wie personeller Ressourcen und politischer Apathie oftmals nur wenig nachhaltig. Bei einem Projekt in Brasilien nannten die Beteiligten folgende Probleme: das Fehlen eines festen Budgets, kein systematischer Bestandsaufbau oder -erhaltung im Hinblick auf Minderheitensprachen, inadäquates Mobiliar, keine Klimatisierung, keine Computer und kein Internetanschluss, keine (bibliothekarische) Einarbeitung der Mitarbeitenden.[39] Forderungen, die auf den ersten Konferenzen formuliert wurden, beispielsweise nach institutioneller Einbindung dieser Projekte in nationale Netzwerke, wurden zudem oftmals nicht umgesetzt.[40] Ebenfalls konstatiert Civallero einen eher niedrigen Stellenwert dieses Themas innerhalb der fachlichen Diskussion, was sich beispielsweise in der mangelnden Ausbildung des Bibliothekspersonals, aber auch an der Lücke zeigt, die sich bei der Systematisierungen bisheriger Erfahrungen auftut.[41]

Zugleich ist zu prüfen, inwieweit das Konzept der „indigenen Bibliothek“ als solches – und damit zusammenhängende Stereotypen, bspw. von Indigenität – in Frage gestellt werden sollten.[42] Auch ein zu starker Fokus auf den Spracherhalt – der in Bezug auf die meisten indigenen Sprachen leider wahrscheinlich ohnehin ein Kampf auf verlorenem Posten ist – könnte letztendlich marginalisierten Communities die Möglichkeit rauben, eine Identität jenseits ihrer „Anderssprachigkeit“ zu konstruieren.[43]

Dementsprechend gibt es nicht den goldenen Weg, Bibliotheken zu dekolonisieren. Wichtiger wäre es wohl Bedingungen zu schaffen, damit Einrichtungen vor Ort auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer Communities eingehen können, um gemeinsam mit diesen Menschen relevante und langfristig tragbare Modelle zu entwickeln, die den jeweiligen Informationsbedürfnissen entsprechen ohne ethnische, sprachliche und kulturelle Identitäten zu verneinen. Im übergeordneten Rahmen braucht es außerdem eine größere Sensibilisierung für die Effekte des Kolonialismus auf die Lebensrealität von Menschen und die Arbeitsweise von Institutionen, sowie die Integration von Personen in bibliothekarische Berufe, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung zu einer vielfältigen, pluralistischen Bibliothek beitragen können. Auf diese Weise können Kultur- und Gedächtnisinstitutionen aktiv gegen Ungleichheiten vorgehen und bestimmte bibliothekarische Praktiken und Wissensbestände, wie Klassifikationssysteme, Thesauri und Normdaten, hinterfragen, welche die Realitäten indigener Gruppen tendenziell wenig mitdenken.[44]

About the authors

Daniela Celis Roggendorf

Daniela Celis Roggendorf

Dr. Annika Hartmann

Dr. Annika Hartmann

Gunther Kunze

Gunther Kunze

Published Online: 2021-11-05
Published in Print: 2021-11-03

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2021-0123/html
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