Ursachen systemischer Bankenkrisen: Erklärungsversuche, empirische Evidenz und wirtschaftspolitische Konsequenzen
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Paul-Günther Schmidt
Zusammenfassung
Angesichts der zunehmenden Häufigkeit und Schwere von Bankenkrisen in einer wachsenden Zahl von Ländern weltweit sind Sorgen über die Stabilität der nationalen Finanzsysteme in einer globalisierten Weltwirtschaft in Wissenschaft und Politik in den Vordergrund gerückt. Dabei wurde im einschlägigen Schrifttum zwar den zahlreichen möglichen Ursachen nationaler Bankenkrisen große Aufmerksamkeit gewidmet, die empirische Evidenz zugunsten konkurrierender Theorien ist jedoch schwach und die Erklärungs- und Prognosekraft der ökonomischen Modelle bleibt bislang gering. In dem vorliegenden Beitrag wird argumentiert, daß wir unser Verständnis von den Kräften, die systemische Bankenkrisen auslösen und verbreiten, beträchtlich vertiefen können, wenn wir klar zwischen drei Faktorengruppen auf ganz unterschiedlichen Ebenen unterscheiden: (1) Merkmalen der institutionellen Rahmenbedingungen, die mehr oder weniger den Grad systemischer „Fragilität“ oder „Verwundbarkeit“ eines konkreten Bankensystems prädeterminieren, (2) internen und externen Störfaktoren, die eine finanzielle „Krise“ oder „Instabilität“ in einem fragilen Bankensystem auslösen können, sofern der Schock stark genug ist, und (3) katalytischen Faktoren, die letztlich Reichweite, Schwere und Kosten einer sich entwickelnden Krise des finanziellen Sektors beeinflussen. Es wird empirische Evidenz für Lateinamerika, angelsächsische Länder, Skandinavien, Japan und Südostasien präsentiert, die dokumentiert, daß systemische Bankenkrisen in der Tat eine Vielzahl von Ursachen haben, daß sie aber nur in solchen Ländern ausbrechen, in denen die institutionellen Strukturen und Rahmenbedingungen das Finanzsystem hochgradig verwundbar machen für überraschende und hinreichend starke adverse Schocks. Aus diesen Ergebnissen werden am Ende einige wirtschaftspolitische Schlußfolgerungen für Krisenprävention, Bankenregulierung und institutionelle Reformen des Banken-, Unternehmens- und Staatssektors gezogen.
Summary
In view of the increased frequency and economic costs of banking crises in a growing number of countries around the world concerns about the stability of national financial systems in a globalized world economy have come to the forefront of academic and policy discussions. In the literature considerable attention has already been devoted to many potential causes of banking crises. However, the empirical evidence in favour of the competing theories is weak and the explanatory and predictive power of economic models remains low. The article argues that our knowledge of the forces which cause and propagate systemic banking crises can be considerably enhanced, when we clearly distinguish between three quite different groups of factors: (1) characteristics of the institutional structure which more or less predetermine what we might call systemic „fragility“ or „vulnerability“ of a specific banking system, (2) internal and external disturbing factors which may produce financial „crisis“ or „instability“ originating in fragile banking systems if the shock is sufficiently large, and (3) catalytic factors which determine the final magnitude, severity and costs of the arising financial sector crisis. Empirical evidence for Latin America, the Anglosaxon countries, Scandinavia, Japan and South-East Asia is presented which demonstrates that systemic banking crises indeed have multiple causes, but originate only in countries with institutional structures and preconditions which render their financial systems highly vulnerable to surprising and sufficiently strong adverse shocks. Finally, some policy conclusions are drawn from these results regarding crisis prevention, banking regulation, and institutional reform in the banking, corporate, and state sector, respectively.
© 2001 by Lucius & Lucius, Stuttgart
Artikel in diesem Heft
- Titelei
- Vorwort
- Inhalt
- Die Ökosteuer – eine ordnungspolitische Fehlleistung
- Die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland – eine richtige Reform in die falsche Richtung
- Konstitutionenökonomische Überlegungen zum Konzept der Wettbewerbsfreiheit
- Ex ante-Kontrolle versus ex post-Kontrolle im Recht der Wettbewerbsbeschränkungen
- Zum Freiheitsgehalt des marktwirtschaftlichen Systems
- Die Rolle der Evolution in Hayeks Konzept freiheitssichernder Regeln
- Konstitutionelle Äquivalenz und Ordnungswahl
- Der Richter als Institution einer spontanen Ordnung
- Direkte Volksrechte und die Effizienz des demokratischen Staates
- Südkorea und Rußland: Wie man Wohlstand erarbeitet oder verspielt
- Knut Wicksell: Zum Geburtstag des Begründers einer kritischen Vertragstheorie
- Die Krise der sozialen Sicherung und die Globalisierung – Politische Mythen und ordnungspolitische Wirklichkeit
- Ursachen systemischer Bankenkrisen: Erklärungsversuche, empirische Evidenz und wirtschaftspolitische Konsequenzen
- Besprechungen
- Kurzbesprechungen
- Personenregister
- Sachregister
- Anschriften der Autoren
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