NS-Aufarbeitung im Zeichen „nüchterner“ Sachlichkeit?
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Klaus Große Kracht
und Niklas Lenhard-Schramm
I. Ein Institut und seine Geschichte
Im November 2024 feierte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen. Eine Online-Zeitreise in die Geschichte des Instituts sowie ein Sammelband zu den frühen Forschungsaktivitäten am IfZ flankierten die Feierlichkeiten.[1] Der von zwei Institutsmitarbeitern herausgegebene Band korrigiert das lang gehegte Selbstverständnis des Münchner Instituts als einer Forschungseinrichtung, die rein nach dem wissenschaftlichen Ethos „nüchterner“ Sachlichkeit durch die Untiefen der deutschen Aufarbeitungsgeschichte der NS-Diktatur navigiert habe.[2] Martin Broszat, der langjährige Direktor des Instituts, sprach bekanntermaßen von der „heilige[n] Nüchternheit“ des Wissenschaftlers und unterschied diese von der angeblich „mythischen Erinnerung“ der Opfer.[3] Auch wenn die Arbeiten des IfZ erheblich zur Implementierung der Zeitgeschichte mit ihren spezifischen Qualitätsstandards in der Bundesrepublik beitrugen, so waren doch bereits seit längerer Zeit Zweifel an diesem Selbstbild aufgekommen, insbesondere mit Blick auf den Umgang des IfZ mit wissenschaftlichen Deutungskonkurrenten, nicht zuletzt jüdischer Herkunft, sowie mit Blick auf die frühen Kontakte von Mitarbeitern des Instituts zum Bundesnachrichtendienst.[4]
Trotz einiger Tiefbohrungen in die Institutsvergangenheit steht eine systematische Rekonstruktion der historischen Wissensproduktion und -zirkulation am IfZ im diachronen Längsschnitt über die ersten Jahrzehnte der Institutsgeschichte noch aus. Dieser Aufgabe nimmt sich nun ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft teilfinanziertes Projekt an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg an.[5]
II. Zum Projektdesign: Wissenschaftspraktiken und die Produktion historischen Wissens
Das Projekt zielt auf eine Geschichte des am IfZ erarbeiteten historischen Wissens in den ersten vier Jahrzehnten seines Bestehens zwischen 1949 und 1989. Als die ersten Institutsmitarbeiter ihre Arbeit aufnahmen, standen ihnen kaum mehr als ihre eigenen Erfahrungen während der NS-Zeit, die Dokumente der Nürnberger Prozesse sowie einige Spruchkammerakten zur Verfügung. Doch schon bald traten Gerichte, Behörden und Privatpersonen an das neue Institut heran und baten um historische Gutachten bei Wiedergutmachungsfragen und der Klärung individueller NS-Belastungen.[6] Die Geschichte des IfZ ist insofern immer auch eine Geschichte der Praktiken und Prozesse, in denen historisches Wissen gesammelt, geprüft und hergestellt wurde und wird. Dem Forschungsprojekt liegt daher ein weiter wissenshistorischer beziehungsweise wissenssoziologischer Ansatz zugrunde: Historisches Wissen wird demnach als Produkt sozialer Praktiken und Kommunikationsprozesse verstanden, bei denen die Eigenlogiken der jeweiligen Institutionen, Gruppen und Individuen, die historiografische Entwicklung im wissenschaftlichen Feld sowie die breiteren Kontexte der Wissensgenerierung und -rezeption innerhalb der Geschichtskultur zusammenwirken. In diesem Sinne setzt sich das Projekt zum Ziel, die am IfZ geleistete Forschung als mehrdimensionale „Produktion und Zirkulation von Wissen“ über die nationalsozialistische Vergangenheit zu untersuchen.[7] Es wird danach gefragt, welche Konturen und Spezifika die im IfZ betriebene Wissensproduktion aufwies und welche wissenschaftsgeschichtlichen wie geschichtskulturellen Effekte durch die Arbeiten des IfZ ausgelöst wurden. Drei Dimensionen stehen dabei im Fokus: Die forschende und kommunikative Praxis der IfZ-Historikerinnen und -Historiker untereinander, das wissenschaftliche Publizieren inklusive der nach außen kommunizierten Selbstdarstellung des Instituts sowie schließlich die wissensgeschichtlichen Austausch- und Zirkulationsprozesse mit anderen nationalen und internationalen Akteuren der NS-Forschung und -Aufarbeitung. Verdichteten sich diese Dimensionen möglicherweise sogar zu einem eigenen „Denkstil“, der das „Denkkollektiv“ IfZ von anderen Akteuren der NS-Aufarbeitung unterschied?[8]
Das Forschungsprojekt zielt somit auf eine Geschichte des IfZ als Großlabor geschichtswissenschaftlicher NS-Aufarbeitung in den ersten vier Jahrzehnten seiner Existenz, von den Anfängen 1949 bis zum Tod Martin Broszats im Oktober 1989. Die Institutsgeschichte wird dabei auf mehreren Ebenen in den Blick genommen – angefangen bei der Leitungsebene von Kuratorium/Stiftungsrat und Direktion, über den intern-organisatorischen Aufbau des Instituts (Forschungsschwerpunkte, Sammlungs- und Publikationstätigkeit, einschließlich der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte) bis hin zu den Tätigkeitsbereichen einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Schwerpunkt der Analyse wird jeweils auf den zentralen Praktiken der Wissensproduktion und -zirkulation liegen: dem Sammeln, Prüfen, Deuten, aber auch dem Kommunizieren und Durchsetzen dessen, was man als wahr und richtig erkannt zu haben meinte. Interne Konflikte zwischen Beirat und Institutsleitung sowie zwischen Direktion und Belegschaft sollen dabei genauso untersucht werden wie biografische Vorprägungen, generationelle Lagen und Hierarchien zwischen den Geschlechtern. Die zentrale Quellengrundlage des Projekts stellt das Hausarchiv des IfZ dar, das eine umfassende Rekonstruktion der institutsinternen Entwicklung ermöglicht; zudem sollen Nachlässe und Verlagsarchive herangezogen werden, ergänzt um Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des IfZ.
III. Teilprojekte
Teilprojekt 1: Zeithistorische Wissensproduktion in der frühen Bundesrepublik. Das Institut für Zeitgeschichte in München in der Aufbau- und Konsolidierungsphase 1949 bis 1972
Als das Institut im Mai 1949 seine Arbeit aufnahm, herrschte Ungewissheit. Weder war die Finanzierung dauerhaft gesichert, noch standen Aufbau und Ausrichtung des Instituts eindeutig fest. Die Vorstellungen bewegten sich zwischen einer bloßen Dokumentensammelstelle, einer volkspädagogischen Aufklärungsanstalt bis zu einer zeithistorischen Forschungseinrichtung. Da die Anfänge des Instituts unter dem CSU-Politiker Gerhard Kroll (1949–1951) bereits recht gut erforscht sind,[9] konzentriert sich das Teilprojekt auf die Zeit unter den Institutsleitern Hermann Mau (1951/52), Paul Kluke (1953–1959) und Helmut Krausnick (1959–1972). In dieser Phase konsolidierte sich das Institut als wissenschaftliche Einrichtung, erhielt 1952 den offiziellen Namen Institut für Zeitgeschichte und fand 1961 schließlich seine dauerhafte Rechtsform als öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Trotz aller Veränderungen blieb das IfZ bei seiner Arbeit zunächst vor allem auf den Staat ausgerichtet. Wie dies die konkrete Forschungspraxis am Institut prägte und wie das IfZ die verschiedenen geschichtspolitischen und wissenschaftlichen Erwartungen der 1950er und 1960er Jahre handhabte, ist eine der Kernfragen des Teilprojekts.
Mit dem Umzug in die Leonrodstraße und dem Amtsantritt Martin Broszats 1972 war die Aufbau- und Konsolidierungsphase des IfZ im Grunde abgeschlossen. Vor diesem Hintergrund beleuchtet das Teilprojekt, wie das IfZ zu einer führenden Forschungseinrichtung avancierte, namentlich bei der Produktion und Verbreitung von Wissen über den Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt stehen hier zum einen die verschiedenen, oft improvisierten Ansätze und Wege der Informationsgewinnung – etwa durch Zeugenbefragungen[10] oder Dokumentenankäufe –, zum anderen die Verarbeitung und Auswertung dieser Informationen. Besondere Aufmerksamkeit gilt den weltanschaulichen wie wissenschaftlichen Prägungen der Forschenden, die oft unterschiedliche lebensgeschichtliche Hintergründe hatten – zum Teil (wie Helmut Krausnick und Martin Broszat) belastet durch NSDAP-Mitgliedschaften. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, inwieweit sich ein spezifischer Deutungs- und „Denkstil“ bei der zeithistorischen Erkenntnisproduktion am IfZ herausbildete. Darüber hinaus geht das Projekt der Frage nach, wie und mit welchem Erfolg die Forschenden am IfZ ihre Arbeitsergebnisse in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft trugen (etwa durch Gutachten, Publikationen oder Vorträge) und zu welchen Konkurrenzen und Kooperationen es dabei kam. Dies umfasst auch den ambivalenten Umgang mit den Verfolgten des NS-Regimes und mit der frühen (internationalen) Holocaust-Forschung.
Eine Untersuchung dieser Fragen erscheint aufschlussreich, weil das IfZ eine zeithistorische Vorreiterrolle einnahm: Viele der Interpretationsansätze, welche die (deutsche) NS-Forschung prägten, wurden am IfZ entwickelt; dadurch entstanden historiografische Pfadabhängigkeiten. Dies betrifft zum Beispiel die funktionalistische Interpretation des NS-Herrschaftssystems, die jüngere Mitarbeiter wie Hans Mommsen und Martin Broszat ab den frühen 1960er Jahren entwickelten und die später konkreten Forschungsprojekten zugrunde lag. Gleichzeitig veränderte sich aber auch der gesamtgesellschaftliche Umgang mit der NS-Vergangenheit. Daher richtet sich das Erkenntnisinteresse in besonderem Maße auf die Wechselwirkungen, die sich zwischen den Beiträgen des IfZ, dessen Arbeit und der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus insgesamt ergaben.
Teilprojekt 2: Die Produktion historischen Wissens am Institut für Zeitgeschichte während der Leitung durch Martin Broszat 1972 bis 1989
Die 1970er und 1980er Jahre sind die Zeit, in der das IfZ einen erheblichen Ausbau erfuhr – augenfällig mit dem Bezug des neuen Institutsgebäudes in der Leonrodstraße 1972. Die Leitung des Instituts wechselte im gleichen Jahr vom „eher konservativen ‚Gelehrtentypus‘ Krausnick“ zum „dynamische[n], vor Ideen sprudelnde[n], auf Expansion setzende[n] ‚Bohème-Typus‘ Broszat“.[11] Es wird untersucht, ob und wie sich dieser Habituswandel im konkreten Institutsalltag niederschlug. Unter Broszats Leitung hat das IfZ neue Forschungsthemen für die Zeit nach 1945 erschlossen und zugleich methodisch-reflexiv in die zeitgeschichtliche Forschung hineingewirkt. Stand das IfZ zuvor wesentlich für konkrete empirische Detailforschung, machte Broszat auch programmatisch von sich reden. Bekanntlich galt er als einer der wichtigsten Wortführer des strukturalistischen oder funktionalistischen Ansatzes, der die zerstörerische Gewaltgeschichte der NS-Herrschaft weniger aus den ideologischen Antrieben der NS-Führungsriege ableitete als vielmehr aus den internen Eskalationsdynamiken des Systems.[12] Dieser stärker sozial- und bürokratiegeschichtlich ausgerichtete Ansatz lief allerdings Gefahr, die konkrete Verantwortung Einzelner im Sinne einer reinen „Mitläufer-Erzählung“ zu minimieren.[13]
Der strukturgeschichtliche Ansatz stand gedanklich im engen Zusammenhang mit Broszats Mitte der 1980er Jahre artikuliertem Plädoyer für eine „Historisierung des Nationalsozialismus“, mit dem er die zwölf Jahre des Dritten Reichs in übergreifende historische Tendenzen des 20. Jahrhunderts einzubetten versuchte.[14] Er reihte sich damit einerseits in breitere historiografische Kontexte der deutschen Geschichtswissenschaft der 1980er Jahre ein (Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte). Anderseits konnte sein Ansatz aber auch als ein Plädoyer für eine Normalisierung der NS-Zeit in geschichtskultureller Hinsicht gelesen werden – so zumindest hatte es Ernst Nolte im sogenannten Historikerstreit verstanden.[15] Hier zeigt sich eine Deutungsoffenheit in den Ideen Broszats, deren wissenschaftliche wie geschichtskulturelle Wirkungen es zu untersuchen gilt. Der Einschnitt von 1972 sollte aber auch nicht überschätzt werden, denn die ersten programmatischen Schritte in Richtung des funktionalistischen Deutungsansatzes erfolgten bereits in den 1960er Jahren, und auch im Institut und seiner Umgebung bestanden konkurrierende Deutungsansätze durchaus weiter.
Kennzeichnend für diese Phase der Institutsgeschichte waren Großprojekte wie die Rekonstruktion der „Akten der Parteikanzlei“ (1970–1992) oder das Projekt „Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933 bis 1945“ (1971–1983), die Modelle kooperativer Wissensproduktion erprobten – sowohl im Institut als auch mit externen Partnern, zu denen nicht zuletzt Archive gehörten. Dadurch wurden aber auch intellektuelle Kapazitäten gebunden, was zum Teil zu persönlichen Spannungen führte.[16] Gleichwohl entwickelte sich das IfZ unter Broszats Führung zu einer Kaderschmiede besonderer Art, aus der bedeutende Zeithistoriker hervorgingen; zu nennen sind etwa Wolfgang Benz, Norbert Frei und Klaus-Dietmar Henke. Das Institut wirkte zudem über populäre Buchreihen auch in die breite Öffentlichkeit. Der inneren Dynamik, aber auch den Spannungen des „Denkkollektivs“ in der Ära Broszat genauer nachzugehen, ist Gegenstand des zweiten Teilprojekts.
Ziel und Trägerschaft: Das zunächst auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt soll mit zwei Monografien abgeschlossen werden, die thematisch wie auch in der Anlage eng aufeinander abgestimmt sind. Trägerin des Projekts ist die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Es verbindet die dortigen Forschungsthemen Wissensgeschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus.[17]
© 2025 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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