Zusammenfassung
Der Beitrag beschreibt den Zustand des polnischen Bibliothekswesens anhand der aktuellsten Quellen. Er ist gegliedert in die Aspekte Grundlegendes, Typologie, Kooperationen und Ausbildung. „Grundlegendes“ beschreibt Eckdaten des polnischen Staates und die für Polen relevante Gesetzgebung. „Typologie“ umfasst eine Beschreibung der Bibliothekstypen in Polen. „Kooperationen“ stellt die polnischen Bibliothekars-Vereine und in Teilen die konstruktiven Deutsch-Polnischen Bibliothekskooperationen dar. Der Abschnitt „Ausbildung“ berichtet über die aktuelle Situation der Ausbildung von Bibliothekaren in Polen. Den Schluss bildet ein kurzer bewertender Vergleich zwischen dem deutschen und polnischen Bibliothekswesen.
Abstract
The paper provides an overview of Poland’s library sector based on current data available. It focuses on basic information, typology, cooperations and training. „Basic information“ gives an account of key data about the Polish state and the relevant legislation. „Typology“ describes different types of libraries in Poland. „Cooperations“ introduces Poland’s library associations and constructive cooperations between German and Polish libraries. The section „Training“ reports on the current situation of professional librarian training in Poland. The concluding section offers a comparison between the German and Polish library systems.
1 Polen und Deutschland
In Deutschland bestehen nur in begrenztem Umfang Bibliotheksgesetze. Eine umfangreiche Lösung dieses legalen „Schwebezustands“ der deutschen Bibliotheken liegt derzeit in ungewisser Zukunft.[1] Vor ca. 13 Jahren empfahl die Enquete-Kommission des Bundestags „Kultur in Deutschland“ die Festlegung der bibliothekarischen Aufgaben in gesetzlicher Form.[2] Trotzdem ist der legale Fortschritt schleichend. Die Weiterentwicklung des Bibliothekswesens wird hierdurch verzögert, es fehlt Ordnung, legale Rechtfertigung und Wertschätzung.
Das legale Fundament des polnischen Bibliothekswesens ist verglichen mit dem deutschen in einem deutlich besseren Zustand. Dies liegt an einer hohen Wertschätzung des Gesetzesgebers und an einer Orientierung am skandinavischen Bibliotheksmodell.[3] Diese Arbeit beschreibt das polnische Bibliothekswesen, die gesetzlichen Grundlagen und die polnische Bibliotheksausbildung. Der Schluss dieser Beitrags vergleicht kurz das polnische Bibliothekswesen mit dem deutschen und fasst unter der Fragestellung: „Ist das polnische Bibliothekswesen schwächer oder besser als das deutsche entwickelt?“ die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammen.
2 Grundlegendes[4]
Polen hat nach dem demografischen Bericht des statistischen Zentralamtes vom 30. Juni 2020 38 Millionen Einwohner, bei sinkender Bevölkerungstendenz. Das jährliche pro-Kopf BIP in Polen beträgt ca. 15.600 USD.[5]
Polen ist mit einer Größe von 312.696 km² etwa 40.000 km² kleiner als Deutschland und die Bevölkerungsdichte beträgt 123 Einwohner pro km² – die Hälfte der Bevölkerungsdichte von Deutschland. Die Amtssprache ist Polnisch, die Hauptstadt Warschau und die offizielle Währung der Złoty. Aufgrund der historischen Entwicklung ist Polen föderalistisch in Woiwodschaften (entspricht einem Bundesland) und Powiate (entspricht einem Landkreis) gegliedert. Es herrscht in Polen im Gegensatz zu Deutschland kein Bildungsföderalismus und Polen ist eine semi-präsidentielle Demokratie.
Derzeit führt die rechtspopulistisch/christlich-identitäre Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość) eine konservative Koalition im polnischen Parlament an und bildet die Regierung. Die parlamentarische Opposition besteht aus dem liberal-konservativen Bündnis „Bürgerkoalition“ (Koalicja Obywatelska) und dem linken Bündnis „Zusammen links“ (Lewica Razem).
Die polnischen Bibliotheken sind durch verschiedene Gesetze in ihren Aufgaben gefestigt. Das allgemeine Bibliotheksgesetz wurde am 27.05.1997 erlassen.[6] Es definiert die Aufgaben der Bibliotheken in Polen und bestimmt u. a. einen Rat für die Nationalbibliothek (Rada ds. Narodowego Bibliotecznego) unter Zuständigkeit des Ministers für Kultur und Nationalerbe. Hier können Bibliotheksorganisationen Stellungnahmen abgeben, die der Minister für Kultur und Nationalerbe dann im Ministerrat der polnischen Regierung in eine Gesetzesinitiative umwandeln kann. Das polnische Bibliotheksgesetz definiert außerdem die Medieneinheiten der Bibliothek, regelt den Export von Bibliotheksgütern und verschiedene Modalitäten zur Erhebung von Bibliotheksgebühren. Es erklärt die wichtigsten Bibliothekstypen und legt deren Aufgaben fest. Im allgemeinen Bibliotheksgesetz wird zudem das polnische Bibliotheksnetzwerk definiert. Das Bibliotheksnetzwerk sorgt u. a. für das kooperative Sammeln, Verarbeiten, Speichern und Teilen von Medieneinheiten, es hilft bei der bibliografischen und dokumentarischen Aufarbeitung von Informationen, unterstützt Forschungsaktivitäten, die Fortbildung von Bibliotheksmitarbeitern und Mitarbeiterinnen und sorgt für einen Austausch zwischen Bibliotheken.[7]
Andere Gesetze unterstützen das allgemeine Bibliotheksgesetz. Schulbibliotheken werden durch Artikel 22 des Bildungsgesetzes von 1991 juristisch definiert, Wissenschaftliche Bibliotheken durch Artikel 49.1 des Gesetzes der höheren Bildung und Öffentliche Bibliotheken durch das Gesetz zur Durchführung und Organisation kultureller Angelegenheiten. Bibliotheken werden aus dem Budget der zuständigen Woiwodschaft finanziert. Eine Ausnahme bilden die Nationalbibliothek, Zentralbibliotheken sowie Spezial- und Fachbibliotheken, deren Budget von der Regierung der Dritten Polnischen Republik festgelegt wird. Zu den staatlich finanzierten Bibliotheken gehören auch Militär-, Gefängnis- und Forschungsbibliotheken sowie die Bibliotheken der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Universitätsbibliotheken gehören zu den Wissenschaftlichen Bibliotheken und werden so vom Staat budgetiert.[8]
Polnische Bibliotheken profitieren auch von der EU-Gesetzgebung, beispielsweise der Richtlinie 2012/28/EU zu verwaisten Werken, die am 20.11.2015 in einem polnischen Urheberrechtsgesetz umgesetzt wurde.
Polen war bisher drei Mal Gastgeber der IFLA-Konferenz: 1939, 1959 und 2017.
3 Typologie
3.1 Öffentliche Bibliotheken
Laut der polnischen Nationalbibliothek gab es im Jahr 2018 insgesamt 2.611 Öffentliche Bibliotheken in Polen mit 5.314 angegliederten Zweigbibliotheken. Zum Teil sind Öffentliche Bibliotheken in Polen stark mit der restlichen Infrastruktur vernetzt, so nutzen z. B. 1.385 Öffentliche Bibliotheken Bauten einer anderen kulturellen Institution und 73 sind direkt in Schulen verortet. Die meisten Öffentlichen Bibliotheken in Polen sind nur unter der Woche geöffnet und schließen vor 16 Uhr. Öffentliche Bibliotheken waren im Jahr 2018 durchschnittlich 33 Stunden in der Woche geöffnet. An Öffentlichen polnischen Bibliotheken sind 18.290 Personen beschäftigt, die im Jahr 2021 Jahr 246.878 Stunden weitergebildet werden. Ca. 82 Prozent aller Öffentlichen Bibliotheken sind im ländlichen Raum verortet. Der Bestandsanteil der ländlichen Bibliotheken am gesamten Bestand aller Öffentlichen Bibliotheken beträgt 39 Prozent, der gesamte Bestand der Öffentlichen Bibliotheken in Polen beträgt 128 Millionen Medieneinheiten.
3.2 Wissenschaftliche Bibliotheken
Nach dem Bibliotheksgesetz gehören zu den Wissenschaftlichen Bibliotheken die Nationalbibliothek, Universitätsbibliotheken und Bibliotheken der Polnischen Akademie der Wissenschaften.
Andere Bibliotheken können auch vom Minister für Kultur und Nationalerbe zu Wissenschaftlichen Bibliotheken designiert werden, wenn sie eine spezialisierte Sammlung in einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplin aufweisen, die für die Forschung genutzt wird. Solche Bibliotheken müssen zusätzlich entweder ausgebildete Bibliothekare oder Wissenschaftler einstellen und außerdem eine IT-Ausstattung besitzen, die wissenschaftliche Aktivitäten ermöglicht. Sobald eine Bibliothek als Wissenschaftliche Bibliothek anerkannt wird, kann sie von verschiedenen Zuschüssen profitieren und wird in der Budgetzuteilung bevorzugt. Im Jahr 2017 waren 73 Prozent aller Wissenschaftlichen Bibliotheken behindertengerecht ausgestattet. Wissenschaftliche Bibliotheken waren im selben Jahr 36 Stunden in der Woche geöffnet. Im Jahr 2016 gab es 938 Wissenschaftliche Bibliotheken in Polen.
3.3 Sonstige Bibliothekstypen
Weitere Bibliothekstypen in Polen umfassen die pädagogischen Bibliotheken, die sich an Lehrer, Erzieher und Studenten von pädagogischen Fächern richten, kirchliche Bibliotheken, die von der katholischen Kirche betrieben werden, Militärbibliotheken, Gefängnisbibliotheken, Ministerialbibliotheken und andere.
Schulbibliotheken sind in Polen mit 21.212 Bibliotheken (Stand 2017) die am meisten vertretenen Bibliotheken in Polen.
3.4 Nationalbibliothek in Warschau – Biblioteka Narodowa w Warszawie
Die Mission der polnischen Nationalbibliothek besteht darin, das nationale Erbe zu schützen, indem sie Medieneinheiten erwirbt, speichert und dauerhaft archiviert. Sie hält das Pflichtexemplarrecht für ganz Polen inne und gilt als Hauptarchiv der gesamten polnischen Literaturproduktion. Zusätzlich wirkt sie als nationale bibliographische Agentur. Im Jahr 2015 betrug die Sammlung der Nationalbibliothek 9 Millionen Medieneinheiten bei 194.467 Neuerwerbungen. Zusätzlich erhält die Nationalbibliothek jährlich ca. 200.000 Pflichtablieferungen. Die Nationalbibliothek beschäftigte im selben Jahr 805 Mitarbeiter.
4 Kooperationen
Die „Vereinigung polnischer Bibliothekare“ (Stowarzyszenie Bibliotekarzy Polskich) spielt eine wesentliche Rolle im Aufbauen und Erhalten von Kooperationen, dem Ausbilden von neuen Bibliothekaren und im Entfalten einer professionellen Identität des bibliothekarischen Berufstands. Sie benennt sich selbst als der wichtigste Verleger von Bibliotheks- und Informationsmaterialien und gibt jedes Jahr ein Jahrbuch zum Bibliotheks- und Informationswesen in Polen heraus. Zusätzlich entwickelt die Vereinigung polnischer Bibliothekare Strategiepapiere, die in der vernetzten Umgebung der polnischen Bibliotheken umgesetzt werden sollen. Die PLA ist Mitglied von IFLA, der IAML, LIBER und EBLIDA.
Neben den Kooperationen der PLA war auch die Nationalbibliothek Polens an mehreren internationalen Projekten beteiligt, wie beispielsweise an der „Europeana“, dem „TELplus“-Projekt und dem „International Internet Preservation Consortium“. Die Nationalbibliothek ist Mitglied der IFLA, der „Conference of European National Librarians“ (CENL), der „Bibliographical Society“ und vielen anderen internationalen Organisationen. Die Nationalbibliothek sucht Polonica in ausländischen Bibliotheken und führt sie in kooperativen Projekten physisch zurück nach Polen. Auch eine Rückführung der im Zweiten Weltkrieg verlorenen Bestände der ehemaligen preußischen Staatsbibliothek fand statt.
Die „Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ leistet viel im Sinne der deutsch-polnischen Freundschaft und einer internationalen bibliothekarischen Zusammenarbeit. So beteiligte sie sich gemeinsam mit der Nationalbibliothek Polens, der Universitätsbibliothek Breslau und der Robert Bosch Stiftung Stuttgart an dem Projekt „Mikroverfilmung von Schriftdenkmälern im Schnittfeld polnischer und deutscher Kultur“ im Jahr 2002, durch das 45.592 Einzelobjekte aus historischem polnischem Bestand auf Mikrofilm übertragen werden konnten.
Als weiteres kooperatives Projekt ist das „Deutsch-Polnische Dokumentations- und Medienzentrum“ zu nennen, welches von 2002 bis 2007 Informationen und Literatur zum Thema deutsch-polnischer Beziehungen sammelte und teilweise durch das EU-Förderprogramm INTERREG III unterstützt wurde. Eines der Ziele von INTERREG III war die Förderung von grenzübergreifenden institutionellen Kooperationen. INTERREG IV – der Nachfolger von INTERREG III – förderte unter seinen grenzübergreifenden Projekten größere Infrastrukturprogramme, z. B. das Projekt FLUXPYR zur Bewässerung von Agrarland in den Pyrenäen oder das ISLES-Projekt zum Aufbau erneuerbarer Energien in Irland und Schottland. Es ist wahrscheinlich, dass das „Deutsch-Polnische Dokumentations- und Medienzentrum“ als ein zu unbedeutendes Entwicklungsprojekt im Vergleich zu dem medienwirksamen Ausbau von umweltschonenden Energieprojekten gesehen wurde. Es wurde 2007 eingestellt.
Im polnischen Verbundkatalog NUKAT kooperieren derzeit 175 polnische Bibliotheken. Er verzeichnete am 10.11.2020 4.575.718 selbstständige Titelsätze. NUKAT wurde durch die Mellon Foundation finanziert und ist im Worldcat integriert.
Die Gewerkschaft „Polnische Bibliothekare“ (Bibliotekarze Polscy) verfolgt den Zweck, berufliche und soziale Interessen von Bibliothekaren zu vertreten und deren Rechte zu schützen. Neben dem Verfolgen gewerkschaftsrechtlicher Interessen veröffentlicht die Organisation „Polnische Bibliothekare“ Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Fragen und zu einzelnen Arbeitnehmerangelegenheiten. Sie verhandelt zusätzlich die Lohntarifverträge, kontrolliert die Umsetzung von Vereinbarungen und versorgt die Mitglieder der Gewerkschaft und die Familien verstorbener Mitglieder mit Sozialhilfe.
Der „Polnische Bibliotheksverband“ (Polski Związek Bibliotek) ist seit 1999 aktiv und ist ein Verein, der 172 Bibliotheken vernetzt. Er organisiert Studienreisen, Buchmessen, Workshops und Konferenzen. Der Verein hat sich die Kooperation Mittel- und Osteuropäischer Bibliotheken zum Ziel gesetzt und veranstaltet zu diesem Zweck internationale Konferenzen.
Die „Föderation der polnischen Kirchenbibliotheken“ (Fides) ist ein Verein aus katholischen polnischen Bibliotheken, der von der Nationalkonferenz katholischer Bischöfe in Polen 1995 gegründet wurde und heute aus 80 Mitgliedsbibliotheken besteht. Fides hat sich zum Ziel gesetzt, bibliografische Standards für die katholischen Bibliotheken auszuarbeiten und sie technisch zu unterstützen. Derzeit führen sie ein integriertes Bibliothekssystem ein und digitalisieren das polnische Kirchenerbe. Fides ist Teil der europäischen Organisation „BETH“ (Bibliothèques Européennes de Théologie).
5 Ausbildung
Die Ausbildung der Bibliothekare findet im „Zentrum für Weiterbildung von Bibliothekaren in Warschau“ (Centrum Ustawicznego Kształcenia Bibliotekarzy w Warszawie) statt. Dort kann ein sechssemestriger Bachelor- und ein viersemestriger Masterstudiengang im Bibliothekswesen an Universitäten absolviert werden.
Es ist nicht zwingend notwendig, ein Studium absolviert zu haben, um als Bibliothekar zu arbeiten. Auf einige Positionen, insbesondere an Öffentlichen Bibliotheken, ist eine Bewerbung ohne Bachelor- oder Masterabschluss möglich.
Für eine Bewerbung an Wissenschaftlichen Bibliotheken wird meist ein Studium vorausgesetzt. Der Studiengang wird am häufigsten „Informations- und Bibliothekswissenschaft“ genannt (Informacja naukowa i bibliotekoznawstwo). Er wird derzeit an vielen polnischen Universitäten angeboten, so beispielsweise an den Universitäten Posen, Kattowitz, Warschau und Breslau.
Im Wintersemester 2020/2021 bot z. B. die schlesische Universität Katowice einen Masterstudiengang in Vollzeit und zwei Bachelorstudiengänge in Vollzeit an. Auch Teilzeit-Studiengänge wurden angeboten.
Es gibt keine Studiengebühren. In Polen zählt das Bibliotheksstudium zu den Geisteswissenschaften.
Das „Institut für wissenschaftliche Information und Bibliothek der Universität Breslau“ (Instytut Informacji Naukowej i Bibliotekoznawstwa Uniwersytetu Wrocławskiego) hat sich auf Bibliotheksstudiengänge spezialisiert und bietet sowohl Bachelor- und Masterstudiengänge als auch Stipendien an. Bibliothekarische Studiengänge kann man modular um pädagogische Kompetenzen erweitern, welche die Aufnahme eines Lehrerberufes ermöglichen.
Die Studiengänge sind im Erasmusprogramm (Erasmus+) integriert, entsprechen den Bologna-Konventionen und vergeben ECTS. Ausländer dürfen auch in den polnischen Bibliotheken Bibliothekswissenschaften studieren, wobei im Zuge der Recherche zu dieser Arbeit keine Kurse in Sprachen außer Polnisch gefunden wurden.
6 Fazit und Vergleich
Zusammengefasst weist die polnische Bibliotheksgesetzgebung verschiedene positive Besonderheiten aus. Zum einen gibt es seit 1997 ein Bibliotheksgesetz, das bibliothekarische Aufgaben absteckt und das Bibliothekssystem Polens in seiner Gänze definiert. Weiterhin können Bibliotheksorganisationen über den Rat für die Nationalbibliothek direkt an den Kulturminister bibliothekarische Anliegen vortragen, die dann in Gesetzesinitiativen weiterentwickelt werden können. Das polnische Bibliotheksnetzwerk ist gesetzlich definiert. Es organisiert die Bibliothekskooperation im Sammeln und Bereitstellen von Medieneinheiten, organisiert die Fortbildung von Bibliothekaren und befruchtet den nationalen und internationalen Bibliotheksaustausch.
Die deutsche gesetzliche Situation sieht im Vergleich zur polnischen geradezu verzweifelt aus. Nur fünf der 16 Bundesländer hatten im Jahr 2020 eigene Bibliotheksgesetze. Aufgrund der Kulturhoheit der Länder ist ein deutschlandweites Bibliotheksgesetz schwer zu realisieren.
2018 gab es in Polen rund 2.600 Öffentliche Bibliotheken mit ca. 5.300 angegliederten Zweigbibliotheken. Wissenschaftliche Bibliotheken in Polen enthalten Universitätsbibliotheken, Bibliotheken der Polnischen Akademie der Wissenschaften und die Nationalbibliothek. Im Jahr 2016 gab es 938 Wissenschaftliche Bibliotheken in Polen. Die Nationalbibliothek in Warschau hält das Pflichtexemplarrecht für ganz Polen und gilt als Hauptarchiv des polnischen Kulturerbes. Die Sammlung der Nationalbibliothek betrug im Jahr 2015 ca. 9 Millionen Medieneinheiten. Der gesamtpolnische Verbundkatalog NUKAT verzeichnete im Jahr 2020 4,5 Millionen Titelsätze. Die Vereinigung polnischer Bibliothekare ist der Berufsverband polnischer Bibliothekare und erfüllt eine ähnliche Rolle wie die deutschen Verbände BIB und VDB, jedoch ohne die Unterscheidung in einen „gehobenen“ und einen „höheren“ Dienst.
Laut der deutschen Bibliotheksstatistik gab es in Deutschland im Jahr 2018 7.239 Öffentliche Bibliotheken, 238 wissenschaftliche Universal- und Hochschulbibliotheken und 161 wissenschaftliche Spezialbibliotheken. Somit ist sowohl die gesamte Anzahl der Bibliotheken in Polen größer als in Deutschland als auch die relative pro Kopf-Bibliotheksdichte. Die Anzahl der Medieneinheiten in Polen ist dennoch deutlich geringer. Allein der bayerische Verbundkatalog fasst mit ca. 29,5 Millionen (Stand 2021) mehr als die polnischen Bestände.
Obwohl Polens Bibliotheken legislativ viel Unterstützung erfahren, nutzten nur 13 Prozent aller Polen im Jahr 2013 – laut einer Studie der Bill & Melinda Gates Foundation – informelle bibliothekarische Lernangebote und belegten damit den letzten Platz der befragten Länder. 23 Prozent der Deutschen nahmen diese wahr.[9] 36 Prozent aller Polen waren 2013 der Meinung, dass Öffentliche Bibliotheken mehr finanzielle Unterstützung verdienen, im Vergleich zu 38 Prozent aller Deutschen.[10] 20 Prozent aller Polen nutzten von 2012 bis 2013 eine Öffentliche Bibliothek, im Vergleich zu 16 Prozent aller Deutschen.[11] Es liegt nahe, dass Bibliotheken in Polen im Vergleich zu den Deutschen weniger der wissenschaftlichen Ausbildung und mehr der Kultivierung von Allgemeinbildung dienen.
Das polnische Bibliothekswesen leistet einen beachtlichen Beitrag für die gesellschaftliche und wissenschaftliche Kultur. Dies ist zum einen der gesetzlichen Klarheit und zum anderen der herausragenden Arbeit polnischer Bibliothekare zuzurechnen. Das polnische Bibliothekswesen weist in seiner gesetzlichen Rahmung deutliche Vorteile gegenüber dem deutschen Bibliothekswesen auf. Es wird als wichtiger Teil der Allgemeinbildung angesehen und entsprechend gefördert. Trotz des deutlichen Unterschiedes im BIP zwischen Deutschland und Polen ist das polnische Bibliothekswesen in vielen Metriken stärker ausgeprägt und besser in der Gesellschaft integriert. Pauschal zu sagen, ob ein Bibliothekswesens dem anderen „überlegen“ sei, ist aber schwer möglich und bedarf einer geschärften Definition und einer breit ausgelegten und differenzierten wissenschaftlichen Untersuchung.
Article Note
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Beitrag ausschließlich die männliche Schreibweise verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für alle Geschlechter.
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© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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