Zusammenfassung
Rein statistisch gesehen ist jeder achte Mensch in Deutschland behindert. Ein Großteil dieser Menschen ist nicht in der Lage, ein gedrucktes Buch zu lesen. Geeignete Leseformate herstellen und an die befugten Nutzergruppen verbreiten zu dürfen, ist Kern des Marrakesch-Vertrages. Die Umsetzung dessen liegt nun in den Händen jeder einzelnen Bibliothek. Es ist unsere Aufgabe, sich der Verantwortung und der Chance zu stellen, das Recht auf Informationszugang umzusetzen.
Abstract
In statistical terms one person in eight in Germany is disabled. A large proportion of them cannot read a printed book. The Marrakesh Treaty allows us to design and make available adequate reading formats for these user groups, the implementation of which is the task of any and every library. We are called upon to take responsibility and seize the opportunity to rapidly realise the right to access information for everyone.
Bernd ist 56 Jahre alt, wohnt in einer mittelgroßen Kreisstadt und hat seit fünf Jahren die Diagnose Makuladegeneration. Leider findet er nun kaum noch Bücher in seiner Bibliothek: die Gedruckten sind zu klein geschrieben, die wenigen noch nicht entliehenen Hörbücher sind meist in einer Mehrfach-CD-Box und somit schwer zu handhaben. Bernd ist auf der Suche nach Leseformaten, die er unkompliziert bedienen kann.
Ingrid ist 74 Jahre alt, seit ihrer Kindheit ist sie blind. Sie liest für ihr Leben gern mit den Fingern, sie nutzt die Brailleschrift. Seitdem der kleine Laden inklusive Postfiliale im Dorf geschlossen hat, ist sie vollkommen auf die Freundlichkeit der Paketzusteller angewiesen und liest viel weniger: Die Bücher kommen eigentlich aus der Blindenbücherei kostenfrei zu ihr nach Hause, doch ist dies in ländlichen Regionen oft schwer umsetzbar. Daher fühlt sich Ingrid schon seit einiger Zeit oft allein und nicht mehr vollständig „dabei“.
Mika ist erst 11. Sie liebt Pferde und Hörbücher. Sie würde auch gern mal ein Buch so richtig lesen, aber das ist sehr anstrengend. Hilfe beim Lesen wäre prima. Seitdem Mika und ihre Eltern wissen, das Dyslexie etwas ganz Normales ist und das Lernen mit den richtigen Lese- und Schreibtechniken in der Schule trotzdem Spaß machen kann, will sie es wirklich versuchen. Im Internet hat sie noch nicht das Richtige gefunden, in der Bibliothek wollte sie nicht fragen.
Und dann ist da auch Hagen. Er ist 32 Jahre alt und seit einem Motorradunfall teilweise gelähmt. Gedruckte Bücher kann er daher nicht mehr selbständig halten und diese kleinen Tasten an CD-Playern oder Telefonen nur an sehr guten Tagen bedienen. Die Bibliothek seiner Heimatstadt hat er mit dem Rollstuhl bisher nicht mehr erreichen können.
Bernd, Ingrid, Mika und Hagen gehören zum Durchschnitt der Bevölkerung in Deutschland. Mit Umsetzung des Vertrags von Marrakesch können sie hoffentlich bald in ihrer lokalen Bibliothek zugängliche Leseangebote und Informationskompetenz erhalten.
Bisher waren es Spezialbibliotheken, wie die Deutsche Zentralbücherei für Blinde, die Blindenstudienanstalt, die Westdeutsche Blindenhörbücherei oder die Centralbibliothek für Blinde, die vor allem Angebote in Braille und im Hörbuchformat DAISY[1] bereithalten. Vereinigt in der Mediengemeinschaft für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen e.V.[2] waren es bis zum Beginn des Jahres 2019 zudem einzig blinde und sehbehinderte Menschen, die im Fokus dieser spezialisierten Einrichtungen standen. Seit dem Vertrag von Marrakesch und der entsprechenden Anpassung des deutschen Urheberrechts ist man auf dem Weg, die Nutzergruppen gemäß dem Vertrag zu erweitern. Nunmehr werden - zusammengefasst als Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können - folgende Leser_innen durch die Medibus-Bibliotheken bedient: (1) Menschen, die blind sind, (2) die eine Sehbehinderung haben, (3) Menschen mit Legasthenie (Dyslexie) und (4) Körperbehinderte. Diese Spezialbibliotheken sind tatsächlich vorbereitet, da sie bereits spezielle Leseangebote produzieren und verbreiten.
Das „Spezielle“ ist, dass diese Angebote barrierefrei sind. Da gibt es die Brailleschrift, das zugängliche Hörbuch im DAISY-Format, den MAXI-Druck, die Möglichkeit, das DAISY-Hörbuch mit dem geschriebenen Text zu verbinden, taktile Medien und noch einiges anderes, um Menschen mit einer Seh- oder Lesebehinderung Informations- und Medienzugang zu gewähren.
Zu diesem barrierefreien Zugang gehört auch, dass man Medien finden kann. Bereits der Weg, eine Bibliothek (ob spezialisiert oder nicht) aufzusuchen - im Internet oder persönlich - ist die erste große Barriere. Oder gar einen Katalog bedienen zu müssen. Herauszufinden, dass es passende Angebote für persönliche Lesebedürfnisse gibt, ist oft ein Hürdenlauf.
Auch wenn es nur einen einzigen Menschen gäbe, der keinen Informationszugang hat, würden sich alle Anstrengungen lohnen. Doch es ist eine viel größere Anzahl an Menschen: ca. 10 % der Bevölkerung sind Legastheniker,[3] allein in Berlin leben nach Angaben des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverbandes etwa 6.000 blinde und 20.000 sehbehinderte Menschen[4] - man geht von mehr als 1,2 Millionen Blinden und Sehbehinderten in ganz Deutschland aus.[5] Die Aktion Mensch spricht davon, wie in vielen anderen Statistiken ebenso zu lesen, dass insgesamt ca. 7,8 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Schwerbehinderung leben.[6] Da ein Großteil nicht offiziell als „behindert“ gemeldet ist, dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen.
Genau hier sollte die Arbeit von Bibliotheken für diese Nutzergruppen ansetzen. Hier kann Bibliothek der Dritte Ort in der Gesellschaft sein, Teilhabe wahr werden lassen und ihrer Aufgabe als Bildungs- und Demokratievermittlerin gerecht werden. Dies - ein hehrer Ansatz und eine globale[7] wie auch bundesdeutsche Vision[8] - kann mit kleinen Schritten beginnen. Die Sensibilisierung für diese neuen Nutzergruppen und die Erkenntnis der individuellen Bedürfnisse helfen, die Kommunikation entsprechend zu gestalten. Das aktive Ansprechen in der Bibliothek und vor allem im öffentlichen Raum ist Voraussetzung dafür, dass die Leser_innen die Institution vor Ort künftig auch als ihre Bibliothek ansehen.
Doch was wirklich zählt, sind die konkreten Angebote. Da darf man fragen: Verfügt Ihre Bibliothek über einen barrierefreien Katalog und über Bücher, die wirklich jeder Mensch lesen kann? Wenn nicht, sollte das derzeit (leider) nicht beunruhigen: Sie zählen zu den wohl mindestens 97 % der Einrichtungen, die dies nicht anbieten. Herkömmliche Bibliothekskataloge sind für die dargestellten Nutzergruppen schwierig zu bedienen - doch mit persönlicher Hilfe durch Ihr Fachpersonal können diese Barrieren vorerst überwunden werden. Die Anforderungen an die Barrierefreiheit für diese und andere Angebote öffentlicher Einrichtungen sind gemäß der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention)[9] u. a. bereits im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung 2011 und dem Bundesteilhabegesetz[10] geregelt.
Die Zusammenarbeit zwischen Spezialbibliotheken, die über die Bücher in barrierefreien Formaten und das Wissen über notwendige Technologien verfügen, mit den Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken kann vielen Leser_innen das Tor zum Lesen öffnen. Mit der Initiative „Chance Inklusion“ der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zum Beispiel erhalten befugte Nutzer_innen von Öffentlichen Bibliotheken vor allem Zugang zu DAISY-Hörbüchern aus dem Medibus-Netzwerk.[11] Angefangen mit einer Handvoll interessierter Bibliothekar_innen sind es nunmehr rund 100 Bibliotheken bundesweit, die diesen Service nutzen. Ergänzt wird die Ausleihe der Medien durch das Bereitstellen von Materialien für die Kommunikation sowie durch persönliche Schulungen, um die Nutzergruppen näher vorzustellen.
Auf internationaler Ebene arbeiten die Kommissionen der Libraries Serving Persons with Print Disabilities (LPD, Bibliotheksservices für Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können)[12] und der Library Services to People with Special Needs (LSN, Bibliotheken für Menschen mit besonderen Bedürfnissen)[13] innerhalb der IFLA daran, die Themen der barrierefreien Leseangebote und Inklusion in Bibliotheken voran zu bringen. Hier sucht man beispielsweise gemeinsam nach Wegen, um den im Marrakesch-Vertrag vereinbarten internationalen Austausch barrierefreier Medien wahr werden zu lassen. Das Accessible Book Consortium[14] bietet u. a. durch Zusammenarbeit mit den o. g. Bibliotheken einen barrierefreien Katalog mit über einer halben Million barrierefreier Bücher in insgesamt 76 Sprachen. Ein Ausbau deutschsprachiger Titel ist bereits in Arbeit und die Verbreitung für befugte Nutzer_innen in Deutschland in Vorbereitung.
Ein weiteres Ergebnis der internationalen Facharbeit ist die Erstellung der IFLA-Richtlinien für Menschen mit Legasthenie. Dieses Papier wurde bereits ins Deutsche übersetzt und steht allen Interessierten bereit.[15] Die Vertreter_innen der o. g. Internationalen Fachgruppen engagieren sich vor allem auch im deutschsprachigen Bereich, u. a. in der AG Barrierefreiheit in (digitalen) Bibliotheken.
Ziel unserer Arbeit in Bibliotheken ist, mehr barrierefreie Bücher an viel mehr Menschen als bisher zu vermitteln. Es sind die Leser_innen, die im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Es kommt demnach nicht darauf an, dass für jede Person das passende Leseangebot fertig im Regal steht. Es geht darum zu wissen, was man vermitteln kann. Bibliothekar_innen als Informationsexpert_innen können so Schritt für Schritt das Recht auf Lesen und Teilhabe umsetzen und vielen Menschen Medienzugang ermöglichen.
© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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