Einleitung
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Moritz René Pretzsch
Ludwig Wittgenstein setzt sich zeit seines Lebens kritisch mit dem Geist seiner Zeit auseinander. Wittgenstein ist nicht nur das leere und überoptimistische Fortschrittsstreben der europäischen und amerikanischen Zivilisation unsympathisch (vgl. Ms 109: 204, VB 2021: 459). Er beklagt zudem die Gottlosigkeit seiner Epoche, welche mit einem Kulturverlust einhergeht, der es an Ernst, Einsicht und Demut vermissen lässt (vgl. LS 2004: 44 f.). Ähnlich wie Karl Kraus und Oswald Spengler konstatiert er eine Transformation abendländischer Kultur in Zivilisation, denn „[m]it dem Anfang des 19 Jahrh. (des geistigen) ist die Menschheit an die Grenze der abendl. Kultur gestoßen. Und nun stellt sich die Säure ein: die Melancholie + der Humor (denn beide sind sauer)” (LS 2004: 45). Auch macht er in seinen Cambridge-Vorlesungen im Frühjahrstrimester 1930 deutlich, dass der „Nimbus der Philosophie […] verlorengegangen” (LWL 1984: 43) und seine Zeit vom Typus des „geschickten Philosophen” (ebd.) geprägt sei, welcher zwar über Geschicklichkeit, nicht aber über Genie verfüge. Zudem scheint ihm gerade auch der ubiquitäre Szientismus und Technizismus, in seinem Missbrauch von naturwissenschaftlichem Wissen zu weltanschaulichen ideologischen Zwecken, zutiefst zuwider. Themen, die insbesondere auch in unserer Zeit hochaktuell sind.
Vornehmlich die Fortschrittsgläubigkeit – einer der Grundpfeiler der westlichen Zivilisation seit der Aufklärung –, die sich in einem Vertrauen auf die instrumentelle Vernunft äußert, erscheint Wittgenstein in besonderem Maße für den Kulturverfall seiner Epoche verantwortlich. Wittgenstein erkennt eine Zivilisation, die ihrem Wesen nach wissenschaftlich-technisch angelegt ist und die sich wesentlich durch den Fortschritt charakterisiert weiß: eine Aneinanderreihung von Gebilden, ein Fortschritt um des Fortschritts willen, das Anwachsen komplizierter, unübersichtlicher Strukturen, ein Herausstreben aus der Mitte, dem Zentrum der Welt, in die Mannigfaltigkeit der „Peripherie”, ein Verlust von Klarheit. Der Geist dieses Fortschrittsstrebens steht Wittgensteins eigenem Denken diametral entgegen. Er ist für ihn oberflächlich, klebt an der Peripherie, dringt nicht in die Tiefe und versteht nichts vom ,Wesen der Welt‘ (vgl. Ms 109: 211, PB 2019: Vorwort). Das optimistische Maschinenzeitalter steht in der Gefahr, sich in oberflächlicher Vielfalt zu verlieren. Das Wissen der Wissenschaft nimmt rasant zu. Proportional zu diesem Wachstum sinkt die Übersicht. Anders gesprochen: Das Programm der modernen Rationalität, wie es insbesondere von den westlich-abendländischen Wissenschaf279ten betrieben wird, ist für Wittgenstein „typisch aufbauend” (Ms 109: 207, zit. nach VB 2021: 459). Das „immer kompliziertere[] Gebilde” (ebd.), das dabei aufgebaut wird, ist für ihn eine Konstruktion, eine sich der Technik verdankende Leistung, die, eben weil sie heteronom motiviert ist, kein Genügen an sich selbst finden, keinen „Selbstzweck” (ebd.) konstituieren kann. Der „Geist” dieser Zivilisation, die Idee vom Fortschritt qua wissenschaftlich-technischer Beherrschung, scheint nach meinem Dafürhalten für Wittgenstein aus diesem Grund ein Denken der Vereinnahmung, eine Strategie der Ausweitung, der Überbietung und der hemmungslosen Steigerung der Zweckrationalität zu sein. Es ist dementsprechend kein Wunder, dass Wittgenstein nicht für den „westlichen Wissenschaftler” (ebd.)[1] schreibt, welcher diesen Geist der Steigerungslogik repräsentiert. Wittgenstein erwähnt ausdrücklich, dass er in einem gänzlich anderen Geiste philosophiere, als die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Wissenschaften betreiben und dass ihn letztere nicht verstehen könnten (vgl. ebd.). Wittgenstein ist stets bestrebt, die Lösung seiner philosophischen Probleme mit der Erlösung seines eigenen Daseins zu verbinden. Philosophische Probleme sind ihm Lebensprobleme. „Wittgensteins philosophische Suche und sein emotionales und geistiges Leben [bilden] eine Einheit” (Monk 2021: 12). Insofern können wir Positionsbestimmungen seines Denkens, wie sie sich etwa im Vorwortentwurf von 1930 finden, gar nicht stark genug gewichten. Wittgensteins Denken sucht wesentlich nach Klarheit, Durchsichtigkeit und Übersicht, und zwar in einer Radikalität und Kompromisslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Wichtiger noch: Klarheit, Durchsichtigkeit und Übersicht sind ihm Selbstzweck.[2] Auch aus diesem Grund kann Wittgenstein in seinem Vorwortentwurf nicht schreiben, sein Buch „sei zur Ehre Gottes geschrieben” (Ms 109: 212; zit. nach PB 2019: Vorwort), da dem dominanten Geist seiner Epoche eine solche nicht-zweckgerichtete Untersuchung unverständlich erscheinen würde.[3] „Meine Denkweise ist in der heutigen Zeit nicht gefragt, ich muß zu sehr gegen den Strom schwimmen. Vielleicht wollen die Leute in hundert Jahren wirklich das haben, was ich jetzt schreibe” (in MDN 1992: 120 f.), bemerkte Wittgenstein gegenüber einem 280Freund. Sein Genie birgt, mit Jürgen Habermas gesprochen, ein „Gefühl der Isolierung, in einer verständnislosen, gleichsam kategorial befangenen Umgebung zu leben” (Habermas 2017: 21 f.).[4] Ebenso wie etwa Martin Heidegger und Theodor W. Adorno, so Habermas, richtet sich auch Wittgenstein „an verstreute Einzelne, die bereit sind, sich in ein neues Denken initiieren zu lassen, nicht an die Kommunikationsgemeinschaft der Forscher oder an die Kooperationsgemeinschaft der Bürger” (ebd.). Und ebenso wie Heidegger und Adorno, wendet sich auch Wittgenstein „von institutionalisierter Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit ab” (ebd.).[5] „Der Philosoph ist nicht Bürger einer Denkgemeinde. Das ist, was ihm zum Philosophen macht.” (Ms 112: 72r, zit. nach Z 2021: 380) – heißt es in Wittgensteins Schriften an einer Stelle. Vier Jahre vor seinem Tod bekannte er: „[Ich] fühle mich fremd in der Welt // als ein Fremdling” (Ms 135: 56r; 27. 7. 1947). Wittgensteins Denken war und ist wesentlich unzeitgemäß.
Insgesamt ist Wittgensteins zeitkritische Klage weniger Anklage als vielmehr Bedauern und Trauer über die – mit Karl Kraus gesprochen – „Ernüchterung einer Epoche” (Kraus 1986: 10). Was seinen Geschmack, seine Lebensauffassung, seine Vorstellung von Kultur, von Gesellschaft und menschlichen Verhältnissen anbelangt, scheint Wittgenstein ganz einfach quer zum Zeitgeist zu stehen.[6] Er fühlt sich fremd in seiner Zeit, ist ihr nicht zugehörig, vor allem wegen der ihr eigenen Fortschrittsgläubigkeit der Wissenschaften und des Kulturverlustes, welche er nicht teilen kann. Das heißt aber nicht, dass er damit resigniert. So rät er einem Freund: „Jetzt kommt es darauf an, in der Welt zu leben, in der Sie sich befinden, und sich 281nicht die Welt auszumalen oder zu erträumen, in der Sie gern wären.” (In MDN 1992: 141.)[7]
Vielleicht lässt sich sagen, dass ein Kernstück von Wittgensteins Fortschritts-, Zivilisations- und Kulturkritik sein Vorbehalt gegenüber einer maßlosen Form der Weltbemächtigung ist. Gerade darin liegt eine große Relevanz und Aktualität für unsere heutige krisenbewegte Zeit. Weltbemächtigung, deren Herzstück die instrumentelle Vernunft ist, meint jedwede Form der Aneignung und Kontrolle über die Welt. Daran ist zunächst einmal nichts Verkehrtes, bildet Weltbemächtigung doch die Grundlage einer jeden Kultur und Zivilisation, welche der Mensch der Natur mühsam abringt. Und zweifellos haben wichtige Errungenschaften der Weltbemächtigung eine grundsätzliche Leidminderung und Wohlstandssteigerung bewirkt. Anders als in der Antike haben wir es heute aber nicht länger mit einer fortschreitenden Weltbemächtigung zu tun, sondern mit einem weltbemächtigenden Fortschritt, der wesentlich auf Technik und Wissenschaft konzentriert ist.[8] Insbesondere der Maßstab der instrumentellen Vernunft ist im Laufe dieser Entwicklung zu einem global leitenden geworden. Die instrumentelle Vernunft hat dabei nicht nur ihren Spielraum entschieden erweitert, sondern „droht” auch „unser Leben zu beherrschen” (Taylor 2020: 11)[9] und wird zu einer „wuchernden” (Taylor 2020: 17). Und ihr „Vorrang” wird nicht zuletzt an „dem Prestige und der Aura sichtbar, welche die Technik umgeben” (Taylor 2020: 12). Eben diese Grundtendenzen eines weltbemächtigenden Fortschritts hat bereits Wittgenstein scharfsinnig beobachtet. Die Weltbemächtigung hat längst maßlose und selbstzerstörerische Züge angenommen. Das Gespür und Verständnis des Menschen für jede Form der Abhängigkeit, Macht und Begrenztheit scheint mitunter vollkommen abhandengekommen zu sein und den Fortschritt scheint es nur noch um des Fortschrittswillen zu geben. Die Weltbemächtigung hat eine Grenze überschritten und ihr außer Kontrolle geratenes Bestreben vernichtet Mensch und Umwelt. Das Selbstverständnis des modernen Menschen, berauscht vom unaufhaltsamen Fortschrittsstreben der optimistischen wissenschaftlich-technischen Zivilisation, ist in diesem Sinne vollkommen fehlgeleitet, wie bereits Wittgenstein hellsichtig erkannt hat. Dem Leben in der Moderne weiß sich eine weltbemächtigende Steigerungslogik 282eingeschrieben, die sich mit einem „Genug” grundsätzlich nicht zufrieden gibt. Der Mensch ist zum Urheber seiner eigenen Katastrophe geworden. Anders gesprochen: In den Konsequenzen der eigenen Weltbemächtigung wird dem Menschen auf paradoxe Weise seine vermeintliche Verfügungsgewalt zunichtegemacht. Als aktiver Schöpfer seiner Errungenschaften sieht er sich diesen nun passiv ausgesetzt. Zuweilen vergisst er in seinem zügellosen Anhäufen von Wohlstand, bei dem jede Form von Maß verloren gegangen ist, sogar seine eigene unhintergehbare Endlichkeit. Und damit vergisst er mitunter auch, dass es noch etwas jenseits seines allumgreifenden Bemächtigungswillens und seiner Herrschsucht gibt. Blinde Weltbemächtigung im Sinne eines unaufhaltsamen weltbemächtigenden Fortschritts impliziert eben potentiell auch, das Unverfügbare und Unhintergehbare zu leugnen.
Es sind in meinen Augen genau diese Spielarten hochmütigen und selbstherrlichen Denkens, gegen die sich Wittgensteins Fortschritts-, Zivilisations- und Kulturkritik wendet. Seine ganze Philosophie zielt wesentlich auf Klarheit. Eine Klarheit auch über das eigene Selbst- und Weltverhältnis. Wittgenstein mäkelt nicht nur ein wenig an den Erklärungsvorstellungen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation herum. Nein, das Radikale und Grundsätzliche seiner Kritik scheint darin zu bestehen, dass er Allmachtsphantasien am Werke sieht, die als grundsätzlich ethisch falsch zu verwerfen sind. Wittgenstein und sein unaufhaltsames Streben nach Klarheit und Übersicht können wir in unserer Zeit als vorbildlich und handlungsleitend verstehen. Auch wir müssen unentwegt, immer wieder aufs Neue, die Arbeit an uns selbst aufnehmen, um zu einem richtigen und gesunden Selbstverständnis zurückzufinden. Kurz, Wittgensteins Haltung bildet vielleicht das richtige Korrektiv einer Weltbemächtigung, wie wir es heute brauchen.
Das siebente Wittgenstein-Forum der Internationalen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e.V., an der Universität Kassel vom 26.09.24 – 27.09.24, widmete sich dem Thema „Das erlösende Wort in dürftigen Zeiten – Wittgensteins Fortschritts-, Zivilisations- und Kulturkritik”. Dabei wurde über die fortschritts-, zivilisations- und kulturkritischen Implikationen in Wittgensteins Denken nachgedacht: seine Prägung durch das Fin de Siècle, die Wiener Moderne und die Schrecken beider Weltkriege, sein Ringen mit Technizismus und Szientismus wie auch der Verdinglichung des Menschen, sein Streben nach Klarheit und Übersicht im Denken mit den damit verbundenen ethischen und religiösen Implikationen, sein beharrliches Arbeiten an dem eigenen Selbst und dem Begriff und sein Erlösungsbedürfnis in der Philosophie.283
Zusammenfassung der Beiträge
In diesem special topic wird Wittgensteins Fortschritts-, Zivilisations- und Kulturkritik ausgehend von seiner Person und seiner Zeit beleuchtet. Dabei werden zum einen die tiefgreifenden kulturellen Einflüsse einer Zeit voller Umbrüche berücksichtigt, die auf Wittgensteins Leben und Denken einwirkten. Zum anderen wird ausgehend von Wittgensteins Denken untersucht, inwiefern in diesem eine Fortschritts-, Zivilisations- und Kulturkritik angelegt ist und wie sich eben diese Kritik philosophisch betrachten lässt. Im Folgenden seien die Beiträge kurz vorgestellt:
Dieses special topic beginnt mit VOLKER MUNZ‘ Beitrag „Text und Kontext. Wittgenstein und seine Zeit”. Dabei wird die Beziehung zwischen der Philosophie Ludwig Wittgensteins und dem soziokulturellen Kontext seiner Zeit untersucht, insbesondere im Umfeld der Wiener Moderne um 1900. Die Untersuchung basiert auf dem ungebrochenen wissenschaftlichen Interesse, Wittgensteins Werk im Lichte seines kulturellen Umfelds zu verstehen. Im Mittelpunkt dieser Analyse steht die Reaktion der Bürgerinnen und Bürger Wiens auf die Auflösung traditioneller Wertesysteme, das Auftreten von Identitätskrisen und die Entstehung ganzheitlicher Antworten von Intellektuellen auf die wahrgenommene kulturelle und soziale Fragmentierung. Wittgensteins philosophische Überlegungen, die von einer kritischen Haltung gegenüber der fortschrittlichen und mechanistischen Sichtweise der westlichen Zivilisation geprägt sind, wissen sich in enger Nachbarschaft zu den fundamentalen Modernitätskritiken seiner Zeitgenossen Karl Kraus und Oswald Spengler. Munz untersucht in seinem Beitrag Wittgensteins kulturpessimistische Ausrichtung, seine technologischen Vorbehalte und seine Auffassung von ,Zivilisation‘ und ,Kultur‘ wie seine Kritik am ,Fortschritt‘ als bloße Anhäufung ohne Essenz. Deutlich erkennbar wird: Wittgensteins Bemerkungen zur Klarheit als philosophisches Ziel konfligieren mit dem unermüdlichen Streben nach äußeren Errungenschaften in der modernen Zivilisation.
In Ihrem Aufsatz „Wozu Philosophie und Kunst in Zeiten der Unkultur?” richtet ILSE SOMAVILLA den Fokus auf den frühen bis späten Wittenstein, ausgehend von dessen kritischen Bemerkungen zur modernen Zivilisation im berühmten Vorwortentwurf von 1930. Dabei eruiert Somavilla die Gründe, die zu Wittgensteins kritischer und pessimistischer Sicht auf seine Zeit geführt haben könnten. Sie macht deutlich, dass diese Gründe in einem immer größer werdenden und skrupellosen Streben nach Fortschritt und Profit zu finden sind, in Abwesenheit eines ethischen oder religiösen Bewusstseins. Um ihre Annahmen zu stützen, konzentriert sich Somavilla u. a. auf ein Brieffragment, das vermutlich 1925 von Wittgenstein verfasst wurde. In diesem Fragment wird Wittgensteins sehr persönliche und pessimistische Grundhaltung gegenüber der Kultur wie auch Wissenschaft der modernen Zivilisation überaus deutlich. Wittgenstein unterscheidet zwischen Menschen, die sich 284oberflächlich mit Kunst oder Wissenschaft beschäftigen, ohne sich eines ethischen und religiösen Bewusstseins bewusst zu sein, und Menschen, die ihre Werke im Hinblick auf etwas Höheres schaffen und sich einer Perspektive sub specie aeternitatis verpflichtet sehen. Angesichts des Verfalls der Kultur und des damit verbundenen Mangels an Wahrhaftigkeit und Authentizität ventiliert Somavilla die Frage, ob Kunst und Philosophie zu einer Veränderung der Menschheit beitragen können, indem diese die Bedeutung der Ethik in ihrer Lebensweise erkennt.
ANDREAS KREBS geht ausgehend von Wittgensteins bekannter Bemerkung „[I]ch sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt” der Frage nach, ob es eine religiöse Fortschrittskritik in Wittgensteins Denken gibt. Sein Artikel prüft Wittgensteins Kritik an der modernen Fortschrittsideologie und ihr Verhältnis zur Religion. Wittgenstein, der ein tiefes Interesse an der christlichen Religion hat, sieht sein philosophisches Streben nach Klarheit als einen genuin ethischen Akt und nicht als Mittel zum Zweck. Zudem macht Krebs geltend, dass diese Haltung nicht nur als grundlegender Gegensatz zur Moderne verstanden werden muss, sondern auch eine religiöse Prägung besitzt. Entgegen dem ersten Anschein kann Wittgensteins Kritik an der Moderne jedoch nicht einem christlich-konservativen Typus zugeschrieben werden. Sein entschieden antidogmatisches Verständnis der christlichen Religion, das hauptsächlich von dissidenten christlichen Denkern wie Tolstoi und Kierkegaard geprägt wurde, ist alles andere als traditionell. Krebs schließt mit der Feststellung, dass Wittgensteins Vorstellungen vom Christentum und vom ,Religiössein‘ zwar ethisch stark aufgeladen sind, sich aber nicht mit dem gewohnheitsmäßigen, rituellen und narrativen Charakter der gelebten christlichen Praxis verbinden.
In seinem Artikel „Wittgensteins ,erlösende Worte‘” untersucht RICHARD RAATZSCH, was es mit den an verschiedenen Stellen in Wittgensteins Nachlass zu findenden Formulierungen ,Erlösung‘ oder ,erlösende Worte‘ auf sich hat. Es gibt nicht allzu viele solcher Passagen, und die, die es gibt, beziehen sich kaum aufeinander; sie gehören auch zu verschiedenen Schaffensperioden und betreffen unterschiedliche Themen. Raatzsch zeigt auf, dass das, was man als ,die Einheit in den verschiedenen relevanten Aussagen‘ bezeichnen könnte, keinesfalls ersichtlich ist. Vielmehr müsse man, so Raatzsch, sich von Wittgenstein Bemerkungen zu eigenen Gedanken anregen lassen. Raatzsch macht den Vorschlag Wittgensteins ,erlösende Worte‘ in Verbindung mit dem Tractatus logico-philosophicus neu zu denken und sie auf die ethische Dimension der Abhandlung, insbesondere das Ringen um eine richtige Sichtweise der Welt zu beziehen. Des Weiteren bringt er Wittgensteins Gedanken der Erlösung mit dessen späteren Begriff der Familienähnlichkeit in Verbindung und zeigt auf, dass es sich lohnen kann, von verschiedenen Familien der erlösenden Worte zu sprechen. Er macht deutlich, dass man in 285beiden Fällen Wittgensteins Philosophie als ,Philosophie der Erlösung‘ bezeichnen kann, in jeweils unterschiedlichem, aber dennoch verwandtem Sinne.
Das special topic schließt mit dem Beitrag „Wittgenstein über die Bildung von Begriffen” von CHRISTIAN MARTIN. Martin nähert sich Wittgensteins Auffassung von Begriffen auf einem eher selten beschrittenen Weg. Statt mit Überlegungen zur ,Familienähnlichkeit‘ zu beginnen, wird ein irreführendes Bild des Begrifflichen betrachtet, mit dessen Kritik Wittgenstein jene Überlegungen einleitet: die Vorstellung, dass Begriffe in ,Bestandteilen‘ der Dinge, die unter sie fallen, eine ,Entsprechung‘ haben. Die familienähnliche Auffassung wird anschließend als Alternative zu jener Vorstellung eingeführt. Sie sieht sich allerdings dem Problem der ,allzu offenen Textur‘ ausgesetzt, wonach eine auf Ähnlichkeiten gestützte ,Ausdehnung‘ von Begriffen deren Gehalt beliebig werden lässt. In Auseinandersetzung mit bestehenden Lösungsansätzen entwickelt Martin eine Konzeption der Begriffsbildung, die diese weder als durch natürliche Gegebenheiten determinierten Vorgang noch als kontingenten Ausdruck historisch wandelbarer Sprecherdispositionen auffasst. Begriffe werden vielmehr als logisch-epistemische Einheiten dargestellt, deren Erweiterung angesichts präzedenzloser Umstände einen Erkenntniszuwachs mit sich bringt, der sich in ihnen selbst niederschlägt. Anschließend wird herausgearbeitet, dass die logisch-epistemische Dimension des Gebrauchs von Begriffsworten von natürlich bedingten, kontingenten Zügen überlagert wird. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick, der die entwickelte Konzeption des Begrifflichen als eine logisch-sprachphilosophische Grundlage von Wittgensteins Kultur- und Zeitkritik exponiert.
Abschließend möchte ich mich noch einmal herzlich bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Siebten Wittgenstein–Forums für den guten fachlichen Austausch und die instruktive Diskussion bedanken, insbesondere bei denjenigen, die zu diesem special topic beigetragen haben. Zudem bin ich den Gutachterinnen und Gutachtern dieses special topic sehr dankbar für ihre genaue Lektüre und Kommentierung. Des Weiteren darf ich mich an dieser Stelle auch bei Jasmin Trächtler und Stefan Majetschak bedanken, die mir stets mit gutem Rat zur Seite standen. Zuletzt gilt mein ganz besonderer Dank Anja Weiberg für all ihre Unterstützung, Hilfe und Arbeit bei der Veröffentlichung.
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Literatur
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Kroß, Matthias: Klarheit als Selbstzweck. Wittgenstein über Philosophie, Religion, Ethik und Gewißheit, Berlin 1993.Search in Google Scholar
Monk, Ray: Wittgenstein. Das Handwerk des Genies, Stuttgart 2021.Search in Google Scholar
Nyíri, J. C.: Wittgenstein’s Later Work in Relation to Conservativism, in: Anthony Kenny & Brian McGuinness (Hrsg.): Wittgenstein and His Times, Oxford 1982, 44 – 68.Search in Google Scholar
Pascal, Fania: Meine Erinnerungen an Wittgenstein, in: Rush Rhees (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein: Porträts und Gespräche, Frankfurt a. M. 1992, 35 – 83.Search in Google Scholar
Robinson, Christopher C.: Wittgenstein and Political Theory, Edinburgh 2011.Search in Google Scholar
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von Wright, Georg Henrik: Wittgenstein, Frankfurt a. M. 1990.Search in Google Scholar
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