Ulrich Hohoff: Wissenschaftliche Bibliothekare als Opfer der NS-Diktatur. Ein Personenlexikon. Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen Band 62. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017. XIII, 415 Seiten. Fest geb. € 72.-, ISSN 0408-8107, ISBN 9078-3-447-10842-3, E-Book ISBN 978-3-447-19613-0; 1980–83 erschien das „Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration“.
Rezensierte Publikation:
Ulrich Hohoff: Wissenschaftliche Bibliothekare als Opfer der NS-Diktatur. Ein Personenlexikon. Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen Band 62. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017. XIII, 415 Seiten. Fest geb. € 72.-, ISSN 0408-8107, ISBN 9078-3-447-10842-3, E-Book ISBN 978-3-447-19613-0; 1980–83 erschien das „Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration“.
Das „Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933“ – „International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945“, insgesamt vier Bände – enthält die biografischen Angaben zu etwa 9 000 Emigranten, die zwischen 1933 und 1945 Deutschland verlassen mussten bzw. zur Emigration gezwungen wurden. Dieses auch heute noch maßgebliche Standardwerk zur Emigration stellte die Ausgangsbasis dar für eine Reihe zahlreicher weiterer Publikationen auf dem Sektor der Emigration. Man geht davon aus, dass in der gesamten Zeit des Naziregimes etwa 500 000 Deutsche zur Emigration gezwungen wurden.
2011 brachte der Verband Deutscher Antiquare das absolut beispielhafte Handbuch „Verleger, Buchhändler, Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933“, ein biografisches Handbuch von Ernst Fischer, 432 Seiten, Verband Deutscher Antiquare e.V., Seeblick 1, 56459 Elbingen, ISBN 97839812223-2-6 heraus.
Das Werk von Ulrich Hohoff über die wissenschaftlichen Bibliothekare als Opfer der NS-Diktatur ist ein Personenlexikon. Dieser Band vereinigt zum ersten Mal nicht nur die emigrierten Bibliothekare, sondern sämtliche Bibliothekare, die im Widerstand gewesen sind, die von den Nazis verfolgt, deportiert und ermordet wurden.
Der neue Band bringt rund 4 000 biografische Artikel zu dem gesamten Personenkreis. Aus dem Buch wird deutlich, dass alleine alle drei Generaldirektoren der Hebräischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem Emigranten aus Berlin waren. Erich Auerbach, der berühmte Autor der „Mimesis“ und vieler anderer bedeutender Werke emigrierte als Bibliothekar in die USA. Gershom Scholem war als Bibliothekar tätig, als er gezwungen wurde, nach Israel zu emigrieren. Das gesamte amerikanische Bibliothekswesen wurde massiv durch die Emigration beeinflusst. Bis in die 1970er-Jahre war Deutsch an den allermeisten Universitätsbibliotheken die zweite Amtssprache, da in allen Bereichen Bibliothekare aus der Emigration tätig waren, Die Wirkung ging noch darüber hinaus. Ein deutscher Emigrant gründete das „Bowker Annual“, das wichtigste Nachschlagewerk für das amerikanische und wohl auch internationale Bibliothekswesen. Eleonore F. Steiner-Prag, deren biografische Angaben in einer zweiten wünschenswerten Auflage berücksichtigt werden sollten, war Witwe des großen deutschen Buchkünstlers und Gestalters Hugo Steiner-Prag. Sie wurde Herausgeberin und Bearbeiterin des „American Library Directory“, das ebenfalls bei der Bowker Company erschien.
Zahlreiche Bibliothekare aus dem gesamten Musikbereich wurden außergewöhnlich einflussreich im musikbibliothekarischen Bereich der USA.
Josephine (Maria) Riss-Fang, geborene Riss, Bibliothekarin, Informationswissenschaftlerin, geboren am 3. April 1922 in Saalfeld, Österreich, war in den 1990er-Jahren als Professorin am Simmons-College, einer berühmten Bibliotheksschule tätig. Im Buch ist vermerkt, dass sie 2010 in Belmont lebte. Der Rezensent darf aus persönlicher Erfahrung heraus darauf hinweisen, dass sie auch heute noch im gesegneten Alter von 95 Jahren dort lebt.
Die beiden Generaldirektoren der Österreichischen Nationalbibliothek und der Deutschen Bibliothek Josef Bick und Hans Wilhelm Eppelsheimer werden ausführlich gewürdigt. Josef Bick , geboren am 22.5.1880 auf Burg Wildeck, gestorben am 5.4.1952 in Wien, war ab 1926 Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek zusätzlich bis 1938 auch Konsulent für das Bibliothekswesen im Bundesministerium Unterricht und in zahlreichen weiteren wesentlichen Funktionen in Österreich tätig. Am 1. April 1938 wurde er ins Konzentrationslager Dachau deportiert, anschließend nach Sachsenhausen, dann entlassen und verpflichtet, in seiner Heimatgemeinde Piesting zu leben. Seine Ruhestandsbezüge wurden nicht ausbezahlt. Am 30.6.1945 rehabilitiert und als Generaldirektor wieder eingesetzt.
Hans Wilhelm Eppelsheimer, geb. am 17.10.1890 in Wörrstadt, gest. am 24.8.1972 in Frankfurt a. Main, war von 1929 bis 1933 Direktor der Landesbibliothek Darmstadt, Mitglied der SPD, zum 26.9.1933 aus politischen Gründen entlassen. Er war mit einer Jüdin verheiratet. Er arbeitete gewissermaßen im Untergrund als Autor und Rezensent weiter und wurde 1946 Direktor der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt und ab dem 1.1.1947 Gründungsdirektor der von ihm mit initiierten Deutschen Bibliothek in Frankfurt.
Das vorliegende Nachschlagewerk ist geradezu glänzend erschlossen. Es enthält die Entlassungen nach Ländern, dann die Ausführungen nach den Bereichen Emigration, Widertand, Deportation und die verfolgten Bibliothekare nach 1945 im Bibliothekswesen.
Ein weiteres Kapitel das den größten Teil des Werkes darstellt, bringen die Lebensläufe der Verfolgten ab 1933 dar. Ein umfassendes Register der Personen, Körperschaften und Orte schließt den Band ab, der als mustergültiges Nachschlagewerk für einen sehr speziellen und außerordentlich schwierigen Bereich des gesamten Bibliothekswesens darstellt.
© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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