Südkorea und Rußland: Wie man Wohlstand erarbeitet oder verspielt
-
Erich Weede
Zusammenfassung
Am Anfang oder in der Mitte des 20. Jahrhunderts wäre es absurd gewesen, das aufstrebende zaristische Rußland oder die mächtige Sowjet-Union mit dem armen Korea oder Südkorea zu vergleichen. Am Ende des 20. Jahrhunderts haben Südkorea und Rußland kaufkraftbereinigt ein annähernd gleich großes Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet. Das Pro-Kopf-Produkt in Südkorea ist drei- bis viermal so hoch wie in Rußland. Natürlich ist der unterschiedliche Entwicklungserfolg beider Länder auf russischer Seite weitgehend sowjetisches Erbe. Die so massiv unterschiedliche Wachstumsgeschichte beider Länder ist um so erstaunlicher, weil beide Länder in bezug auf klassische Determinanten des Wachstums - wie die sog. Vorteile der Rückständigkeit, Investitionen und Humankapitalausstattung - ähnlich günstige Ausgangsbedingungen hatten. Auch in bezug auf den autokratischen Charakter des Regimes und den Militarisierungsgrad der Gesellschaft ähnelten beide einander. Aber Unterschiede in bezug auf die Eigentumsrechte, den Zentralisierungsgrad der Entscheidungsbefugnisse, daraus resultierende Wissensnutzungschancen oder -defizite, wirtschaftliche Freiheit und Innovationschancen, „urban bias“ und Exportorientierung der Volkswirtschaft können die unterschiedliche Entwicklung beider Länder erklären. Vor allem in bezug auf die Unsicherheit der Eigentumsrechte wird sich das sowjetische Erbe in Rußland nicht leicht überwinden lassen. Die Tatsache, daß Rußland ganz im Gegensatz zu Südkorea ein ausgesprochen rohstoffreiches Land ist, verleitet zu Verteilungskämpfen, anstatt zur institutionellen oder wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen.
Summary
At the beginning or even in the middle of the 20th century, a comparison between rising Czarist Russia or, later, the mighty Soviet Union emerging victorious from World War II and poor Korea would have looked absurd. At the end of the 20th century, however, the South Korean and Russian economies are about equal in size according to purchase- power corrected GDP. South Korean per capita incomes are in between three and four times as high as Russian incomes. Of course, the difference in success of both countries is largely due to the communist experiment in Russia. The divergent economic performance of both countries is all the more astonishing because both countries should have benefited from background conditions generally believed to promote growth: advantages of backwardness, massive investment and strong human capital formation. Moreover, both societies were quite similar in regime characteristics, i.e., they were characterized by autocracy and militarization of society. There are, however, strong differences concerning property rights, the degree of centralization of economic decision- making, capabilities to exploit knowledge and to innovate, economic freedom, urban bias and export orientation. These differences explain the divergent economic performance of both countries. The Soviet heritage of insecure property rights and high transaction costs is unlikely to be overcome soon. Russia’s rich endowment with natural resources seems to induce distributional conflict instead of contributing to institutional and economic development.
© 2001 by Lucius & Lucius, Stuttgart
Articles in the same Issue
- Titelei
- Vorwort
- Inhalt
- Die Ökosteuer – eine ordnungspolitische Fehlleistung
- Die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland – eine richtige Reform in die falsche Richtung
- Konstitutionenökonomische Überlegungen zum Konzept der Wettbewerbsfreiheit
- Ex ante-Kontrolle versus ex post-Kontrolle im Recht der Wettbewerbsbeschränkungen
- Zum Freiheitsgehalt des marktwirtschaftlichen Systems
- Die Rolle der Evolution in Hayeks Konzept freiheitssichernder Regeln
- Konstitutionelle Äquivalenz und Ordnungswahl
- Der Richter als Institution einer spontanen Ordnung
- Direkte Volksrechte und die Effizienz des demokratischen Staates
- Südkorea und Rußland: Wie man Wohlstand erarbeitet oder verspielt
- Knut Wicksell: Zum Geburtstag des Begründers einer kritischen Vertragstheorie
- Die Krise der sozialen Sicherung und die Globalisierung – Politische Mythen und ordnungspolitische Wirklichkeit
- Ursachen systemischer Bankenkrisen: Erklärungsversuche, empirische Evidenz und wirtschaftspolitische Konsequenzen
- Besprechungen
- Kurzbesprechungen
- Personenregister
- Sachregister
- Anschriften der Autoren
Articles in the same Issue
- Titelei
- Vorwort
- Inhalt
- Die Ökosteuer – eine ordnungspolitische Fehlleistung
- Die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland – eine richtige Reform in die falsche Richtung
- Konstitutionenökonomische Überlegungen zum Konzept der Wettbewerbsfreiheit
- Ex ante-Kontrolle versus ex post-Kontrolle im Recht der Wettbewerbsbeschränkungen
- Zum Freiheitsgehalt des marktwirtschaftlichen Systems
- Die Rolle der Evolution in Hayeks Konzept freiheitssichernder Regeln
- Konstitutionelle Äquivalenz und Ordnungswahl
- Der Richter als Institution einer spontanen Ordnung
- Direkte Volksrechte und die Effizienz des demokratischen Staates
- Südkorea und Rußland: Wie man Wohlstand erarbeitet oder verspielt
- Knut Wicksell: Zum Geburtstag des Begründers einer kritischen Vertragstheorie
- Die Krise der sozialen Sicherung und die Globalisierung – Politische Mythen und ordnungspolitische Wirklichkeit
- Ursachen systemischer Bankenkrisen: Erklärungsversuche, empirische Evidenz und wirtschaftspolitische Konsequenzen
- Besprechungen
- Kurzbesprechungen
- Personenregister
- Sachregister
- Anschriften der Autoren