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Sonntagsöffnungszeiten von Öffentlichen Bibliotheken ermöglichen

  • Kirsten Kappert-Gonther

    Dr. Kirsten Kappert-Gonther

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Published/Copyright: August 10, 2019
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Zusammenfassung

Öffentliche Bibliotheken sind notwendige Kultur- und Bildungseinrichtungen, die mit ihren Angeboten die gesamte Bevölkerung erreichen. Mit einem Antrag fordern Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag die Bundesregierung auf, die Sonntagsöffnung von Öffentlichen Bibliotheken zu ermöglichen. Gerade sonntagsgeöffnete Bibliotheken können einen wesentlichen Beitrag zur kulturellen Bildung, zum lebenslangen Lernen und zu sozialer Teilhabe und Begegnung leisten.

Abstract

As major cultural and educational institutions, public libraries are a vital information resource reaching the entire population. The political alliance of Bündnis 90/Die Grünen (Green Party) has proposed for the government to put a bill before the German Bundestag allowing public libraries to extend opening hours to Sundays. Libraries offering services on Sundays can play an important role in cultural education, life-long learning and social participation and interaction.

Öffentliche Bibliotheken sind ein zentraler Bestandteil unseres kulturellen Lebens. Quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen besuchen rund 120 Millionen Menschen jährlich die ca. 9.000 Bibliothekstandorte in Städten, Gemeinden und Landkreisen Deutschlands. Bibliotheken sind die am stärksten genutzten Kultur- und außerschulischen Bildungseinrichtungen in Deutschland. Dies lässt sich anhand einiger Zahlen aus dem Jahr 2018 zeigen: Öffentliche Bibliotheken haben rund 346 Millionen Bücher, Filme und Musiktitel ausgeliehen, darunter über 24 Millionen E-Medien; 80 Prozent der Öffentlichen Bibliotheken in Städten über 50.000 Einwohner bieten WLAN an; öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken haben rund 400.000 Veranstaltungen durchgeführt, dazu gehören Lesungen und Ausstellungen, „aber z.B. auch Angebote digitaler Leseförderung, Medienkompetenzvermittlung, Game Conventions, Makerspace-Aktionen, Programmierworkshops, Sprachkurse und Schulungen.“[1] Durch ihr Angebot sprechen Öffentliche Bibliotheken insbesondere Kinder und Jugendliche an: etwa 180.000 Veranstaltungen (fast die Hälfte aller Veranstaltungen) richten sich an junge Menschen. Bibliotheken leisten damit einen vorbildlichen Beitrag zur frühen Auseinandersetzung mit Kultur und Medien, die für die Entwicklung der Einzelnen und für eine demokratische Gesellschaft essentiell ist.

Bibliotheken entwickeln sich zu multifunktionalen Lern- und Treffpunkten

Diese beeindruckenden Zahlen zeigen uns einmal mehr: Öffentliche Bibliotheken sind wichtige Kultur- und Bildungseinrichtungen, die mit ihren Angeboten die gesamte Bevölkerung ansprechen.

Bibliotheken sind seit langem mehr als Aufbewahrungsorte für Bücher und andere Bibliotheksmedien. Als populäre „Dritte Orte“ neben Wohnung und Arbeits- bzw. Ausbildungsstätte schaffen Öffentliche Bibliotheken Räume der Begegnung, Kommunikation und Kooperation. Öffentliche Bibliotheken können alle Menschen einfach besuchen, sie sind nicht-kommerzielle schrankenlose Orte: Der Besuch kostet keinen Eintritt und muss nicht begründet oder gar legitimiert werden. Das betrifft die Gruppe Jugendlicher, die sich zur Vorbereitung eines Referates treffen, es betrifft den zeitungslesenden Rentner ebenso wie die junge Syrerin, die ein Lehrbuch in ihrer Landessprache liest. Dazwischen machen Kleinkinder mit ihren Eltern gerade ihre ersten Buchblättererfahrungen.

Gegenüber anderen Kultureinrichtungen haben Bibliotheken jedoch einen entscheidenden strukturellen Nachteil: Während Theater, Museen, Konzerthäuser, Kinos, wissenschaftliche und kirchliche Bibliotheken an Sonntagen geöffnet sind bzw. öffnen können, ist das bisher für öffentliche Bibliotheken in kommunaler Trägerschaft nicht möglich. Das wollen wir Grüne im Bundestag ändern. Sonntags haben Familien Zeit mit ihren Kindern, haben Arbeitnehmer*innen Zeit, brauchen Schüler*innen Platz, fällt so manchem die Decke auf den Kopf, braucht es Orte, die keinen Eintritt kosten und wo niemand nach dem Grund fragt, warum man denn nun gerade dort ist.

Der Deutsche Bibliotheksverband plädiert schon lange für die Möglichkeit, die Öffentlichen Bibliotheken sonntags öffnen zu dürfen. Auch eine Bundesrats-Initiative des Landes Berlin (2011, BR-Drs. 511/11) und die für die Thematik zuständigen Gremien, insbesondere Ausschüsse der Kultusministerkonferenz und des Deutschen Städtetages, haben sich mit Sonntagsöffnungszeiten von Öffentlichen Bibliotheken befasst. Ein Modellversuch im Land Bremen 2012/2013 und die gegenwärtige Öffnung der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Berlin durch Dienstleistungen Dritter zeigen konstant hohe Besucherzahlen und dass Sonntagsöffnungen von der Bevölkerung sehr gut angenommen werden. Aus vielen EU-Nachbarstaaten lernen wir, dass Öffentliche Bibliotheken sonntags überdurchschnittlich besucht werden.

Bibliotheken können das sein, was früher der Marktplatz war - und vielerorts sind sie das bereits: ein Ort der Begegnung mit Menschen und Anregungen, von denen wir morgens noch nicht wussten, dass sie abends wichtig gewesen sein werden.

Durch vielfache Angebote und Dienstleistungen gestalten Bibliotheken den wichtigen demographischen, kulturellen und digitalen Wandel. Sie vermitteln Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts: Lese-, Medien- und Digitalkompetenzen, soziale und ja, auch demokratische Fähigkeiten. Sie kooperieren mit Kitas und Schulen, leisten mit ihren Angeboten und Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag zur Integration und Inklusion, werden als interkulturelle und soziale Treffpunkte genutzt und zunehmend auch als Servicestellen für Bürgerinformationen.

Die Bibliotheken in den Stadtteilen und Stadtzentren sind Orte des bürgerschaftlichen Engagements. An der Seite von Fachpersonal übernehmen Bürgerinnen und Bürger Verantwortung und gestalten das kulturelle Angebot ihres Stadtteils mit. Mit ihrem Einsatz fördern sie den Zusammenhalt vor Ort und unterstützen die Kultur vor Ort. Kurz: Öffentliche Bibliotheken sind lebendige Kultur-, Lern- und Begegnungsorte für alle Generationen und gesellschaftlichen Gruppen.

Sonntagsgeöffnete Bibliotheken können damit einen wesentlichen Beitrag zur kulturellen Bildung, zum lebenslangen Lernen und zu sozialer Teilhabe für Alle leisten.

Die Interessen der Beschäftigten

Eine Wertschätzung der Sonntagsruhe als Tag der Arbeitsruhe und der Erholung wird gerade durch familien-freundliche, nicht-kommerzielle Angebote im Kulturbereich wie der Sonntagsöffnung von Öffentlichen Bibliotheken gefördert. Dabei dürfen die Interessen der Beschäftigten in Bibliotheken nicht außer Acht gelassen werden.

Grundsätzlich gilt: Arbeitsfreie Wochenenden und Feiertage dienen nicht nur der Erholung, sondern auch der gemeinsamen Zeit mit Familie und Freunden. Die Möglichkeit der Sonntagsöffnung muss garantieren, dass auch an diesen Sonntagen ausreichend Fachpersonal in den Bibliotheken arbeitet. Wer sonntags arbeitet, muss dafür einen verbindlichen Freizeitausgleich erhalten. Außerdem sollten in diesem Zusammenhang familienfreundliche Arbeitszeitmodelle für das Fachpersonal von Bibliotheken entwickelt werden. Ein Mehrbedarf an Fachpersonal soll nicht durch den Einsatz von Hilfskräften ausgeglichen werden. Bürgerliches Engagement ist kein Ersatz für fehlendes Fachpersonal, sondern eine wichtige Ergänzung für die Arbeit vor Ort. Um ehrenamtlichem Engagement gerecht zu werden, brauchen ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger regelmäßige Angebote, um sich fachlich weiterbilden zu können. Die Betreuung dieser ehrenamtlich Tätigen durch Fachpersonal muss gewährleistet sein.

Bibliotheken kosten Geld und zusätzliche Öffnungszeiten kosten mehr Geld. Doch jeder Euro, der in das öffentliche Bibliothekswesen fließt, zahlt sich aus. Es sind zweifelsohne Investitionen in die Zukunft, für bessere Teilhabe, sozialen Zusammenhalt und ein funktionierendes Gemeinwesen. Darum sollten Investitionen in Bibliotheken als Daseinsvorsorge gelten und zur Pflichtaufgabe der Kommunen gehören, wie Schulen und Krankenhäuser auch. Länder wie Dänemark und Finnland machen es vor und entwickeln gegenwärtig hochmoderne „Hybrid-Bibliotheken“, die großen Wert auf soziale Integration und Bildung legen.[2] Auf der anderen Seite stehen Trends wie in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, in denen zuletzt viele Bibliotheken mit zum Teil drastischen Budgetkürzungen konfrontiert waren. Wir Grüne sehen erhöhte finanzielle Aufwendungen durch die Stärkung der soziokulturellen Teilhabe nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig.

Eckpunkte für einen Gesetzentwurf

Die Sonntagsöffnung von Bibliotheken wird - wie auch die Sonntagsöffnung für Museen, Theater, Konzerthäuser und andere Kultureinrichtungen - im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG) geregelt und unterliegt der Gesetzgebung des Bundes. Damit auch Öffentliche Bibliotheken die Möglichkeit haben, an Sonntagen zu öffnen sowie Servicezeiten anzubieten, ist eine Änderung der Ausnahmetatbestände in § 10 des ArbZG notwendig. Wir Grüne im Bundestag wollen mit unserem Antrag[3] eine wohlbegründete Ausnahme für Öffentliche Bibliotheken in kommunaler Trägerschaft schaffen und fordern zu diesem Zweck einen Gesetzentwurf, der sich an folgenden Eckpunkten orientiert:

  1. Im Arbeitszeitgesetz soll die Öffnung von Öffentlichen Bibliotheken an Sonntagen ermöglicht werden.

  2. Es muss eine ausreichende Personalausstattung ermöglicht werden, wenn Servicezeiten von Öffentlichen Bibliotheken an Sonntagen mit Fachpersonal besetzt werden.

  3. Für das Fachpersonal, das an Sonntagen in Öffentlichen Bibliotheken Servicezeiten anbietet, muss ausreichend Ausgleichfreizeit ermöglicht und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle entwickelt werden.

  4. In Öffentlichen Bibliotheken ehrenamtlich tätige und engagierte Bürgerinnen und Bürger brauchen regelmäßige Angebote, sich fachlich weiterbilden zu können. Auch die Betreuung dieser Gruppe durch Fachpersonal muss gewährleistet sein.

Wir leben in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht ist, in Zeiten, in denen Räume der Begegnung weniger werden, dafür umso mehr gebraucht werden. Öffentliche Bibliotheken können nicht alle gesellschaftlichen Schieflagen gerade rücken, sie können aber gerade sonntags ein wichtiger Ort der Begegnung sein. Das muss ermöglicht werden - es ist an der Zeit!


Article Note

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Bündnis 90/Die Grünen, ist Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien mit Zuständigkeit für kulturelle Bildung und Bibliotheken.


About the author

Dr. Kirsten Kappert-Gonther

Dr. Kirsten Kappert-Gonther

Published Online: 2019-08-10
Published in Print: 2019-07-26

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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  24. Termine
  25. Termine
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