Das Ekklesio-Politische
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Marius van Hoogstraten
Dr. Marius van Hoogstraten ist seit 2020 Dozent am Mennonitischen Seminar der Vrije Universiteit Amsterdam.
Zusammenfassung
Der Beitrag diskutiert Fragen der Einheit und Gemeinschaft der Kirche anhand des täuferischen „Schleitheimer Bekenntnisses“. Dieses diskutiert weder dogmatische Inhalte noch ethische Verhaltensregeln, sondern die konstitutiven Praktiken der Kirche als Gemeinschaft. Diese ist nicht-souverän, nie definitiv gegeben, sondern erhält brüchige Stetigkeit durch die Wiederholung in sich immer unvollständiger Praktiken. Auch heute müssen Kirchen (und Demokratien) mit Brüchigkeit und Pluralität umgehen. Ihre Existenz basiert nicht auf statischer Souveränität, sondern auf beständiger Aushandlung und Behauptung.
Abstract
The article discusses questions of unity and community within the church using the Anabaptist “Schleitheim Confession” as a point of reference. This confession does not address dogmatic content or ethical codes of conduct, but rather focuses on the constitutive practices of the church as a community. This community is non-sovereign, never definitively established, and maintains a fragile continuity through the repetition of inherently incomplete practices. Even today, churches (and democracies) must contend with fragility and plurality. Their existence is not founded on static sovereignty, but on ongoing negotiation and assertion.
1 Einheit in Zeiten der Katastrophe
Wann ist jetzt? Und was ist heute?
Sie haben mich gebeten, etwas zu Lehre und Einheit der Kirche heute zu sagen. Doch hoffe ich, Sie können es mir verzeihen, wenn ich zuerst einmal in die Geschichte schaue. Wir Mennoniten blicken immer gerne aufs 16. Jahrhundert, auf die Reformation, um uns in der heutigen Welt zu orientieren, und das möchte ich jetzt mit Ihnen auch tun.
Und zwar will ich einen Text in den Blick nehmen, ein Bekenntnis, das 1202 Jahre nach dem Konzil von Nizäa in einem Ort in der Schweiz namens Schleitheim entstanden ist. Das Schleitheimer Bekenntnis[1] ist manchen von Ihnen vielleicht bekannt als einer der frühen Texte der Täuferbewegung. Es ist in der wissenschaftlichen Lektüre aktuell etwas aus der Mode geraten, und auf den ersten Blick vermittelt es vielleicht ein Christentum, das wenig reizvoll erscheint – meine Vorfahren haben sich jedenfalls von der freudlosen Strenge, für die Schleitheim steht, sobald sie konnten, befreit.
Und doch bleibt es ein bemerkenswerter Text, der uns auch heute viel zu sagen hat über den Modus von Gemeinschaft und über die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens in Zeiten von Krise, Katastrophe und Kollaps – denn das ist der Kontext, in dem diese Versammlung zu Schleitheim stattfindet.
Darüber will ich also einiges sagen in diesem kurzen Beitrag. Ich muss dazu gleich am Anfang klarstellen, dass ich kein Kirchenhistoriker bin. Ich bin nicht mal Systematiker; ich bin in erster Linie Philosoph, und es ist die Philosophie, die meinen Zugang zu und mein Interesse an diesem alten Text ausmacht.
2 Ein Bekenntnis ohne Credo
Schleitheim ist ein Bekenntnis ohne Credo. Es ist ein Bekenntnis ohne Lehre. Der Text will zwar festlegen, was am Christentum unverhandelbar ist, hat dabei aber am dogmatischen Inhalt des Glaubens gar kein Interesse. Und überraschenderweise auch nicht an Spezifika ethischer Handlungsregeln.
Entscheidend ist für diesen Text stattdessen, was wir das Ekklesio-Politische nennen könnten: die Form der Kirche als Gemeinschaft und die Praktiken, durch die diese Gestalt bekommt.
Jeder der sieben Artikel, die den Haupttext von Schleitheim bilden, skizziert jeweils eine performative Praxis, die den kollektiven Leib der Kirche konstituiert, formt und reglementiert. Der Text diskutiert zum Beispiel die Kriterien für die Durchführung der Taufe, die nur frei bekennenden Erwachsenen gegeben werden soll, und für das Funktionieren der Kirchenzucht, die mit Exkommunikation oder dem „Bann“ als letzte Sanktion den Leib disziplinieren und besonders hartnäckige Störer ausschließen soll. Es werden ebenfalls Anweisungen zur Versammlung beim Brotbrechen, zur Trennung von der Außenwelt im Alltag und zur Wahl von Leitungspersonen gegeben. Dies sind alles Regularien und Praktiken, die die formale Konstitution der Kirche und ihre Form als Gemeinwesen bestimmen. Die letzten beiden Artikel regeln schließlich die Beziehung dieser ekklesio-politischen Gemeinschaft zur weltlichen Obrigkeit – angedeutet als die Macht des „Schwertes“ – und instruieren die Verweigerung des Schwörens.
In alldem verhandelt der Text seinen Gegenstand mit überraschender Formalität. Der erste Artikel betont zum Beispiel, dass ein Täufling „gelehrt“ werden müsse und bereit sein müsse, zu „wandeln in der Auferstehung Jesu Christi“. Er sagt aber nichts darüber aus, was Täuflingen gelehrt werden sollte oder was genau die ethischen Erwartungen an ein solches Leben in der Auferstehung sind. Der zweite Artikel erklärt den formalen Prozess, durch den Sünder zurechtgewiesen und eventuell gebannt werden sollen, sagt aber nichts darüber aus, was für Verhalten als sündhaft zählen soll.
Das alles bedeutet nicht, dass die in Schleitheim versammelten Täufer:innen nicht auch Vorstellungen davon hatten, was angemessenes ethisches Verhalten getaufter Christ:innen sein soll. Und es bedeutet auch nicht, dass sie keine Vorstellungen hatten von Rechtgläubigkeit – die antitrinitarischen Überzeugungen manch anderer Täufer sind weit entfernt von dieser im dogmatischen Sinne weitgehend orthodoxen Gruppe.
Doch die Erklärung, die sie uns hinterlassen haben, in der das für sie entscheidend Wichtige, dasjenige, was für sie das Wesen der Kirche ausmacht, festgehalten wird, diskutiert weder Rechtgläubigkeit noch die Details der Ethik. Entscheidend ist das Ekklesio-Politische, die Struktur der formalen und konstitutiven kollektiven Praktiken, durch die überhaupt erst eine Gemeinschaft Gestalt annehmen kann – in der dann so etwas wie ethische Regeln und Inhalte des Glaubens verhandelt werden können.
Es geht also um etwas, das wir die Tiefendimension der Kirche als Gemeinschaft nennen könnten. Um das wirkliche Wesen der Kirche als Gemeinwesen.
Wenn dies der Fall ist, dann kommt die Prioritätensetzung dieses Textes aus dem 16. Jahrhundert in die Nähe dessen, was in der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts als „das Politische“ (bei Claude Lefort le politique) bezeichnet wird, in Abgrenzung zu „Politik“ (la politique) als der alltäglichen Aushandlung und Verwaltung einer politischen Gemeinschaft.[2] Beim Politischen geht es um die Tiefendimension einer politischen Gemeinschaft, also um die Art und Weise, wie sie auf einer grundlegenden Ebene konstituiert wird.
3 Vorübergehend und prekär
Die Aufmerksamkeit auf diese Tiefendimension der politischen Gemeinschaft und auf die Prozesse, durch die sich eine Gemeinschaft konstituiert, zu lenken, hat laut dem Philosophen Oliver Marchart einige Implikationen. Denn die gedankliche Hinwendung, die diese Dimension aufgreift und in den Blick nimmt, impliziert für sich bereits, dass die Konstitution dieser Gemeinschaft nicht einfach bereits durch die Natur oder die Metaphysik gegeben ist. Sie bedeutet, eine grundlegende Möglichkeit oder Kontingenz zu benennen: Machtverhältnisse, wie wir sie in der Welt vorfinden, sind nicht unvermeidlich; die politische Grundstruktur der Gesellschaft ist kein Naturgesetz, sondern sie wird gemacht und durch bestimmte Praktiken aufrechterhalten.[3] Es könnte auch anders sein, und das bedeutet, dass darum auch gestritten werden kann. Wie die Theoretikerin Chantal Mouffe es ausdrückt, offenbart sich im Prozess dieser Auseinandersetzung, dass „jede Ordnung die vorübergehende und prekäre Artikulation kontingenter Praktiken“ ist.[4]
Damit trifft sie, so scheint es mir, den Kern der Relevanz dieses Bekenntnisses aus Schleitheim und überhaupt von Texten wie diesem. Denn diesem Text und der radikalen Reformation im breiteren Sinne geht es ja im Wesentlichen genau darum, grundlegend – in einer Tiefendimension – in Frage zu stellen, was Kirche sein kann. Sie begnügt sich nicht damit, eine bestehende Struktur zu reformieren oder sich abzuzweigen, sondern will grundlegend die Kirche neu gründen, sozusagen von Grund auf neu beginnen. Deshalb ist es in ihrer Bewegung auch nötig, dass alle Mitglieder (neu) getauft werden,[5] und keine Leitungsperson kann sich auf vorherige Ordination berufen. Obwohl es natürlich viele implizite und explizite Kontinuitäten gibt – rein formal streben die Täufer:innen keine Reformation, sondern eine Neugründung an. Die gegenwärtigen ekklesio-politischen Machtverhältnisse sind nicht das unvermeidliche und feste Produkt der Natur oder der Metaphysik, sondern können verwandelt, gar ersetzt werden. Doch auch innerhalb dieses Versuchs einer Neugründung ist nichts unvermeidlich: Schleitheim benennt, auch wenn es manchmal so gelesen wird, keinesfalls einen Konsens innerhalb der Bewegung, sondern ist ein streitbarer Beitrag zu einer Kontroverse.
4 Eine nicht-souveräne Gemeinschaft
So streitbar wie eine solche Behauptung der Nicht-Notwendigkeit auch sein mag – sie ist gleichzeitig auch zweideutig. Denn sie kann selbst nicht von der zugrundeliegenden Kontingenz, die sie behauptet, isoliert bleiben. Die Art von Gemeinschaft, die Schleitheim sich vorstellt, ist auch selbst nicht unvermeidlich. Oder in Mouffes Worten: Sie ist selbst auch eine vorübergehende und prekäre Artikulation kontingenter Praktiken.
Der Text scheint sich dessen – vielleicht trotz der Intentionen der Autor:innen – bewusst zu sein. Gerade indem er mit sorgfältiger und präziser Ausführlichkeit die formalen Praktiken beschreibt, die den kollektiven Leib der Kirche gestalten und erhalten, zeigt sich der Text zutiefst der Tatsache bewusst, dass ein solches gemeinsames Leben von einer beharrlichen Kontingenz geprägt bleibt, dass es gemacht werden muss, dass es gegen andere Möglichkeiten behauptet werden muss und dass es auf Schritt und Tritt geformt, diszipliniert und bekräftigt werden muss. Dies ist genau die Aufgabe, die die von den Unterzeichner:innen vorgeschlagenen Praktiken erfüllen sollen. Sogar die Kirche, die sich ja um den Auferstandenen sammelt, ist nicht in ihrem Wesen garantiert, sondern muss gestaltet, gesammelt, behauptet werden.
Eine solche Gemeinschaft ohne Garantie ist eine nicht-souveräne Gemeinschaft. Und so können wir auch verstehen, wie die Absage an Souveränität als Ordnungsprinzip menschlicher Gemeinschaft sich durch diesen Text hindurchzieht: von der Freiheit der freien Taufe, die aber nie eine reine Entscheidung eines souveränen Individuums ist, über die Wahl von Leitungspersonen, deren Aufgaben und Kompetenzen stark eingegrenzt sind, bis hin zur expliziten Absage an das Schwert, was häufig fälschlicherweise als eine Art Pazifismus gelesen wird – doch es geht hier nicht um Gewalt als violence, sondern explizit und spezifisch um die Absage an die Gewalt der Herrschenden, an das Schwert als Zeichen der Herrschaft. Und im letzten Artikel wird die Absage an das Schwören explizit als Absage an die Logik der Souveränität, die durch das Schwören gestützt wird, erkennbar.
5 Wiederholung
Anstelle der Souveränität als Ordnungsprinzip menschlicher Gemeinschaft tritt hier etwas, das man eine nicht-souveräne Logik der Wiederholung nennen könnte. Die Praktiken, die Schleitheim beschreibt, sind nie final entscheidend, sondern leben in einer Zeitlichkeit der bleibenden Unvollständigkeit. Die Gemeinschaft ist nie definitiv zu Ende gesammelt oder geordnet oder gestaltet. Jede einzelne Praxis ist nie für sich selbst genug oder erfolgreich; eine Unordentlichkeit drängt sich stets wieder auf. Und dies, so scheint es, zum großen Verdruss der Autor:innen. Doch die Unvollständigkeit jeder einzelnen Iteration zeigt in Richtung der weiteren Wiederholung – bildet also die Grundlage für die Stetigkeit des Miteinanders in der Zeit. Gemeinschaft ist nie zu Ende gesammelt, ist auch kein flüchtiges Ereignis, sondern findet in der Zeit in endlosem Prozess statt. Die Stetigkeit dieses Prozesses, die Stetigkeit der Gemeinschaft, lebt von der Unvollständigkeit jeder einzelnen Iteration. Dass wir, einfacher gesagt, uns eben jede Woche wieder sehen, dass wir auch frisch Getaufte irgendwann werden zurechtweisen müssen, dass wir auch neu gewählte Leitung irgendwann wieder ersetzen werden müssen.
Es sind diese stetig wiederholten Praktiken, nicht die unilateralen Garantien eines Souveräns, die dem Ekklesio-Politischen hier eine Stetigkeit in der Zeit geben, die der Brüchigkeit „vorübergehender und prekärer Artikulation kontingenter Praktiken“ eine Kontinuität und, trotz alledem, Resilienz verleihen.
Es scheint mir, dass sich daraus auch die Bedeutung für heute ergibt. Denn auch die jetzigen Generationen können vielleicht einen Sinn für die Brüchigkeit unserer Gemeinschaft gut gebrauchen. Ob dies jetzt die Kirche betrifft oder im breiteren Sinne die Gemeinschaft, die wir als demokratische Gesellschaft bilden: Differenzen sind selten mittels eines Konsenses in der Lehre zu überwinden. Vielmehr gilt es stattdessen, eine Qualität der Gemeinschaft zu strukturieren, in der Differenzen vielleicht gar nicht überwunden werden, sondern in ihrer Pluralität Platz haben können.[6] In unserer globalen mennonitischen Geschwisterschaft ist dies die Herausforderung, mit der wir in der heutigen Zeit in der brüchigen Einheit unserer Kirche ringen. Und ich glaube, das ist – wenn ich mir diese Aussage am Tag vor der Bundestagswahl erlauben darf – auch die Aufgabe, mit der unsere nicht weniger brüchigen Demokratien ringen: dass Räume für Freiheit und Solidarität eben nicht vorgefertigt vom Himmel fallen und auch nicht mit den Mitteln der souveränen Macht schlicht durchgesetzt werden können. Sondern dass sie stetig und immer unvollständig erkämpft, behauptet, verhandelt und umsorgt werden müssen.
Denn es gibt eben kein souveränes letztes Wort – es bleibt Handarbeit.
Über den Autor / die Autorin
Dr. Marius van Hoogstraten ist seit 2020 Dozent am Mennonitischen Seminar der Vrije Universiteit Amsterdam.
© 2025 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
Artikel in diesem Heft
- Titelseiten
- Editorial
- Was bedeutet Nizäa heute?
- Artikel
- Nizäa 325: Ein Konzilsexperiment in Umbruchszeiten
- Die Ergebnisse des Konzils von Nizäa in der Praxis der römisch-katholischen Kirche
- Die Ergebnisse des Konzils von Nizäa in der Praxis der Kirchen – Anglikanisch
- Das Konzil von Nizäa (325) in der Praxis evangelischer Landeskirchen
- Die Ergebnisse des Konzils von Nizäa in der Praxis der Freikirchen
- Rechtgläubigkeit und Häresie in der Moderne?!
- Lehre, Lehrdifferenzen und Einheit der Kirche
- Das Symbol von Nizäa aus neo-pentekostaler Perspektive
- Das Ekklesio-Politische
- Einheit und Lehrentwicklung in der slawischen Orthodoxie
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