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Social Media – produktive Mediennutzung

Published/Copyright: November 7, 2014
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OpenStreetMap und Wikipedia gelten heute weithin als die großen Erfolgsmodelle des Web 2.0. Die soziale Dimension der gemeinsamen Schaffung, Verbreitung und Nutzung von Inhalten wird durch den Begriff Social Media besonders hervorgehoben. Längst partizipieren die Adressaten von Kultur-, Bildungs- und Informationseinrichtungen auf vielfältige Weise an der modernen Medienlandschaft.

Rollenverschiebung

Soziale Medien ermöglichen es ihren Nutzern, nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Prosumenten, also zumindest partiell als Produzenten zu wirken. Dieser Rollenverschiebung wurde oft ein demokratisierender, wenn nicht gar emanzipatorischer Impuls zugeschrieben:

„Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen: die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar. Damit stehen die elektronischen im Gegensatz zu älteren Medien wie dem Buch oder der Tafelmalerei, deren exklusiver Klassencharakter offensichtlich ist.“[1]

Frei zugängliche und nutzbare Inhalte werden heute oft mit dem Zusatz Open gekennzeichnet und unter Begriffen wie Open Content, Open Data oder Open Source thematisiert. Astra Taylor macht auf die Ambiguität dieser Kennzeichnung aufmerksam. Häufig verwische dieser Begriff die Grenzen von privat(-wirtschaftlich) und öffentlich, kommerziell und nichtkommerziell:

„We need to find other principles that can guide us, principles that better equip us to comprehend and confront the market‘s role in shaping our media system, principles that help us rise to the unique challenge of bolstering cultural democracy in a digital era.“[2]

Ebenso unübersichtlich und vieldeutig wie die Erscheinungsformen der neuen Medien sind die Reaktionen und Haltungen der Menschen ihnen gegenüber: Denkbar ist, dass jemand Facebook aus Gründen des Datenschutzes ablehnt, aber in Wikipedia unter seinem Klarnamen als Autor in Erscheinung tritt. Ebenso denkbar ist die Möglichkeit, dass jemand eine auf OpenStreetMap basierende Kartenanwendung nutzt, aber den Inhalten der Wikipedia misstraut.

Kultur-, Bildungs- und Informationseinrichtungen sind in den Strom der neuen Medien vielfach eingebettet: Die Institutionen, ihre Abteilungen und Angestellten sowie ihre Nutzer partizipieren an diesem Strom in verschiedenen Rollen: als Produzenten und Konsumenten, Angestellte und Privatmenschen, Befürworter und Kritiker, Gestalter und Verweigerer. Von dieser lebensweltlichen Mannigfaltigkeit gilt es auszugehen.

Handlungsformen

Um nutzergenerierte Inhalte angemessen thematisieren zu können, sollten die Formen ihrer Erstellung, Modifizierung und Nutzung stärker herausgearbeitet werden. Die Unterscheidung von Inhalten hinsichtlich klar abzugrenzender Typen oder Formate gerät schnell an eine analytische Grenze:

Textgebundene Informationen beispielsweise können in vielfältiger Form eingestellt, aufbereitet und verfügbar gemacht werden: Texte können direkter Teil einer Internetseite sein oder als Dateien zum Download bereit stehen. Eine Bilddatei kann einen aus einem Buch eingescannten oder von einer Informationstafel abfotografierten Text enthalten. Filme können mit Songtexten, Übersetzungen oder Kommentaren unterlegt werden. Für eine genaue Einordnung der in ihm enthaltenen Informationen ist es wichtig zu wissen, ob ein Text selbst erstellt wurde, ein ausgewiesenes Zitat darstellt oder einem gemeinfreien Werk entstammt.

Die Wikipedia ist prinzipiell multimedial aufgebaut, denn jedes ihrer Lemmata kann neben dem erläuternden Text mit Bildern, Tönen oder Filmen ausgestattet werden. Diese werden aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden, in dem sie als Dateien hinterlegt sind. Bis hier trägt eine Unterscheidung hinsichtlich ihres Inhaltstyps, der sich in den verschiedenen Dateiformaten niederschlägt, in dem die Inhalte eingestellt werden können. Aber wie lässt sich die Geokodierung oder Kategorisierung von Wikipedia-Artikeln oder Commons-Dateien angemessen thematisieren? Wie lassen sich die Möglichkeiten adäquat beschreiben, diverse Formen von Inhalten und Informationen hypertextuell zu verflechten?

Ergiebiger könnte es sein, spezifische Handlungsformen zur Erstellung, Modifizierung und Nutzung von Inhalten zu unterscheiden. Dies soll folgende Skizze beispielhaft aufzeigen:

Kartografieren: OpenStreetMap

Georeferenzieren: Wikipedia, Wikimedia Commons, Geograph

Kategorisieren: Wikipedia, Wikimedia Commons, Geograph

Verzeichnen: Wikisource

Lizenzieren: Wikimedia Commons, YouTube, Internet Archive, Flickr, Geograph

Kommentieren: YouTube, Internet Archive

Teilen/Einbetten (Bild): Wikimedia Commons, Flickr, Geograph

Teilen/Einbetten (Film): YouTube, Internet Archive, Wikimedia Commons

Archivieren (Film): Internet Archive

Archivieren (Web): Internet Archive

(…)

Schnell wird die Notwendigkeit genauerer Unterscheidungen deutlich: Wie lässt sich die Unterscheidung zwischen selbst erstellten und übernommenen oder modifizierten Inhalten sinnvoll konzeptualisieren? Hinsichtlich welcher Kriterien sollte zwischen Einstellen und Archivieren unterschieden werden? Welche Möglichkeiten der Lizenzierung stellt eine Plattform für eingestellte Inhalte bereit?

Unterscheidungen dieser Art könnten auch der Analyse konkreter Medienangebote dienen: Mit Handlungsbegriffen können die Spielräume ausgelotet werden, die eine Web 2.0-Plattform ihren Nutzern bietet. So könnte auch die bereits angesprochene Offenheit derartiger Angebote, wenn auch nicht erschöpfend, thematisiert werden.

Lernformen

Viele Bibliotheken nutzen bereits Social-Media-Angebote, betreiben ein Blog oder pflegen ein Facebook-Account. Dies bietet die Möglichkeit, das Web 2.0 selbst thematisch werden zu lassen. Social-Media-Plattformen und Web 2.0-Tools könnten vorgestellt und produktive Handlungs- und Nutzungsformen anhand von Beispielen erläutert werden: Welche Plattformen ermöglichen das Teilen von Bildern? Wie können Bilder oder Filme lizenzkonform eingebettet werden? Wie lassen sich Webseiten archivieren?

Bibliotheken könnten sehr davon profitieren, wenn sie im Web 2.0 engagierten Bürgern die Möglichkeit gäben, sich und ihr Wissen produktiv einzubringen. Prosumenten erwerben ihre Social-Media-Kompetenzen überwiegend außerhalb des klassischen Lehr-Lern-Arrangements: Da gibt es den Eisenbahnfreund, der die Dampflok-Seiten der Wikipedia pflegt, den Erdkundelehrer, der seine Heimatregion in OpenStreetMap kartografiert, oder den Reisebegeisterten, der seine Fotos bei Geograph einstellt. Web 2.0-basierte Veranstaltungen sollten also produktive Spielräume informellen Lernens ermöglichen.

Christian Kahle

Der Autor ist Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste an der Stadtbücherei Bad Fallingbostel. In seiner Freizeit engagiert er sich im Web 2.0 (Wikipedia, Geograph Deutschland, KLEKs – KulturLandschaftsElementeKataster) und wirkt als Autor am Blog der Zukunftswerkstatt mit.

Kontakt: zukunftsentwickler@zukunftswerkstatt.org

Published Online: 2014-11-07
Published in Print: 2014-11-28

© 2014 by De Gruyter

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 3.0 License.

Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2014-0126/html
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