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Die digitale Transformation eines ganzen Jahrhunderts: Digitalisierung der Zeitungen des 17. Jahrhunderts an der SuUB Bremen

  • Maria Elisabeth Müller

    Maria Elisabeth Mueller

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    and Maria Hermes

    Dr. Maria Hermes

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Published/Copyright: November 7, 2014
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Zusammenfassung:

Seit Mai 2013 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Pilotprojekte zur Digitalisierung historischer Zeitungen in vier Bibliotheken Deutschlands, u. a. in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. Zudem erfolgen der Ausbau der Zeitschriftendatenbank (ZDB) und die Anpassung des DFG-Viewers für Zeitungen. Neben der signifikanten Vermehrung digitalisierter Zeitungen erarbeiten die am Rahmenprojekt teilnehmenden Bibliotheken Standards der Zeitungsdigitalisierung, die auch für zukünftige Digitalisierungsprojekte Relevanz haben.

Das Pilotprojekt der SuUB Bremen hat sich zum Ziel gesetzt, die kompletten deutschsprachigen Zeitungen des 17. Jahrhunderts zu digitalisieren, die in keiner anderen Bibliothek so vollständig vorhanden sind. Die Präsentation der Zeitungen erfolgt im Portal Digitale Sammlungen der SuUB Bremen (http://brema.suub.uni-bremen.de/) auf der Basis der Software Visual Library. Der Beitrag stellt die Zeitungsdigitalisierung im Kontext der aktuellen Förderpolitik der DFG vor. Neben der Herausstellung der standard- und strukturbildenden Ziele der Pilotprojekte werden die spezifische Ausrichtung und die Besonderheiten des Bremer Projekts thematisiert.

Abstract:

Since May 2013, the Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG, German research community) supports pilot projects dealing with the digitalization of historic newspapers at four libraries in Germany, one of them the Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (State and university library Bremen). At the same time, the Zeitschriftendatenbank (ZDB, journal data bank) is extended and the DFG viewers for newspapers are adapted. The participating libraries not only enlarge the number of digitalized newspapers significantly, but work out standards of newspaper digitalization which will also be relevant for future digitalization projects.

The SuUB Bremen‘s pilot project aims at digitalizing all German-language newspapers of the 17th century which are more completely availiable here than anywhere else. The newspapers are presented on the digital collections portal of the SuUB Bremen (http://brema.suub.uni-bremen.de/) based on the software Visual Library. This paper represents newspaper digitalization in the context of the DFG’s current support policy. Apart from emphasizing the standard and structure forming aims of the pilot projects, the specific orientation and the peculiarities of the Bremen project are the subject of the following report.

1 Zur Einführung

Im Kontext der durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Pilotprojekte der Zeitungsdigitalisierung bearbeitet die SuUB seit Mai 2013 die historischen Zeitungen des 17. Jahrhunderts. Der Projektauftrag umfasst die Digitalisierung, Erschließung und Präsentation des vollständigen, in der Bibliothek überlieferten Bestandes deutschsprachiger Zeitungen des 17. Jahrhunderts, mithin also die digitale Transformation eines kompletten Jahrhunderts der Zeitungen; ein Pilotprojekt mit komplexen Anforderungen. Der folgende Projektbericht stellt die Besonderheiten dieses Vorhabens vor.

2 Die Digitialisierung von historischen Zeitungen: Ein Desiderat in Deutschland

Seit vielen Jahren digitalisieren Bibliotheken in Deutschland mit und ohne Unterstützung der DFG ihre historischen Sammlungen. In großen Digitalisierungsprojekten wurden und werden die Bestände des 17., 18., 19. Jahrhunderts digital bearbeitet. Historische Zeitungen wie auch umfassende Periodika blieben dabei weitgehend unberücksichtigt, obgleich gerade diese großen Textcorpora für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Forschungsfragestellungen von unschätzbarem Wert sind. Die Digitalisierung historischer Zeitungen wurde in Deutschland stiefmütterlich vernachlässigt. Vielfach blieb es daher einzelnen Initiativen überlassen, Zeitungen in die digitale Transformation zu bringen.[1] Dies erstaunt um so mehr, als Deutschland als das Entstehungsland der Zeitungen gelten kann.[2]

Während die systematische Digitalisierung historischer Zeitungen in Deutschland also noch ein Desiderat ist, stellt sich die Situation im Ausland ganz anders dar. In zahlreichen Ländern wie z. B. in Australien, Finnland, Großbritannien, Niederlande, Österreich, USA bieten nationale Zeitungsportale umfangreiche Angebote digitalisierter Zeitungen mit für den Nutzer ausgezeichneten Suchfunktionalitäten.[3]

3 Das Pilotprojekt der DFG

Die DFG fördert im Programm „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme“ (LIS) ein Pilotprojekt „Zeitungsdigitalisierung“ mit einer Laufzeit von Mai 2013 bis April 2015. In vier Einzelprojekten werden Standards und Strukturen der Zeitungsdigitalisierung in Deutschland erarbeitet, zudem erfolgen Anpassungen des Viewers der DFG (SLUB Dresden) und der Zeitschriftendatenbank (Staatsbibliothek zu Berlin und Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt a. M.) auf die spezifische Zeitungssicht. Einzelprojekte zur Zeitungsdigitalisierung werden durchgeführt von der SLUB Dresden (der auch die Federführung des Rahmenprojekts obliegt), der ULB Halle, der BSB München und der SuUB Bremen.

Ein wesentliches Ziel des Pilotprojekts „Zeitungsdigitalisierung“ der DFG ist die signifikante Erhöhung des Angebots digitaler Zeitungen in Deutschland um 1,5 Mio. Zeitungsseiten. Die Pilotpartner digitalisieren, strukturieren und erschließen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zwischen mehreren hunderttausend und Millionen Zeitungsseiten. Die hier erarbeiteten Standards und Strukturen werden in einem Masterplan mit Empfehlungen für eine etwaige Hauptphase „Zeitungsdigitalisierung“ der DFG festgehalten werden. Um diese ehrgeizigen Ziele zu erreichen, haben sich die fünf am Pilotprojekt teilnehmenden Bibliotheken verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Die SuUB Bremen befasst sich mit der digitalen Transformation eines ganzen Jahrhunderts und übernimmt in diesem Kontext zusätzlich die Aufgabe der beispielhaften Bestandslückenergänzung bei Zeitungsdigitalisierung. Auch die Ausrichtung eines Wissenschaftler-Workshops obliegt ihr, in dem Fragen zur zukünftigen Selektion und Priorisierung von Zeitungen für die Digitalisierung geklärt werden.

4 Das Bremer Projekt: Zeitungen des 17. Jahrhunderts und ihr Quellenwert

Im Projekt der SuUB Bremen werden die vollständigen deutschsprachigen Zeitungen des 17. Jahrhunderts digitalisiert – und damit „das Komplizierteste zuerst“. Die Besonderheiten der Blätter aus dem Gründungsjahrhundert der Zeitung stellen zahlreiche Herausforderungen an die Digitalisierung. Die große Anzahl an Titeln, häufige Titeländerungen, die Materialität als Reproduktion, fehlende Ausgaben oder ganze Jahrgänge und die Überlieferungssituation ergeben einen hohen Aufwand für Erschließung und Katalogisierung.

Dass die SuUB Bremen über einen so einmaligen Bestand an historischen Zeitungen des 17. Jahrhunderts verfügt, verdankt sich dem Bremer Institut der Deutschen Presseforschung. In einer in den 1970er und 1980er Jahren zusammengetragenen Quellensammlung wurden aus über 100 Archiven und Bibliotheken in ganz Europa die deutschsprachigen Zeitungen des 17. Jahrhunderts zu Forschungszwecken nach Bremen geholt. Diese einmalige Sammlung, die in keiner anderen Institution so vollständig vorhanden ist, umfasst ca. 330.000 Zeitungsseiten, 605 Zeitungsunternehmen und mehr als 60.000 Einzelausgaben. Alle zentralen Informationen zum Bestand wurden wissenschaftlich aufgearbeitet und in der Fachbibliographie Bogel/Blühm beschrieben.[4] Mit der Digitalisierung wird somit der größte Teil der deutschsprachigen Zeitungen aus dem Gründungsjahrhundert der Zeitung digital erschlossen und verfügbar sein.

Abb. 1:  Die Reproduktionen sind in Schubern untergebracht.
Abb. 1:

Die Reproduktionen sind in Schubern untergebracht.

Die Zeitungen des 17. Jahrhunderts sind ein ganz besonderes Quellenmaterial: Sich zusammensetzend aus Nachrichtenbriefen aus verschiedenen Orten im territorial zersplitterten Deutschland spiegeln sie einen unmittelbaren Zugang der Korrespondenten zum politischen Geschehen wider. Oftmals verfassten örtliche Postmeister Berichte, auch entstanden die Blätter manches Mal als Auftragsarbeiten. Thematisch weisen die ereignisorientierten Blätter eine hohe Vielfalt auf; meist wird über politische, militärische und diplomatische Ereignisse aus der gesamten Welt berichtet: „Unparteilichkeit und Zuverlässigkeit, Neuigkeit und Relevanz waren die Stichworte, die das – oftmals pragmatische – Selbstverständnis der Herausgeber ebenso kennzeichneten wie die Erwartungshaltung der Leser.“[5] Nur vereinzelt gab es Meldungen anderer Art, so wurde das Alltagsgeschehen auch an Fürstenhöfen dargestellt, aber auch über Curiosita berichtet. Da die Zeitungen von verschiedenen Personen gelesen und geschrieben wurden (die Autoren sind mangels Verweisen kaum bekannt), waren sie zudem von hoher Bedeutung für die Verbreitung der hochdeutschen Sprache.

Die historischen Zeitungen des 17. Jahrhunderts sind eine bedeutende Quelle für zahlreiche Fachwissenschaften, u. a. Historiker, Sprach-, Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Kunst- und Kulturwissenschaftler sowie Literaturwissenschaftler. Auch Politikwissenschaftler und Wirtschaftshistoriker kommen hier auf ihre Kosten. Zudem ist es möglich, die Zeitungen als Bildquelle zu lesen. Sie geben Aufschluss über den Alltag: Kaum ein Bereich ist denkbar, der nicht von der Presse berührt wurde und sie berührte.[6]

Infolge der Exklusivität des Materials hat sich die DFG für eine Förderung des Projektes entschieden. Die Digitalisierung des besonderen Bestands wird mit einer Förderquote von rund 59 % unterstützt. Wissenschaftliche Projektleitung und studentische Hilfskräfte (3.840 Stunden) werden gefördert, in Eigenleistung finanziert die SuUB Bremen die weiteren am Projekt beteiligten Personen: den verantwortlichen Mitarbeiter für die Digitale Bibliothek, eine Digitalisierungsfachkraft, eine informationswissenschaftliche Fachkraft, eine restauratorische Fachkraft sowie eine bibliothekarische Fachkraft.

5 Besonderheiten des Projekts

Die SuUB Bremen hat das Ziel, die in ihrem Besitz befindliche Sammlung der vollständigen deutschsprachigen Zeitungen des 17. Jahrhunderts zu digitalisieren. Die Besonderheiten des Projekts der SuUB Bremen liegen in der Vollständigkeit des Bestands, den Bestandslücken, den spezifischen Anforderungen an die Erschließung und in der speziellen Materialität.

6 Vollständigkeit und Bestandslückenergänzung – ein Widerspruch?

Die aktuelle Überlieferungssituation der zu digitalisierenden Zeitungen des 17. Jahrhunderts beinhaltet Blätter, die aus über 100 in ganz Europa verstreuten Institutionen (Archiven und Bibliotheken) sowie von Privatpersonen zusammengetragen wurden. Dies meint in diesem Kontext Vollständigkeit: Alle in der Fachbibliographie Bogel/Blühm verzeichneten Titel sollen im Projekt der SuUB Bremen digitalisiert werden. Der genaue Erscheinungsverlauf ist oftmals unbekannt, sodass die Beurteilung, ob eine Zeitung vollständig vorhanden ist, schwierig ist.

Im Pilotprojekt hat die SuUB Bremen die Aufgabe der Bestandslückenergänzung übernommen. Dies umfasst eine möglichst vollständige Bestandslückendokumentation ebenso wie die Erarbeitung effizienter Verfahren zum Bestandslückennachweis und zur Ergänzung. Drei Formen von Lücken gibt es im Bestand: 1. handelt es sich um Bestandslücken dort, wo Seiten, Ausgaben, teils ganze Jahrgänge fehlen. 2. sind unleserliche Zeitungen als Bestandslücken zu werten. 3. wurden Lücken dort identifiziert, wo Zeitungen in der Fachbibliographie als vorhanden verzeichnet sind, diese aber nicht im Bestand auffindbar waren.

Die Lückendokumentation wird im laufenden Projekt sowohl mit Hilfe von Excel als auch im Kontext der Feinstrukturierung der Digitalisate in der Visual Library, der Digitalisierungssoftware der SuUB Bremen, vorgenommen. Sie bildet die Basis für die zweistufige Bestandslückenergänzung: In einem ersten Schritt sollen Lücken in den Beständen durch Sichtbarmachung ergänzt werden, in einem zweiten Schritt werden gezielt andere Bibliotheken und Archive zur Zusammenarbeit aufgefordert.

7 Materialität als Herausforderung für den Scanprozess

Die spezifische Materialität des Bestands stellt besondere Anforderungen an das Digitalisierungsprojekt. Die Archivsammlung umfasst ca. 1.000 Einheiten. Als Quellendokumente der Forschung wurden Mikrofilme, -streifen und -fiches hergestellt. Die Originale der zu digitalisierenden Zeitungen befinden sich in der Regel noch an den Ursprungsorten. Frühzeitig wurde begonnen, die Mikroformen der SuUB Bremen auf Papier zu reproduzieren. Diese Rückvergrößerungen der Einzelausgaben weisen eine hohe Qualität hinsichtlich Lesbarkeit des Textes auf. Sie wurden im Nachgang von wissenschaftlichen Fachkräften systematisch autopsiert, chronologisch nach Erscheinungsorten sowie Zeitungsunternehmen unter jeweils alphanumerischen Signaturen in etwa 250 beschriftete Archivboxen einsortiert. Mit Blick auf den Qualitätsvergleich von Mikroformen und Rückvergrößerungen werden zur Digitalisierung die höherwertigen Papierkopien verwendet.

Abb. 2:  Die Papierreproduktionen sind in etwa 250 Archivboxen in der SuUB Bremen untergebracht.
Abb. 2:

Die Papierreproduktionen sind in etwa 250 Archivboxen in der SuUB Bremen untergebracht.

Im Digitalisierungsprojekt sollen ca. 330.000 Seiten möglichst kostengünstig gescannt und weiterverarbeitet werden. Es handelt sich durchweg um kleinformatige Zeitungen (ca. DIN A 5), deren Ausgaben einen Umfang von vier bis fünf Seiten haben. Als Reproduktionen von Mikroformen liegen die Hefte als Einzelblattkopien teilweise nur invertiert vor. Die SuUB Bremen digitalisiert somit, wo immer möglich, die Einzelseiten mit einem Scamax Durchlaufscanner 403cd color duplex. Die für die Scans benötigte Zeit ist variabel und hängt insbesondere vom Format der Vorlage ab. Inklusive Weiterverarbeitung kann von maximal 30–45 Minuten Bearbeitungszeit eines Schubers mit einem Umfang von 400–1.000 Seiten ausgegangen werden, wenn eine Digitalisierung am Durchzugsscanner möglich ist. Der eigentliche Scanvorgang beträgt pro Schuber wenige Minuten. Vorlagen, die nicht mit dem Durchzugsscanner digitalisiert werden können, werden am Aufsichtsscanner (i2s Copybook ONYX RGB) zumeist mit einem Öffnungswinkel von 180° (oftmals handelt es sich um Loseblattsammlungen) eingescannt. Auf die Nutzung einer Glasplatte wird aus zeitökonomischen Gründen prinzipiell verzichtet. Da sich die Digitalisierung am Aufsichtsscanner gegenüber der am Durchzugsscanner etwa um den Faktor 5 zeitlich unterscheidet, wird, wo immer dies möglich ist, auf die aufwändige Digitalisierung am Aufsichtsscanner verzichtet. Die Digitalisierung erfolgt entsprechend der Praxisregeln der DFG im Format TIFF unkomprimiert mit einer Auflösung von 300 dpi in Graustufe.

Vor Projektbeginn wurden mit der Sichtung aller zu digitalisierenden Schuber (d. i. Aufbewahrungseinheit der Zeitungen) und ihrer nachfolgenden Zuordnung zu Projektphasen hinsichtlich ihres Schwierigkeitsgrades sowie der Einrichtung vordefinierter Scan-Workflows Vorkehrungen für ein möglichst reibungsloses Scannen getroffen. Die heterogene Qualität der Vorlagen bedingt unterschiedliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Weiterbearbeitung der Digitalisate, die jedoch stets in Abhängigkeit vom Zeit- und Arbeitsaufwand betrachtet werden.

8 Erschließung: Die Feinstrukturierung der Zeitungen in den digitalen Sammlungen

Infolge der komplexen Materialität der historischen Zeitungen wird in der SuUB Bremen eine reine Imagedigitalisierung durchgeführt. Ein uneinheitliches Schriftbild nebst nicht standardisierter Schrifttype, oftmals schräg gedruckte Zeilen sowie ein nicht standardisiertes Layout machen eine automatisierte Auswertung mittels Optical Character Recognition (OCR) ebenso wie Optical Layout Recognition (OLR) unmöglich.

Abb. 3:  Titelaufnahme der Avisen Johann Carolus mit unterschiedlichen Schrifttypen.
Abb. 3:

Titelaufnahme der Avisen Johann Carolus mit unterschiedlichen Schrifttypen.

Um den Nutzern dennoch zusätzliche Suchfunktionalitäten zu bieten, erfolgt in der SuUB Bremen eine manuelle Erschließung der digitalisierten Zeitungsunternehmen. Zunächst wird entsprechend des Strukturdatensets der DFG eine Feinstrukturierung der Zeitungsunternehmen in Jahrgänge und Hefte durchgeführt. Anschließend werden die kalendarischen Angaben der Einzelhefte manuell erfasst.

Zwei Formen kalendarischer Angaben kommen in den Zeitungen vor: Zum einen finden sich Angaben zum Berichtszeitraum. Die frühen Zeitungen setzen sich aus Berichten aus unterschiedlichen Orten zusammen. Diese wurden an die Herausgeber der Zeitungen geschickt und, meist ohne Zensur, abgedruckt. Wiedergegeben werden meist die Provenienzen der Berichte: Ort und Zeitpunkt des Entstehens. Zusammengefasst ergeben alle in einer Zeitungsausgabe enthaltenen Entstehungszeiträume der einzelnen Berichte den Berichtszeitraum, den die Ausgabe umfasst. Zum anderen ist das Erscheinungsdatum der Ausgabe selbst zu erfassen.

Dabei ist die Koexistenz zweier Kalendersysteme zu berücksichtigen: Noch weit in das 17. Jahrhundert hinein wurde an den verschiedenen Orten des territorial zersplitterten Deutschlands teils der ältere julianische, teils der neuere gregorianische Kalender angewandt. Diese unterscheiden sich um zehn Tage. Da sich die Zeitungen aus Berichten aus unterschiedlichen Orten zusammensetzen, kommt es vor, dass ein und dieselbe Zeitungsausgabe Berichte mit Daten eines sowie beider Kalendersysteme enthält.

Eine Herausforderung für die im Projekt tätigen studentischen Hilfskräfte sowie die Digitalisierungsfachkraft ist die Zuordnung der in den Einzelausgaben erwähnten Daten zu den beiden Kalendersystemen. So lässt sich bspw. lediglich von der Erwähnung des „13.23. Januarius“ darauf schließen, dass der entsprechende Bericht am 13. Januar nach dem julianischen und dem 23. Januar nach dem gregorianischen Kalender verfasst wurde. Auch die manuelle Erfassung der Datumsangaben bei den (wenigen, doch vorhandenen) handgeschriebenen Zeitungen ist eine Herausforderung für die Projektmitarbeiter.

Um den Nutzern einen optimalen Zugang zu den Zeitungen des 17. Jahrhunderts zu ermöglichen, werden im Projekt der SuUB Bremen drei Daten entsprechend DIN 1355-1 erfasst (tt.mm.jjjj, bspw. 11.12.1631): 1. der Berichtszeitraum nach dem julianischen Kalender, 2. der Berichtszeitraum nach dem gregorianischen Kalender, 3. das Erscheinungsdatum. Ziel ist es, mittels der manuellen Erschließung der mehr als 60.000 Ausgaben eine Datenbasis für die computergestützte Auswertung zu generieren, auf deren Grundlage die graphische Kalenderdarstellung entstehen wird. Die Nutzer werden anschließend Zeitungsausgaben nach Erscheinungsdatum und Berichtszeitraum (gregorianisch) auswählen können. Mit dieser kalendarischen Darstellung wird es erstmals möglich sein, die „Chronik der wichtigsten Zeitereignisse“[7] , die die Zeitungen idealiter abbilden, graphisch darzustellen und für die Nutzer auf einen Blick erfassbar zu machen.

Abb. 4:  Erfassung kalendarischer Angaben beim Nordischen Mercurius in der Visual Library.
Abb. 4:

Erfassung kalendarischer Angaben beim Nordischen Mercurius in der Visual Library.

Die manuelle Erfassung der ca. 60.000 Strukturdaten ist zeitaufwändig, doch wird hierüber der eigentliche Mehrwert der Zeitungsdigitalisierung generiert. Gerade da eine Volltextrecherche aus materialbedingten Gründen nicht möglich sein wird, sind zusätzliche Recherchefunktionalitäten wie die kalendarische Suche für den Nutzer unerlässlich. Daher hat sich die SuUB Bremen zu der Umsetzung einer entsprechenden kalendarischen Darstellung entschlossen, die auf der Basis der Software Visual Library realisiert werden wird.

Die Erschließung der Zeitungen bildet auch die Basis für die umfangreiche Bestandslückendokumentation. Die Erfassung von Angaben wie „Num. 1“ oder „Ausgabe 27“ lässt, wenn alle Ausgaben eines Zeitungsunternehmens dergestalt beschrieben sind, erkennen, welche Ausgaben fehlen.

9 Erschließung: Die Katalogisierung

Parallel zur Digitalisierung erfolgt im Projekt die Katalogisierung der digitalisierten Zeitungsunternehmen. Die regelkonforme Formalerschließung der digitalisierten, bibliographischen Zeitungseinheiten erfolgt in der Zeitschriftendatenbank (ZDB). Sie wird im laufenden Projekt parallel zur Digitalisierung durchgeführt, da so eine Einarbeitung aller Projektmitarbeiter in die jeweiligen Spezifika der Digitalisierung und der Katalogisierung möglich war. Mit einem wöchentlichen automatischen Import gelangten die Titelaufnahmen aus der Zeitschriftendatenbank automatisch in den Katalog des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GVK). Gewünscht ist weiterhin der Nachweis des Medientyps Zeitung (und damit der digitalen Zeitungen des 17. Jahrhunderts der SuUB Bremen) im VD 17, derzeit laufen Absprachen mit den Trägerbibliotheken und der Verbundzentrale des Gemeinsamen Verbundkatalogs (GBV).

Grundlage der formalen Erschließung und bibliographischen Verzeichnung ist die Fachbibliographie Bogel/Blühm und damit die wissenschaftliche Verzeichnung der Zeitungen. Anhand der Digitalisate sowie nach Vorgabe der hier verzeichneten bibliographischen Informationen werden die Zeitungen als elektronische Ressource, d. h. in Form von Sekundäraufnahmen erfasst. Bei der Erstellung der 605 Titelaufnahmen in der Zeitschriftendatenbank (ZDB) werden die Katalogisierungshilfen E490 (für Zeitungen) sowie E456-ERF (elektronische Ressourcen im Fernzugriff, Abschnitt für Digitalisate) berücksichtigt.

Das komplexe Zeitungsmaterial des gesamten Jahrhunderts zu erfassen, führt zu einem hohen Aufwand in der Katalogisierung. Insbesondere die sich zum Teil jährlich, zum Teil nach wenigen Ausgaben ändernden Titel der Zeitungsunternehmen sind hier zu nennen. So konnte ein Zeitungsunternehmen einen Titel führen, der alle Orte auflistete, aus denen in der Zeitung berichtet wurde; änderten sich die Berichtsorte, so änderte sich auch der Zeitungstitel. Andere Zeitungstitel waren wiederum unspezifisch und traten wiederholt auf, so die Bezeichnungen „Avisen“ und „Relation“.

Im Projekt bedeutete dies zum einen die Erfassung von teils zehn oder mehr Titeln eines Zeitungsunternehmens in einer Katalogaufnahme. Aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit werden im Portal Digitale Sammlungen der SuUB Bremen jedoch nicht alle Titel, sondern lediglich der in der Fachbibliographie angegebene Zitiertitel angezeigt, wenn auch alle Titel mit ihren historischen und aktuellen Schreibweisen recherchierbar sind. Die Fachbibliographie übernimmt auch die Zuordnung verschiedener Zeitungstitel zu einem Zeitungsunternehmen. Für Nachfragen kann die SuUB Bremen auf die Unterstützung des Instituts Deutsche Presseforschung zurückgreifen. Im Ergebnis werden dem Nutzer nun die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung unmittelbar zur Verfügung gestellt.

Mit der Katalogisierung der Zeitungen in der ZDB erfolgt erstmals der umfassende, ausgabengenaue Nachweis der frühen Blätter in einem elektronischen Nachweissystem unter Berücksichtigung der Bestandslücken. Sowohl über die Digitalen Sammlungen, das Discovery-System (Elib) und den lokalen Bibliothekskatalog der SuUB Bremen als auch über die Zeitschriftendatenbank und den Gemeinsamen Verbundkatalog sind die Zeitungen somit zukünftig erstmals ortsunabhängig recherchierbar. Die Zeitschriftendatenbank wird damit um die Daten von 605 zusätzlichen Zeitungsunternehmen angereichert.

10 Ausblick

Um den Nutzern einen möglichst sofortigen Zugang zum digitalisierten Material anzubieten, hat sich die SuUB Bremen entschlossen, die jeweiligen Zeitungstitel unmittelbar nach Abschluss ihrer Digitalisierung und Feinstrukturierung freizuschalten. Die Präsentation der digitalisierten Zeitungen erfolgt im Internet zunächst über den DFG-Viewer als primäres Nachweissystem als auch anschließend über die Digitalen Sammlungen der SuUB Bremen. Auf diesem Portal wurde eine eigene Sammlung „Zeitungen des 17. Jahrhunderts“ eingerichtet (http://brema.suub.uni-bremen.de/zeitungen17), die ersten Zeitungstitel waren zu Beginn des Jahres 2014 einsehbar. Im laufenden Projekt werden die digitalen Zeitungen stets nach ihrer Fertigstellung online zugänglich gemacht. Zum 15.09.2014 sind bereits 67 Zeitungstitel online freigeschaltet.

In der SuUB Bremen arbeiten jetzt bereits zahlreiche, auch internationale Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachdisziplinen mit dem besonderen Quellenmaterial, die insbesondere den nun vorhandenen kostenfreien, orts- und zeitunabhängigen Zugang zum Material begrüßen. So regten internationale Forscher an, die Zeitung „Der Nordische Mercurius“ des Hamburger Verlegers Greflinger zu digitalisieren; die Digitalisierung wurde im Projekt vorgezogen, mittlerweile ist der Titel online freigeschaltet. Durch die Zugänglichmachung der digitalisierten Zeitungen bereits im laufenden Projekt haben die Nutzer frühzeitig Zugriff auf das Quellenmaterial. Diverse Nutzeranfragen und -gespräche zeigen, dass bereits intensiv mit den historischen Zeitungen online gearbeitet wird.

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Maria Elisabeth Müller

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Maria Hermes

Dr. Maria Hermes

Maria Elisabeth Müller:

Dr. Maria Hermes:

Published Online: 2014-11-07
Published in Print: 2014-11-28

© 2014 by De Gruyter

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