Zusammenfassung
Seit dem 24. September 2017 ist die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Standort Amerika-Gedenkbibliothek, sonntags geöffnet. Jeden Sonntag finden in den Räumen der Amerika-Gedenkbibliothek zahlreiche Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene statt. Die Reaktion der Besucher*innen auf die erweiterten Öffnungszeiten könnte kaum deutlicher ausfallen: Im Durchschnitt kommen sonntags rund 2.000 Besucher*innen in die Amerika-Gedenkbibliothek. Mit der Aktion Offener Sonntag verfolgt die Zentral- und Landesbibliothek Berlin zweierlei: erstens eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes und zweitens die Bibliothek als Experimentierraum zu betrachten, um den Ort unter anderem zu einer partizipativen Plattform für die Berliner Stadtgesellschaft (weiter) zu entwickeln.
Abstract
Since 24 September 2017, the Berlin Central and Regional Library (ZLB) has been open on Sundays, based on a derogation bill passed by the Berlin parliament. The user response to the extended opening hours is overwhelming: on average 2,000 library users flock to the Amerika-Gedenkbibliothek every Sunday. The ZLB’s initiative ‚Open on Sundays‘ wants to push efforts to change the German Working Hours Act, and transform the library into an experimental space thus pushing the development of a participatory platform for a modern urban society in Berlin
Wagen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie buchen eine Reise mit dem Fernbus. An der Haltestelle nun, an der Sie am Reisetag zusteigen möchten, hält der Bus zwar an, aber die Türen bleiben verschlossen. Mehr noch: Bevor Sie zusteigen können, fährt der Bus weiter. Und das geschieht, obwohl der oder die Busfahrer*in genau weiß, dass Sie an der Haltstelle stehen und einsteigen möchten. Das klingt doch absurd, ja geradezu paradox, sagen Sie? Nun ja, für einige Bürger*innen stellt sich das Angebot der Öffentlichen Bibliotheken in ähnlicher Weise dar: Denn ein großer Teil derjenigen, die die Öffentlichen Bibliotheken als Kultur- und Bildungsorte überhaupt erst durch ihre Steuerabgaben ermöglichen, hat wenig Gelegenheit, die Bibliothek zu nutzen. Für viele Familien und Berufstätige bieten die Öffnungszeiten der Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland lediglich kleine, passende Zeitfenster für einen Besuch. Wenn diese meist eher am Wochenende, vor allem sonntags, die Zeit für einen Bibliotheksbesuch hätten, stehen sie oftmals vor verschlossener Türe. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Präsenzbibliotheken haben Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sonntags grundsätzlich geschlossen. Warum ist das so?
Die Grundlage dieser Paradoxie findet sich in den §§ 9 und 10 im Arbeitszeitgesetz wieder. Dort ist festgelegt, dass unter anderem das Bibliothekspersonal an Sonntagen grundsätzlich nicht arbeiten darf. Dies gilt wohlgemerkt für Bibliotheken, nicht aber für Theater, Museen oder weitere Kultur- und Bildungseinrichtungen, die auch an Sonntagen ihr Publikum willkommen heißen dürfen. Es wird höchste Zeit, so finden wir, dass die Gesetzgebung Bibliotheken mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen gleichstellt, um diese Paradoxie aufzulösen.
Derzeit ist die Zentral- und Landesbibliothek Berlin neben der Stadtbibliothek in Mönchengladbach die einzige Öffentliche Bibliothek deutschlandweit, die sonntags geöffnet hat. Warum darf das Haus sonntags öffnen? Eine Sonntagsöffnung „bei Musikaufführungen, Theatervorstellungen, Filmvorführungen, Schaustellungen, Darbietungen und anderen ähnlichen Veranstaltungen,“ (§ 10 / 5. ArbZG) ist erlaubt, gewünscht ist hier vom Gesetzgeber die Ermöglichung von Teilhabe am sozialen und gesellschaftlichen Leben. Die Ausnahme gilt allerdings nicht für die Beratung von Nutzer*innen durch das Bibliothekspersonal. Ja, Sie vermuten absolut richtig: Bibliothekar*innen werden Sie an Sonntagen in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin vergeblich suchen. Die Ausleihe und Rückgabe von Medien hingegen ist gleichzeitig mithilfe der Automaten möglich.
Halten wir an diesem Punkt für einen kurzen Moment inne und fragen uns, ob denn eine Bibliothek ohne die Menschen, die der Einrichtung erst ihr Leben einhauchen - gemeint sind die Bibliothekar*innen - überhaupt noch eine Bibliothek ist? Wir würden antworten: „Ja und nein“. Zur Erklärung: „Nein“, weil die Bibliothek erst dann ihr volles Potenzial ausschöpfen kann, wenn die Beratung durch das Personal Teil des Dienstleistungsangebotes ist. Und zugleich „Ja“, weil die Programmarbeit in Form von Veranstaltungen unserem Verständnis nach kein „Add-On“ zur klassischen Bibliotheksarbeit darstellt, sondern eine weitere Möglichkeit, den Bürger*innen ein Informations- und Wissensangebot zu unterbreiten sowie Wissen zu versammeln, zu teilen und zu produzieren.

Sonntagsöffnung in der AGB - Shared Reading mitten in der Bibliothek. ©ZLB, Foto: Vincent Mosch.
Um dies auch ohne Bibliothekspersonal an Sonntagen zu ermöglichen, arbeiten wir eng mit dem sonntagsbureau zusammen, das sich eigens für die Sonntagsöffnung gegründet hat und sowohl für die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung, als auch für die Durchführung des Programms vor Ort zuständig ist. Das Kernteam des sonntagbureaus sowie weitere Mitarbeiter*innen des Büros kommen aus der Berliner freien Kunst- und Kulturszene. Sie bereichern das Programm nicht nur durch das dichte Netzwerk an Partner*innen, das sie mitbringen, sondern auch durch den interdisziplinären Blickwinkel, der dem Programm zugrunde liegt.
Nicht weniger zentral als das Programm, das gemeinsam vom sonntagsbureau und der Zentral- und Landesbibliothek sonntags kuratiert wird, ist jedoch die Vision, dass die Bürger*innen das Haus als den Ort begreifen, der ihnen gehört. In diesem Sinne arbeiten wir gemeinsam mit dem sonntagsbureau daran - bildlich gesprochen -, den Bürger*innen den Schlüssel zur Bibliothek überreichen zu können. Damit wird etwa auf der Grundlage von Citizen-to-Citizen-Formaten exakt das Programm bereitgehalten, das die Stadtgesellschaft von uns als Bibliothek erwartet und als relevant erachtet. Wir folgen der Annahme, dass wir nur so die Bibliothek zu dem (weiter-)entwickeln können, was sie unserer Auffassung nach auch sein sollte: eine partizipative Plattform für die Berliner Stadtgesellschaft. Die konsequenteste Form dieser Plattform ist eine, bei der Bürger*innen Programmangebote für andere Bürger*innen machen. Die Anfänge dafür sind im Sonntagsprogramm gemacht: Nurcan Kar als Vertreterin der Gehörlosen-Community beispielsweise kam auf uns zu, weil sie gerne einen offenen Kurs für Gebärdensprache anbieten möchte, um Interessierten Grundbegriffe der Gebärdensprache zu vermitteln. Der Kurs erfreut sich inzwischen großer Beliebtheit.

Sonntagsöffnung in der AGB - das sonntagsbureau steht für neue Ideen zur Verfügung. ©ZLB, Foto: Vincent Mosch.
Die Sonntagsöffnung erscheint uns so als ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Innovationen in stark limitierten Kontexten besonders gut gelingen können. Denn das Verbot der Sonntagsarbeit für das Bibliothekspersonal hat dazu geführt, dass ein zuvor nicht sichtbarer Möglichkeitsraum für das sichtbar geworden ist, was eine Bibliothek auch sein kann. In diesem Sinne funktioniert der Sonntag auch als ein Experimentierraum, quasi als Labor für die Erprobung neuer Bibliotheksangebote. Was als Ausnahmeregelung der Berliner Landesregierung seinen Anfang nahm, hat uns unverhofft Gelegenheit gegeben, einen wichtigen Transformationsprozess in Gang zu setzen. Er dreht sich um die Frage der Deutungshoheit von Kultureinrichtungen: Denn im Rahmen der Sonntagsöffnung „kuratiert“ mit dem sonntagsbureau ein Akteur aus der Stadtgesellschaft das Angebot und interpretiert damit eine eigene, neue Sicht darauf, was Bibliotheken heute sind und sein können.
Wer sich nun noch fragt, ob denn die Besucher*innen überhaupt auch am Sonntag in die Bibliotheken kommen (wenn sie denn geöffnet hätten), dem sei ans Herz gelegt, sich einmal zehn Minuten vor der sonntäglichen Öffnung vor der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek einzufinden. Bereits von weitem sind die Menschentrauben erkennbar, die sich schon vor Öffnung des Hauses dort eingefunden haben und auf Einlass warten. Ja, die Menschen stehen tatsächlich Schlange, um auch sonntags in ihre Bibliothek gehen zu können. Deutlicher kann der Wunsch der Besucher*innen wohl kaum geäußert werden.
Mit dem Berliner Modell der Sonntagsöffnung ist ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht, wenngleich noch viel zu tun ist. Mittel- bis langfristig ist eine Anpassung des Arbeitszeitgesetzes unumgänglich, wenn die Bibliothek den Bürger*innen ein ihrer Expertise entsprechendes, umfassendes Angebot unterbreiten will. Neben Berlin beschäftigen sich inzwischen weitere Bundesländer mit der Sonntagsöffnung: In Nordrhein-Westfalen hat die FDP einen Gesetzentwurf zur Sonntagsöffnung eingebracht und der Hamburger Senat hat die Hamburger Bücherhallen dazu aufgefordert, eine Machbarkeitsprüfung zur Sonntagsöffnung nach dem Berliner Modell durchzuführen. Wenngleich diese Entwicklungen sehr begrüßenswert sind, so scheint doch eine bundesweite Regelung zur Sonntagsöffnung notwendig zu sein, um eben der Zivilgesellschaft genau das Bibliotheksangebot machen zu können, die sie zu allererst ermöglicht.
Article Note
Tim Leik arbeitet bei der Zentral- und Landesbibliothek Berlin für das Team der Community-Projekte und ist dort verantwortlicher Projektmanager für die Aktion Offener Sonntag. Er arbeitet seit September 2017 am Haus und hatte für die Next Library Conference 2018 die Programmleitung inne, bevor er zum Team der Community-Projekte gestoßen ist. Davor betreute er als Kulturmanager rund zehn Jahre lang unter anderem verschiedene Programme und Formate der Stiftung Bauhaus Dessau und der Kulturstiftung des Bundes.
About the author

Tim Leik
© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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