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Wiederentdeckt im Bestand Rara: Erstausgabe „Das Kapital“ von Karl Marx und etwas hannoversche Geschichte

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Veröffentlicht/Copyright: 3. September 2025
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Abstract

Im Rahmen ihrer Retrodigitalisierung hat die TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften in Hannover eine seltene Erstausgabe von Karl Marx’ „Das Kapital“ mit erhaltener Interimsbroschur digitalisiert. Der Beitrag beleuchtet die historischen Hintergründe der Erstauflagen und deren Bezugsquellen. Ergänzend wird auf Marx’ Aufenthalt in Hannover im Jahr 1867 und seine Verbindung zu seinem Freund, dem Arzt und Sozialisten Louis Kugelmann, eingegangen. Abschließend wird der Nachlass des Sozialdemokraten Erich Gerlach vorgestellt, aus dem weitere bedeutsame Ausgaben von „Das Kapital“ digitalisiert wurden. Die Sammlung bietet wichtige Einblicke in die Rezeptionsgeschichte des Werkes.

Abstract

As part of a retro-digitisation project, the TIB – Leibniz Information Centre for Technology and Sciences in Hanover was able to digitise a rare first edition of Karl Marx’s “Capital” in its original interim binding format. The article describes the historical background of these first editions and their sources, added by a side note on Marx’s sojourn in Hanover in 1867 and his relationship with the physician and fellow-socialist Louis Kugelmann. Rounding off, we introduce the estate of the social democrat Erich Gerlach, based on which other important “Capital” editions could be digitised. The collection offers valuable insights into the reception history of this work.

Im Zuge der Retrodigitalisierung an der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek in Hannover werden immer wieder unterschiedlichste Medien digitalisiert, die einen hohen wissenschaftsgeschichtlichen Erkenntniswert haben und von herausragender kulturhistorischer Bedeutung sind. „Das Kapital“ von Karl Marx gehört eindeutig in diese Kategorie und die TIB hat nun eine in ihrer Ausführung besonders seltene Ausgabe digitalisiert.

1 Die Retrodigitalisierung an der TIB in Hannover

Am TIB-Standort Rethen werden Werke aus dem Altbestand der TIB gescannt, der überwiegend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert stammt. Die Digitalisate werden online zur Verfügung gestellt, sofern sie urheberrechtsfrei sind oder die Genehmigung zur Veröffentlichung vorliegt.

Die Gründe für die Retrodigitalisierung alter Bestände sind vielfältig: Sie dient der Bekanntmachung des Altbestands und stellt diesen für die wissenschaftliche Nutzung bereit. So wird der weltweite Zugang zu diesen Werken ermöglicht. Außerdem werden durch die Nutzung der Digitalisate die Originale geschont und gleichzeitig wird der Inhalt der Werke für die Nachwelt gesichert.

2015 begann das Team Retrodigitalisierung mit dem Scannen des Bestandes: Seitdem wurden über 20.000 Werke in einem hohen Qualitätsstandard digitalisiert. Die Auswahl der zu sichernden Bestände erfolgt überwiegend durch den wissenschaftlichen Dienst der TIB. Die vorausgewählten Bestände werden priorisiert bearbeitet und nach den Gesichtspunkten der inhaltlichen Bedeutung und des Zustands einer Sammlung ausgewählt. Zudem werden Monographien, die für die TIB als Last Copy im Speicherverbund Nord angezeigt werden, digitalisiert. In Vorbereitung ist die Digitalisierung von Zeitschriften. Die Sammlungen der Retrodigitalisierung können direkt über die URL https://goobi.tib.eu/viewer/index aufgerufen werden, wo komfortabel zwischen den digitalisierten Beständen navigiert werden kann.

Abb. 1: Das Kapital: Interimsbroschur der Erstausgabe.
Abb. 1:

Das Kapital: Interimsbroschur der Erstausgabe.

2 Das blaue Kabinett

Am Hauptstandort TIB Technik/Naturwissenschaften im sogenannten „blauen Kabinett“, wo unter anderem die „Sammlung Haupt“[1] untergebracht ist, befindet sich auch ein ausgewählter Bestand besonders wertvoller Bände in einem separat geschützten Bereich. Darunter sind auch die ersten beiden Bände der Erstausgabe des Werks „Das Kapital“ von Karl Marx (geboren 1818 in Trier, gestorben 1883 in London). Diese wurden jetzt zur Digitalisierung an den TIB Standort Rethen gebracht. Bei den Arbeiten hierzu sind interessante Ausgaben und Fakten zu Tage getreten, die im Folgenden dargestellt werden.

3 Vorhandene Bände der Erstausgabe

Vom ersten Band[2], der 1867 publiziert wurde und dem 1885 der zweite Band[3] folgte, besitzt die TIB besonders wertvolle Erstausgaben: Bei diesen Exemplaren sind die Titelblätter der Broschur mit anderer Typographie erhalten geblieben. Es sind nur sehr wenige Exemplare bekannt, insbesondere der ersten Auflage von Band 1, die beide Titelblätter aufweisen.

Beim ersten Blatt handelt es sich um eine Interimsbroschur: Im 19. Jahrhundert wurden Bücher lange ohne festen Einband ausgeliefert. Die Broschur bestand in der Regel aus einem losen Einband aus einfachem Papier oder dünnem Karton mit den Angaben zum Buch. Nach dem Kauf konnte man das Buch dann nach dem eigenen Geschmack einbinden lassen und die Interimsbroschur wurde entsorgt.[4] Diese vorläufigen Einbände blieben deshalb relativ selten erhalten, weil sie beim regulären Binden entfernt wurden.

Von Band 3 (in zwei Teilen erschienen) hat die TIB sogar jeweils zwei Erstausgaben von 1894: Deren Standort war bisher allerdings nicht das blaue Kabinett, sondern die TIB-Standorte Sozialwissenschaften (Band 1[5], Band 2[6]) und Conti-Campus (Band 1[7], Band 2[8]). Alle Bände werden zukünftig im Bereich Rara besonders schutzverpackt zusammengeführt.

4 Wie kamen die Bände in die Bibliothek?

Band 1: Im Archiv der TIB/Universitätsarchiv Hannover werden die alten Akzessionsbücher der Bibliothek der Königlich Polytechnischen Schule zu Hannover und Polytechnischen Schule zu Hannover (1847–1879) aufbewahrt. Im „Accessions=Katalog für 1867“ ist der erste Band aufgeführt: Marx, Das Kapital I.1 ist für 3 Preußische Vereinstaler und 10 Silbergroschen von der Helwingschen Verlagsbuchhandlung erworben worden, einer wichtigen und etablierten Buchhandlung in Hannover.

Die Ursprünge der Helwingschen Verlagsbuchhandlung gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Seit 1678 war die Buchhandlung im Besitz von Nikolaus Förster, der sie für seinen Sohn Dietrich erworben hatte. Dieser war unter anderem Verleger von Gottfried Wilhelm Leibniz. 1773 gründete Christian Friedrich Helwing (1725–1801) die Verlagsbuchhandlung. Sein Sohn und Nachfolger Dietrich Helwing (1764–1831) wurde unter Napoleon verhaftet und zum Tode verurteilt, jedoch von Jérome Bonaparte, dem jüngsten Bruder Napoleon Bonapartes und König des Königreiches Westphalen, begnadigt. 1833 übernahm Ignaz August Mierzinsky (1764–1856) durch Kauf das Geschäft für seinen Sohn Carl (1811–1872). Dieser führte das Geschäft fort und war vermutlich der Buchhändler, der den ersten Marx-Band für die Königlich Polytechnische Schule auslieferte. Oder es war der gleichnamige Enkel von Ignaz August, der auch den Kauf des zweiten Bandes und der 3. Auflage des ersten Bandes abgewickelt haben müsste.[9] 1955 ist die Firma Helwing erloschen.

Abb. 2: Accessions=Katalog für 1867.
Abb. 2:

Accessions=Katalog für 1867.

Die unter der Spalte „Anmerkungen“ im Akzessionsbuch notierten Nummern sind wahrscheinlich keine Zugangs- und/Akzessionsnummern. Diese müssten im Band vermerkt sein, was nicht der Fall ist. Auch eine Überprüfung im alten alphabetischen Zettelkatalog ergab keine weiteren Hinweise. Deswegen ist nicht klar, welche Bedeutung diesen Nummern zukommt.

Band 2: Dieser Band findet sich im „Akzessions=Katalog für 1885 bis 1886“ zusammen mit der dritten Auflage des ersten Bandes. Diese sind für 17 Reichsmark (nach der Währungsreform nach der Reichsbildung von 1871) von der Firma Schmorl und von Seefeld bezogen worden. Alfred von Seefeld absolvierte seine Lehre zum Buchhändler ab 1842 in der Helwingschen Verlagsbuchhandlung, Ernst Viktor Schmorl war ebenfalls dort fast sieben Jahre tätig. Anfang 1852 gründeten die beiden ihr eigenes Unternehmen. Sie erhielten die Konzession für die vierte Buchhandlung in Hannover. Durch gute Beziehungen zu wissenschaftlich gebildeten Kreisen entstanden im Jahr 1892 im angegliederten gleichnamigen Verlag Werke, die sich gut verkauften, und es entwickelte sich nach und nach ein großer Verlag für Schriften und Werke mit einem weitgefassten, wissenschaftlichen Spektrum. 2005 war die Buchhandlung insolvent und wurde von der Buchhandelskette Hugendubel übernommen. 2012 wurde auch der Name entsprechend geändert.[10]

Band 3, Teil 1 und 2: Am 1. Januar 2003 erfolgte die Übernahme der Fachbereichsbibliotheken der Niedersächsischen Landesbibliothek NLB (heute Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, Niedersächsische Landesbibliothek, GWLB) durch die TIB (damals UB/TIB) mit allen Personalstellen und zugehörigen Sachmitteln. Deswegen befinden sich die Bände von Teil 3 seitdem im Bestand der TIB. Angeschafft wurden sie jedoch noch zu Zeiten, in denen die Standorte der GWLB zugehörig waren. Die beiden Teile von Band 3, die am Standort TIB Sozialwissenschaften (vormals NLB) vorhanden sind, sind (zusammen mit neueren Ausgaben der Bände 1 und 2) am 27. Juni 1979 über das Antiquariat Marco Pinkus in Dübendorf (Zürich) in der Schweiz für 400 DM gekauft worden.

Für die beiden am TIB Conti-Campus (vormals NLB) vorhandenen Bände von Teil 3 ist eine Schenkung vom 23. November 2001 an die Niedersächsische Landesbibliothek, Wirtschaftswissenschaftliche Fachbereichsbibliothek, dokumentiert. Dabei dürfte es sich um die Übernahme der Bestände vom wirtschaftswissenschaftlichen Seminar der Technischen Hochschule Hannover durch die Landesbibliothek handeln.

Abb. 3: Accessions=Katalog für 1885 bis 1886.
Abb. 3:

Accessions=Katalog für 1885 bis 1886.

5 „Dies ewig unfertige Ding“: Warum vermutlich eine dritte Auflage gekauft wurde

Friedrich Engels schrieb am 27. April 1867 an Karl Marx:

„Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich, geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen, daß Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz anderer Kerl vorkommst, besonders da die Welt, sobald Du nur erst wieder einmal hineinkommst, auch nicht so trübselig aussieht wie vorher.“[11]

Marx selbst hat „Das Kapital“ nie vollendet. Schon den ersten Band hat er nur unter starkem Druck von Engels herausgegeben. Band 2 von 1885 und die Teilbände von Band 3 von 1894 erschienen nach seinem Tod (1883) und wurden von Engels zur Publikationsreife gebracht. In einem ausführlichen Vorwort (die Seiten I–XIII) erklärt Engels: „Das zweite Buch des ‚Kapital‘ druckfertig herzustellen (…), war keine leichte Arbeit. (…) nachlässiger Styl, familiäre, oft derbhumoristische Ausdrücke und Wendungen, englische und französische technische Bezeichnungen, oft ganze Sätze und selbst Seiten Englisch; es ist Niederschrift der Gedanken in der Form, wie sie sich jedes Mal im Kopf des Verfassers entwickelten.“[12]

Neben den gesundheitlichen Problemen und der schwierigen materiellen Situation, die Marx unter anderem beim Schreiben immer wieder behinderten, war er keineswegs ein zielgerichteter Arbeiter und hatte eine wenig systematische Arbeitsweise, die eher einer umfassenden Sammelwut von Informationen entsprach.[13] „Er liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität und hat ein kritisches Talent, das bisweilen in Uebermuth ausartende Dialektik wird, aber vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer.“[14]

Warum wurde von Band 1 noch einmal die dritte Auflage des ersten Bandes gekauft?

Karl Marx hat nach dem Erscheinen des ersten Bandes für die zweite Auflage und die französische Ausgabe[15] vieles überarbeitet. Diese umfangreichen Änderungen mögen die Bibliothek dazu bewogen haben, den ersten Band in einer neueren Auflage (zusammen mit Band 2) noch einmal zu erwerben.

6 Ein Hinweis auf Papier: Was ein Zettel von 1967 über den Einband verrät

Zu den Bibliothekseinbänden lässt sich leider nicht genau feststellen, wann sie entstanden sind. Dazu gibt es keine Aufzeichnungen oder Vermerke. Ein Hinweis findet sich allerdings im ersten Band: Am Ende ist ein Blatt von 1967[16] mit eingebunden worden, dass vom Antiquariat T. Ackermann in München stammt. Hier ist der Punkt 338 „Das Kapital“ eingekreist und mit den Worten „haben wir!“ versehen. Auch der Preis von 1.200 DM ist am Ende der Seite noch einmal groß handschriftlich vermerkt. Daraus lässt sich zum einen die Begeisterung für das im Besitz befindliche Werk und seinen für die 1960er Jahre hohen Preis entnehmen. Zum anderen kann man daraus den Rückschluss ziehen, dass auch der Einband ca. 1967 hergestellt worden ist.

Heute wird die Erstauflage des ersten Bandes für bis zu 250.000 Euro zum Kauf angeboten. Was die Ausgabe der TIB mit den seltenen Titelblättern wert ist, ist schwer zu sagen.

7 Marx in Hannover: eine entspannte Zeit

Neben der Tatsache, dass sich in Hannover wertvolle Erstausgaben des Kapitals im Besitz der TIB befinden, gibt es zwischen Karl Marx und Hannover noch eine ganz besondere Beziehung: der Aufenthalt von Marx in Hannover und seine Freundschaft zum hannoverschen Arzt Ludwig Kugelmann, die sie mit einem Briefwechsel zwischen 1862 und 1874 aufrechterhielten. Marx schickte am 16. April 1867 an seinen langjährigen Freund Ludwig Kugelmann ein Telegramm: „Ich komme heute Abend gegen neun. Marx“.[17]

Louis (auch Ludwig) Kugelmann (geb. 1828 in Lemförde, gest. 1902 in Hannover) stammte aus einer jüdischen Familie. Er musste auf Wunsch seines Vaters den Kaufmannsberuf ergreifen und arbeitete eine Weile in einem Kölner Handelshaus. Später holte er in Minden das Abitur nach, studierte Medizin in Bonn und Göttingen, wo er auch promovierte. 1854 ließ er sich in Hannover als Arzt und Gynäkologe nieder.[18] Er pflegte Freundschaften zu Friedrich Engels und Wilhelm Liebknecht und bekam Besuch von August Bebel, Karl Liebknecht, Paul Singer und Karl Kautsky. Kugelmann war Mitglied der Ersten Internationale und später der SPD. Auch als Sozialdemokrat blieb er Zeit seines Lebens Marxist.[19]

Am 17. April 1867 schrieb Marx an Johann Philipp Becker in Genf: „Ich muss schließen (später mehr), da Dr. Kugelmann, der Dich bestens grüßen lässt, mich in die Herrlichkeiten Hannovers einweihen will.“[20]

Das Manuskript für den ersten Band war fertig. Marx hatte es selbst nach Hamburg zu seinem Verleger Otto Meisner gebracht und wollte für die Drucklegung in der Nähe sein. Am 24. April 1867 schrieb er an Engels: „Ich bin seit 8 Tagen hier als Gast des Dr. Kugelmann. Ich bin nämlich gezwungen, in Hamburg oder dicht bei Hamburg zu bleiben von wegen des Drucks.“[21]

Er wohnte bei den Kugelmanns in der Schmiedestraße und verbrachte insgesamt eine entspannte Zeit in Hannover, da er sich nach Fertigstellung des Manuskripts wie befreit fühlte. Seine sonst depressive Stimmung hellte sich in Hannover merklich auf.[22]

Er schrieb an Engels:

„Dr. K.[ugelmann] und seine Frau behandeln mich aufs allerliebenswürdigste und tun alles, was sie mir nur an den Augen absehn können. Es sind vortreffliche Menschen. Sie lassen mir in der Tat keine Zeit, ‚den düstren Wegen des eignen Ich‘ nachzuspähen.“[23]

Kugelmann ging nach Beendigung seiner Sprechstunden mit seinem Gast in der Eilenriede, einem Waldgelände nordöstlich im Stadtgebiet von Hannover, spazieren. Marx sprach dabei über die Kämpfe der Internationale, Kugelmann über seinen Werdegang und seine Schwierigkeiten als Arzt in Hannover sowie über seine politische Entwicklung.[24]

Die Familie Kugelmann ging mehrfach mit Marx in das hannoversche Opernhaus; die Konzerte im Odeon und im Tivoli haben ihm sehr gefallen.[25] In einem Brief an seine Tochter Laura vom 13. Mai 1867 beschrieb Marx das Hannoversche Leben:

„Zum Beispiel gibt es hier die verschiedensten Parks […], viel geschmackvoller angelegt als irgendwelche in London, wo jeden Abend gute Musik gemacht wird usw. […] Die jungen Leute amüsieren sich hier ungezwungener, und es kostet relativ wenig. Natürlich hat die ganze Sache einen großen Nachteil – die Atmosphäre ist zum Bersten langweilig. Das Lebensniveau ist niedrig. Das ist das Los des kleinen Mannes, und man muß nicht von großer Statur sein, um sich wie Gulliver unter Liliputanern zu fühlen.“[26]

Ursprünglich plante Marx, eine Woche in Hannover zu bleiben. Die Korrekturfahnen kamen aber erst am 5. Mai 1867, sodass sich sein Aufenthalt verlängerte. Kugelmann und er überarbeiteten die Druckbögen. Im Nachwort der 2. Auflage des ersten Bandes schrieb Marx: „Ich befand mich bei ihm (Kugelmann) zu Besuch im Frühling 1867, als die ersten Probebogen von Hamburg ankamen, und er überzeugte mich, dass für die meisten Leser eine nachträgliche, mehr didaktische Auseinandersetzung der Wertform nötig sei“.[27]

Aus Hannover abgereist ist Marx am 15. Mai 1867.

Am 10. Juli 1867, wieder in London, schrieb Marx an Kugelmann: „Den Aufenthalt in Hannover zähle ich zu den schönsten und erfreulichsten Oasen in der Lebenswüste.“[28]

Seine Auffassung von seinem Aufenthalt in Hannover scheint also sehr zwiegespalten gewesen zu sein: Zum einen hat er sich gut bei Spaziergängen und Konzerten erholt, nennt die Zeit eine Oase, zum anderen fand er die Stadt doch offensichtlich recht langweilig.

Karl Marx reiste am 18. September 1869 noch einmal in Begleitung seiner Tochter Jenny nach Hannover. Die Gespräche mit Kugelmann handelten dieses Mal vom Freiheitskampf der Iren und von der Weiterentwicklung der Arbeiterbewegung. Louis Kugelmann kümmerte sich außerdem um Marx‘ labilen Gesundheitszustand.[29] Der Umgang miteinander muss zu dieser Zeit sehr harmonisch gewesen sein, denn Marx bot Kugelmann in dieser Zeit das Du an.[30]

Der Bruch zwischen den beiden erfolgte im August 1874. Bei einer gemeinsamen Kur in Karlsbad kam es zum Zerwürfnis, über dessen Gründe viel spekuliert worden ist. Mag es der herrische Umgang Kugelmanns mit seiner Frau und die Parteiergreifung durch Marx oder die politische Unzuverlässigkeit Kugelmanns, da er sich in verschiedenen politischen Lagern bewegte, gewesen sein: der Briefwechsel endete.[31]

Die Briefe zwischen Kugelmann und Marx wurden im Verlag JHW Dietz, Berlin, mit einem Vorwort von V. I. Lenin zur russischen Ausgabe von 1907 veröffentlicht. Die TIB hat in der Spezialsammlung Erich Gerlach ein Exemplar von 1948[32], welches in diesem Zusammenhang ebenfalls digitalisiert wurde.[33]

8 Nachlass Erich Gerlach

Erich Gerlach (geboren 1910 Friemersheim/Kreis Moers, gestorben 1972 in Northeim) war ein deutscher Politiker (SAPD, SPD) und Wirtschaftswissenschaftler. Seit seinem 17. Geburtstag war er in der Arbeiterbewegung aktiv, erst in der Sozialdemokratie, dann in der Kommunistischen Partei. Er nahm 1930/31 am Studienzirkel „Kritischer Marxismus“ bei Karl Korsch teil, dessen Schriften er später herausgab. 1932 wurde er wegen „Linksabweichung“ von der KPD ausgeschlossen und trat der neugegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei SAPD bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er in Northeim zu den Wiederbegründern der Sozialdemokratischen Partei. Hier war er bis zu seinem Tod auf nahezu allen Ebenen als Funktionär und Mandatsträger tätig.[34]

Von 1947 (seit der ersten Wahlperiode) bis 1972 (bis zu seinem Tod) war er Abgeordneter des Niedersächsischen Landtags für die SPD. Er war einer der wenigen, der seine Erfahrungen in der europäischen Arbeiterbewegung weitergab. Von 1954 bis 1963 war er Redakteur der „Sozialistischen Politik“. In dieser Zeitschrift äußerte er sich zu unterschiedlichsten Themen und veröffentlichte viele Beiträge unter Pseudonym. Peter von Oertzen holte ihn als Lehrbeauftragten an die Technische Universität Hannover, wo er bis 1963 wirkte.[35]

Gerlach gehörte in den 1950er Jahren zu den originellsten politischen Denkern der sozialistischen Linken. Er vertrat einen undogmatischen Marxismus, der in der Tradition seines Lehrers Karl Korsch stand.[36]

Seine Witwe Lucy Hillebrand-Gerlach vermachte 1973 seinen Nachlass dem Seminar für Wissenschaft von der Politik an der TU Hannover. Mit dem Nachlass wurde mit Mitteln aus der Stiftung Volkswagen auch die wissenschaftliche Arbeitsbibliothek erworben.[37] Der Nachlass ist in das Gewerkschaftsarchiv eingegangen.

Das Gewerkschaftsarchiv ist Teil einer Sondersammlung zur Gewerkschaftsbewegung. Diese Sammlung mit einem Bestand von etwa 10.000 Bänden umfasst sozialwissenschaftliche Literatur und Gewerkschaftsmaterialien zur Organisationsgeschichte und -politik. Sie wurde in Kooperation mit den sozialwissenschaftlichen Instituten der Leibniz Universität Hannover und dem Deutschen Gewerkschaftsbund aufgebaut. Untergebracht war das Archiv bis 2022 am Standort TIB Sozialwissenschaften. In einem ersten Schritt wurde der Nachlass Erich Gerlach 2022 in das Archiv der TIB/Universitätsbibliothek Hannover am TIB-Standort Rethen übernommen. Anfang März 2025 folgten Nachlässe anderer bedeutender Professoren und Dozenten der Universität Hannover.

Die Monographienbestände der Arbeitsbibliothek aus Gerlachs Nachlass (und der der anderen Professoren und Dozenten des Gewerkschaftsarchivs) sind im OPAC nachgewiesen und zur Benutzung im Lesesaal am TIB-Standort Technik/Naturwissenschaften bestellbar. Der Nachlass Gerlach umfasst darüber hinaus Zeitschriftenbestände sowie reichhaltige Materialsammlungen und Exzerpte zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, zu Sozialismus, Marxismus, Anarchismus, Gewerkschaftsbewegung und zur Kritik der politischen Ökonomie.

Gerlach war im Nachkriegsdeutschland zwischen 1945 und 1970 einer der bedeutendsten Marx-Kenner und spielte eine zentrale Rolle für die Sozialdemokratie der Nachkriegsgeschichte.

Zwei Ausgaben des Kapitals hat er bearbeitet und kommentiert: Am 5. November 1929 im Alter von 19 Jahren legte er sich noch während seines Studiums die 10. Auflage 1922 des Kapitals im Meissner Verlag von Band 1 und 2 und von den Bänden 3,1 und 3,2 die 6. Auflagen 1922 zu (Band 1[38], Band 2[39], Band 3,1[40], Band 3,2[41]). Später kamen die 4. Auflage von 1953 im Dietz Verlag dazu (Band 1[42], Band 2[43], Band 3[44]).

In allen Bänden gibt es Anstreichungen, mal mit Bleistift, mal mit rotem Buntstift, handschriftliche Kommentare, eingelegte Zettel mit seinen Notizen, teilweise stenographisch. Gerlach verwendete die Gabelsberger Stenographie, eine der zu seiner Zeit meistverwendeten deutschen Kurzschriften.[45] (Erich Kästner verfasste zum Beispiel sein geheimes Tagesbuch während der Zeit des Dritten Reiches in der Gabelsberger-Kurzschrift[46]). Gerlachs Bearbeitungen und Anmerkungen sind für die Forschung von Bedeutung, sodass an dieser Stelle alle von Gerlach kommentierten Auflagen zum Kapital digitalisiert worden sind.

Aus der Sammlung Gerlach sind zum Thema „Das Kapital“ weitere interessante Bände digitalisiert worden: Wiederentdeckt: Erstausgabe „Das Kapital“ von Karl Marx[47]. Mit dieser Erschließung entsteht gleichsam ein Kaleidoskop eines wissenschaftlich bedeutsamen Werkkreises und ein digitaler Fundus, der zum einen die wertvollen Erstauflagen, zum anderen die kommentierten Ausgaben Erich Gerlachs und weitere Werke rund um „Das Kapital“ enthält und darüber hinaus exemplarisch zeigen kann, welche Möglichkeiten die Retrodigitalisierung bietet.

Online erschienen: 2025-09-03
Erschienen im Druck: 2025-08-28

© 2025 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Heruntergeladen am 10.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2025-0069/html?lang=de
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