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Nicht nicht schreiben

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Published/Copyright: November 7, 2019
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Abstract

Der bibliothekarische Mainstream geht davon aus, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken „Serviceeinrichtungen“ seien, deren Personal nicht Wissenschaft zu betreiben, sondern „Service“ zu erbringen habe. Damit wird nicht nur das Berufsbild der Bibliothekare um seine Geschichte gekürzt, sondern zugleich das Entwicklungspotential der Bibliotheken beschränkt. Wer in dieser Situation nach unbeschränkt-offenen Entwicklungsmöglichkeiten der Bibliotheken sucht, wird diese kaum in den umlaufenden Strategiepapieren finden, sondern einzig in einer Reflexion des eigenen Tuns, einer Reflexion, deren Schriftform eine Einladung zum Dialog ist.

Abstract

The library mainstream sees scientific libraries as mere “service centres” assuming that staff is there to attend to patrons’ needs rather than do scientific research. This view does not only deny the historical roots of librarians’ occupational profile, it also limits libraries’ development potential. In this situation, anyone interested in not just narrowly defined development possibilities for libraries and open options and opportunities, must look further than the circulating strategy papers and critically reflect one’s own experience and role in the development of libraries, to engage in a written form of reflection inviting dialogue.

Tonika

Kallimachos hat’s getan, Leibniz, Lessing, Kant, Wilhelm Heinse, Winckelmann, Uhland, Hölderlin, Goethes Schwager Vulpius und Goethe selber, Hoffmann von Fallersleben, Graf von Platen, Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel, Jakob Grimm, Hermann Kurz, Alexandre Dumas (Père), Viktor von Scheffel, die Altphilologen Dziatzko und Ritschl zusammen mit allen Professorenbibliothekaren des 19. Jahrhunderts, Ricarda Huch, Anatole France, der zweimal nach Harvard berufene Theologe Adolf von Harnack und der umtriebige Paul Raabe. Sie alle, ob Wissenschaftler oder Schriftsteller, waren eine zeit- oder lebenslang Bibliothekare und zugleich Wissenschaftler oder Schriftsteller; keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, das belletristische oder wissenschaftliche Schreiben einzustellen, nur weil man Bibliothekar geworden war. Sie alle haben’s getan, sie alle haben gelesen und geschrieben.[1]

Hätte man sie gefragt, wie ihr „Berufsbild“ denn nun aussähe, sie hätten kaum etwas anderes zu antworten gewusst als dies: zu lesen und zu schreiben, in und außerhalb der Bibliothek zu forschen und das zu sein, was sie nun einmal waren, Bibliothekare und Schriftsteller oder Bibliothekare und Wissenschaftler. Ja manchmal sogar beides und noch viel mehr wie im Falle des Kallimachos, von dem man nicht weiß, ob man ihn einen Dichter oder gelehrten Philologen, einen Naturwissenschaftler oder Bibliothekar nennen soll; wie im Falle Goethes, der jedes „Berufsbild“ sprengt und als Minister nicht nur Akten schrieb, sondern ebenso Lyrik, Dramen, Romane oder Dienstanweisungen für die ihm in Weimar und Jena unterstellten Bibliothekare, ganz zu schweigen von seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten.

Dieser Strom von Bibliothekaren, die schreibend und forschend den produktiven Kontakt sowohl zur Wissenschaft als auch zu einem interessierten Publikum gesucht haben, ist sicherlich niemals breit und mächtig gewesen. Aber wer hier Breite und Macht sucht, sucht sowieso am falschen Ende. Denn hier geht es nicht um Quantitäten, die in einem Bibliotheksindex gemessen werden könnten und deren Fabrikation als machtsteigernd und damit karriererelevant gilt; hier geht es vielmehr um so etwas wie intellektuelle Fruchtbarkeit, eine personale Qualität, die sich in öffentlicher Resonanz niederschlägt und einen Wahrnehmungsraum schafft, in dem, wenn es gelingt, die Bibliotheken als interessante Einrichtungen überhaupt erst in Erscheinung treten können. Mag daher der Strom schreibender und forschender Bibliothekare niemals breit gewesen sein - er ist immer dagewesen und ist da bis zum heutigen Tag: bis zu Wolfgang Schmitz, dem habilitierten und vor wenigen Jahren pensionierten Direktor der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek, bis zu Ulrich Johannes Schneider, dem habilitierten Philosophieprofessor und Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, und natürlich bis zu den Kolleginnen und Kollegen, die an den drei Forschungsbibliotheken Marbach, Weimar und Wolfenbüttel eben das tun, was dort auch forschend zu tun ist,[2] nicht zu vergessen die Kolleginnen und Kollegen, die als Beiträger und Herausgeber von Handbüchern, Sammelbänden und Fachzeitschriften oder als Autoren von Monographien forschend und schreibend tätig sind.

Es liegt nahe, an dieser Stelle auf das Faktische zu verweisen und also darauf, dass der Alltag im Bibliotheksbetrieb nicht den intellektuellen Bibliothekar erfordere, sondern den tatkräftigen Manager. Ein solcher Hinweis aufs Faktische ist aber wenig mehr als der Hinweis auf einen Zustand, von dem keineswegs feststeht, dass er auch so sein soll. Das Sein legitimiert kein Sollen, auch hier nicht. Wer daher meint, es brauche keine intellektuell profilierten Bibliothekare, die schreiben, sondern Manager, die etwas bewerkstelligen, der hätte allererst noch darzulegen, warum er das meint. Und damit würde er auf die aus seiner Sicht schiefe Bahn des Argumentierens geraten, die ihn in eine intellektuelle Debatte verstrickt, von der er eben noch überzeugt war, sie sei faktisch erledigt durch die im Bibliothekswesen längst ubiquitäre Präsenz eines Personals, das sich gerne als Macher oder Entscheider titulieren lässt und dafür auf ein intellektuelles Profil samt den Zumutungen des öffentlichen Argumentierens ebenso gerne verzichtet.

Über diese Klippe hilft dem Bibliotheksmanager seit einigen Jahren der Hinweis auf autoritatives Fremddenken hinweg, also auf ein Strategiepapier der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder eine Empfehlung des Wissenschaftsrates. Ihnen entnimmt der Manager bedenkenlos die Handlungsanweisungen, die er vor Ort in „seiner“ Bibliothek umsetzt, ganz real oder doch wenigstens verbal. Aber was soll man sagen, wenn man in einer neueren Empfehlung des Wissenschaftsrates etwas liest, was eben noch gegen den guten Ton des bibliothekarischen Mainstreams verstoßen hat, nun aber den Bibliothekaren als allerneuester Chique angetragen wird? Denn plötzlich möchte der Wissenschaftsrat auf der Leitungsebene von „Informationsinfrastruktureinrichtungen“ - vulgo also Bibliotheken - sowohl so etwas wie Managementkompetenzen sehen als auch „einschlägige fachwissenschaftliche und methodische Kompetenzen“; und er ergänzt: „in der Regel werden allerdings zwei Personen erforderlich sein, um dieser Anforderung zu entsprechen.“[3] Mehr noch: Je nach Aufgabenprofil der „Informationsinfrastruktureinrichtungen“ könne oder müsse der Schwerpunkt auf der Leitungsebene eher auf dem Management- oder eher auf dem Wissenschaftspol liegen, aber wie es sich damit auch immer verhalte, es müsse, so der Wissenschaftsrat, „in jedem Fall […] sichergestellt werden, dass die Verantwortung für die wissenschaftlichen Tätigkeiten bei einer Wissenschaftlerin bzw. einem Wissenschaftler liegt.“[4] Und damit es auch klappt mit dem wissenschaftskompetenten Personal, „müssen attraktive Karrierewege in den Informationsinfrastruktureinrichtungen geschaffen werden.“[5]

Das ist nichts anderes als die Forderung, wissenschaftliche und Leitungsaufgaben in den Bibliotheken nicht länger mehr in einer einzigen Person so zu überblenden, dass von der Wissenschaft nichts weiter übrigbleibt als eine „wissenschaftliche Vorbildung“, die man beim verwaltungsinternen Aufstieg von A13 nach A16 und darüber hinaus getrost vergessen kann, sondern wissenschaftliche und Leitungskompetenzen als eigenständige Notwendigkeiten zu betrachten, wenn es darum geht, Bibliotheken sachgemäß zu organisieren. Der Wissenschaftsrat erfindet hier das Rad keineswegs neu, sondern sucht offenbar den Anschluss der Bibliotheken an große wissenschaftliche Institute, die in der genannten Weise durch Binnendifferenzierung und damit auch Spezialisierung des Personals organisiert sind: Universitätskliniken haben eine wissenschaftliche und eine Verwaltungsleitung, und natürlich haben auch große Max-Planck-Institute eine wissenschaftliche Leitung, der die Verwaltungsleitung zuarbeitet und nicht umgekehrt. Möglicherweise verdanken sich die Empfehlungen des Wissenschaftsrates an dieser Stelle ja auch unterschwellig der bibliothekarischen Debatte der späten 1990er Jahre, in der gegen den bibliothekarischen Mainstream für eine sachgemäße Spezialisierung der Bibliothekare im Hinblick auf wissenschaftliche und Verwaltungsaufgaben votiert wurde.[6]

In jedem Fall ist der wissenschaftliche Bibliothekar, der selbst forscht und schreibt, offenbar nichts, was sich historisch erledigt hätte und durch den herrschenden Betrieb widerlegt wäre, vielmehr ist er eine nun auch vom Wissenschaftsrat legitimierte Spielart des Berufsbibliothekars. Wer näher hingesehen hat, hat natürlich schon seit Jahren sehen können, dass neben dem sich auf „Serviceportfolios“ selbstverpflichtenden bibliothekarischen Mainstream in einem Teil der Bibliotheken - und nicht nur in den bereits erwähnten Forschungsbibliotheken[7] - die Erkenntnis sich durchzusetzen begann, dass man kein Dienstleister sei vom Typ der Elektrizitäts- oder Wasserwerke, sondern eine Forschungseinrichtung, in der es richtigerweise dann auch wissenschaftliche Bibliothekare braucht, die nicht nur vom Hörensagen wissen, was Forschung ist. Es ist damit offenbar wie auch sonst in der Geschichte: Dort, wo der historische Trend zu sein scheint, ist er dann doch nicht, und von dort her, wo das Alte und Abgetane zu liegen scheint, meldet sich plötzlich eine Renaissance.[8]

Subdominante

Das alles kann nur diejenigen überraschen, die die bibliothekarischen Fachhochschulen nach der dortigen Abschaffung von Buch- und Bibliotheksgeschichte ohne historische Perspektivierungen verlassen haben und dann im Beruf sich in ein Milieu einlebten, das sich durch folgsame Beachtung von Strategiepapieren und autoritativen Empfehlungen auszeichnet, in denen ein ums andere Mal nicht von Bibliotheken, sondern von „Informationsinfrastruktureinrichtungen“ die Rede ist, nicht von Büchern, sondern von „Medien“ oder gar „Informationen“, nicht von Gedanken und Geist, sondern von „Content“, nicht von Fachreferenten, sondern von „Schnittstellenpersonal“.[9] Diese semantische Kette läuft schließlich auf etwas zu, was den alten Namen „Bibliothek“ ablegt, um sich als „Serviceeinrichtung“ unter unkenntlichen Akronymen vom Typ kiz, KIM oder IKMZ mit dem Aufbau eines „Serviceportfolios“ zu beschäftigen, mit deren Hilfe die „Serviceeinrichtungen“ zu „digitalen Arbeitsumgebungen im virtuellen und realen Raum“ umgemodelt werden sollen, zu „Arbeitsumgebungen“, „die von Interaktion und Kollaboration geprägt sind und mit attraktiven Infrastrukturdiensten und Werkzeugen wissenschaftliches Arbeiten unterstützen.“[10] Damit glaubt der Deutsche Bibliotheksverband allen Ernstes, die mittelfristige Entwicklungsperspektive der Bibliotheken bis zum Jahr 2025 nicht nur antizipieren zu können, sondern diese Antizipation auch gleich noch in „Handlungsfelder“ umgießen zu dürfen, deren Schwerpunkt um „Open Access“ und allerlei Digitales gravitiert.[11]

Es liegt in der Logik der Sache, dass man von hier aus, nach dem Durchsingen der semantischen Informationskadenz und unter Beachtung des digitalen Kontrapunktes, nirgendwo anders enden kann als in einem Finale, in dem der wissenschaftliche Bibliothekar und folglich auch das Schreiben keinen Ort mehr haben. Die Berufsbilddebatte kann man nun endlich für beendet erklären, der Trumpf des „Dienstleistungsportfolios“ sticht die bibliothekarische Tätigkeit als eine wissenschaftliche glatt aus.[12]

Damit ist man nun aber keineswegs so zeitgeistig-modern, wie man glaubt. Man ist vielmehr ziemlich zopfig, freilich ohne es selbst noch zu merken. Der Zopf wird sichtbar, wenn man zu Eberts Die Bildung des Bibliothekars greift, einem im Jahr 1820 veröffentlichten Büchelchen, in dem all das zu finden ist, was heuer als „Serviceportfolio“ fröhliche Urständ feiert: Dass der (wissenschaftliche) Bibliothekar selbst nicht schreiben solle und dürfe, er sich „Genüsse“ versagen müsse, die er anderen bereite, dass sein Wahlspruch zu lauten habe: aliis inserviendo consumor (im Dienst am anderen verzehre ich mich) - steht bei Ebert.[13]

Nun wäre das allerdings wenig mehr als eine kleine historische Marginalie, wenn Ebert sich nicht explizit gegen Martin Schrettinger gewandt hätte,[14] dem Erfinder des Wortes „Bibliothekswissenschaft“ und dem Autor eines epochalen bibliothekswissenschaftlichen Lehrbuchs.[15] Dessen Wissenschaftlichkeit besteht nicht darin, bestimmte Wahrheiten zu verkünden und die Bibliotheken auf diese zu verpflichten; sie besteht vielmehr darin, die Begrifflichkeiten, mit denen über die Bibliothek gesprochen wird, zu reflektieren und in der Reflexion der Begriffe, die auf Sachen gehen, das Allgemeingültige vom historisch Zufälligen und Besonderen zu trennen. Damit steht eine von Ebert reklamierte bibliothekarische Praxis, für die alles, was man mit dem Begriff „Bildung“ assoziieren könnte, nur eine „Vorbildung“ für den Beruf ist, gegen eine Theorie, die verschiedene bibliothekarische Praktiken und Methoden reflektiert und das Ergebnis der Reflexion dem interessierten Publikum in Schriftform präsentiert. Das ist der historische Beginn der Berufsbilddebatte,[16] die auf der einen Seite auf ein „Opfer der Schrift“ hinausläuft,[17] in dem mit dem Schreiben auch das Selbstdenken begraben wird; auf der anderen Seite aber läuft sie auf ein die praktische Tätigkeit reflektierendes Schreiben hinaus, in dem allein überhaupt erst die Relevanz des eigenen Tuns sichtbar werden kann. Das eine endet bei „Dienstleistungsportfolios“ für „Informationsserviceeinrichtungen“ (aliis inserviendo consumor), deren Wahrheit in genau dem Grad infrage steht, wie die rituelle Wiederholung der einschlägigen bibliothekspolitischen Schlagwörter die Leerstelle der unreflektierten Gründe zu überspielen versucht - und das fixiert die bibliothekarische Praxis auf eine begriffslose Dauerwiederholung von (digitalen) „Services“; das andere sucht nach den Gründen und gibt Rechenschaft über die Begriffe, öffentlich, argumentativ, reflektiert - und ist damit Wissenschaft.

Dominante

Wer dagegen meint, Wissenschaft müsse mit einem Set von anerkannten Methoden ein wohldefiniertes Forschungsgebiet bearbeiten, um zu allgemeingültigen Resultaten kommen zu können, der sollte sich wenigstens einen Moment lang darüber orientieren, dass jede Methode bereits eine Entscheidung darüber impliziert, was mit ihrer Hilfe überhaupt entdeckt und gedacht und also als Forschungsgebiet in den Blick kommen kann. Bibliothekswissenschaft beginnt daher nicht mit der Wahl der nun endlich richtigen Methode - die, so glaubt man zumeist, am besten der empirischen Forschung oder der Informatik entlehnt ist -, sie beginnt auch nicht mit der Überantwortung der Bibliothek an einen gerade als schick geltenden Gegenstandsbereich, wie ihn die Kommunikations- oder die Informationswissenschaft auszirkeln. Bibliothekswissenschaft beginnt vielmehr wie alle Wissenschaft mit der Reflexion dessen, was unser Alltagsverstand als gegeben voraussetzt und sicher zu wissen meint: was eine „Bibliothek“ ist, ein „Buch“, ein „Inhalt“, eine „Information“, „Content“, was wir uns unter einer „Informationsinfrastruktureinrichtung“ zu denken haben, einem „Serviceportfolio“, nicht zu reden vom „Wissen“ oder von „Wissensgütern“.

Wer sich diese und andere Begriffe einfach geben lässt und über ihre Wiederholung den Anschluss an jene Wissenschaften sucht, die im Augenblick als erfolgreich gehandelt werden, der betreibt, was Hegel ein „Räsonnieren“ nannte: Er demonstriert „die Freiheit vom Inhalt und die Eitelkeit über ihn“.[18] Das meint, dass er glaubt, sprachlich souverän über beliebige irgendwie bibliotheksbezogene Sachen verfügen zu können, die er in seinem „Forschungsdesign“ zur Rede stellt, dessen Objektivität dann zur Geltung komme, wenn es saubere Daten liefere, auf denen andere aufbauen können.[19] Damit bewegt er sich aber nur auf der Ebene dessen, was Heidegger das „Gestell“ genannt hat,[20] also auf jener instrumentell-technischen Ebene, auf der die Gegenstände und die Welt, die uns begegnen, „gestellt“ werden sollen, so wie der Jäger den Hasen stellt - und erschießt. Man sieht dann zwar, was vor der Flinte ist, es erscheint zwischen Kimme und Korn, aber es ist in diesem Erscheinen im Grunde bereits tot.

Jenseits dieses Räsonnierens, das an der Kette kurrenter Begriffe läuft, käme es darauf an, aufmerksam zu werden auf den einfachen Umstand, dass wir keinen „Inhalt“ blank als solchen haben, dass jede Unmittelbarkeit bereits vermittelt ist, und dass wir uns diese Vermittlungen nicht einfach auszudenken und sie nach Gusto zu benennen haben, sondern uns einlassen müssen auf einen Prozess, der auf den „immanenten Rhythmus der Begriffe“ hört.[21] Denn die Sache und ihr Begriff bilden im Durchgang durch die Sprache eine Einheit, die als solche zu reflektieren ist im Hinblick auf die negativen und positiven Momente dieser Einheit samt ihrer historischen Entfaltung. Die Ebene von „Gestell“ und „Räsonnieren“ zu verlassen - das ist der Beginn von Wissenschaft, die „in der Arbeit des Begriffs“ zu finden ist und nirgendwo sonst.[22] Es ist eine Arbeit, die zugleich Beschau und Aufmerksamkeit ist und damit im Wortsinne „Theorie“.[23]

Der eigentliche Ort der Theorie ist nicht der Elfenbeinturm, sondern die Öffentlichkeit, und das hat die Wissenschaft seit Sokrates auch immer verstanden: Die Sache und ihr Begriff sind ohne Sprache nicht zu haben, und Sprache ist ohne die Gemeinschaft der Sprecher und also ohne das gemeinsam-öffentliche Sprechen nicht zu denken. In diesem gemeinsamen Sprechen erscheint jede Theorie als eine Passion (vita contemplativa), die die Aktion (vita activa) als ihr anderes reflektiert und darum weiß, dass die Aktion ohne Passion in die falsche Richtung läuft. Passion (das Hören und Lesen) und Aktion (das Reden und Schreiben) aber öffnen sich für die Sachen und für die Menschen, die nach der Wahrheit der Sachen suchen. Wie man das beweisen kann? Indem man mitdenkt. Wie man mitdenken kann? Indem man hört und liest, was über die fraglichen Sachen gesagt und geschrieben wurde. Wie man lesen kann? Indem man schreibt. Wer ist das „man“? Wir alle, sofern wir uns in die uns betreffenden Probleme betrachtend versenken und handelnd mit ihnen umgehen.

Tonika

Probleme lassen sich nicht lösen. Sie lassen sich nur durchdenken bis zu jenem uranfänglich-strittigen Grund, aus dem sie entstanden sind. Wenn wir ein Problem bis zu diesem Grund durchdacht haben, stehen wir vor der Entscheidung, wie wir uns zu ihm verhalten, d. h. wie wir es in unser Leben integrieren sollen. Niemand nötigt uns, das zu tun; jeder ist frei, beim Räsonnieren zu bleiben und einfach die gerade umlaufenden Schlagwörter zu wiederholen. Manch einer wird das schon aus Karrieregründen für sicherer halten als das Selbstdenken; und bequemer ist es sowieso.

Sobald wir aber wissen wollen, wie etwas sich in Wahrheit verhält, sind wir nicht nur aufs Selbstdenken angewiesen und also auf das, was Platon „das Gespräch der Seele mit sich selbst“ genannt hat;[24] vielmehr sind wir auch darauf angewiesen, dieses Selbstgespräch zu einem echten Gespräch zu machen, zum Gespräch mit mindestens einem Partner, mit dem zusammen wir uns auf die fraglichen Sachen ausrichten, hörend und sprechend, lesend und schreibend und also dem Hauch der Theorie folgend. Sobald wir wirklich wissen wollen, müssen wir in den Dialograum der Theorie wechseln, der durch die Zeiten sich weitet und im Pro und Contra die Sache schärft, um die es geht.

So kommt es, dass noch der Versuch, die Debatte um das „Berufsbild“ und um die Wissenschaftlichkeit der wissenschaftlichen Bibliothekare dadurch zu beenden, dass man gegen das Verständnis des Bibliothekarberufs als eines wissenschaftlichen argumentiert, sich in den Widerspruch verstricken muss, mit Argumenten gegen das Argumentieren anzugehen und also darüber zu schreiben, dass Bibliothekare nicht (mehr) schreiben sollen. In diesem Widerspruch aber geht das Argument zu Grunde, seit Ebert. Und in demselben Grund entsteht die Notwendigkeit des Schreibens, das, anders als der bibliothekarische Mainstream meint, keine überflüssige Zier des Berufs ist, sondern Medium der Selbstverständigung der Bibliothekare auf ihrem Weg in die Zukunft. Über den Ort dieser Zukunft entscheiden keine autoritativ-monologischen Strategiepapiere und Empfehlungsschreiben, sondern jene ganz anderen Schriften, die zum Dialog einladen, weil sie ein Bewusstsein davon haben, dass die Wahrheit der Sachen nur in der „Arbeit des Begriffs“ und also in einem Miteinander erscheinen kann, das Theorie ist und Wissenschaft.

Published Online: 2019-11-07
Published in Print: 2019-11-01

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 4.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2019-0103/html
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