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Michail Logvinov: Das Radikalisierungsparadigma. Eine analytische Sackgasse der Terrorismusbekämpfung? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2018

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Veröffentlicht/Copyright: 9. September 2018

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Logvinov Michail Das Radikalisierungsparadigma. Eine analytische Sackgasse der Terrorismusbekämpfung? VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2018


Michail Logvinovs Essay – bei 44 Seiten fällt es schwer, von einem Buch zu sprechen – fordert nichts weniger als einen neuen beziehungsweise die Rückkehr zu einem multifaktoriellen Ansatz in der Terrorismusforschung. Der Autor attestiert, dass sich die Erforschung des Phänomens seit 9/11 auf einem Irrweg befinde und der Ideologie der Täter eine unangemessen hohe Bedeutung zugeschrieben werde, während weitere soziopolitische Faktoren in den Hintergrund getreten seien. „[Ü]ber Ursachen des Terrorismus zu diskutieren, war angesichts des erlittenen Traumas unangebracht. […] Terroristen mutierten in der öffentlichen Meinung zu Wahnsinnigen und der Terrorismus zur Manifestation des grundlos Bösen.“ (S. 4) Auch die Forschungsgemeinde habe in der Folge immer mehr versucht, den Terrorismus über das Verstehen der Handelnden anstatt über die politischen Zusammenhänge zu erklären: „Ende 2005 wurde das Radikalisierungsparadigma endgültig zum ‚heiligen Gral‘ der Terrorismusbekämpfung“ (S. 4). Politische und ökonomische Analysen seien dabei immer mehr in den Hintergrund getreten und der Salafismus als Durchlauferhitzer des radikalen Islamismus ausgemacht worden. Logvinov spricht zugespitzt von einer „Salafisierung des islamischen Terrorismus“ (S. 6), die in Wahrheit ein „analytisches Placebo“ (33) darstelle.

Die Schwäche dieses Paradigmas sei spätestens mit dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 deutlich geworden. Bei den Untersuchungen zeigte sich, dass der unter Beobachtung stehende Täter Anis Amri seitens der Sicherheitsbehörden als ungefährlich eingestuft worden war, da in den Monaten vor der Tat sein „religiöses Verhalten“ (S. 6) in den Hintergrund getreten sei und er immer seltener seine Moscheegemeinde besucht habe. Diesen ganz offensichtlichen Fehleinschätzungen stellt Longvinov die Erkenntnis gegenüber, dass sich schon länger ein neuer Typus des Dschihadisten herausgebildet hat. Zeichneten sich diese zuvor durch ein offensives Zurschaustellen ihrer (neuen) religiösen Überzeugungen aus, seien sie nun eher als introvertiert und konspirativ zu beschreiben.

Der Autor spricht sich gegen ein einfaches Verständnis von Radikalität aus. Unterschieden werden müsse zwischen ideologischer und konativer (tatsächlicher) Radikalität sowie die Frage gestellt werden, ob sich eine konative Radikalität „ad extra“ (auf Aktionen im Ausland – Ausreise zum IS usw.) und/oder „ad intra“ (als homegrown terrorism) zeige. Die Erforschung des Phänomens Radikalisierung mit seinen verschiedenen Facetten sei allerdings einer „Versicherheitlichung“ (S. 7) zum Opfer gefallen, die den Blick in erster Linie auf die Relevanz der Terrorismusbekämpfung gelenkt habe: „Über den Radikalisierungsbegriff fand in der Terrorismusforschung eine Verzahnung des religiösen Fundamentalismus bzw. Radikalismus mit politischer Gewalt statt. […] obwohl Gewalt bekanntlich nur ein Modus Operandi radikaler Subgruppen darstellt und in der Regel aus komplexen Interaktionen zwischen Innen- und Außenwelt resultiert.“ (S. 8)

Dabei richtet sich Logvinovs Hauptkritik zu Recht auf ein naiv-lineares Verständnis der Radikalisierungsprozesse, wonach die „Entwicklung radikaler Ideen […] mit einer emotionalen Diskussion unter Freunden“ (S. 12) beginne. Auffällig sei vielmehr, dass sich sowohl Salafisten als auch Terroristen/Dschihadisten derselben Erinnerungsfiguren aus dem islamischen kulturellen Gedächtnis bedienten. Diese spiegelten also verwandte, aber nicht deckungsgleiche Spielarten des Islam. „Der zeitgenössische Dschihadismus nimmt Bezug auf ein spezifisches kulturelles und religiöses Ideengut, mobilisiert und transformiert den tradierten Wissensvorrat; er befindet sich somit im Kampf um Deutungshoheit sowie um Köpfe und Herzen der Muslime.“ (S. 24) Führenden Köpfen der salafistischen Bewegung werde dabei immer wieder von Vertretern des Dschihadismus vorgeworfen, faul oder feige zu sein und der prophetischen Tradition nicht wahrheitsgemäß zu folgen. In einem kurzen Rückgriff auf die frühislamische Geschichte, deren Bezüge dem Leser allerdings nur klar werden, wenn er mit der Materie näher vertraut ist, kommt Logvinov zu dem richtigen Schluss, dass der moderne Dschihadismus mehr Überschneidungen mit den historischen Kharidschiten als mit modernen Salafisten hat. Da diese Gruppe schon im frühen Islam den Ruf einer wahnsinnigen Mörderbande hatte, dient der Vorwurf des Kharidschismus seitens der traditionalen islamischen Rechtsgelehrten seit der Gründung der Muslimbruderschaft als nomen odiosum für viele Arten islamistischer Gruppierungen.

Vor diesem Hintergrund wirft der Autor die interessante Frage auf, ob der ideologisch (aber nicht konativ) radikale Salafismus als „Bollwerk“ (S. 17) gegen den aktiv-radikalen Dschihadismus verstanden werden könne. „Der ‚Nährboden‘ des Dschihadismus ist nicht der Salafismus, sondern zweierlei: die (religiös umgedeuteten) Kriege in Ländern mit muslimischer Bevölkerung und/oder der ‚Krieg gegen den Terrorismus‘ als vermeintlicher ‚Krieg gegen den Islam‘ sowie die islamischen Traditionen respektive Handlungsskripte, auf die die Dschihadisten im Rahmen ihrer mit Koranversen und Aussprüchen des Propheten unterlegten Gewalttheologie zurückgreifen.“ (S. 22)

Die aktuelle Radikalisierungsforschung, so Logvinov, sei „nicht imstande, prospektiv aufzuzeigen, unter welchen Umständen gefährdete Personen gefährlich werden.“ (S. 33) Notwendig sei ein Ansatz, der die verschiedenen Motivationen einer Radikalisierung – auch die soziopolitischen – einbeziehe: „Je zahlreicher und intensiver konfessionell gefärbte kriegerische Auseinandersetzungen bzw. die Unterdrückung der Muslime, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich radikalisierte Gruppen herausbilden.“ (31)

In weiten Teilen ist Logvinovs Argumentation schlüssig, schießt aber bisweilen über das Ziel hinaus. In seinem Bestreben, soziopolitische Betrachtungen in der Terrorismusforschung zu verteidigen, läuft er Gefahr, die ideologischen Faktoren zu marginalisieren. Zudem sind im politischen De-Radikalisierungsdiskurs vor allem soziopolitische und ökonomische Faktoren zentral und werden daher mitnichten ignoriert. Im Gegenteil: Hier wird die Ideologie ignoriert oder naiv simplifiziert („Das ist nicht der wahre Islam“). Um einen sinnvollen Ansatz zu entwickeln, müssen indes soziopolitische und ideologische Aspekte als sich gegenseitig verstärkende Faktoren begriffen werden.

Published Online: 2018-09-09
Published in Print: 2018-09-03

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Artikel in diesem Heft

  1. Titelseiten
  2. Editorial
  3. Aufsätze
  4. Novičok, die Skripal Affäre und das Chemiewaffenübereinkommen
  5. Chinas Arktis-Strategie und Europa: Gleiche Interessen, konkurrierende Politik?
  6. Deutschland strategiefähiger machen. Ein Sachverständigenrat für strategische Vorausschau ist nötig
  7. Analysen und Berichte
  8. Die Implementierung der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (PESCO) – Sachstand und weiteres Vorgehen
  9. Sadrs Spiel mit dem Feuer und die Auswirkungen auf die irakische Außenpolitik
  10. Wie gefährlich sind russische Flugkörperabwehrsysteme in Syrien für westliche Seestreitkräfte?
  11. Literaturbericht
  12. Trumps Aufkündigung des Nuklearabkommens mit dem Iran: Zustimmung und Kritik von Seiten der Think Tank Community
  13. Prospektive Politikberatung
  14. Ergebnisse strategischer Studien
  15. Die USA und die Welt
  16. Peter Rudolf: US-Geopolitik und nukleare Abschreckung in der Ära neuer Großmachtrivalitäten. Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP-Studie 6), Mai 2018
  17. John Raidt: Whither America? A Strategy for Repairing America’s Political Culture. Washington, D.C.: Atlantic Council, Dezember 2017
  18. Europäische Sicherheit und Verteidigung
  19. Sir David Omand: From Nudge to Novichok. The Response to the Skripal Nerve Agent Attack Holds Lessons for Countering Hybrid Threats. Helsinki: The European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats. April 2018
  20. Łukasz Kulesa: Envisioning a Russia-NATO Conflict. Implications for Deterrence Stability. London: European Leadership Network (Euro-Atlantic Security Report), Februar 2018
  21. Ulrich Kühn: Preventing Escalation in the Baltics: A NATO Playbook. Washington, D.C.: Carnegie Endowment for International Peace, 2018
  22. Beatrice Heuser/Tormod Heier/Guillaume Lasconjarias (Hrsg.): Military Exercises: Political Messaging and Strategic Impact. Rom: NATO Defence College, Februar 2018.
  23. Diego Ruiz Palmer: Theatre Operations, High Commands and Large-Scale Exercises in Soviet and Russian Military Practice: Insights and Implications. Rom: NATO Defence College, Fellowship Monograph 12, Mai 2018
  24. Richard Connolly/Mathieu Boulègue: Russia’s New State Armament Programme. Implications for the Russian Armed Forces and Military Capabilities to 2027. London: Royal Institute for International Affairs (Chatham House Research Paper), Mai 2018
  25. Bastian Giegerich/Christian Mölling: The United Kingdom’s Contribution to European Security and Defence. London/Berlin: IISS/DGAP, Februar 2018
  26. Ian Anthony/Carrie Weintraub: Closing Sweden’s Military Security Deficit: the National Debate on NATO Membership. Rom: NATO Defence College (Research Paper Nr. 144), März 2018
  27. Strategic Foresight
  28. Florence Gaub (editor), with contributions from Aleksandra Tor, Alice Vervaeke, Annelies Pauwels, Daniel Fiott, Julia Lisiecka, Patryk Pawlak, Roderick Parkes, Zoran Nechev and John-Joseph Wilkins: What if … Conceivable Crises: Unpredictable in 2017, Unmanageable in 2020. Paris: EUISS, Juni 2017
  29. Naher und Mittlerer Osten
  30. International Crisis Group: Iran’s Priorities in a Turbulent Middle East. Brüssel: ICG (Middle East Report N°184), April 2018
  31. International Crisis Group: Israel, Hizbollah and Iran. Preventing Another War in Syria. Brüssel: ICG (Middle East Report No 182), Februar 2018
  32. Kheder Khaddour: Back to what Future? What remains for Syria’s displaced people? Washington, D.C.: Carnegie Endowment for International Peace, Januar 2018
  33. Manuel Lafont Rapnouil: Alone in the desert? Paris: ECFR, 2018
  34. China
  35. James L. Schoff/Li Bin: A Precarious Triangle. U.S.-China Strategic Stability and Japan. Washington, D.C.: Carnegie Endowment for International Peace, November 2017
  36. Heather A. Conley: China’s Arctic Dream, Washington, D.C.: Center for Strategic & International Studies, Februar 2018
  37. Buchbesprechungen
  38. Terrorismus
  39. Thomas Hegghammer (Hrsg.): Jihadi Culture: The Art and Social Practices of Militant Islamists. Cambridge: Cambridge University Press 2017
  40. Michail Logvinov: Das Radikalisierungsparadigma. Eine analytische Sackgasse der Terrorismusbekämpfung? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2018
  41. Stefan A. Goertz: Der neue Terrorismus. Neue Akteure, neue Strategien, neue Taktiken und neue Mittel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2018
  42. Paulo Casaca / Siegfried O. Wolf (Hrsg.): Terrorism Revisited. Islamism, Political Violence and State-Sponsorship. Cham: Springer International Publishing 2017
  43. Mittlerer Osten
  44. Farhad Rezaei: Iran’s Nuclear Program. A Study in Proliferation and Rollback. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2017
  45. Arnaud Delalande: Iraqi Airpower Reborn – The Iraqi Air Arms since 2004. Houston, Texas: Harpia Publ. 2016
  46. Thomas Newdick/Ofer Zidion: Modern Israeli Airpower – Aircraft and Units of the Israeli Airforce. Houston, Texas: Harpia Publ. 2013
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