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Peter Eigner: Die Wittgensteins. Geschichte einer unglaublich reichen Familie

Wien: Molden, 2023. 336 S., € 39,00 (Hardcover), 978-3-222-15082-1
  • Ulrich Arnswald
Veröffentlicht/Copyright: 1. September 2025
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Wenig überraschend faszinieren „die Wittgensteins” auch heute noch. Ob dies aber ausschließlich am Reichtum liegt, wie der Untertitel von Peter Eigners Buch „Geschichte einer unglaublich reichen Familie” glauben machen will, darf bezweifelt werden. So wohlhabend die Wittgensteins für österreichische Verhältnisse in der Gründerzeitgeneration auch waren, ihr Schicksal war in der Weltgeschichte kein Einzelfall. Denkt man an die Rothschilds und Gutmanns in Österreich, die Astors, Vanderbilts, Carnegies oder Rockefellers in Amerika oder die Thyssens, Krupps, Engelhorns, Stinnes‘ oder Siemens‘ in Deutschland, so wurde der kometenhafte Aufstieg einer Industriellenfamilie mehr als nur einmal in der Gründerzeit Wirklichkeit.

Die Faszination der Familie Wittgenstein muss daher auf etwas anderem beruhen, auch wenn sie zu den reichsten Dynastien des Fin de Siècle in Österreich gehörten, was sich in dem Bonmot niederschlug, dass es bekanntlich „Sayn-Wittgensteins” und „Haben-Wittgensteins” gibt.[1] Gleichzeitig beschränkt sich die Faszination jedoch nicht nur auf den berühmtesten Spross der Familie Wittgenstein: Ludwig Wittgenstein. So exzentrisch, genial und die Philosophie revolutionierend der Denker auch war, sein Leben und Werk würden nicht die Faszination erklären, die die Familie Wittgenstein als Ganzes bis heute ausübt. Eine Vielzahl von Büchern, veröffentlichten Tagebüchern, Familienerinnerungen usw. zeigt, dass sich die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten nicht nur für den Vater des Philosophen, Karl, die Mutter Leopoldine oder die Geschwister interessiert, sondern auch für Onkel und Tanten sowie die Großeltern auf beiden Seiten, was im Kontext anderer wirtschaftlich erfolgreicher Familiendynastien eher ungewöhnlich ist.397

Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Peter Eigner beginnt seine Geschichte der Familie mit Herz Meyer,[2] der 1802 im hessischen Korbach als Jude geboren wurde und 1878 in Wien als Protestant unter dem angenommenen Namen Hermann Christian Wittgenstein starb (25 – 33), und endet mit dem Beginn der Zweiten Republik Österreich, als welthistorische Umwälzungen und erhebliche Vermögensverluste das Schicksal des Clans der Wittgensteins bereits erneut grundlegend verändert hatten (289 – 292).

Im Verlauf der Napoleonischen Kriege war Moses Meyer, der Vater von Herz, wie alle Juden gezwungen, sich einen Familiennamen zuzulegen. Er wählte „Wittgenstein”, weil er für die Grafen von Sayn-Wittgenstein-Hohenstein arbeitete (27). Sein Sohn Herrmann Christian ließ dann das jüdische „Meyer” fallen und konvertierte zum Protestantismus in Gohlis, in der Nähe der Messestadt Leipzig, wo er Wollhandel in großem Stil betrieb (28). Von Sachsen kam er 1851 nach Wien, der Heimat seiner Frau Fanny Figdor, Tochter einer bedeutenden jüdischen Familie, die vor ihrer Heirat 1839 in Gohlis ebenfalls zum protestantischen Glauben übertrat (vgl. Janik & Veigl 1998: 123).

Das Vermögen der Figdors bildete die Grundlage für die österreichische Unternehmerdynastie Wittgenstein (33). Es entstand zeitweise die gemeinsame Firma H. Wittgenstein & J. Figdor und Söhne, die landwirtschaftliche Produkte aus den von Hermann Christian verwalteten Gütern verkaufte, zu denen auch die großen Güter der Fürsten Esterházy gehörten (37 f.). Durch Fannys jüngeren Bruder Gustav wurde das Geschäft erweitert und umfasste unter anderem einen Holz- und Kohlehandel sowie ein Bankhaus (34). Hermann Christian wiederum erweiterte seine Geschäftstätigkeit in Österreich um den Bereich Immobilien, was sich als äußerst erfolgreich erwies (vgl. Janik & Veigl 1998: 123). Der rasante Aufstieg der Wittgensteins verdankt sich zu einem nicht unerheblichen Teil dem Vermögen und den Beziehungen der zur jüdischen Oberschicht gehörenden Figdors, die bereits Geschäftsverbindungen nach Paris und London unterhielten und in den höchsten Kreisen Wiens verkehrten (33 – 41).

Glanz und Tragödie dieser Familie sind zeitlich so dicht beieinanderliegend, dass der Autor diesen Umstand zwar chronologisch nachgelagert, aber inhaltlich trefflich mit einem Zitat von Hermine Wittgenstein aus dem Jahre 1938 als Leitmotiv für sein Buch herauszuarbeiten versucht (13): „Kein Stein wird auf dem andern bleiben.” Im Nachhinein wirkt diese Aussage wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, wie laut Eigner der Abriss des Wittgenstein-Palais in der Alleegasse (heute Argentinierstraße) und des schlossähnlichen Anwesens in der Neuwaldegger 398Straße, das der Familie als Sommervilla diente, beweist. Nur das Wittgenstein-Haus in der Kundmanngasse, das Ludwig Wittgenstein zusammen mit dem Architekten und Adolf-Loos-Schüler Paul Engelmann für seine Schwester Margaret Stonborough-Wittgenstein[3] entworfen hatte, entging in letzter Minute dem drohenden Abriss. Ohne das asketische Gebäude im Stil der Moderne im 3. Bezirk von Wien, Landstraße, wären die architektonischen Spuren der Wittgensteins im heutigen Wien weitgehend verschwunden (13).

Margaret, in der Familie „Gretl” genannt (126), ließ sich 1905 anlässlich ihrer Hochzeit von Gustav Klimt, zu dessen wichtigsten Förderern die Familie Wittgenstein gehörte, in einem ikonischen Gemälde malen (208). Später wurde sie Präsidentin des Werkbunds Wien und setzte damit zu Lebzeiten das kunstsinnige Leben der Familie im Großbürgertum fort, aber auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften wurde von ihr und ihrem Mann ab 1919 mit großen Beträgen zur Fortführung der Sitzungsberichte bedacht (vgl. Janik & Veigl 1998: 41). Nach dem Ersten Weltkrieg fungierte sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin der American Food Commission, die Lebensmittelspenden für das hungernde Wien organisierte (237). Als eine der ersten Patientinnen Sigmund Freuds interessierte sie sich einerseits für das aufstrebende Gebiet der Psychoanalyse und studierte andererseits Mathematik und Philosophie (180). Ihr Ehemann Jerome, ein reicher New Yorker Fabrikant, der auch im Eheleben viele Affären unterhielt, erwies sich als manisch eifersüchtig und litt unter Depressionen und Paranoia. Er beging 1938 – kurz nach der Scheidung – Selbstmord, obwohl das Paar bereits seit 1923 getrennt war. Eine weitere schillernde Facette der Familiengeschichte (277). Gretl selbst war zu Lebzeiten ebenfalls eine Berühmtheit: Als selbstbestimmte und selbstbewusste Grande Dame und äußerst durchsetzungsfähige Persönlichkeit war sie sowohl in New York als auch später nach ihrer Rückkehr in Wien, wo sie 1958 verstarb, ein Star der High Society (vgl. Prokop 2003; vgl. Greiner 2018).

Ludwigs Bruder Paul wurde als ‚einhändiger Pianist‘ berühmt und stach unter den Pianisten seiner Zeit heraus. Er spielte leidenschaftlich Klavier mit einer Hand, nachdem er 1914 im Ersten Weltkrieg durch eine Kriegsverletzung die andere verloren hatte (127 f., 183). Paul Wittgenstein gab viele Werke bei namhaften Komponisten seiner Zeit in Auftrag, darunter Richard Strauss, Maurice Ravel, Paul Hindemith und Sergei Prokofjew. Im Jahr 1929 komponierte Maurice Ravel für ihn 399ein Klavierkonzert in D-Dur, das Konzert für die linke Hand (218 – 220, 242 f., 256 f.). Eine weitere Familientragödie dreht sich um Paul: Er war kategorisch gegen die Entscheidung der Schwestern Hermine und Helene, den Nazis zu erlauben, aufgrund einer Ausnahmeentscheidung Adolf Hitlers für den sogenannten ‚Ariernachweis‘ eine Millionensumme Schweizer Franken von ihnen zu erpressen, da sich die beiden Schwestern um jeden Preis verweigerten, Wien zu verlassen (282, 302). Paul wanderte in die Vereinigten Staaten aus. Der Immobilienbesitz wurde an die beiden Schwestern übertragen und so ging ein großer Teil des Familienvermögens, somit auch ein abgenötigter Vermögensverzicht Pauls, an die Nationalsozialisten über, damit diese als ‚Mischlinge‘ anerkannt wurden und in Wien bleiben konnten. Dieses ‚Geschäft‘ der beiden Schwestern, das dem Hitler-Regime erhebliche Deviseneinnahmen einbrachte, führte zum lebenslangen Bruch Pauls mit der Familie (15, 282 – 284, 291 f.).

Auch über die Schwestern Hermine und Helene gäbe es viel zu berichten, wobei die mittlere Tochter Helene den Erwartungen ihrer Familie wohl am besten entsprach: Sie sang und spielte Klavier, heiratete im Alter von nur zwanzig Jahren den Ministerialbeamten Max Salzer und gründete eine eigene Familie. Felix Salzer, ein bekannter Musikwissenschaftler, war eines ihrer vier Kinder (124 – 126, FN 1100, 329). Hermine, das älteste Kind von Karl und Leopoldine, war hingegen nie verheiratet. Sie, die ihre Eltern auf die Künstler der Wiener Secession hinwies, beriet zunächst ihren Vater mit ihrem Kunstsachverstand beim Aufbau seiner bedeutenden Kunstsammlung (120 – 123). 1921 gründete sie eine Knabenbeschäftigungsanstalt, eine Tagesheimstätte für „arme, christliche Knaben”, die sie aus eigenen Mitteln unterhielt und bis ins Frühjahr 1938 leitete (vgl. Somavilla 2015: 479), bevor sie diese dann den Nationalsozialisten übergeben musste. Danach verwaltete und bewirtschaftete sie die Güter der Familie (123). Sie schrieb ihre eigenen Memoiren nieder, die uns als Familienerinnerungen (vgl. H. Wittgenstein 2015) auch heute noch tiefe Einblicke in das Innenleben dieser außergewöhnlichen Familie geben (vgl. Iven 2006: 15).

Über die Tanten und Onkel gäbe es gleichfalls viel zu erzählen, hier besonders über die Tante Clara Wittgenstein (1850 – 1935), die die Geschwister Wittgenstein mit ihrem Engagement für die Rechte der Frauen tief beeindruckte: Als Pianistin förderte sie Musikerinnen und war Mitbegründerin des Neuen Wiener Frauenclubs, der Frauen ein Forum für Diskussionen und Ausstellungen bot (46 f., 50 – 52, 134, 138). Aber auch über Onkel Ludwig (Louis) Wittgenstein (1845 – 1925) gäbe es viel zu sagen (47 – 49). Er war in der evangelischen Gemeinde in Wien sehr aktiv und fühlte sich dem öffentlichen und kirchlichen Wohlergehen von Armen und Waisen verpflichtet, wo er sich als Pionier der kirchlichen Sozialarbeit große Verdienste erwarb (vgl. Janik & Veigl 1998: 8 – 10).400

Insgesamt kann man sagen, dass es der hohe moralische Anspruch der Familie Wittgenstein war, der dazu führte, dass alle Mitglieder der Familie von ihrem Erbe großzügige Summen spendeten, wobei insbesondere künstlerische und medizinische Vereinigungen, Freunde und soziale Einrichtungen bedacht wurden (94, 184). Eine der schillerndsten Figuren dieser Familie war ein Cousin des Philosophen namens Paul (45, Fn. 106, 309 f.), dem Thomas Bernhard in seinem Buch Wittgensteins Neffe ein Denkmal setzte (vgl. Bernhard 1997). Die Familiengeschichte ist so reich an exzentrischen, zugleich eigenbrötlerischen wie talentierten Persönlichkeiten, die bis heute dadurch faszinieren, dass sie selbstbewusst ihre eigenen Werte lebten.

Die Faszination dieser Familie ist insofern äußerst vielschichtig und Peter Eigner versucht in seinem Buch, sie zu rekonstruieren. Als Wirtschaftshistoriker legt er den Schwerpunkt eindeutig auf den wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang eines der größten Firmenkonglomerate der Habsburgermonarchie, das unter Karl Wittgenstein als Stahl- und Eisenmagnat um die Jahrhundertwende seinen Höhepunkt erreichte (151 – 167). Aber selbst der knallharte Geschäftsmann Karl hatte mehr als nur eine Charaktereigenschaft. Bei dem äußerst kapitalistisch denkenden und handelnden Patriarchen dieser Wiener Familiensaga, der als Unternehmer von seiner Zeit in den Vereinigten Staaten geprägt wurde (67 – 71), gab es auch ganz andere Seiten: Karl war auch Kunstmäzen – Klimt nannte ihn seinen „Minister der schönen Künste” (vgl. Monk 1992: 25) –, Musikliebhaber, Förderer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte (vgl. Janik & Veigl 1998: 62 f.; vgl. Vossenkuhl 1995: 21). Er stand im Zentrum der feinen Wiener Gesellschaft, setzte aber auch hier selbstbewusst eigene Akzente, indem er anders als andere erfolgreiche Unternehmer und Bankiers die Erhebung in den Adelsstand der Monarchie ablehnte (57).

Das Selbstverständnis dieses Mannes, der sich gerne als eine Art Selfmademan präsentierte und sein Ingenieursstudium an der Technischen Universität Wien nach nur einem Jahr abbrach, scheint keine Grenzen gekannt oder akzeptiert zu haben. Im Alter von siebzehn Jahren brach er das Gymnasium ab, nachdem ihm mit einem Schulverweis gedroht worden war, weil er in einem Aufsatz die Unsterblichkeit der Seele in Frage gestellt hatte. Im Jahr 1865 riss er nur mit einer Geige im Gepäck in die Vereinigten Staaten aus, wo er sich in New York als Kellner, Barmusiker und später als Lehrer für Mathematik, Deutsch, Latein, Griechisch sowie Musik, Violine und Horn und schließlich auch noch als Steuermann auf einem Kanalboot verdingte (68 f.). Nach zwei Jahren, von denen fast ein Jahr ohne Nachricht an die Familie verging, kehrte er nach Wien zurück und schloss dort die Matura ab (vgl. Monk 1992: 23). Nachdem er sein Ingenieurstudium abgebrochen hatte, ließ er sich zum technischen Zeichner ausbilden, einem Beruf, der damals gerade erst aufkam (72). Neuerungen und hohem Fachwissen galt sein vordringli401ches Interesse, was auch zum bestimmenden Element seines rasanten sozialen Aufstiegs wurde.[4]

Karl war lange Zeit nicht beeindruckt von den Anschuldigungen bezüglich seiner Managementmethoden, die darin gipfelten, dass er als „Amerikaner in Österreich” bezeichnet wurde (71). Er war von der Notwendigkeit einer konsequenten Modernisierung der Produktionstechnologie und Rationalisierung der Abläufe überzeugt, wie er sie aus den Vereinigten Staaten kannte, und die Geschichte des wirtschaftlichen Niedergangs Österreichs am Ende des Kaiserreichs gab ihm posthum Recht. Darüber hinaus verfolgte er mit seinem Unternehmenskonglomerat eine Politik der vertikalen Integration – mit anderen Worten: Er versuchte den gesamten Produktionsprozess der Eisen- und Stahlgewinnung in seine Hand zu bekommen. Von Kohle- und Eisenerzgruben, über die Eisen- und Stahlwerke war er bis zur Weiterverarbeitung und Vertrieb investiert, was in der österreichischen Gründerzeit ein Novum darstellte (211 f.).

Karl Wittgenstein war ein Mann von ungewöhnlichem Organisationstalent und großer Schaffenskraft, der die Stahl- und Eisenindustrie des Kaiserreichs prägte und ihr half, ihre Rückständigkeit gegenüber dem Ausland zu überwinden. Er maß den damit einhergehenden sozialen Verwerfungen keine besondere Bedeutung bei (209). Die Härte seiner Geschäftspraktiken machte ihm nicht nur Freunde. Sein Aufstieg zu einem bedeutenden Großindustriellen war von schweren und häufigen Arbeitskämpfen begleitet, insbesondere in seinen Kohlebergwerken (154). Antisemitische Anfeindungen resultierten hieraus (158). Karl Wittgenstein wurde von Teilen der Presse als eine Art Feindbild eines rücksichtlosen Kapitalisten dargestellt, insbesondere da seine Kartell- und Hochpreispolitik umstritten war. Diese Politik ermöglichte es ihm, die Böhmische Montan-Gesellschaft, die Prager Eisenindustrie-Gesellschaft, die St. Egydyer Eisen- und Stahlindustriegesellschaft und schließlich die Oesterreichisch-Alpine Montangesellschaft zu übernehmen. Gleichzeitig war er ein alles bestimmender Firmen- und Familienpatriarch, was unter den damaligen Umständen nicht ungewöhnlich war, da die Familienbande innerhalb der Großfamilie eng waren und sich alle gegenseitig mit ihren Netzwerken unterstützten (300).

Auf dem Höhepunkt seiner Rationalisierungsmaßnahmen war die Kritik an seinen unternehmerischen Methoden so laut geworden, dass Karl sich zunächst mit seiner Frau auf eine einjährige Weltreise begab. Nach seiner Rückkehr zog er sich 1898 im Alter von knapp 52 Jahren aus dem Tagesgeschäft zurück und wurde Privatier (164). Er war unermesslich reich und transferierte sein Geld aus dem Erlös der Industrieverkäufe in die Schweiz, die Niederlande und die Vereinigten Staaten. 402Dort legte er es in Wertpapieren, Anleihen und Immobilien an, wodurch das Vermögen sowohl den Ersten und den Zweiten Weltkrieg als auch die Zeit der Wirtschaftskrise überstand (166). Darüber hinaus verfasste er wiederholt Artikel über die wirtschaftlichen Probleme der damaligen Zeit, die auch in zusammengefasster Form als Buch veröffentlicht wurden (vgl. K. Wittgenstein 1913/1984) (71). Die Jagd, das Wandern und der Aufbau seiner eigenen Kunstsammlung bestimmten nun sein Leben (18, 165).

Karl liebte seine musikalisch ungewöhnlich begabte Frau Leopoldine (geb. Kalmus, 1850 – 1926), die leidenschaftlich gern Klavier spielte. Er lernte sie beim Musizieren kennen. Leopoldine pflegte das gemeinsame Band der Familie in Form häuslichen Musizierens im Palais Wittgenstein, wo sie mit ihren acht Kindern in einer Art eigenen Kosmos lebte (140). Das Palais war ein zentraler Bezugspunkt für die Wiener Musikkultur, da prominente Persönlichkeiten des kulturellen Lebens dort zu Soireen im eigenen Musiksaal der Wittgensteins zu Besuch kamen: U. a. Gustav Mahler, Richard Strauss, Johannes Brahms, Clara Schumann, Arnold Schönberg, Erika Morini, Pablo Casals oder Joseph Joachim (141 f.). Alle Wittgenstein-Kinder nahmen von klein auf am kulturellen Leben des Palastes teil und musizierten sogar mit den berühmten Gästen (vgl. Ullrich 2022: 109 – 111). Aber auch berühmte bildende Künstler wie Gustav Klimt besuchten die Wittgensteins zu Hause, insbesondere nachdem der Vater sich früh aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte und mit Hilfe seiner ältesten Tochter eine umfangreiche Kunstsammlung aufbaute (15, 18, 205). Die Förderung von Kunst und Musik war Teil der Identität der Familie Wittgenstein. Dies in familiären Hauszirkeln zu kultivieren und gleichzeitig an Fortschritt und neue Technologien zu glauben, war typisch für die Wiener Gesellschaft am Fin de Siècle. In dieser Hinsicht waren die Wittgensteins eine typische Familie ihrer Zeit, wobei aber die Bedeutung der häuslichen Besucher für sich selbst und für den Status der Familie sprach (122, 126, 142).

Leopoldine stammte aus einer Prager Familie und hatte wie Karl jüdische Wurzeln, war aber katholisch erzogen worden. Karl ließ seine Kinder römisch-katholisch erziehen, damit sie sich besser an die überwiegend katholische Umgebung in Österreich anpassen konnten (74). Lange Zeit wurden die Kinder nicht an öffentlichen Schulen unterrichtet, sondern von Privatlehrern in der abgeschlossenen Welt des Palais Wittgenstein (vgl. Monk 1992: 24; 27). Die tragische Seite dieser Erziehung und des dort herrschenden familiären Überdrucks musste Karl noch selbst miterleben: 1902 verschwand Sohn Hans in Amerika (123 f.) und 1904 beging Sohn Rudi Selbstmord (126).

Als Reaktion darauf schickte Karl die beiden jüngsten Söhne, Paul und Ludwig, auf öffentliche Schulen, damit sie auch außerhalb der Familie Beziehungen aufbauen konnten (173 f.). 1918 nahm sich Kurt Konrad, genannt Kurt, das Leben, was Karl aber nicht mehr erlebte, da er 1913 bereits an Zungenkrebs verstorben war 403(124). So blieben nur die Söhne Paul, der 1914 im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte, und Ludwig übrig. Letzterer distanzierte sich bewusst vom finanziellen Erbe seines Vaters und verteilte es unter seinen Geschwistern sowie an Künstler wie Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler, Carl Dallago, Adolf Loos, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und andere (vgl. Nedo 2012: 135; vgl. Arnswald 2022: 148; vgl. Arnswald 2024b: 67).

Bekannt ist, dass der älteste Sohn Hans, der sich ganz der Musik widmen wollte, sich dem Willen seines Vaters widersetzte (der für ihn eine Karriere in der Industrie geplant hatte) und 1901 nach Amerika ging (124). Ein Jahr später berichtete das Neue Wiener Tagblatt, dass der Großindustrielle Karl Wittgenstein einen schweren Verlust erlitten hat: Sein 24-jähriger ältester Sohn Hans sei bei einer Studienreise mit dem Kanu verunglückt (172). Er galt in der Chesapeake Bay als spurlos verschwunden, ohne dass jemals geklärt wurde, was genau geschah (vgl. Monk 1992: 28). Rudolfs Selbstmord hingegen kann als sicher gelten. Im Mai 1904 schluckte der Chemiestudent, der am Theater Fuß fassen wollte, in einem Berliner Restaurant öffentlich Zyankali und starb. Er soll zuvor das Lied „Verlassen, verlassen, verlassen bin ich” bestellt haben. Gerüchte über Rudis Homosexualität kursierten schon seit einiger Zeit: Er setzte sich für die Abschaffung des Paragrafen 175 ein, der „Unzucht zwischen Männern” unter Strafe stellte. In einem Abschiedsbrief an seine Eltern schrieb er, dass er sich aus Trauer über den Tod eines Freundes umbringe (173 f.).

Wie erwähnt, blieb Karl die Nachricht von Kurts Tod erspart, der dem Plan seines Vaters folgte und Ingenieur wurde. Dieser Selbstmord wäre für den Patriarchen vielleicht am verständlichsten gewesen: Kurt erschoss sich als Rittmeister der österreichisch-ungarischen Streitkräfte im k. k. Schützen-Regiment Nr. 5 im Kriegsdienst an der italienischen Front aus Gründen der Ehre. Es ist unklar, ob der Grund dafür die erfolgte Kapitulation war, ob seine Truppe seinen Befehlen nicht mehr gefolgt war, ob er selbst einen Befehl verweigert hatte oder ob er nicht in italienische Kriegsgefangenschaft geraten wollte (124, 177).

Richtig ist, wie es Peter Eigner betont, dass in nur drei Generationen viel Licht, aber auch viel Schatten auf die Familie Wittgenstein fiel. Richtig ist auch, dass Karls Versuch letztlich scheiterte, als familiärer „Übervater” die Unternehmerdynastie, koste es was es wolle, fortführen zu wollen, da niemand sein Erbe antreten wollte bzw. konnte. Richtig ist weiterhin, dass die Geschichte der Familie Wittgenstein Tragödien, Katastrophen, Abgründe und Schicksalsschläge in höchster Konzentration vorhält. Und man kann ebenso festhalten, dass bei allen Mitgliedern der Familie Wittgenstein ein geradezu eiserner Wille vorhanden war, Selbstmitleid verachtet wurde, und doch obwohl – wie es in einem Brief von Ludwig an Hermine heißt – „alle [Familienmitglieder] ziemlich harte & scharfkantige Brocken” waren (IEA 2011: [vor 27. 11. 1929]), war es eine äußerst zerbrechliche Familie.404

Die Härte und Radikalität dieser Familie findet sich gleichfalls im Übermaß bei dem bekanntesten Wittgenstein wieder: Ludwig, der weltberühmte Philosoph und jüngste Sohn von Karl und Leopoldine, entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Philosophie. Seinem Lehrer Lord Bertrand Russell (1872 – 1970) sagte er einmal, dass er sein Leben nicht der Philosophie widmen wolle, wenn er dafür nichts tauge (vgl. Monk 1992, 56 f.). Einerseits findet man viel Askese und Opferbereitschaft unter den Mitgliedern der Familie Wittgenstein, andererseits gibt es immer den Zwang, um jeden Preis erfolgreich zu sein, innovativ, ausschweifend, aber nie durchschnittlich. Die unablässige Suche nach Vollkommenheit gepaart mit moralischem Rigorismus war der hohe, vielleicht überfordernde Anspruch, der einerseits die Familienmitglieder der Wittgensteins zwischen energischer Leidenschaft, Lebensüberdruss und Lebensverdruss, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung antrieb, andererseits auch immer wieder verzweifeln und scheitern ließ. Die beiden überlebenden Brüder Paul und Ludwig blieben ein Leben lang psychisch labil, was sich bei beiden in nervös-tatkräftigen Charakterzügen niederschlug (vgl. Iven 2002: 45). Hinter der schillernden Fassade des Hauses Wittgenstein entfaltete sich in nur drei Generationen eine Geschichte des rasanten Aufstiegs, einer kurzen märchenhaften Blüte, von Glanz und Elend, von allmählichem Niedergang und Schicksalsschlägen, die in dieser Konzentration ihresgleichen sucht.

Die Wittgensteins ist ein modernes Drama, das alle Zutaten der Weltliteratur enthält und nichts „Menschliches, Allzumenschliches” (Nietzsche) auslässt. Das ist es, was das Faszinosum dieser schwerreichen wie hochmusischen Familie ausmacht, und dann hat man noch nicht einmal ausführlich über das Leben des bekanntesten Mitglieds Ludwig gesprochen, dessen Leben all diese Tragödien wie Erfolge nochmal in nuce vorhält. Es sind nicht Macht und Reichtum, sondern vielmehr das ständige Auf und Ab, die Höhen und Tiefen, die die Wiener Familie Wittgenstein zu einer der schillerndsten Familien der Habsburger Monarchie und der Gründerzeitgeneration Europas macht.

Mit diesem aufwendig produzierten und kunstvoll gestalteten Band hat der Molden Verlag der Wittgenstein-Forschung und der jüngeren österreichischen Geschichte einen großen Dienst erwiesen. Dank vieler ganzseitiger Fotos, die visuell geschickt ausgewählt und in den Text eingefügt wurden, beginnt eine beeindruckende Zeitreise mit der Gründergeneration der Wiener Ringbarone, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem allmählichen Abstieg der Wittgensteins endet. Der Preis dieses opulenten Buches ist angesichts seiner Ausstattung erschwinglich und es ist sein Geld mehr als wert. Es hat das Potenzial, ein Klassiker der Wittgenstein-Forschung zu werden, ähnlich wie das bekannte und wieder neu aufgelegte biografische Album Ludwig Wittgenstein (vgl. Nedo 2012).405

Literatur

Arnswald, Ulrich: „Vielleicht bringt mir die Nähe des Todes das Licht des Lebens” – Zwischen Todessehnsucht und Todesverachtung: Ludwig Wittgenstein im Ersten Weltkrieg, in: Ulrich Arnswald & Ilse Somavilla (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein: Universalgenie, Genie oder Generalist? Ein Leben ruhelosen Denkens, Innsbruck 2022, 145 – 166.Suche in Google Scholar

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Published Online: 2025-09-01
Published in Print: 2025-09-01

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