Dr. Peter Müller-Bader †
Peter Müller-Bader, geb. am 5. Juli 1946, ist am 2. August 2018 gestorben. Er hatte als experimentierfreudiger Unternehmer und eine der prägenden Persönlichkeiten wesentlichen Anteil daran, dass sich ab Ende der 1970er Jahre ein Informationsmarkt für Wirtschaftsinformationen in Deutschland entwickeln konnte. Peter Müller-Bader studierte in München Betriebswirtschaft und wurde 1977 an der Universität München mit einer Arbeit zur Analyse der Leistungswirkung betrieblicher Konflikte promoviert. Zusammen mit seinem Studienfreund Christoff Aschoff hatte er früh erkannt, dass man Wissen über Informationsquellen zu Geld machen kann. Am Schwarzen Brett der Universität boten sie als kostenpflichtige Dienstleistung die Zusammenstellung von Literaturlisten an. In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es damals die ersten Online-Datenbanken, in Europa entstanden paketvermittelte Datenübertragungsnetze, das IuD-Programm der Bundesregierung hatte Hoffnungen auf eine flächendeckende Versorgung mit Fachinformation für alle Bürgerinnen und Bürger und den politischen Willen zu entsprechenden Förderaktivitäten geweckt.
1978 beendeten die beiden wissenschaftlichen Assistenten Dr. Peter Müller-Bader und Dr. Christoff Aschoff ihre akademische Laufbahn und gründeten in München-Unterföhring die Gesellschaft für Betriebswirtschaftliche Information mbH (GBI). Für ihre erste Literaturdatenbank BELIT, später BLISS, werteten sie zunächst vor allem deutschsprachige Wirtschaftsinformationsquellen aus. Nach und nach kamen Datenbanken über Bilanzen und Kennzahlen von Unternehmen aus der ganzen Welt, die deutsche Wirtschaftspresse, neue Produkte und Verfahren, Management-Experten, Prognosen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, HWWA-Dossiers und schließlich – augenzwinkernd charakteristisch für Peter Müller-Bader und sein unnachahmliches Talent als Entertainer – die Datenbank BONMOT mit Sinnsprüchen, Aphorismen, Lebensweisheiten hinzu. Zur Erschließung wurde ein eigener Thesaurus Betriebswirtschaft entwickelt, der heute in den Standard Thesaurus Wirtschaft integriert ist. 1982 nahmen sie einen eigenen Hostbetrieb, damals mit Datex-P, auf. Mit ihrem Münchner Informations Service betrieben sie später zusammen mit Hoppenstedt auch einen individuellen Recherche- und Informationsvermittlungsdienst. 1993

Peter Müller-Bader im Juni 2002 auf dem Gesellschaftsabend der DGI im Frankfurter Palmengarten (Foto: DGI).
gab es den ersten Webauftritt. Hinzu kam 2003 der Versuch mit der Antiquario GmbH eine Handelsplattform für Antiquariate, quer über alle Themengebiete zu etablieren. Wichtige Partnerin und Kollegin war seit den 1980er Jahren die Diplom-Bibliothekarin Ruth Göbel, die später bis Ende Oktober 2009 auch in die Geschäftsführung eintrat.
Zum 1. Januar 1983 wurde die GBI korporatives Mitglied der DGD, seit nunmehr 35 Jahren eine verlässliche Partnerschaft. Partnerschaften und Kooperationen waren für Peter Müller-Bader immer wichtig. Dies umso mehr, als der Versuch, Fördermittel des Bundes für die Datenbankproduktion und den Aufbau eines Host zu beantragen, schon im Vorfeld der Sondierungen aufgrund fehlender Bereitschaft von Forschungsministerium und Projektträger eingestellt wurde. Ich hatte seinerzeit in der GID intensiv mit den beiden Geschäftsführern darüber diskutiert, wie man eventuell einen überzeugenden Antrag formulieren könnte, aber die Signale des Projektträgers waren eindeutig ablehnend. Dabei erlebte ich Peter Müller-Bader als aufmerksamen Zuhörer und kreativen Kopf, der seinen Gesprächspartnern gegenüber stets wertschätzend zugewandt auftrat und trotz seiner Risikobereitschaft, Risiken auch realistisch einschätzen konnte. Sprichwörtlich war seine Gastfreundschaft, die Begabung, aus Festen unvergessliche Events zu machen, und die Überzeugung, dass man seine Gäste großzügig bewirten und ihnen etwas bieten müsse, sei es beim GBI Business-Lunch oder bei Standfesten, eine Tradition, die bis heute im Datenbankfrühstück von GBI-Genios weiter lebt.
Vier Wochen nach der Geburt meines Sohnes im Sommer 1984 traf ein dicker Umschlag mit einem Babybody bei mir ein, in den an der Brust diskret die drei Buchstaben GBI eingestickt worden waren.
Unter dem Titel „Schwein gehabt: 20 Jahre GBI“ berichtete Peter Horvath in Heft 5/1998 dieser Zeitschrift über das 20-jährige Firmenjubiläum und spielte dabei auf die Schweine als Markenzeichen und Maskottchen des Unternehmens an, die auch hin und wieder mit auf den Ausstellungsstand bei verschiedenen Messen durften. Doch es war nicht nur das durch die Schweine symbolisierte Glück, das den Erfolg der GBI als Datenbasenproduzent und Hostbetreiber begründete. Beziehungspflege zu Lieferanten und Kunden und die frühzeitige Einberufung eines Benutzerbeirats lagen Peter Müller-Bader am Herzen. In Christoff Aschoff hatte er einen kongenialen Partner, der seine in ständiger Kommunikation mit aktuellen und potentiellen Kunden herausgekitzelten Wünsche und Anregungen programmiertechnisch in das Retrievalsystem AOS (Aschoff/Advanced Online Search) umsetzte. Dass er nicht sprunghaft und spontan, sondern planmäßig und strategisch vorging, kann man in Heft 3/1988 dieser Zeitschrift nachlesen, wo Peter Müller-Bader unter dem Titel „Strategisches Informationsmarketing – Wie verkauft man Wissen“ sein Credo erläuterte, „die besten Informationen vom Experten zu liefern“. Sein Erfolg basierte nicht nur auf fundiertem betriebswirtschaftlichem Fachwissen, sondern auch auf stilsicherem Auftreten.

Der Stand der GBI mit den fünf Schweinen auf der comInfo im Juni 2002 im Frankfurter Palmengarten (Foto: DGI).
Leider konnte Peter Müller-Bader die Früchte seiner langjährigen erfolgreichen Unternehmertätigkeit nicht mit der Unbeschwertheit genießen, wie es ihm seine Weggefährten gewünscht hätten. Im Jahr 2008, nachdem sie ihr Unternehmen verkauft hatten und es mit dem langjährigen Wettbewerber Genios zur GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH fusioniert worden war, legten die beiden Gründer ihre Geschäftsführerfunktion nieder. Peter Müller-Bader erlitt kurz zuvor einen schweren Unfall und lebte seitdem sehr zurückgezogen, zuletzt in Barchi, einem kleinen Dorf in Norditalien.
GBI-Genios erinnerte in einer Rundmail an Peter Müller-Bader und wir haben einige zusätzliche Stimmen von Geschäftspartnern und Weggefährten gesammelt:
Die Nachricht von seinem Tod hat uns tief berührt. In stiller Trauer und mit großem Respekt nehmen wir Abschied von einer großen Unternehmerpersönlichkeit, wie man sie sich schillernder kaum vorstellen kann. Er war ein „wilder, bunter Hund“, manchmal auch enfant terrible und hat mit seinem Pioniergeist und seiner unbändigen Energie und Leidenschaft wichtige Grundlagen für das GBI-Genios, wie wir es heute kennen, geschaffen.
Als Mensch, Chef und Kollege halten wir Peter so in Erinnerung, wie er war, unkonventionell, offen, geradeaus, verschmitzt und stets den „Schalk im Nacken“. Unser tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen. Wir halten sein Werk in lebendiger Erinnerung. Danke, Peter Müller-Bader!
Werner Müller im Namen des gesamten GBI-Genios Teams
Dr. Peter Müller-Bader und Dr. Christoff Aschoff besuchten mich 1979 in Frankfurt. Beide sprühten vor Ideen und stellten ihre ersten noch konventionellen, aber bereits digital produzierten Informationsdienste vor. Ich sehe beide gemeinsam als zwei der wichtigsten Pioniere der digitalen Fachinformation. Peter Müller-Bader stand für ein unkonventionelles, markt- und zukunftsorientiertes Angebot von Fachliteratur. Dr. Christoff-Aschoff für die professionelle Entwicklung eines Datenbank- und Retrievalsystems. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick an und tauschten viele Erfahrungen aus. Dies war der Anfang einer langen erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen der früheren GBI und dem früheren FIZ Technik. Beide gemeinsam repräsentieren bis heute für mich das Gesicht der GBI. Ich kann daher im Folgenden nicht so scharf zwischen ihnen beiden in unserer Zusammenarbeit unterscheiden.
Dr. Müller-Bader stellte bald nach dem Treffen in Frankfurt der Presse im Bayrischen Hof in München die erste GBI-Suchmaschine vor. Ich war dabei und konnte sehen, wie er locker und mit viel Überzeugung und den damaligen Mitteln online die neuen Möglichkeiten der Suche nach Fachliteratur vorstellte. Ich erinnere mich an die Skepsis der Fachjournalisten. Deutlich fragten sie, ob das wohl Zukunft hätte. Er berichtete über seine Erfahrungen aus Amerika. Die geäußerte Skepsis der Journalisten konnte bei ihm nicht verfangen. Beide Dr. Müller-Bader und Dr. Aschoff brachten den Mut auf, mit privatem Geld ein zukunftsorientiertes mit digitalen Methoden arbeitendes Unternehmen aufzubauen. Meine These: Wenn damals die IT-Methoden und die Möglichkeiten der Risikofinanzierung bereits den Stand gehabt hätten, auf den die Pioniere im Silicon-Valley zurückgreifen konnten, hätten es die beiden womöglich auch zu einem ähnlichen System wie Google schaffen können. Das Fachgebiet Betriebswirtschaft war dem damaligen BMFT nicht förderungswürdig. Anders als die Fachinformationszentren mit vollständiger oder teilweiser Förderung gelang es ihnen, ein funktionierendes und überzeugendes Angebot zu entwickeln und zu finanzieren.
Dr. Müller-Bader überzeugte, in seiner unkonventionellen erfrischenden Art, viele Kunden und Partner und konnte sie mit neuen interessanten Inhalten gewinnen. In kürzester Zeit entstand ein Angebot mit Volltextinhalten. Wir griffen die Anregung der Frankfurter Messe auf, eine Spezialmesse für unsere Branche zu gründen. An deren Erfolg war Dr. Müller-Bader maßgeblich beteiligt. Der jährliche Stand auf der INFOBASE mit einem Rudel Stoffschweine half viele Jahre, digitale Fachinformation zu verkaufen. Der Stand der GBI war der Treffpunkt auch der Mitbewerber und vieler potentieller Kunden. Dr. Müller-Bader konnte mit seiner direkten Art und Freundlichkeit überzeugen. Er wurde für die ganze Branche das Vorbild, Fachinformation zu verkaufen. Damit hat er allen Anbietern in Deutschland und darüber hinaus sehr geholfen. Eine kleinere Zahl von Schweinen schaffte auch den Weg auf die internationale Bühne anlässlich der jährlichen Online-Tagungen in London.
Viele Jahre nutzte FIZ Technik das Datenbank- und Retrievalsystem von Data Star. Unser Partner in Bern wurde kurzfristig verkauft und der neue Eigentümer kündigte sofort die Verträge mit FIZ Technik. Die GBI half uns, innerhalb eines halben Jahres erfolgreich und unkompliziert unser Datenbankangebot auf das GBI-System auf einen neuen Rechner in Frankfurt umzustellen. Es war für Dr. Müller-Bader, Dr. Aschoff und ihr Team eine Selbstverständlichkeit, uns zu helfen. Bis heute arbeiten die Nachfolgegesellschaften konstruktiv zusammen.
Wir haben den Tod von Dr. Müller-Bader mit Trauer aufgenommen. Dr. Müller-Bader war das markanteste Gesicht und ein ganz wichtiger Pionier der Branche „Digitale Fachinformation“. Wir werden ihn dankbar in Erinnerung behalten.
Peter Genth
Der Tod von Peter Müller-Bader hat mich seltsam berührt. Ich sehe vor mir einen äußerst spontanen, witzigen, spritzigen, kreativen Kopf, einen hoch professionellen Informationsmanager, der Gott und die Welt kannte, der umtriebig war und ein super Netzwerker, selbst wenn der Begriff damals noch gar nicht existierte. Die Zusammenarbeit mit ihm hat neben guten Ergebnissen immer viel Spaß gebracht. Außer konzentriert arbeiten konnte er auch gut feiern. So soll es doch sein!
Josefine Stevens
Peter Müller-Bader und seinen Partner Christoff Aschoff traf ich zum ersten Mal Ende der 70er Jahre in einem Einfamilienhaus in München. Als Mitarbeiter des FIZ Technik und seines Fachbereichs Elektrotechnik (ZDE) sollte ich Möglichkeiten einer Zusammenarbeit sondieren. Aschoff und Müller-Bader hatten damals mit dem Aufbau der Datenbank BLISS (Betriebswirtschaftliche Literatur) begonnen.
Die FIZ-Technik-Beiratsmitglieder aus der Elektroindustrie, vor allem der (vor zwei Jahren verstorbene) Günter Saul von Siemens, hatten großes Interesse daran, von FIZ Technik die Hinweise auf betriebswirtschaftliche Literatur in einem Paket mit den Hinweisen auf die elektrotechnische Literatur zu beziehen. Dazu ist es, wenn ich mich recht erinnere, nicht gekommen, sondern die BLISS-Datenbank war eine der ersten „hinzugemieteten“ Datenbanken im Online-Angebot von FIZ Technik.
Der ersten Begegnung mit Peter Müller-Bader und Christoff Aschoff folgten – bis zu meinem Ausscheiden bei FIZ Technik – viele geschäftliche und persönliche Begegnungen. Anfang der 1990er Jahre trafen wir uns noch einmal im Wettbewerb um ein Datenbankprojekt der chemischen Industrie. Danach haben sich unsere Wege leider nicht mehr gekreuzt.
Von Peter Müller-Baders Leidensweg habe ich deshalb nur über Dritte gehört und gelesen. Ich behalte ihn als einen „prachtvollen Kerl“ und engagierten Unternehmer in Erinnerung.
Walter Claassen
Für die von mir geleitete Pressedatenbank „IKOM“ – ins Leben gerufen durch anfangs zwölf Banken (Mitgliedsinstitute des IK–Informations- und Kommunikationsring der Finanzdienstleister e.V.) – erwies sich Dr. Peter Müller-Bader als ein großartiger Manager im Bereich Informationswesen. Viele Hürden waren zunächst technisch zu bewältigen, weil die Konkurrenzquellen FAZ und Börsenzeitung nur über GBI und Handelsblatt ausschließlich über die Tochter GENIOS erreichbar waren. Sukzessive erweiterte sich das Angebot der zur Verfügung stehenden Quellen dank seiner geschickten Verhandlungen mit den unterschiedlichen Verlagen, und nicht zuletzt durch seinen großen und nicht nur finanziellen Einsatz, der die Zusammenführung über einen einzigen Zugang möglich machte. Die Pressedatenbank war für die Banken eine unendliche Arbeitserleichterung in Zeiten vor dem Internet.
Außerdem hat GBI fast 30 Jahre die Literaturdatenbank „MIND“ erfolgreich produziert bis die Banken nicht mehr in der Lage waren, die Abstracts der bankrelevanten Literatur zu liefern. Peter Müller-Bader hätte diese Datenbank mit Sicherheit mit Externen weiter produziert. Aber zu diesem Zeitpunkt geschah der tragische Unfall.
Erlebt habe ich ihn als kompetent, humorvoll, immer gut gelaunt, zuvorkommend, Gentleman – kurzum ein genialer Geschäftspartner, der nicht nur auf seinen Vorteil bedacht war. Peter war für mich der liebevollste Geschäftspartner und ich denke gerne an die gemeinsamen Arbeitszeiten, aber auch an gemeinsame Essen und Feiern zurück. Besonders dankbar bin ich, dass ich seinen 60. Geburtstag in Italien mitfeiern durfte, bei meinem 60. (vor elf Jahren) hatten wir die letzten gemeinsamen Stunden.
Annelie Gabriel
Aus einigen Gesprächen auf der Buchmesse ist mir sein trockener Humor, nicht selten gespickt mit Sarkasmus, in Erinnerung. Es klang nicht verbittert, sondern war einfach ganz oft eine brillante, komprimierte Situationsanalyse, die mich nicht selten zum Schmunzeln brachte. Er hatte einfach Recht, wenn er die Geschichte der Fachinformation in einem Satz auf den Punkt brachte.
Vera Münch
In den vielen Jahren, in denen wir uns kannten, hat Peter Müller-Bader nicht viel von sich selbst preisgegeben. Dennoch hat er unverwischbare Spuren in der Branche hinterlassen. Viele haben „mal ein Bier mit ihm getrunken“ und erinnern sich gerne an die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit ihm. Vergessen wird er sicherlich nicht.
Unsere Anteilnahme gilt seinen Angehörigen und engen Freunden.
Marlies Ockenfeld
Luzian Weisel erhält Honorarprofessur für Information Behavior
Am 6. September überreichte der Präsident der Hochschule Darmstadt (h_da), Prof. Dr. Ralph Stengler, dem langjährigen Mitarbeiter von FIZ Karlsruhe, Lehrbeauftragtem der h_da und DGI-Vizepräsidenten Dr. Luzian Weisel die Ernennungsurkunde zum Honorarprofessor für Information Behavior am Fachbereich Media. Wir gratulieren zu dieser Ehrung und fragen, was dies für den Fachbereich, das FIZ Karlsruhe und die DGI bedeuten kann.

Herr Weisel, Sie haben seit 2012 Lehraufträge an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Media für die Lehrgebiete „Informationskompetenz“, ab 2016 für „Competitive Intelligence“ und seit 2016 leisteten Sie einen Lehrbeitrag „Informationsqualitätsmanagement und -controlling“ im Rahmen des wissenschaftlichen Volontariats. Auch in der DGI setzen Sie sich seit vielen Jahren für das Thema Informationskompetenz ein und sind Ansprechpartner der KIBA im Vorstand. Nun erweitern Sie Ihr Lehrangebot um das Thema Information Behavior. Was vereinen Sie darunter?
Information Behavior untersucht die Interaktion zwischen Mensch, Information und Technologie[1]. Es geht darum, wie Menschen in unterschiedlichen sozio-kulturellen und technologisch-geprägten Kontexten Informationen suchen, kognitiv verarbeiten und nutzen. Zwar ist die Suche nach Informationen für viele Menschen mittlerweile eine „kulturelle“ und digitale Alltagspraxis, aber die zentrale Forschungsfrage ist, welches unbewusste und unabsichtliche Verhalten von Menschen bei der Informationssuche und -verarbeitung erkennbar ist.
Die Studierenden sollen lernen, aus der Kenntnis von Theorien und Modellen Elemente des Information Behavior eigenständig in individuellen Lern- und Arbeits-Situationen anzuwenden. Sie erhalten vertiefende Kenntnisse welche Informationsprozesse und Faktoren Nutzerverhalten beeinflussen.
Erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen wissen, wie Menschen in unterschiedlichen sozio-kulturellen und technologisch-geprägten Kontexten Informationen suchen, recherchieren und kognitiv verarbeiten und deren Möglichkeiten und Grenzen einschätzen. Sie haben die fachlichen Grundkenntnisse, um die Anforderungen des Information Behavior zu analysieren, geeigneten Methoden und Systeme auszuwählen und vorhandene Mechanismen zu bewerten.
Wichtig sind dabei Informationskompetenzen (IK), d. h. Wissen und Fertigkeiten, die Menschen benötigen, um bei der Suche, der Be- und Verwertung von Informationen erfolgreich zu sein. Diese erhalten in Zeiten von Fake News, Filterblasen, Echokammern und bei postfaktischen Behauptungen in Bildung, Beruf und Gesellschaft Brisanz.
Individuelle Informationskompetenz zu entfalten heißt, ein erwünschtes Informationsverhalten anzunehmen. Man kann durch Fachkenntnis und Erfahrung Urteilskraft und damit Informationskompetenz erwerben, aber kann man sie auch lehren und lernen?
Der kompetente Umgang mit Information ist ein wesentliches Element guter wissenschaftlicher Praxis[2] und damit ein unverzichtbares Ziel in der Ausbildung des Nachwuchses in der Informationswissenschaft, der Bibliothekspraxis und darüber hinaus.
Unter Informationskompetenz (IK) wird – im Rahmen meines Lehrseminars und des Anforderungsniveaus im Bachelor-Studium an der Hochschule Darmstadt – die Fähigkeit verstanden, auf die Problemstellungen, der Lehre und der Forschung in Wissenschaft und Wirtschaft bezogen, Informationsbedarf zu erkennen, Informationen zu ermitteln, zu beschaffen sowie zu bewerten und effektiv zu nutzen. Gezielt Informationsbedarf zu erkennen, Informationen zu ermitteln, zu beschaffen sowie zu bewerten und effektiv zu nutzen fördert die Lernkultur, ermöglicht Innovation in Wissenschaft und Forschung und ist eine wichtige Voraussetzung für Erfolg in der Wirtschaft und im Alltagsleben der Bürger. Informationskompetenz steigert die Attraktivität der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt.
Lernziele des IK-Seminars bilden hierbei das Erkennen des Informationsbedarfes und die fundierte Quellenkritik: die Entwicklung des kritischen Urteilsvermögens beim Suchen und Finden für das nachfolgende Bewerten und Verwenden von Informationen. Ein weiteres Lernziel ist die Entwicklung des Verständnisses für Informationskompetenz als Unterstützungsprozess der gesamten wissenschaftlichen Wertschöpfungskette.
Der Weinberg Report „Science, Government, and Information“ hatte bereits 1963 gefordert, dass in jedem Forscherteam neben den Forschern (research scientists) auch information scientists mitarbeiten müssen, die dafür sorgen, dass geprüfte Informationen umfassend zur Verfügung stehen und in geeigneter Weise dokumentiert und verbreitet werden.
Richtig der Informationsspezialist wird Informationsdienstleister und Partner der Forscher auf Augenhöhe sein: er stärkt dessen individuell erworbene Informationskompetenz auf fachlich exzellentem Niveau und sichert damit die Qualität des wissenschaftlichen Arbeitens.
Welche Rolle spielt Competitive Intelligence in Ihrer Lehre?
In meinem CI-Kurs betrachten wir die Definition, die Bedeutung und die Elemente der Competitive Intelligence (CI) sowie ihre Hauptanwendungen in Firmen, speziell von FIZ Karlsruhe. Welche Rolle spielen Patent- und Forschungs- und Wirtschaftsinformation bei Fragen der CI? Wie groß ist der CI-Markt und welches sind die Zielgruppen? Wie sehen deren Anforderungen an Inhalte und Form der Informationsangebote aus?
Ziel des Kurses ist in Gruppenarbeit durch eine Branchenstrukturanalyse nach dem Fünf-Kräfte-Modell von Porter ein Bild der Marktakteure (Anbieter, Mittler, Abnehmer, Zielgruppen etc.) sowie des Marktumfeldes und Trends im Bereich der CI von FIZ Karlsruhe zu erhalten. Damit betreten wir Neuland.
Ein weiteres Lernziel ist deshalb die Entwicklung des Verständnisses für Informationskompetenz als Unterstützungsprozess zur Marktanalyse und der damit verbundene Erwerb von Orientierungswissen z. B. zur Informationsbranche, zur Rolle von Patent- und Forschungsinformation im Innovationsprozess, zur Praxis der Markt- und Wettbewerbsbeobachtung.
Es ist immer viel von Schnittstellen die Rede, aber in Ihrer Person verbinden sich die Interessen und Anliegen einer Informationsdienstleistungseinrichtung, die sich am Markt behaupten muss, einer Fachgesellschaft mit ihren gesellschaftspolitischen Ansprüchen und dem Transfer in die Lehre und Nachwuchsförderung.
Ich fühle mich den Anliegen des Fachbereichs Media in der Lehre und der Fach-Öffentlichkeitsarbeit langjährig verbunden. Ich unterstütze nachdrücklich die im Leitbild[3] der Hochschule genannten Aussagen kooperativen Studiengängen in der Lehre, zu Kooperationen in der FuE sowie zu genau zugeschnittenen Angeboten in der Weiterbildung[4]. Im FIZ Karlsruhe bin ich Ansprechpartner für die Entsendeeinrichtung FIZ Karlsruhe im Rahmen des Volontariats zum/r wissenschaftlichen Dokumentar/in / Information Spezialist sowie Ansprechpartner zu einem möglichen Kooperationsprojekt „Text and Data Mining Laboratory (TDMLab)“ im Bereich der Patentinformation.
Meine zukünftigen Schwerpunkte liegen beim Networking mit Studierenden und Lehrenden vor Ort und für die Berufspraxis. Als Vizepräsident der DGI verfüge ich über wertvolle Kontakte in Wissenschaft und Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Diese möchte ich zukünftig verstärkt nutzen, um die Sichtbarkeit des Fachbereichs Media in der Lehre und die Reputation in der angewandten Forschung weiter zu steigern.
Besondere Anliegen sind mir dabei die Themen Nachwuchsförderung und Know-how-Transfer zwischen Fachbereich und Wirtschaft – z. B. durch die Anbahnung von Betreuungen von Examensarbeiten und Projekten sowie von Veranstaltungen z. B. in der Berufsbildung und -findung. Als Ansprechpartner der KIBA in der DGI setze ich mich für die Sichtbarkeit informationswissenschaftlicher Kompetenzen für die Wirtschaft ein.
Besten Dank, Herr Professor Dr. Weisel und viel Erfolg bei Ihrer künftigen Lehrtätigkeit – und hoffentlich auch bei der stärkeren Verankerung der DGI an der Hochschule vor unserer Haustür.
© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
Artikel in diesem Heft
- Frontmatter
- Frontmatter
- Informationskompetenz
- Hands on – Tools für aktivierende Methoden in Informationskompetenz-Schulungen
- Mensch-Maschine-Kommunikation
- Warum sprechen Menschen mit Maschinen?
- Digitalisierung
- „Good Bot, Bad Bot“?
- Szientometrie
- Eine „autoritative“ Datenbank auf dem Prüfstand: Der Social Sciences Citation Index (SSCI) und seine Datenqualität
- Wissensmanagement
- Wie verbessern Wissensmanagement und Open Data die Arzneimittelentwicklung und ‑zulassung?
- Newcomer Corner
- Charakteristika nationaler Forschungsbedingungen
- Personalien
- Dr. Peter Müller-Bader †
- Tagungsbericht
- Aspekte des Nutzerverhaltens und technisch-strukturelle Faktoren von Informationsmärkten
- ‘Fake news’ und die ganze Bandbreite des Informationsfeldes
- Aus der DGI
- Buchbesprechungen
- Informationen
- Nachrichten
- Terminkalender
Artikel in diesem Heft
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- Hands on – Tools für aktivierende Methoden in Informationskompetenz-Schulungen
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