Home Library & Information Science, Book Studies Das Bibliothekswesen in Namibia
Article Publicly Available

Das Bibliothekswesen in Namibia

Ein Überblick über die Geschichte, die aktuelle Situation und die Herausforderungen der Bibliotheksarbeit in einem der am dünnsten besiedelten Länder der Welt
  • Johannes Böhm

    Johannes Böhm M.A.

    EMAIL logo
Published/Copyright: November 5, 2021
Become an author with De Gruyter Brill

Zusammenfassung

Der Aufsatz gibt einen knappen Überblick über die geschichtliche Entwicklung und die aktuelle Situation des namibischen Bibliothekswesens sowie die Herausforderungen und Besonderheiten, mit denen Bibliotheken in Namibia konfrontiert sind. Betrachtet werden die Grundstrukturen des Bibliothekswesens, die Ausbildungs- und Personallage und die jeweils wichtigsten Bibliothekstypen im öffentlichen und wissenschaftlichen Bereich.

Abstract

The article gives a brief overview of the historical development and current situation of Namibia’s library system looking at challenges and particularities the country’s libraries have to face. Basic structures, professional training and staffing situation, as well as major library types in the public and academic sectors are discussed.

Schlüsselwörter: Namibia; Bibliothek; Bibliothekswesen

1 Einführung: Land und Bevölkerung

Namibia[1] liegt im Südwesten Afrikas und wird im Norden, Osten und Süden durch Angola, Sambia, Simbabwe, Botswana und Südafrika begrenzt. Die Westgrenze bildet die Küste des Atlantischen Ozeans. Das Gebiet des heutigen Namibia war seit 1884 unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika Kolonie des Deutschen Kaiserreiches. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Land unter dem Namen Südwestafrika als Völkerbundmandat unter die Verwaltung Südafrikas, das 1948 die Apartheid einführte. Als eines der letzten Länder in Afrika erlangte die Republik Namibia am 21. März 1990 die staatliche Unabhängigkeit und verfügt seitdem über ein stabiles demokratisches Regierungssystem.

Das Staatsgebiet Namibias umfasst etwa 825.000 km2 und gliedert sich in 14 Regionen mit 121 Bezirken. Die Einwohnerzahl beträgt circa 2,5 Millionen. Damit gehört Namibia zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Die Bevölkerung lebt vorwiegend im fruchtbaren Norden sowie in der Hauptstadt Windhoek im Zentrum des Landes. Die Wüstenregionen im Süden und Osten sowie entlang der Atlantikküste sind hingegen fast menschenleer. Das Verhältnis von Stadt- und Landbevölkerung ist etwa ausgeglichen. Die Gesellschaft Namibias ist ethnisch sehr heterogen aufgebaut und setzt sich aus Angehörigen einer Vielzahl verschiedener Bevölkerungsgruppen zusammen. Die offizielle Amtssprache ist Englisch, im alltäglichen Gebrauch dominieren jedoch die verschiedenen indigenen Sprachen als gleichberechtigte Nationalsprachen.

Die namibische Wirtschaft beruht hauptsächlich auf dem Abbau der reichen Rohstoffvorkommen, sowie auf Tourismus, Fischerei und Viehzucht. Namibia zählt zu den reicheren Staaten Afrikas. Der Wohlstand ist in der Bevölkerung jedoch extrem ungleich verteilt, vor allem zwischen der weißen Minderheit und der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 30 Prozent und größere Teile der schwarzen Bevölkerung leben in Armut. Durch die allgemeine Schulpflicht von sechs bis 16 Jahren und hohe Bildungsausgaben liegt die Alphabetisierungsrate in Namibia bei rund 90 Prozent. Jedoch erreicht nur etwa die Hälfte der Schüler einen höheren Bildungsabschluss ab der zehnten Klasse. Das namibische Hochschulwesen umfasst zwei staatliche Universitäten, eine private Universität sowie einige weitere Hochschulen zur Berufsausbildung.

2 Strukturen des Bibliothekswesens

Bereits während der deutschen Kolonialzeit entstanden die ersten, meist privat finanzierten Bibliotheken in Namibia. Sie dienten als Gemeinde-, Pfarr- oder Soldatenbüchereien in erster Linie der Unterhaltung und Belehrung der deutschen Siedler und Schutztruppen. Der schwarzen Bevölkerung war der Zugang zu Bibliotheken wie auch zu höherer Bildung weitestgehend verwehrt. Am Ende der deutschen Kolonialherrschaft existierten 16 öffentlich zugängliche, kostenpflichtige Bibliotheken in den größeren Orten des Landes.[2] Die südafrikanische Mandatsverwaltung übernahm diese Strukturen und baute sie weiter aus. Die Zugangsmöglichkeiten für die schwarze Bevölkerung blieben jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein weiterhin marginal. Gemäß der seit 1948 geltenden Apartheidpolitik setzte die südafrikanische Verwaltung eine strikte Trennung zwischen der Lebenswelt der weißen und schwarzen Bevölkerung durch, die sich auch im Bibliothekswesen manifestierte. 1963 stand 14 Öffentlichen Bibliotheken für die weiße Bevölkerung keine einzige für die schwarze Bevölkerungsmehrheit gegenüber.[3] Es fehlte an Ressourcen und politischem Willen zum Aufbau eigener Bibliotheken für die schwarze Bevölkerung.[4] Erst 1985 öffnete eine Gesetzesänderung die bestehenden Bibliotheken rein formell gleichermaßen für alle Bevölkerungsteile.[5] An den realen Zuständen änderte sich hingegen erst nach der namibischen Unabhängigkeit 1990 etwas.[6]

Eines der Hauptanliegen der jungen Republik Namibia war es, die Ungleichbehandlung von schwarzer und weißer Bevölkerung aufzuheben und bessere Lebensbedingungen für die Gesamtbevölkerung zu schaffen. Als wichtiges Instrument, um dieses Ziel zu erreichen, rückte schnell das Bibliothekswesen in den Fokus. Die Anzahl der Bibliotheken sollte erhöht werden und der Zugang fortan allen Einwohnern gleichermaßen offenstehen.[7] Zu diesem Zweck wurde 1993 dem Ministry of Education, Arts and Culture eine neue Unterabteilung angegliedert, der Namibia Library and Archives Service (NLAS). Er ist bis heute zuständig für die Verwaltung der staatlichen Bibliotheken und die Weiterentwicklung des nationalen Bibliothekswesens. NLAS ist organisatorisch in fünf Arbeitsgruppen unterteilt für die Öffentlichen Bibliotheken (Community Libraries), die Schulbibliotheken (Education Libraries), die staatlichen Spezialbibliotheken (Ministerial Libraries) sowie die Nationalbibliothek (National Library of Namibia – NLN) und das Nationalarchiv (National Archives of Namibia – NAN).[8]

1997 veröffentlichte NLAS ein erstes Positionspapier, in dem herausgearbeitet wurde, auf welche Weise Bibliotheken die nationalen Entwicklungspläne unterstützen könnten.[9] 2001 trat der Namibia Library and Information Service Act in Kraft, mit dem die gesetzlichen Grundzüge des Bibliothekswesens in Namibia festgelegt wurden.[10] Mit dem Namibia Library and Information Council (NLIC) wurde ein oberstes Beratungsgremium für den gesamten Informationsbereich geschaffen. Das Gesetz regelte außerdem die Stellung der Nationalbibliothek als bibliothekarisches Zentrum des Landes. In ihren Aufgabenbereich fallen das nationale Pflichtexemplarrecht und die Erstellung der Nationalbibliographie. Zudem agiert die Nationalbibliothek als nationale ISBN-/ISSN-Agentur und soll in Kooperation mit NLAS auf die Einführung bibliothekarischer Standards sowie die weitere Professionalisierung und bessere Vernetzung innerhalb des namibischen Bibliothekswesens hinarbeiten.[11]

Die Nationalbibliothek ist das Drehkreuz des nationalen und internationalen Fernleihverkehrs. Jedoch wird das postbasierte Fernleihsystem als langsam und ineffektiv beschrieben und wohl eher wenig genutzt.[12] Vermutlich spielt hierbei auch das Fehlen eines nationalen Verbundkatalogs oder anderer Möglichkeiten zur Abfrage der landesweit vorhandenen Bibliotheksbestände eine merkliche Rolle. Obwohl NLAS bereits vor gut zehn Jahren die Einführung eines Verbundkataloges für die staatlichen Bibliotheken angeregt hatte, konnte dieser bislang nicht realisiert werden. Es fehlt sowohl an einer einheitlichen digitalen Erschließung der Bibliotheksbestände als auch am technischen Knowhow zur Umsetzung.[13] Deutlich weiter fortgeschritten ist hingegen der Aufbau eines nationalen Konsortiums zur Lizenzierung von E-Medien und zur Verhandlung von Publikationsgebühren. Mit Unterstützung der Entwicklungshilfeorganisation Electronic Information for Libraries (EIFL) konnte 2014 das Namibia Library Consortium (NALICO) ins Leben gerufen werden. Zu den derzeit zehn NALICO-Teilnehmern zählen insbesondere die großen wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes.[14]

3 Bibliothekarische Ausbildung und Personalsituation

Möglichkeiten zur bibliothekarischen Ausbildung gibt es in Namibia seit Eröffnung der University of Namibia (UNAM) im Jahr 1992.[15] Das Departement of Information and Communication Studies bietet als einzige Ausbildungsstelle Abschlüsse im Bibliothekswesen an. Das Grundstudium kann als dreijähriger Diplom- oder als vierjähriger BA-Studiengang absolviert werden. Beide Studiengänge basieren auf einem fest vorgegebenen Curriculum, das 2018 grundlegend überarbeitet und an aktuelle Entwicklungen im Berufsfeld angepasst wurde. Der BA-Abschluss qualifiziert für ein dreijähriges Masterstudium in Library Science and Records Management. Das MA-Studium ist stark forschungsorientiert und lässt den Studierenden deutlich mehr Raum zur persönlichen Schwerpunktsetzung als das Grundstudium. Im Anschluss besteht noch die Möglichkeit eines Promotionsstudiums in Library and Information Science.[16]

Die Öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken in Namibia haben seit jeher mit einem Mangel an ausreichend qualifiziertem Personal zu kämpfen. Dies liegt einerseits an zu geringen Absolventenzahlen, andererseits aber auch am allgemeinen Bildungsniveau, schlechten Vorkenntnissen im Umgang mit Bibliotheken und moderner Informationstechnik sowie den zum Teil schlechten Englischkenntnissen der Absolventen. Diese Defizite konnten bislang durch das Studium allein meist nicht ausreichend ausgeglichen werden, sodass angehende Bibliothekare viele Fertigkeiten meist erst im Berufsalltag lernen mussten.[17] Inwieweit die 2018 umstrukturierten BA- und Diplomstudiengänge hier Abhilfe schaffen können, ist noch nicht bekannt.

Als zusätzliches Problem stellt sich die mangelhafte Attraktivität von Arbeitsstellen im ländlichen Raum dar. Viele Bibliothekare ergreifen die Chance, anspruchsvollere oder besser bezahlte Stellen in den Städten anzutreten. Dies führt zu einer hohen Personalfluktuation in eher ländlich gelegenen Bibliotheken und erschwert den Aufbau eines ausreichend qualifizierten Personalstamms zusätzlich.[18] Abhilfe schaffen sollen regelmäßige Weiterbildungsangebote in Kooperation mit internationalen Organisationen oder Bibliotheken. Auf diese Weise konnte in den letzten Jahren eine größere Zahl namibischer Bibliothekare zu Trainern fortgebildet werden, die wiederum ihrerseits Weiterbildungsangebote für andere Bibliotheken gestalten und Impulse zur Weiterentwicklung des Bibliothekswesens geben.[19]

Als Berufsorganisation und Interessensvertretung für alle Informationsberufe in Namibia existiert seit 1990 die Namibian Information Workers Association (NIWA). Nachdem sie zwischenzeitlich ihre Aktivitäten weitgehend eingestellt hatte, nahm sie 2013 unter einer neuen Vorstandschaft wieder die Arbeit auf. NIWA bietet unter anderem ebenfalls Workshops und Weiterbildungen an.[20]

4 Öffentliche Bibliotheken

4.1 Community Libraries

Als Namibia 1990 unabhängig wurde, existierten im ganzen Land 23 Öffentliche Bibliotheken.[21] Es handelte sich überwiegend um reine Ausleihbibliotheken ohne Aufenthaltsmöglichkeiten, die fast ausschließlich von der weißen Bevölkerung besucht wurden. Die namibische Regierung unternahm große Anstrengungen, diese überkommenen Strukturen schnell aufzubrechen und das nationale Bibliothekswesen zukunftsfähiger aufzustellen. Der Fokus lag insbesondere darauf, der gesamten Bevölkerung gleichberechtigten und möglichst flächendeckenden Zugang zu Bibliotheken als Lern-, Arbeits- und Aufenthaltsorten zu verschaffen. Seinen deutlichsten Ausdruck fand dieser Neubeginn in der Umbenennung der Öffentlichen Bibliotheken. Statt als Public Libraries wurden diese fortan als Community Libraries bezeichnet, um schon im Namen auszudrücken, dass die Bibliotheken künftig der gesamten Bevölkerung offenstehen sollten.[22]

Mit der Unterstützung internationaler Geldgeber und Partner setzte ein schneller Ausbau des nationalen Bibliotheksnetzes ein. Bis zum Jahr 2000 hatte sich die Zahl der Öffentlichen Bibliotheken auf 35, bis 2005 bereits auf 51 erhöht.[23] Aktuell verfügt Namibia über 66 Öffentliche Bibliotheken mit weiter steigender Tendenz.[24] Das Hauptziel der Neugründungen war es, die bislang bibliothekarisch unterversorgten Landesteile besser zu erschließen. Dies betraf insbesondere die eher ländlichen und überwiegend von Schwarzen bewohnten Gebiete im Norden Namibias.

Aufgabe und Selbstverständnis der Öffentlichen Bibliotheken in Namibia ist es heute, als Lern- und Aufenthaltsorte möglichst große Teile der Bevölkerung anzusprechen und ihnen ein vielfältiges Dienstleistungsspektrum zu bieten.[25] Die Sprachenvielfalt in Namibia stellt dabei sowohl bei der Zusammenstellung des Medienbestandes als auch bei der Kommunikation mit den Benutzern eine besondere Herausforderung dar. Viele Bibliotheken haben außerdem mit Etatkürzungen, Personalmangel, veralteter Technik und einer schlechten Internetverbindung zu kämpfen.[26] 2019 nutzten nur vier der Öffentlichen Bibliotheken in Namibia ein Bibliothekssystem zur digitalen Erschließung ihrer Bestände.[27] Medienauswahl und Erwerbung werden zudem zentral für das ganze Land durch den Community Library Service, eine Unterabteilung von NLAS, übernommen und erfolgen nicht flexibel vor Ort.[28] Dennoch wird versucht, den Benutzern ein möglichst breites Angebot zu machen von der Leseförderung für Kinder über Unterhaltungs-, Schul- und Studienliteratur bis hin zur Unterstützung bei der Jobsuche und Bewerbungen. Die Nutzung der Bibliotheken vor Ort ist kostenlos. Die Ausleihe nach Hause ist hingegen meist kostenpflichtig und spielt nur eine untergeordnete Rolle.[29]

Von zentraler Bedeutung sind die im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) bereitgestellten Services. Fernsehen und Video, Druck- und Kopiermöglichkeiten sowie vor allem PCs und Internetzugang werden von der Bevölkerung stark nachgefragt. 2020 boten 50 Öffentliche Bibliotheken ihren Benutzern freien Zugang zum Internet.[30] Bis 2022 soll dies in allen Bibliotheken der Fall sein. Damit erfüllen die Öffentlichen Bibliotheken weitgehend auch die ihnen in der nationalen Entwicklungsstrategie Vision 2030 zugedachte Rolle, Namibias Wandel in eine moderne Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft durch die Bereitstellung moderner Technik und die Vermittlung von ICT-Kenntnissen zu unterstützen. Ein besonderer Fokus liegt dabei wiederum auf der schrittweisen Verringerung der digitalen Kluft zwischen Stadt- und Landbevölkerung und dem Ausbau der digitalen Infrastruktur in ländlichen Regionen.[31]

4.2 Regional Study and Resource Centers

Um die bibliothekarische Versorgung insbesondere im ländlichen Raum weiter zu verbessern, errichtet die namibische Regierung seit einigen Jahren sogenannte Regional Study and Resource Centers (RSRC) in besonders dicht besiedelten Gebieten. Die ersten drei konnten 2014 mit Finanzierung durch die Entwicklungshilfeorganisation Millenium Challenge Corporation (MCC) in den Regionen Oshana, Ohangwena und Omaheke eröffnet werden.[32] Nach ihrem Vorbild sollen in allen 14 Regionen Namibias Regionalbibliotheken entstehen. Eine vierte für Omusati befindet sich derzeit im Bau.[33]

Die Regionalbibliotheken sind als eine Mischform von Öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliothek konzipiert und dazu gedacht, als regionale Arbeits-, Begegnungs- und Wissenszentren die lokalen Bibliotheken zu ergänzen und zu unterstützen.[34] Sie gehören bei Ausstattung, Arbeitsabläufen und Dienstleistungsangebot zu den modernsten Öffentlichen Bibliotheken Namibias. Drastische Etatkürzungen 2017 und der allgemeine Mangel an qualifiziertem Personal erschweren jedoch die tägliche Arbeit und insbesondere die längerfristige Planung zur Weiterentwicklung der Angebote. Mangel an Geld und Fahrzeugen hat zwischenzeitlich auch zur weitgehenden Einstellung der angegliederten Fahrbüchereien gesorgt, sodass weit entfernte Ortschaften nicht mehr wie geplant versorgt werden können.[35]

Trotz aller Widrigkeiten nimmt die Bevölkerung die Regionalbibliotheken sehr gut an. Einen nennenswerten Anteil machen dabei auch Benutzer aus eher ärmeren und benachteiligten Gesellschaftsschichten aus, sodass die Bibliotheken ihrem Anspruch, Angebote für alle anzubieten, durchaus gerecht werden. Stark frequentiert sind vor allem die ICT-Ausstattung sowie das Schulungsangebot mit Bewerbungs- und Computerkursen. Die Bibliotheken erfreuen sich aber auch als Arbeits-, Lern- und Aufenthaltsort für verschiedene Altersgruppen großer Beliebtheit. Einzig die Ausleihzahlen bleiben bislang deutlich hinter den Erwartungen zurück.[36]

4.3 Schulbibliotheken

Sehr große Bedeutung kommt den Öffentlichen Bibliotheken und insbesondere den Regionalbibliotheken zudem in der Unterstützung der lokalen Schulbibliotheken zu. Sie sind oftmals die einzigen Orte, an denen Schüler und Lehrer Zugang zu neuerer Schul- und Fachliteratur haben. Zudem engagieren sich die Regionalbibliotheken in der Lehrerfortbildung und der technischen Betreuung von Schulbibliotheken.[37] Die aktuelle Anzahl der Schulbibliotheken in Namibia ist nicht bekannt. 2012 verfügten etwa 45 Prozent der rund 1.700 Schulen über ein bibliothekarisches Angebot.[38] Untersuchungen aus den letzten Jahren haben jedoch gezeigt, dass es sich dabei vielerorts um veraltete Büchersammlungen handelt, die durch nicht ausreichend qualifiziertes Personal betreut und für die Schüler oftmals nur sehr eingeschränkt zugänglich sind.[39] Viele dieser Bibliotheken sind daher weder geeignet, um die Lesefähigkeiten der Schüler zu fördern, noch um Schüler oder Lehrer ausreichend mit geeigneter Literatur zur Vor- und Nachbereitung des Lehrstoffes zu versorgen. Wie bei den Öffentlichen Bibliotheken übernimmt auch für die Schulbibliotheken mit dem Education Library Service eine Unterabteilung von NLAS zentral die Erwerbung und Bereitstellung von Medieneinheiten für das gesamte Land.[40]

5 Wissenschaftliche Bibliotheken

5.1 Nationalbibliothek

Die Wurzeln der Nationalbibliothek Namibias reichen zurück bis zur Bibliothek des Kaiserlichen Gouvernements in Deutsch-Südwestafrika. Deren Bestände bildeten den Kern der 1926 gegründeten Legislative Assembly Library. Sie diente mit fachlicher Beratung durch die südafrikanische Nationalbibliothek über Jahrzehnte als Arbeitsbibliothek für das Parlament und die öffentliche Verwaltung in Südwestafrika. Seit 1965 wurde die Bibliothek schrittweise auch der öffentlichen Nutzung zugänglich gemacht. Die Ernennung zur offiziellen Nationalbibliothek Namibias erfolgte 1994. Heute ist die Nationalbibliothek insbesondere für die nationale Informationsversorgung zuständig und kann von der Öffentlichkeit als Präsenzbibliothek kostenfrei genutzt werden.[41]

Eines der wichtigsten Arbeitsfelder der Nationalbibliothek liegt in der Bewahrung und Erschließung des nationalen kulturellen Erbes Namibias. Hierzu kooperiert sie eng mit dem im gleichen Gebäude untergebrachten Nationalarchiv. Die Nationalbibliothek agiert als nationale Archivbibliothek und verfügt mit ihrer historisch gewachsenen Namibiana-Sammlung über den größten Sammlungsbestand zur Literaturproduktion aus und über Namibia.[42] Die Sammlung wird über das nationale Pflichtexemplar laufend erweitert und bildet den Grundstock für die namibische Nationalbibliografie. Mangel an qualifiziertem Personal erschwert jedoch die Durchsetzung des Pflichtexemplarrechts und die Sammlungstätigkeit der Nationalbibliothek.[43] So konnte bislang beispielswiese die Ausweitung der nationalen Pflichtabgabe auf elektronische Ressourcen noch nicht realisiert werden.[44]

Als eine von nur wenigen Bibliotheken in Namibia verfügt die Nationalbibliothek über eine eigene Webseite. Sämtliche Bestände sind digital erschlossen und über einen frei zugänglichen OPAC nachgewiesen. Zudem bietet sie ihren Benutzern Zugang zu verschiedenen lizenzierten Online-Ressourcen und gehört damit zu den modernsten Bibliotheken des Landes.[45]

5.2 Universitätsbibliotheken

In Namibia gibt es drei Universitäten mit derzeit insgesamt etwa 50.000 Studierenden. Sie verfügen jeweils über eine eigenständige, modern ausgestattete Bibliothek. Die University of Namibia (UNAM) und die Namibia University of Science and Technology (NUST) sind öffentlich finanziert und machen ihre Bibliotheken der Allgemeinheit zugänglich. Die International University of Management (IUM) ist hingegen privat finanziert. Ihre Bibliothek kann nur von Universitätsangehörigen genutzt werden. Zusätzlich zum jeweiligen Hauptcampus in der Hauptstadt Windhoek unterhalten alle drei Universitäten weitere Standorte im ganzen Land. Jedem Standort ist wiederum eine eigene Teilbibliothek angegliedert.[46]

Zu den großen Herausforderungen der namibischen Universitätsbibliotheken gehört es daher, über große Distanzen hinweg alle Campusstandorte bestmöglich mit der benötigten Literatur zu versorgen. Um dies zu vereinfachen, setzt die Bibliothek der UNAM beispielsweise seit einigen Jahren bewusst verstärkt auf die Erwerbung von E-Medien internationaler Anbieter.[47] Die namibischen Universitätsbibliotheken verfügen landesweit über die mit Abstand umfangreichsten Bestände an elektronischen Ressourcen. Sie haben dabei jedoch mit begrenzten Erwerbungsetats, unpassenden Verlagsangeboten und zum Teil schlechten Internetanbindungen zu kämpfen, sodass sich die Nutzung von E-Medien erst langsam durchsetzt.[48] Zudem verfügen gerade jüngere Studierende häufig noch nicht über ausreichende Kenntnisse im Umgang mit elektronischen Ressourcen, um diese effektiv nutzen zu können. Die Präferenz vieler Studierender liegt daher nach wie vor bei gedruckten Medien.[49]

Die namibischen Universitätsbibliotheken unterhalten verschiedene Kooperationen mit internationalen Bibliotheken und Organisationen und ziehen daraus wertvolle Impulse für die Entwicklung und Verbesserung ihres Dienstleistungsangebots.[50] Ihnen kommt heute in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle innerhalb des namibischen Bibliothekswesens zu. Neben dem umfangreichen Angebot von E-Medien betrifft dies vor allem die seit vielen Jahren fest etablierte Nutzung internationaler Standards, moderner Bibliothekssoftware und von Onlinekatalogen. Sie bieten als einzige Bibliotheken des Landes verschiedene digitale Auskunftsdienste an.[51] Zudem betreiben UNAM und NUST seit über zehn Jahren die einzigen institutionellen Repositorien Namibias mit Möglichkeiten des Open-Access-Publizierens und zur Langzeitarchivierung. Derzeit sind auf beiden Repositorien zusammen etwa 3.000 Dokumente hinterlegt.[52] Unter dem Namen Digital Namibian Archives betreibt die NUST in Kooperation mit dem Nationalarchiv Namibias und der Utah Valley University außerdem ein Portal für die Bereitstellung digitalisierter Quellenbestände zur namibischen Geschichte. Im Fokus steht dabei unter anderem die Sicherung der zahlreichen Traditionen und mündlichen Überlieferungen der Bevölkerung Namibias.[53]

5.3 Ministerial Libraries

Ein weiteres wichtiges Standbein für die wissenschaftliche Literaturversorgung in Namibia sind die sogenannten Ministerial Libraries. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine größere Zahl wissenschaftlicher Spezialbibliotheken, die allen wichtigen staatlichen Institutionen Namibias angeschlossen sind. Sie sind meist als One-Person-Libraries organisiert. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Beschaffung und Bereitstellung aktueller thematisch einschlägiger Ressourcen und Informationen für die tägliche Arbeit ihrer Trägereinrichtungen. Die fachliche Aufsicht und Personalverwaltung für die Bibliotheken liegt bei NLAS. Finanzierung und allgemeine Verwaltung übernehmen die Institutionen, denen die Bibliotheken angegliedert sind. Die Angebote der Ministerial Libraries stehen auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie werden insbesondere von Vertretern aus Forschung und Wirtschaft genutzt.[54] Als problematisch erweist sich dabei jedoch, dass ein Großteil der Bibliotheken seinen Sitz in der Hauptstadt Windhoek hat und damit für Benutzer aus anderen Landesteilen nur sehr eingeschränkt zugänglich ist.[55]

Die ersten Ministerial Libraries entstanden in den 1970er und 1980er Jahren. Sie beschafften anfangs einen Großteil der benötigten Literatur über die kostenlose Fernleihe aus südafrikanischen Bibliotheken. Im Zuge der namibischen Unabhängigkeit wurde diese Bezugsquelle jedoch deutlich eingeschränkt, sodass die Bibliotheken den eigenen Bestandsaufbau verstärken mussten. Zu Beginn der 1990er Jahren gab es konkrete Pläne, die Bestände aller Ministerial Libraries in einem gemeinsamen OPAC nachzuweisen, um der staatlichen Verwaltung ein effektives Arbeitsinstrument an die Hand zu geben. Viele Bibliotheken begannen daraufhin mit der digitalen Erschließung ihrer Bestände. Bereits 1993 konnten die ersten lokalen Bestandsdaten zu einer gemeinsamen Datenbank zusammengelegt werden.[56] Jedoch gelang es nicht, diese Vorarbeiten in einen dauerhaften Online-Katalog zu überführen. Bis heute verfügen die Ministerial Libraries über keinen gemeinsamen OPAC oder ein Repositorium für staatliche Forschungsdaten. Nur ein Teil der Bibliotheken benutzt überhaupt ein Bibliothekssystem zur Bestandsverwaltung. Entsprechend schlecht ist ihre Vernetzung und Zusammenarbeit untereinander. Ebenso fehlt es häufig an den technischen Voraussetzungen für die Bereitstellung moderner Rechercheinstrumente und die effektive Einbindung elektronischer Ressourcen, die für die tägliche Arbeit der Trägerinstitutionen benötigt würden. Der Mehrwert der Ministerial Libraries für die staatliche Verwaltung wird daher durchaus kritisch gesehen.[57]

Der Aufbau einer gemeinsamen modernen Informationsinfrastruktur wird vielfach als Voraussetzung dafür gesehen, dass die Ministerial Libraries zukünftig die ihnen zugedachte Rolle als wissenschaftliche Informationsdienstleister für Verwaltung und Öffentlichkeit wieder besser ausfüllen können. Auch die nationale Entwicklungsstrategie Vision 2030 sieht einen deutlichen Ausbau ihres Dienstleistungs- und Medienangebots vor. Als Hemmnis für eine effektive Umgestaltung erweist sich bislang jedoch häufig die unzureichende Finanzierung der Bibliotheken. Zudem fehlt es meist an Personal, das in fachlicher und wissenschaftlicher Hinsicht ausreichend für die Betreuung von Spezialbibliotheken qualifiziert ist.[58]

6 Ausblick

Zur Bibliothekslandschaft Namibias gehört neben den hier skizzierten Bibliothekstypen noch eine nicht näher bekannte Zahl weiterer Bibliotheken, beispielsweise in Trägerschaft internationaler Organisationen oder wissenschaftlicher Fachgesellschaften. Sie alle werden in den kommenden Jahren verstärkt mit den Herausforderungen einer sich immer schneller wandelnden Bibliothekswelt konfrontiert sein. Für Namibia werden diese Herausforderungen zunächst sicherlich darin bestehen, den Mangel an qualifiziertem Bibliothekspersonal zu verringern und die digitale Nachweissituation der Bestände zu verbessern. Zugleich dürften die bisherigen Bemühungen weitergeführt werden, der Bevölkerung in allen Landesteilen Zugang zu modernen Bibliotheksdienstleistungen zu verschaffen. Dabei könnte insbesondere dem geplanten weiteren Ausbau der Regional Study and Resource Centers große Bedeutung zukommen. Die Kooperation mit internationalen Partnern zur Weiterentwicklung des namibischen Bibliothekswesens dürfte jedoch auch in Zukunft unverzichtbar bleiben.

About the author

Johannes Böhm M.A.

Johannes Böhm M.A.

Published Online: 2021-11-05
Published in Print: 2021-11-03

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 9.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2021-0120/html
Scroll to top button