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Der Richter als Institution einer spontanen Ordnung

Einige kritische Bemerkungen zu einer Zentralfigur in Hayeks Theorie der kulturellen Evolution
  • Stefan Okruch
Veröffentlicht/Copyright: 20. September 2016
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ORDO
Aus der Zeitschrift ORDO Band 52 Heft 1

Zusammenfassung

Der Richter spielt eine zentrale Rolle in Hayeks Theorie der kulturellen Evolution von Regeln. Die für eine spontane Ordnung nötigen „Regeln der Gerechtigkeit“ haben sich, dieser Theorie zufolge, nur dort entwickeln können, wo es hauptsächlich Aufgabe der Judikative ist, Regeln zu bilden und fortzuentwickeln. Der Beitrag untersucht, ob die These von der positiven Wirkung richterlicher Fortbildung in der von Hayek präsentierten Allgemeinheit zutreffend ist.

Die Untersuchung folgt Hayeks eigenen methodischen Leitlinien, die in einem ersten Schritt rekonstruiert werden. Anschließend werden die Muster-Voraussagen über den Ablauf der kulturellen Evolutionsprozesse nachgezeichnet, unter besonderer Berücksichtigung der richterlichen Fortbildung von Regeln.

Die kritische Würdigung faßt zuerst die Einwände gegen Hayeks Theorie insgesamt zusammen. Diese betreffen einerseits die unzureichend spezifizierten Selektionsprozesse und -kriterien, andererseits die vernachlässigte Bedeutung der Selektionsumgebung. Der Nachweis, daß die kulturelle Evolution nicht unabhängig von den Rahmenbedingungen positive Norminnovationen hervorbringt, gelingt anschließend auch für die richterliche Rechtsfortbildung. Das Beispiel des deutschen Lauterkeitsrechts wird zu diesem Test herangezogen, weil es durch seine Generalklauseln der richterlichen Regelbildung breiten Raum bietet. Die Spruchpraxis zum UWG hat - entgegen Hayeks Muster- Voraussage - zahlreiche Norminnovationen hervorgebracht, die als Wettbewerbsbeschränkungen gelten müssen.

Dieser Befund führt zur abschließenden Analyse, die Hayeks Ansatz in rechtsphilosophische und -theoretische Traditionen einordnet. Hayek lehnt demnach - zu Recht - einen Gesetzespositivismus ab, gelangt jedoch mit seinem unkritischen Richterpositivismus nicht zu einer umfassenden Theorie rechtlicher Evolution. Als eine fruchtbare Möglichkeit der Ergänzung wird Jherings rechtsevolutorischer Ansatz vorgestellt.

Mit der Falsifikation der Muster-Voraussage muß jedoch nicht das Muster an sich falsch sein. Dies führt zur weitergehenden Frage, unter welchen Randbedingungen die positiven Wirkungen richterlicher Rechtsfortbildung zu erwarten sind.

Summary

The judge plays an important role in Hayek’s theory of cultural evolution. He argues that the universal rules of just conduct could only evolve in legal systems in which it was the task of judges to “discover” the appropriate rules. This article scrutinizes Hayek’s optimistic view on the judicial “shaping of the rule”. It asks, whether the beneficial effects of judge made law are indeed as generally to be expected as Hayek presented it.

The analysis follows Hayek’s own methodological guidelines, which are depicted at the beginning. The following portrayal of the theory of cultural evolution puts special emphasis on the judge’s contribution to legal development.

Hayek’s theory in general has been criticized along two lines: on the one hand, it was argued that the processes and the criteria of selection remain vague. On the other hand, it was stressed that an evolutionary process can only be expected to lead to beneficial outcomes under certain conditions, which ought to be specified. I argue that also adjudication, seen as a mechanism in legal evolution, is not beneficial as such. As an example I present a part of German Competion Law. This example is chosen, because it is directly related to the spontaneous order of markets and because the statute only gives some guidelines for “fair” competition. Thus, like in common law systems, judge-made law is extremly important. This example can show that, in contrast to Hayek’s unconditional statement about judge-made law, adjudication can result in serious distortions of a spontaneous order.

From the perspective of legal philosophy I argue, that Hayek rejects legal positivism only with respect to the legislator, in not accepting each formally correct enacted statute as law. Conceptualizing any formally correct judicial decision as a valuable contributions to cultural evolution, however, is only another kind of positivism. Finally, Jhering’s early contibution to a theory of legal evolution is presented as a promising approach that could complement Hayek’s theory of cultural evolution.

Online erschienen: 2016-9-20
Erschienen im Druck: 2001-1-1

© 2001 by Lucius & Lucius, Stuttgart

Heruntergeladen am 11.1.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/ordo-2001-0110/pdf
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