Startseite Geschichte NS-Aufarbeitung im Zeichen „nüchterner“ Sachlichkeit?
Artikel Öffentlich zugänglich

NS-Aufarbeitung im Zeichen „nüchterner“ Sachlichkeit?

Wissenschaftliche Praxis und Wissensproduktion am Institut für Zeitgeschichte 1949 bis 1989. Ein neues Projekt an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
  • Klaus Große Kracht und Niklas Lenhard-Schramm
Veröffentlicht/Copyright: 1. April 2025
Veröffentlichen auch Sie bei De Gruyter Brill

I. Ein Institut und seine Geschichte

Im November 2024 feierte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) sein fünfundsiebzigjähriges Be­ste­hen. Eine Online-Zeitreise in die Geschichte des Instituts sowie ein Sammelband zu den frü­hen Forschungsaktivitäten am IfZ flankierten die Feierlichkeiten.[1] Der von zwei Instituts­mit­ar­bei­tern herausgegebene Band korrigiert das lang gehegte Selbstverständnis des Münchner Insti­tuts als einer Forschungseinrichtung, die rein nach dem wissenschaftlichen Ethos „nüchterner“ Sachlichkeit durch die Untiefen der deutschen Aufarbeitungsgeschichte der NS-Diktatur na­vi­giert habe.[2] Martin Broszat, der langjährige Direktor des Instituts, sprach bekanntermaßen von der „heilige[n] Nüchternheit“ des Wissenschaftlers und unterschied diese von der angeblich „my­thi­schen Erinnerung“ der Opfer.[3] Auch wenn die Arbeiten des IfZ erheblich zur Im­ple­mentierung der Zeitgeschichte mit ihren spezifischen Qualitätsstandards in der Bundesrepublik beitrugen, so waren doch bereits seit längerer Zeit Zweifel an diesem Selbstbild aufgekommen, insbesondere mit Blick auf den Umgang des IfZ mit wissenschaftlichen Deutungskonkurrenten, nicht zuletzt jüdischer Herkunft, sowie mit Blick auf die frühen Kontakte von Mitarbeitern des Instituts zum Bundesnachrichtendienst.[4]

Trotz einiger Tiefbohrungen in die Institutsvergangenheit steht eine systematische Re­kon­struk­tion der historischen Wissensproduktion und -zirkulation am IfZ im diachronen Längsschnitt über die ersten Jahrzehnte der Institutsgeschichte noch aus. Dieser Aufgabe nimmt sich nun ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft teilfinanziertes Projekt an der Forschungsstelle für Zeit­geschichte in Hamburg an.[5]

II. Zum Projektdesign: Wissenschaftspraktiken und die Produktion historischen Wissens

Das Projekt zielt auf eine Geschichte des am IfZ erarbeiteten historischen Wissens in den ersten vier Jahrzehnten seines Bestehens zwischen 1949 und 1989. Als die ersten Institutsmitarbeiter ihre Arbeit aufnahmen, standen ihnen kaum mehr als ihre eigenen Erfahrungen während der NS-Zeit, die Dokumente der Nürnberger Prozesse sowie einige Spruchkammerakten zur Ver­fü­gung. Doch schon bald traten Gerichte, Behörden und Privatpersonen an das neue Institut heran und baten um historische Gutachten bei Wiedergutmachungsfragen und der Klärung in­dividueller NS-Belastungen.[6] Die Geschichte des IfZ ist insofern immer auch eine Geschichte der Praktiken und Prozesse, in denen historisches Wissen gesammelt, geprüft und hergestellt wurde und wird. Dem Forschungsprojekt liegt daher ein weiter wissenshistorischer be­zie­hungs­weise wissenssoziologischer Ansatz zugrunde: Historisches Wissen wird demnach als Produkt sozialer Praktiken und Kommunikationsprozesse verstanden, bei denen die Eigenlogiken der jeweiligen Institutionen, Gruppen und Individuen, die historiografische Entwicklung im wis­sen­schaftlichen Feld sowie die breiteren Kontexte der Wissensgenerierung und -rezeption in­ner­halb der Geschichtskultur zusammenwirken. In diesem Sinne setzt sich das Projekt zum Ziel, die am IfZ geleistete Forschung als mehrdimensionale „Produktion und Zirkulation von Wissen“ über die nationalsozialistische Vergangenheit zu untersuchen.[7] Es wird danach gefragt, welche Konturen und Spezifika die im IfZ betriebene Wissensproduktion aufwies und welche wissenschaftsgeschichtlichen wie geschichtskulturellen Effekte durch die Arbeiten des IfZ ausgelöst wurden. Drei Dimensionen stehen dabei im Fokus: Die forschende und kom­mu­ni­kative Praxis der IfZ-Historikerinnen und -Historiker untereinander, das wissenschaftliche Publizieren inklusive der nach außen kommunizierten Selbstdarstellung des Instituts sowie schließlich die wissensgeschichtlichen Austausch- und Zirkulationsprozesse mit anderen na­tio­na­len und internationalen Akteuren der NS-Forschung und -Aufarbeitung. Verdichteten sich die­se Dimensionen möglicherweise sogar zu einem eigenen „Denkstil“, der das „Denkkol­lek­tiv“ IfZ von anderen Akteuren der NS-Aufarbeitung unterschied?[8]

Das Forschungsprojekt zielt somit auf eine Geschichte des IfZ als Großlabor geschichts­wis­sen­­schaft­licher NS-Aufarbeitung in den ersten vier Jahrzehnten seiner Existenz, von den An­fän­gen 1949 bis zum Tod Martin Broszats im Oktober 1989. Die Institutsgeschichte wird dabei auf meh­re­ren Ebenen in den Blick ge­nom­men – angefangen bei der Leitungsebene von Ku­ra­to­ri­um/Stif­tungsrat und Direktion, über den in­ter­n-organisatorischen Aufbau des Instituts (Forschungs­schwer­punkte, Sammlungs- und Publikationstätigkeit, einschließlich der Vierteljahrshefte für Zeit­geschichte) bis hin zu den Tä­tig­keitsbereichen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Schwerpunkt der Analyse wird jeweils auf den zentralen Praktiken der Wissensproduktion und -zirkulation liegen: dem Sammeln, Prüfen, Deuten, aber auch dem Kommunizieren und Durchsetzen dessen, was man als wahr und richtig erkannt zu haben meinte. Interne Konflikte zwischen Beirat und Institutsleitung sowie zwischen Direktion und Belegschaft sollen da­­bei genauso untersucht werden wie biografische Vorprägungen, ge­ne­rationelle Lagen und Hier­archien zwischen den Geschlechtern. Die zentrale Quel­len­grund­lage des Projekts stellt das Haus­archiv des IfZ dar, das eine umfassende Rekonstruktion der in­sti­tuts­internen Ent­wick­lung er­möglicht; zudem sollen Nachlässe und Verlagsarchive heran­ge­zogen werden, ergänzt um In­ter­views mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des IfZ.

III. Teilprojekte

Teilprojekt 1: Zeithistorische Wissensproduktion in der frühen Bundesrepublik. Das Institut für Zeitgeschichte in München in der Aufbau- und Konsolidierungsphase 1949 bis 1972

Als das Institut im Mai 1949 seine Arbeit aufnahm, herrschte Ungewissheit. Weder war die Finanzierung dauerhaft gesichert, noch standen Aufbau und Ausrichtung des Instituts eindeutig fest. Die Vorstellungen bewegten sich zwischen einer bloßen Dokumentensammelstelle, einer volkspädagogischen Aufklärungsanstalt bis zu einer zeithistorischen Forschungseinrich­tung. Da die Anfänge des Instituts unter dem CSU-Politiker Gerhard Kroll (1949–1951) bereits recht gut erforscht sind,[9] konzentriert sich das Teilprojekt auf die Zeit unter den Institutsleitern Her­mann Mau (1951/52), Paul Kluke (1953–1959) und Helmut Krausnick (1959–1972). In dieser Pha­se konsolidierte sich das Institut als wissenschaftliche Einrichtung, erhielt 1952 den of­fi­ziel­len Namen Institut für Zeitgeschichte und fand 1961 schließlich seine dauerhafte Rechts­form als öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Trotz aller Veränderungen blieb das IfZ bei seiner Arbeit zunächst vor allem auf den Staat ausgerichtet. Wie dies die konkrete For­schungs­praxis am Institut prägte und wie das IfZ die verschiedenen geschichtspolitischen und wissen­schaft­lichen Erwartungen der 1950er und 1960er Jahre handhabte, ist eine der Kern­fra­gen des Teil­projekts.

Mit dem Umzug in die Leonrodstraße und dem Amtsantritt Martin Broszats 1972 war die Auf­bau- und Konsolidierungsphase des IfZ im Grunde abgeschlossen. Vor diesem Hinter­grund be­leuch­tet das Teilprojekt, wie das IfZ zu einer führenden Forschungsein­rich­tung avancierte, na­ment­lich bei der Produktion und Verbreitung von Wissen über den Na­tio­nal­sozialismus. Im Mit­telpunkt stehen hier zum einen die verschiedenen, oft improvisierten An­sätze und Wege der In­for­mationsgewinnung – etwa durch Zeugenbefragungen[10] oder Dokumen­tenankäufe –, zum an­deren die Verarbeitung und Auswertung dieser Informationen. Be­son­dere Aufmerksamkeit gilt den weltanschaulichen wie wissenschaftlichen Prägungen der For­schenden, die oft un­ter­schied­liche lebensgeschichtliche Hintergründe hat­ten – zum Teil (wie Helmut Krausnick und Mar­tin Broszat) belastet durch NSDAP-Mit­glied­schaften. Von Interesse ist in diesem Zu­sam­men­hang, inwieweit sich ein spezifischer Deu­tungs- und „Denkstil“ bei der zeithistorischen Er­kenntnisproduktion am IfZ herausbildete. Dar­über hinaus geht das Projekt der Frage nach, wie und mit welchem Erfolg die Forschenden am IfZ ihre Arbeitsergebnisse in Politik, Ge­sell­schaft und Wissenschaft trugen (etwa durch Gut­achten, Publikationen oder Vorträge) und zu wel­chen Konkurrenzen und Kooperationen es da­bei kam. Dies umfasst auch den ambivalenten Um­gang mit den Verfolgten des NS-Regimes und mit der frühen (internationalen) Holocaust-For­schung.

Eine Untersuchung dieser Fragen erscheint aufschlussreich, weil das IfZ eine zeithistorische Vorreiterrolle einnahm: Viele der Interpretationsansätze, welche die (deutsche) NS-Forschung prägten, wurden am IfZ entwickelt; dadurch entstanden historiografische Pfadabhängigkeiten. Dies betrifft zum Beispiel die funktionalistische Interpretation des NS-Herrschaftssystems, die jüngere Mitarbeiter wie Hans Mommsen und Martin Broszat ab den frühen 1960er Jahren entwickelten und die später konkreten Forschungsprojekten zu­grun­de lag. Gleichzeitig veränderte sich aber auch der gesamtgesellschaftliche Umgang mit der NS-Vergangenheit. Daher richtet sich das Erkenntnisinteresse in besonderem Maße auf die Wechselwirkungen, die sich zwischen den Beiträgen des IfZ, dessen Arbeit und der wissenschaftlichen wie gesell­schaft­lichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus insgesamt ergaben.

Teilprojekt 2: Die Produktion historischen Wissens am Institut für Zeitgeschichte während der Leitung durch Martin Broszat 1972 bis 1989

Die 1970er und 1980er Jahre sind die Zeit, in der das IfZ einen erheblichen Ausbau erfuhr – augenfällig mit dem Bezug des neuen Institutsgebäudes in der Leonrodstraße 1972. Die Leitung des Instituts wechselte im gleichen Jahr vom „eher konservativen ‚Gelehrtentypus‘ Kraus­nick“ zum „dynamische[n], vor Ideen sprudelnde[n], auf Expansion setzende[n] ‚Bo­hème-Typus‘ Broszat“.[11] Es wird untersucht, ob und wie sich dieser Habituswandel im kon­kre­ten Institutsalltag niederschlug. Unter Broszats Leitung hat das IfZ neue For­schungsthemen für die Zeit nach 1945 erschlossen und zugleich methodisch-re­flexiv in die zeitgeschichtliche Forschung hineingewirkt. Stand das IfZ zuvor wesentlich für konkrete empirische Detail­for­schung, machte Broszat auch programmatisch von sich reden. Bekanntlich galt er als einer der wich­tigsten Wortführer des strukturalistischen oder funk­tionalistischen Ansatzes, der die zer­stö­rerische Gewaltgeschichte der NS-Herrschaft weniger aus den ideologischen Antrieben der NS-Führungsriege ableitete als vielmehr aus den internen Eskalationsdynamiken des Sys­tems.[12] Dieser stärker sozial- und bürokratiegeschichtlich aus­gerichtete Ansatz lief allerdings Gefahr, die konkrete Verantwortung Einzelner im Sinne einer reinen „Mitläufer-Erzählung“ zu minimieren.[13]

Der strukturgeschichtliche Ansatz stand ge­dank­lich im engen Zusammenhang mit Broszats Mit­te der 1980er Jahre artikuliertem Plädoyer für eine „Historisierung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“, mit dem er die zwölf Jahre des Dritten Reichs in übergreifende historische Tendenzen des 20. Jahrhunderts einzubetten versuchte.[14] Er reihte sich damit einerseits in breitere his­to­rio­gra­fische Kontexte der deutschen Geschichtswissenschaft der 1980er Jahre ein (So­zial­ge­schich­te, Alltagsgeschichte). Anderseits konnte sein Ansatz aber auch als ein Plädoyer für eine Nor­malisierung der NS-Zeit in geschichtskultureller Hinsicht gelesen werden – so zu­min­dest hat­te es Ernst Nolte im sogenannten Historikerstreit verstanden.[15] Hier zeigt sich eine Deu­tungs­offenheit in den Ideen Broszats, deren wissenschaftliche wie geschichtskulturelle Wir­kun­gen es zu untersuchen gilt. Der Einschnitt von 1972 sollte aber auch nicht überschätzt wer­den, denn die ersten programmatischen Schritte in Richtung des funktio­na­listischen Deu­tungs­an­satzes erfolgten bereits in den 1960er Jahren, und auch im Institut und seiner Umgebung be­standen konkurrierende Deutungsansätze durchaus weiter.

Kennzeichnend für diese Phase der Institutsgeschichte waren Großprojekte wie die Re­kon­struktion der „Akten der Parteikanzlei“ (1970–1992) oder das Projekt „Widerstand und Ver­fol­gung in Bayern 1933 bis 1945“ (1971–1983), die Modelle kooperativer Wis­sensproduktion er­probten – sowohl im Institut als auch mit externen Partnern, zu denen nicht zuletzt Archive ge­hörten. Dadurch wurden aber auch intellektuelle Kapazitäten gebunden, was zum Teil zu per­sön­li­chen Spannungen führte.[16] Gleichwohl entwickelte sich das IfZ unter Broszats Führung zu ei­ner Kaderschmiede besonderer Art, aus der bedeutende Zeithistoriker hervorgingen; zu nen­nen sind etwa Wolfgang Benz, Norbert Frei und Klaus-Dietmar Henke. Das In­stitut wirkte zudem über populäre Buchreihen auch in die breite Öffentlichkeit. Der inneren Dy­namik, aber auch den Spannungen des „Denkkollektivs“ in der Ära Broszat genauer nach­zu­gehen, ist Gegenstand des zweiten Teilprojekts.

Ziel und Trägerschaft: Das zunächst auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt soll mit zwei Monografien ab­ge­schlos­sen werden, die thematisch wie auch in der Anlage eng aufeinander abgestimmt sind. Trä­gerin des Projekts ist die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Es verbindet die dor­tigen Forschungsthemen Wissensgeschichte und Nachgeschichte des National­so­zialis­mus.[17]

Online erschienen: 2025-04-01
Erschienen im Druck: 2025-03-04

© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Heruntergeladen am 28.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/vfzg-2025-0016/html
Button zum nach oben scrollen