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Grimms Märchen im Werk von Rudolf Steiner

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Veröffentlicht/Copyright: 11. Juli 2025
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Fabula
Aus der Zeitschrift Fabula Band 66 Heft 1-2

Zusammenfassung

Die Märchen der Brüder Grimm fanden ihren Weg in die Waldorfschulen dank Rudolf Steiner. Dessen von Anthroposophie und Geisteswissenschaft geprägte Überlegungen zu Märchen gelten in akademischen Kreisen jedoch als unwissenschaftlich. Zumal Steiner die Grimm’schen Märchen benutzt hat, um seine eigenen Thesen über Mythen und über die Organisation der Welt zu illustrieren. Nur in diesem Sinne sollten Märchen für die pädagogische Arbeit an Waldorfschulen herangezogen werden. Dieser Beitrag möchte zeigen, welche Bedeutung die Brüder Grimm für Steiner hatten und wie er deren Märchensammlung verwendet hat. Untersucht werden einerseits zwei zentrale Märchen-Vorträge Steiners. Andererseits hat Steiner mit Lehrern Gespräche über Märchen geführt. Die Protokolle sind erhalten und werden als zweite Quelle herangezogen.

Abstract

Rudolf Steiner is behind the significance attached to the fairy tales of the Brothers Grimm in Waldorf Schools. His ideas about fairy tales, couched as they are in terms of anthroposophy and spiritual science (Geisteswissenschaft), are considered unscientific in academic circles, however; this is particularly so because he used the Grimms’ tales to illustrate his theories about myth and the organization of the world. Only in this context did he envisage such tales being used for pedagogical purposes in Waldorf Schools. This article aims to describe the role that the Grimms played for Steiner and how he made use of their fairy-tale collection. It considers two central lectures he gave on fairy tales, and introduces a further source in the guise of material preserved from seminars for teachers in which they also figure.

1 Einführung

Die Anthroposophie Steiners spielt an den Universitäten und in der wissenschaftlichen Forschung kaum eine Rolle, da sie aufgrund ihrer Grundannahmen esoterischer, theosophischer und gnostischer Natur als nicht-wissenschaftliche Disziplin gilt. Steiners Weltbild geht von der Allgegenwart eines göttlichen Wesens oder einer Göttlichkeit in der materiellen Welt aus. Dies spiegelt sich treffend in der Beschreibung von Helmut Zander wider:

Zum einen hat Steiner die Materie nicht als Schöpfung Gottes und damit als Unterscheidung von Gott und Welt interpretiert, sondern als andere Aggregatsform der göttlichen geistigen Dimension. Zum anderen hat er eine Konsequenz daraus nachdrücklich gezogen: Dann ist auch der Mensch letztlich göttlich.[1]

Diese Sichtweise überträgt sich automatisch auf die in Märchen geschaffene Welt. Wie Almut Bockemühl feststellt, „soll das Geistige im Menschenwesen auch im Märchen zum Geistigen im Weltall geführt werden“.[2] Auf diese Weise verschwimmt die Grenze zwischen dem Materiellen und dem Wunderbaren. Alles oder fast alles wird hier und dort möglich, sogar die Kommunikation mit dem Jenseits und das Hellsehen. Zander sieht in dieser magischen bzw. theosophischen und zugleich esoterischen Denkweise Steiners „ein identitätsphilosophisch konzipiertes göttliches Geistiges, das sich in einer groβen kosmischen Evolution in Planeten, Lebewesen und schlieβlich in Rassen und darin in individuellen Menschen materialisieren sollte“.[3]

Auch den Begriff der Reinkarnation adaptiert Steiner für Volkserzählungen und erkennt ihn in den Verwandlungen wieder, die in Märchen geschehen. Insgesamt zielt Steiner auf die Hypothese ab, dass die Welt ein materialisierter Geist sei. Diesen Geist bezeichnet Steiner auch als ‚das Göttliche‘. Folglich führt die Fabelhaftigkeit des theosophischen Gegenstandes und der Methode analog dazu, die Vorstellung einer übersinnlichen, geistigen Welt, in die man Einsicht erlangen kann, als selbstverständlich vorauszusetzen. Dies bedeutet jedoch keine vollständige Isolierung der Texte Steiners vom wissenschaftlichen Diskurs.

Das Verhältnis zwischen Anthroposophie und Wissenschaft kann als selektiv bezeichnet werden, insbesondere in Bereichen wie Medizin, Pädagogik, Landwirtschaft oder Sozialarbeit. Zander erläutert diese selektive Herangehensweise an das in der Anthroposophie behandelte Thema an einem ausgewählten Beispiel: „So akzeptiert man in der universitären Medizin anthroposophische Verfahren (etwa die Misteltherapie), wenn und soweit sich mit empirischen und nicht nur mit ‚hellseherischen‘ Verfahren deren Wirkungen nachweisen lassen.“[4] Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie lässt sich nicht umgehen, und Steiners oft unbewiesene und apodiktische Aussagen werfen einen Schatten auf seine geschichtsphilosophischen Überlegungen und seinen Versuch, sich von einem rationalisierten, positivistischen Weltbild zu lösen. Die mangelnde Wissenschaftlichkeit ist zweifellos der Hauptgrund dafür gewesen, dass Steiners Schriften auch in der Erzählforschung nicht für wert erachtet worden sind, sich mit ihnen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Einen Versuch, sich diesem Thema neu zu nähern, stellt Ulrich Kaisers Buch Der Erzähler Rudolf Steiner (2020) dar, in dem der Autor den Begriff der Wissenschaftlichkeit im Allgemeinen neu definiert und diese Überlegungen auf die Anthroposophie überträgt, indem er eigentlich ein Gleichheitszeichen zwischen ihre Wissenschaftlichkeit und die argumentative Narrativität setzt:

Die Begriffe von Wissenschaftlichkeit haben sich geändert. Wenn selbst die ‘harten‘ Naturwissenschaften in großen Teilen als Erzählungen verstanden werden (müssen), dann ist mit dem Begriff der Narrativität eine Schnittmenge gegeben, die sowohl esoterische wie naturwissenschaftliche Aussagen trägt. Narrativitätsforschung hat selbst ‘härtere‘ Naturwissenschaften in sich aufgenommen und gezeigt, wie ihre Strukturen bis in den Kern wissenschaftlicher Forschung reichen. Um es salopp zu sagen: Das dogmatische Narrativ von der Anthroposophie als Wissenschaft muss Federn lassen und sich als Erzählung verstehen, so wie der Kollektivsingular Wissenschaft bei genauem Hinsehen aus vielfältigen Forschungsansätzen besteht, die keine Einheit bilden und die in der Selbstreflexion Kritik walten lassen und – auch für sich selbst – einen anspruchsvollen Begriff von Erzählung zur Verfügung stellen. Hier gilt es hin zu schauen.[5]

Abgesehen von Texten der Autoren und Autorinnen, die sich von Steiner inspirieren ließen und in mit der Anthroposophie verbundenen Institutionen veröffentlicht wurden, „die in der Regel die Standards wissenschaftlicher Arbeit nicht anlegen“,[6] gibt es außerhalb anthroposophischer Kreise nicht viele Untersuchungen, die sich mit Steiners Werk befassen, obwohl, wie Zander bemerkt, „der Anspruch mehr oder weniger deutlich […] artikuliert wird, Steiner, seine Weltanschauung und die anthroposophische Praxis lieβen sich angemessen nur mit einer alternativen Wissenschaft(stheorie) analysieren“.[7] Dies spiegele sich auch im Hinblick auf die Literaturwissenschaft und die Verinnerlichung anthroposophischer Theorien durch Schriftsteller wieder: „Weniger dicht sind die verästelten Wirkungen auf die Literatur aufgearbeitet.“[8] Zander nennt in diesem Zusammenhang Christian Morgenstern und Michael Ende. In der Frage der literaturwissenschaftlichen Ansätze verweist Zander dagegen auf die Analysen von Christian Clement, der „‚aus der Perspektive einer erhöhten Wachheit für solche inneren Vorgänge‘ einen ‚spezifischen Zugang zur Deutung literarischer Texte‘ eröffne“.[9] Zander stellt ferner fest, dass „literaturwissenschaftlich hilfreich auch Untersuchungen von Steiners Schreib- und Vortragsstil, seiner Begriffe und deren Semantiken wären“.[10] Allerdings fehlen hier, wie auch bei den Steiners Mysteriendramen, „grundlegende wissenschaftliche Studien“.[11] Eine solche neuere Bearbeitung könnte der von Viktoria Vitanova-Kerber und Helmut Zander herausgegebene Band Anthroposophieforschung (2023) sein, der aber außer dem Hinweis auf die Knappheit der Studien keine Beschreibung des Verhältnisses zwischen Steiner und der Erzählforschung im Bereich der Märchenkunde enthält.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Anthroposophie keine Wissenschaft, was aber nicht ausschließt, dass ihre Auswirkungen auf das kulturelle und gesellschaftliche Leben wissenschaftlich untersucht werden können und dass sie, wenn auch nur am Rande und episodisch, an ausgewählten Diskursen der Literaturwissenschaft, der Literaturgeschichte und der Märchenforschung teilnimmt. Dies ist im Einflussbereich der Anthroposophie viel häufiger der Fall. Schließlich geht es hier nicht um die wissenschaftliche Dimension der Anthroposophie, sondern um eine wissenschaftliche Annäherung an ihre Theorie und Praxis.

Die Anthroposophie brauchte und braucht das Werk der Grimms nicht, um in ihrem begrenzten Kulturkreislauf zu funktionieren. Steiner nutzte ihre Sammlungen zur Veranschaulichung seiner Thesen sowie für praktische Zwecke an Waldorfschulen. Hinzu kam: Er verband eine Mission mit dem Namen Grimm, um den Sohn Wilhelm Grimms, den Publizisten und Kunsthistoriker Herman Grimm (1828–1901) zu idolisieren und ihm eine Art astrale Prädestination zur Arbeit an Mythen anzudichten.

2 Forschungsstand zur anthroposophischen Märchendeutung

In der Märchen- und Erzählforschung sind Steiners Schriften fast nur in anthroposophischen Kreisen rezipiert worden. Eine Ausnahme ist die schon erwähnte Aktivität von Helmut Zander, die sich jedoch nicht auf die Grimm’schen Märchen bezieht. In wissenschaftlicher Hinsicht bleiben Steiners Märchenanalysen weitgehend Zusammenstellungen von Geschichten, die er für seine spirituelle Lehre ausgewählt hat. Und in der Tat sind Märchen für Steiner vor allem Mittel zum Zweck gewesen, wobei dieser Zweck darin besteht, anthroposophischen und theosophischen Spekulationen zu dienen.

Innerhalb anthroposophischer Kreise aber sind Steiners Vorträge über Märchen auf vielfältige Resonanz gestoßen. Davon zeugt zum Beipiel das Buch von dem Schweizer reformierten Theologen, Pädagogen und Anthroposophen Friedrich Eymann Die Weisheit der Märchen im Spiegel der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners (1952), das ursprünglich in dem von ihm gegründeten Troxler-Verlag erschienen ist. Eymann bezieht sich im Kapitel „Vom Wesen des Märchens“ auf die Theorien der anthroposophischen Argumentation Steiners, dessen Märchen vom Königssohn er zusätzlich im Zusammenhang mit dem Höhlengleichnis Platos und der dreifachen Hüllennatur des Menschen diskutiert.[12] Steiner zitiert die ausgedehnte Geschichte vom Königssohn in der Vorlesung Märchendeutungen als eine Synthese der mannigfaltigsten Motive, die er zuvor besprochen hat. Steiners Ideen finden sich auch besonders in den Kapiteln über das Märchen Das Wasser des Lebens, wobei Eymann auf die Weisheitsstätten der Rosenkreuzer[13] verweist, und allgemein in den Textbeiträgen zur Relevanz von Goethes vergleichender Morphologie für die Interpretation des Grimm’schen Märchens Aschenputtel im Kontext der biblischen Schöpfungsberichte.[14]

In ähnlicher Weise wurde ein Buch des deutschen Pfarrers der Christengemeinschaft, Rudolf Meyers Die Weisheit der Deutschen Volksmärchen (1935), ursprünglich im Verlag derselben Christengemeinschaft in Stuttgart veröffentlicht. In diesem Fall ist zu bedenken, dass es sich um eine Bewegung für religiöse Erneuerung handelt, die sich als der Anthroposophie nahestehende, aber selbständige Kultusgemeinschaft verstanden hat. Die Christengemeinschaft wurde nach Anregungen Rudolf Steiners 1922 in Dornach (Schweiz) gegründet. Das folgende Zitat aus Rudolf Meyers Text zeigt ein hier von Steiner übernommenes elementares Prinzip der Organisation des Bewusstseins in einer aus den vier Elementen aufgebauten Welt. Wie Meyer bemerkt, demonstriere Steiner dieses Konzept mit Beispielen aus Märchen, die es erlauben, das, was „der intellektuell ‚aufgeklärte‘ Mensch gern für Aberglauben hält, in das Licht einer klaren Erkenntnis erheben“.[15]

Meyer behandelt, wie Steiner, die Märchenfiguren als „Urbilder unserer eigenen Seelenkräfte und Entwicklungsstufen, die wir durchschreiten müssen“,[16] und zeigt Märchen als Stoff anthroposophischer Erkenntnis. Das „übersinnliche Schauen“ ist hier eine Quelle der „Bildmotive“ in den Märchen.[17] Der Autor bezieht sich in seinen Interpretationen auch auf das anthroposophische Menschenbild mit Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele. Rudolf Meyer argumentiert in seiner Monographie, dass „Rudolf Steiner den Weg gezeigt hat, auf dem wir durch die imaginativen Erkenntniskräfte in neuer Art die ‚vier Elemente‘ – Erde, Wasser, Luft und Feuer – erleben können […]“.[18] Der Satz über die vier Elemente steht in direktem Zusammenhang mit Steiners Theorie des imaginativen Denkens. Steiner bezeichnet diese elementarische Konstruktion als eine imaginative Welt. Durch die imaginative Begegnung mit der Landschaft haben wir die Möglichkeit, die Seelenbilder der Landschaft in uns zu visualisieren. Indem wir innere Bilder visualisieren, gelangen wir vom Phänomen der Wahrnehmung zu ihrer bildlichen Umsetzung. Dies führt uns zu Märchen, in denen das menschliche Bewusstsein eine aus vier Elementen bestehende Welt in ein Bedürfnis des Menschen umgestaltet, die Elementarwesen bildlich darzustellen, was Steiner in seinen anthroposophischen Überlegungen zum Thema Märchen verwendet.

In jüngerer Zeit ist die Monographie von Almut Bockemühl Märchen und Rosenkreuzer (2015) erschienen, ebenfalls im anthroposophischen Verlag am Goetheanum. Dort war die Autorin unter anderem auch als Rednerin und Kursleiterin tätig. Bockemühl untersucht sogenannte Rosenkreuzermärchen. Die Autorin betrachtet sie als Texte, „in denen man ‚Gedankenformen‘ der Anthroposophie findet, das heiβt, die darstellen, wie das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall geführt wird“.[19] Bockemühl zitiert die hier unten besprochenen Steiner-Texte und merkt an, „dass die Begründung der Anthrosophischen Gesellschaft sozusagen durch diesen Vortrag [Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung (1913)] markiert wird“.[20]

Fast alle diese Veröffentlichungen sind in Verlagen erschienen, die den anthroposophischen Kreisen nahestehen und deren Methodik beeinflusst haben. Das soll nicht heißen, dass Steiners Werk nicht einen gewissen Platz in der Märchenforschung gefunden hat. So stellt Max Lüthi fest: „Man kann auch anthroposophische Versuche, das Märchen zu deuten, zur Psychologie des Märchens rechnen.“[21] Tatsächlich stand und steht Steiners Gedankengut der Rezeption in der breiteren Literaturforschung im Wege, da Anthroposophie und Theosophie dort als spirituelle Weltanschauung, wenn nicht als abstruse Spekulationen gelten.[22] Eine Erläuterung dazu im Kontext der Erzählforschung findet sich im Artikel Anthroposophische Theorie von Barbara Zinke in der Enzyklopädie des Märches (1977). Die Formulierung, die die Bedeutung der psychologischen Dimension der Anthroposophie in der Märchenforschung eingrenzt, bleibt hier zentral:

Die anthroposophische Märchendeutung ist ‚psychologisch‘ nur im Sinne eines spezifisch anthroposophischen Verständnisses dieses Begriffs. Danach ist jede psychologische Aussage auf die im Evolutionsschema enthaltene Lehre von den sieben verschiedenen Leibern des Menschen bezogen, die er im Laufe der Weltenentwicklung gebildet hat oder noch bilden soll. Diese Lehre ist streng teleologisch ausgerichtet, und nur auf diesem Hintergrund hat die anthroposophische Psychologie und die davon ausgehende Märchendeutung ihren Ort.[23]

Dies erklärt, warum die anthroposophische Märchendeutung nicht in die Studien zu den Grimm’schen Märchen von Autorinnen und Autoren außerhalb des anthroposophischen Kreises eingegangen ist.

Steiners Ideen werden von seinem Biographen Helmut Zander, der selbst kein Anthroposoph ist, wie folgt charakterisiert: „Aus Glaube sollte Wissen, aus Weisheit Wissenschaft werden, Anthroposophie eine quasi naturwissenschaftliche Geistes-‚wissenschaft‘ sein.“[24] Es ist klar, dass eine solche Kulturstufentheorie unwissenschaftlich bleiben muss und dass die von Steiner postulierten „überweltlichen Welten“ eine Glaubensaussage sind. Somit können Steiners Texte allenfalls als anthroposophische Prosa gelesen werden, die möglicherweise ästhetische und quasi religiöse Qualitäten haben. Schließlich rekurrieren sie auf alte Mythen und Märchen.

Ulrich Kaiser, selbst viele Jahre ein Waldorf-Klassenlehrer in Hamburg, demonstriert einen ähnlichen Ansatz in seiner Monographie Der Erzähler Rudolf Steiner. Studien zur Hermeneutik der Anthroposophie (2020), die im anthroposophischen Verlag Info3 erschienen ist. Dabei handelt es sich um einen erweiterten Nachdruck von neun Aufsätzen zu hermeneutischen Fragen und Problemen der Anthroposophie, ergänzt um Einleitung und Schluss. Rudolf Steiner wird anhand von Beiträgen, die zwischen 2011 und 2018 in der anthroposophischen Zeitschrift Die Drei erschienen sind, als Literat und Redner dargestellt. Kaiser zeigt Steiner auch als „Geistesforscher“ und „Erzähler“ und analysiert die Anthroposophie unter erzähltheoretischen Kategorien. Die Narrativität seiner Texte soll darin bestehen, dass Steiner einem breiten Publikum das esoterische Denken meistens performativ vortrage und dabei die Rezipierenden befrage und sie mit den eigenen Ideen in Beziehung setze. Kaisers Zugang zu Steiner wird von M. Michael Zech treffend rezensiert:

Für Kaiser Anlass, wiederholt darauf zu verweisen, dass Steiner seine Aussagen [sic!] grundsätzlich nicht als Offenbarungen oder Lehrsätze, sondern als zu überprüfende Hypothese zu verstehen seien. Er verdeutlicht, dass Begriffe und Ideen in narrativer Ausgestaltung nicht kategorisch definiert werden, sondern ihre Aussagen nur aus dem Geflecht der narrativen Elemente zu erschließen seien, was die Aktivität der Rezipierenden voraussetzt.[25]

Steiners Märchentheorien tragen zweifellos die Merkmale einer Pseudowissenschaft. Das heißt, sie weichen von akzeptierten Formen der Wissensgewinnung und Interpretation ab und weisen einen Mangel an erkenntnistheoretischer Klarheit auf.[26] Zugleich aber bleiben Steiners Schriften Dokumente einer Zeit, in der versucht wird, Metaphysik und Empirie zu verbinden. Helmut Zander charakterisiert die Stellung der Anthroposophie in der zeitgenössischen Kultur wie folgt:

Zum einen ist die interne Erkenntnistheorie der Anthroposophie, die Erlangung „höherer“ Erkenntnis, zu einer privaten Disziplin geworden, über die man auβerhalb der Anthroposophie als naturwissenschaftsäquivalentes Verfahren nicht einmal mehr diskutiert. Zum anderen herrscht in den anthroposophischen „Praxisfeldern“ ein pragmatischer Friede, der die tiefen Gräben überdeckt. So akzeptiert man in der universitären Medizin anthroposophische Verfahren […], wenn und soweit sich mit empirischen und nicht nur mit “hellseherischen” Verfahren deren Wirkungen nachweisen lassen.[27]

In begrenztem Umfang kann man also von einem Erbe Steiners in der Märchenforschung sprechen. Wiederum handelt es sich vor allem um Beiträge aus der anthroposophischen Szene selbst. Dazu gehören zum Beispiel: Friedel Lenz’ Bildsprache der Märchen. Märchen als Künder geistiger Wahrheiten (Urachhaus, 1971), Ursula Burkhards Das Märchen und die zwölf Sinne des Menschen (Pforte Verlag,1995), Arnica Esterls Die Märchenleiter. Welches Märchen erzähle ich meinem Kind? (Verlag Freies Geistesleben, 2002), Marcus Kraneburgs Grimm’sche Märchen als Spiegel der Seele. Ein Arbeitsbuch für Eltern, Erzieher und Lehrer (Mayer, 2008), Monica Golds Märchen und Kunst im Spiegel des modernen Bewusstseins (Perseus, 2014) sowie der Sammelband von Almut Bockemühl (Hrsg.) Verstoßen, verschlungen, erschlagen. Über Grausamkeit im Märchen (Freies Geistesleben, 2008). Alle diese Publikationen sind in verschiedenen mit der Anthroposophie verbundenen Verlagen erschienen.

Bockemühls Monographie Märchen und Rosenkreuzer (2015) bezieht sich zwar im Wesentlichen auf Steiners Vorträge zur Märchendichtung vom 10. Juni 1911, in denen dieser die mittelalterlichen Märchenerzähler – „die Rhapsoden“ – als Schüler der Rosenkreuzer charakterisiert und Fragen zum phantasievollen Stil der Märchen aufwirft, aber es geht hier nicht um die von Steiner interpretierten Werke aus der Grimm’schen Sammlung, sondern um Bockemühls eigene, anthroposophisch inspirierte Überlegungen. Die von Bockemühl herausgegebene und kommentierte Textsammlung Die Welt der Märchen umfasst Steiners Aktivität in der Zeit zwischen 1907 und 1914, „weil die wichtigsten Ausführungen über Märchen in diese Zeit fallen“.[28] Auch der Erscheinungsort (Verlag am Goetheanum) spielt auf die Forschungsmethodik an, die, im Grunde genommen, eine anthroposophische Spekulation bedeutet.

Der vorliegende Text beschränkt sich auf Steiners Kommentare zu den Volksmärchen, nicht auf die von ihm selbst verfassten Märchen oder auf Goethes Kunstmärchen, die er bearbeitet hat. In Rudolf Steiners umfangreichem und vielfältigem Werk finden sich Texte zu verschiedenen Märchen, darunter auch zu den von den Brüdern Grimm gesammelten und zusammengestellten. Diese sind es, die im vorliegende Beitrag untersucht werden. Das sind vor allem zwei Publikationen: Märchendeutungen (1908) und Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung (1913). In beiden Fällen handelt es sich um Vorträge, die Steiner in Berlin gehalten hat und die in der Gesamtausgabe in den Bänden 62 und 108 im Rudolf Steiner Verlag erschienen sind. Hinzu kommt auch Steiners Skizze Literatur und das geistige Leben im XIX. Jahrhundert (1898–1900) aus Band 33 der Gesamtausgabe und vereinzelte Seminarbesprechungen, die Steiner 1919 niedergeschrieben hat und die auch in dem oben genannten Verlag in Band 295 erschienen sind.

Eine Auswahl von Steiners Texten wird im Zusammenhang mit den Grimm’schen Figuren zitiert, insbesondere Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Gegenwart: Herman Grimm und die Geistesforschung (1913) aus Band 62. Diese Texte werden in Steiners biographischen Studien wiederverwendet, sind aber für die Analyse der Rolle der Grimm’schen Märchen in seiner Theorie in diesem Text nicht besonders wichtig. Märchentexte, auch die der Grimms, sind heute fester Bestandteil des Lehrplans an Waldorfschulen. Über den Ursprung der didaktischen Verwendung des Märchenstoffes im Prozess der anthroposophisch inspirierten Kindererziehung geben die ausgewählten Seminarbesprechungen zur Erziehungskunst aus der Gesamtausgabe Rudolf Steiners Auskunft. Der Begründer der Anthroposophie traf sich 1919 mit den Lehrern der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart, und eine Besprechung der Grimm’schen Märchenthemen, die sich in den damaligen Gesprächen mit den Lehrern ergeben haben, findet sich in Kapitel 6 dieses Artikels.

3 Die Brüder Grimm im Werk Steiners

Will man die Grimm’schen Märchen in die Struktur von Steiners Texten einordnen, so muss man zunächst die Rolle der einzelnen Mitglieder der Grimm-Familie in Steiners Werk ins Auge fassen, da ihr Rang und die ihnen zugewiesenen Funktionen unterschiedlich sind. In Steiners Skizze Literatur und das geistige Leben im XIX. Jahrhundert (1898–1900) werden die Brüder Grimm nur am Rande und biografisch erwähnt. Sie werden gewürdigt, weil sie die Quellen der Germanistik und Volkskunde erschlossen hätten:

Jacob Grimm hat mit seiner 1819 begonnenen „Deutschen Grammatik“, mit seinen Werken über „Deutsche Rechtsaltertümer“ (1828) und „Deutsche Mythologie“ (1835) in wissenschaftlicher Weise jene Vertiefung in die deutsche Vergangenheit fortgeführt, die August Wilhelm Schlegel mit seinen Aufsätzen über nordische Dichtkunst, über das „Nibelungenlied“ und zahlreiche andere ältere Literaturdenkmale des deutschen Volkes begonnen hatte. Schon in den Jahren 1812–15 hatten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm die „Kinder- und Hausmärchen“, 1816–18 die „Deutschen Sagen“ herausgegeben.[29]

Jedoch geht Steiner dann vor allem auf Herman Grimm ein. Sowohl dessen Lebensumstände als auch seine Texte werden häufiger und ausführlicher erwähnt als diejenigen der Brüder Grimm. Steiner tut dies offenkundig aufgrund seiner direkten Bekanntschaft mit Herman Grimm und ihres gemeinsamen Interesses an Goethe. Erst im Vortrag Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Gegenwart: Herman Grimm und die Geistesforschung (1913) kommen die Brüder Grimm ausführlich zur Sprache:

Denn Herman Grimm selber war ja der Sohn Wilhelm Grimms und der Neffe Jacob Grimms. Das sind die beiden Männer, welche die deutsche Sprachforschung in der neuzeitlichen Art begründet haben, die Männer, die jene mittlerweile so tief in das deutsche Geistesleben hineingedrungenen deutschen Märchen gesammelt haben, jene Männer, die hingehorcht haben auf das, was die einfachen Menschen aus dem Volke erzählten an Sagen und Märchen; Sagen und Märchen, die durch lange Jahrhunderte hindurch im einfachsten Volksgemüt gelebt hatten, die fast vergessen waren, nur durch einzelne wenige hinaufgetragen in die neuere Zeit, die aber heute wieder leben, weil sie zu dieser Wiederbelebung gebracht worden sind durch die Brüder Grimm.[30]

Über diese beiden Vorträge hinaus verweist Steiner an vielen verstreuten Stellen seines höchst umfangreichen Werkes auf die Volkskultur und auf Märchen und deren Bedeutung für die Kindererziehung, aber die Grimm’schen Märchen selbst spielen dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für die Brüder Grimm, die in Steiners Texten und Aussagen nur selten in ihrer Rolle als Sammler von Kinder- und Hausmärchen auftauchen. Viel häufiger erscheinen sie in einem familiären Kontext oder als Initiatoren einer Tradition, die lediglich von einigen Nachfolgern fortgeführt wird. Jacob Grimm wird auch im Zusammenhang mit seiner familiären Beziehung zu Herman Grimm erwähnt, der für Steiner immer der gezielte Autor bleibt. Dies wird besonders deutlich in seinem öffentlichen Vortrag Das Wesen nationaler Epen mit speziellem Hinweis auf Kalewala (Helsingfors, 9. April 1912):

Wir brauchen nur auf eine Tatsache in bezug auf die alten griechischen Epen hinzuweisen, die ein geistvoller Betrachter der Ilias in einem sehr schönen, erst vor wenigen Jahren erschienenen Buch über Homers Ilias wiederholt geäußert hat. Ich meine Herman Grimm, den Neffen des großen germanischen Mythen-, Sagen- und Sprachforschers Jacob Grimm.[31]

Diese Einordnung von Herman Grimm in einen familiären Kontext wird von Steiner sowohl in Bezug auf die Mythen als auch auf die Märchen fortgesetzt, wobei Steiner Jacob und Wilhelm Grimm bestimmte besondere Qualitäten und intellektuelle Eigenschaften zuschreibt. Diese werden von Steiner mit dem begrifflichen Apparat der Anthroposophie beschrieben, wie er sie im Vortrag Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt. Finnland und Kalewala II (Dornach, 14. November 1914) darlegt:

Bei einer solchen Persönlichkeit, wie Herman Grimm war, wirkt etwas ganz Eigentümliches. Man hat eine Nachwirkung bei Herman Grimm von dem, was seine unmittelbaren Vorfahren waren. Sein Vater und sein Onkel waren die Sammler der Kinder- und Hausmärchen, und diese Kinder- und Hausmärchen haben sie erzählen hören. Sie haben einfach hingehört, wenn man sie ihnen erzählt hat, und haben sie dann aufgeschrieben. Aber man tut so etwas nicht, wenn man nicht einen besonders zugerichteten astralischen Leib hat, der dazu veranlagt ist. Solche Dinge müssen tief begründet sein in dem ganzen Hergang der Sache.[32]

Die Frage nach einer vererbten Neigung zur Ausarbeitung von mythologischen und volkstümlichen Geschichten zieht sich durch den gesamten Text und erstreckt sich auch auf die Mutter von Herman Grimm, Dorothea (Dortchen) Grimm (1793–1867), die hier sogar als die erste Ursache für das Interesse der Brüder Grimm an volkstümlichen Geschichten angesehen wird:

Herman Grimm hat eine gewisse Art, sich fein geistig auszudrücken, eine Art, die schon fast herankommt an das Geisteswissenschaftliche. Das ist dadurch in ihm enthalten, daß schon in seiner Vorfahrenschaft eine Hinneigung zum Märchenhaften war und zu demjenigen, worin Naturgeistigkeit lebt. Da sehen wir, wie die Naturgeister etwas in ihn hineingetragen haben, was sie noch nachklingen ließen, wenn Herman Grimm mit seinem Ich und seinem Astralleibe außerhalb des physischen und Ätherleibes war. Wer hat denn dem Vater und dem Oheim zunächst in besonderer Anschaulichkeit – wie in einem Elementarwesen darinnen stehend – die Märchen erzählt? Die Frau des Vaters Herman Grimms, also die Mutter Herman Grimms.[33]

Dortchen Grimm erscheint als Vermittlerin zwischen den aus dem kollektiven Unbewussten schöpfenden Volksmärchen und der Werkstatt des Forschers und Literaturwissenschaftlers, der sie für seine Zwecke nutzt, der also die gehörten Geschichten wörtlich nimmt, sie stilisiert oder systematisiert:

Die Mutter Herman Grimms war das belebende Element bei dieser Märchenübertragung. Sie hat eine besondere Freude gehabt, hinzuhorchen auf diese Märchen, wo sie im Volke lebten, und sie hat sie so aufgenommen, daß sie die beiden Brüder Grimm, Herman Grimms Vater und Oheim, aufschreiben konnten.[34]

Steiner schildert das Überlieferungsgeschehen als spirituellen Vorgang, vermittelt durch „Elementargeister“ und begründet in der Herkunft der Familie Wild aus der Schweiz:

Wer war diese Mutter? Dorothea Grimm, geborene Wild, war aus einem alten Berner Geschlecht. Sie selbst war noch Bürgerin dieser Stadt. Die Vorfahren hatten noch mitgekämpft in der Schlacht von Murten. Das ganze Gefühl, das sie da gewonnen hatte, mit all den Elementargeistern, wurde dann ins Hessische hinaufgetragen, weil der Vater, der ausgewandert war von Bern – der Großvater von Herman Grimm –, das Apothekerhandwerk gelernt hatte, dann nach Kassel gezogen war und dort die Sonnenapotheke gegründet hatte. Wenn wir also suchen nach dem, was die Elementargeister wirkten gerade in Herman Grimm, was sozusagen gerade die besondere Konfiguration dieses Geistes machte, weil sozusagen diese Geister, während er schlief, in ihm wirkten, dann müssen wir an die Schweiz denken, und wir reden eigentlich, indem wir von dem Charakteristischen bei Herman Grimm sprechen, von charakteristisch Bernerisch-Schweizerischem.[35]

Steiner betont die Schweizer Herkunftslinie von Grimms Mutter auch deshalb, weil er selbst die Schweiz als Standort seines Goetheanums ausgewählt hatte. So kann Steiner spekulieren, dass die Familie und die ganze Anthroposophie aus demselben Boden Energie schöpfen. In dem Geistigen, was unter der Schwelle des Bewusstseins liegt, sei „etwas unmittelbar Schweizerisches“[36] verborgen. Steiners Zusammenarbeit mit Herman Grimm beruht demnach auf ihrer geistigen Verwandtschaft, die wiederum aus der Begegnung der Orte resultiert und den Einfluss der astralen Seinswelt ausdrückt.

In Band 32 der Gesamtausgabe von Steiners Werken erscheinen die Brüder Grimm in Verbindung mit anderen Schriftstellern, für die sie in der Regel den Anstoß zu einer bestimmten Karriere geben. Dies ist bei Hoffmann von Fallersleben der Fall, dem Steiner anlässlich seines 100. Geburtstages einen Text widmet. Jacob Grimm wird eine besondere Rolle als Mentor und Autorität Hoffmanns zugeschrieben:

Ohne viel Kampf geht er zur Philologie über. Er will eine Reise nach Italien und Griechenland machen, um Winckelmanns Werk fortzusetzen. Die Begegnung mit Jacob Grimm genügt, um ihn von dieser schwachen Leidenschaft zu befreien und für das Studium der deutschen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft zu gewinnen. Und eben weil er keine starke Persönlichkeit ist, leistet er auf diesem Gebiete Anerkennenswertes.[37]

In ähnlicher Weise, aber in einer rhetorisch etwas komplexeren Textpassage, werden die Grimms von Steiner mit Willibald Alexis (ursprünglich: Georg Wilhelm Heinrich Häring – Schöpfer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur) in Verbindung gebracht. In diesem Fall dient der Vergleich jedoch eher dazu, die Beziehung zwischen Alexis/den Grimms und der Idee der Romantik aufzuzeigen. Steiner hebt vor allem deren natürliche Neigung zu einer wissenschaftlichen Darstellung der Vergangenheit hervor, die oft als romantische Haltung missverstanden wird:

Man hat ja sogar die objektive Vertiefung der Brüder Grimm in die deutsche Vergangenheit mit dem Beiwort romantisch belegt, weil sowohl die Brüder Grimm wie die Romantiker die Neigung hatten, sich in die Vergangenheit unseres Volkes zu vertiefen, und weil beide in einem gewissen zeitlichen Zusammenhang stehen. Worauf es aber ankommt, ist nicht das Vergraben in vergangene Zeiten, sondern die Tendenz von der dieses Vergraben ausgeht. Und diese ist bei den Romantikern die Befriedigung eines Hanges zum Mystischen, Nebulosen, dem die ins Unklare verlaufende Geschichte des Vergangenen entgegenkommt; bei den Brüdern Grimm ist sie das Bestreben, in klarer, wissenschaftlich durchsichtiger Weise das geschichtliche Werden zu begreifen.[38]

Steiner unterscheidet hier zwischen den Brüdern Grimm mit ihrem nüchternen, realistischen Schaffensansatz und der Romantik und überträgt diese Unterscheidung auf Häring, bei dem Karl Julius Schröer seine romantische Naturanlage besonders hervorgehoben hatte. Dabei stellt er Alexis Walter Scott gegenüber, der ebenfalls oft fälschlicherweise als romantischer Autor bezeichnet wurde. In beiden Fällen handelt es sich laut Steiner nicht um ein Sich-Vergraben in vergangene Zeiten, wie es in den veröffentlichten Inhalten zum Ausdruck kommt, sondern um die im obigen Zitat erwähnte „Tendenz“, vergangenen Zeiten einen Sinn zu geben. Dies gilt nach Steiner gleichermaßen für die Grimms, Scott und Alexis.

Und wie die Klarheit sich zur Mystik verhält, so verhält sich Walter Scott zur Romantik. Derb die verflossene Wirklichkeit erfassend, streng realistisch, so ist Walter Scott. Und wenn sich der zum Romantiker geborene Willibald Alexis Scott zum Vorbild nahm, so konnte das nur durch ein vollständiges Aufgeben der Persönlichkeit geschehen.[39]

Steiner erreicht in dieser Textstelle drei Ziele – das erste, das wichtigste, besteht darin, Alexis’ schöpferische Absicht und Werkstatt vom Gegenstand seiner Beschreibung zu unterscheiden. Das zweite ist, eine ähnliche Analogie in der beruflichen Tätigkeit der Brüder Grimm zu finden, und schließlich das dritte, nicht das unwichtigste, wenn auch nur beiläufig erwähnte, ist der Hinweis darauf, dass eine ähnliche Unterscheidung auch für die Mystik und implizit auch für die Anthroposophie und die Geisteswissenschaft gelten sollte, da sich bei Steiner die Klarheit zur Mystik genauso verhält wie Walter Scotts Stil zur Romantik.

4 Rudolf Steiners Märchendeutungen

Steiners öffentlicher Vortrag Märchendeutungen vom 26. Dezember 1908 in Berlin (öffentlicher Vortrag) beginnt mit dem Vorbehalt, der alle weiteren Überlegungen prägt, nämlich mit der Notwendigkeit einer zustimmenden Haltung gegenüber der anthroposophischen Erkenntnis:

[…] wir müssen den Willen haben, anthroposophische Weisheit als solche zu erkennen und dann aufgrund alles dessen, was wir in der anthroposophischen Weltanschauung gelernt haben, zu versuchen, die Märchen damit zu durchdringen.[40]

Steiner beginnt seinen Vortrag mit der Zusammenfassung eines Märchens, das demjenigen aus der Grimm’schen Sammlung Das tapfere Schneiderlein ähnelt, aber statt des Ausdrucks „siebene auf einen Streich!“ verwendet er die Zahl hundert, wie im Schweizer Märchen Hundert auf einen Streich aus J. Jegerlehners Sammlung Sagen und Märchen aus dem Oberwallis, Nr. 144. Es handelt sich in Wirklichkeit um die Fabel Hundert auf einen Streich aus der Sammlung Ungarische Volksmärchen, nach dem aus dem Nachlass von Georg von Gaal herausgegebenen Original, übersetzt von G. Stier, Pesth 1857. Im Vorwort zur Ausgabe der Sammlung heißt es: „Noch ehe der erste Band der Grimm’schen Märchen erschien, hatte Georg von Gaal […] angefangen, ungarische Volksmärchen zu sammeln.“[41] Die anderen Geschichten auf der Liste, Das Lilienmädchen und Die sechs Drachen, stammen ebenfalls aus dieser Sammlung. Wir haben also einen Schneiderlehrling, der hungert. Eines Tages tötet er eine ganze Menge Fliegen mit der Hand und schreibt an die Tafel: „Der hat hundert auf einmal erschlagen“. Aus diesem Grund wird er vom König angeheuert, der nicht weiß, dass es sich um Fliegen handelt. Der Junge muss „einen ganzen Trupp Bären“ und dann die Riesen besiegen, was ihm durch eine List gelingt. Schließlich wird dieser einfache Mann aus dem Volk Mitglied der königlichen Familie, indem er die Königstochter heiratet. Er erreicht sein Ziel, weil es ihm gelingt, die in den Riesen verborgenen Urkräfte zu überwinden. Nach der Zusammenfassung des Inhalts schlägt Steiner eine Brücke zu einem anderen Beispiel:

Ich mache Sie hier schon darauf aufmerksam, dass wir den Riesen begegnet sind, die durch Schlauheit überwunden werden. Und nun machen Sie einen Sprung durch Jahrtausende, und denken Sie in der Odysseus-Sage an Odysseus und den Riesen Polyphem. Aber wir wollen ein anderes Märchen neben dieses erste hinstellen.[42]

Steiner, selbst geboren in Donji Kraljevec im Königreich Ungarn, wählt als Basis Märchen aus der nächsten Umgebung seines Geburtsortes. Gleichzeitig handelt es sich um Geschichten/Motive, die in der Grimm-Sammlung überarbeitet oder in die KHM aufgenommen wurden, die Steiner aber nicht erwähnt. Stattdessen verweist er auf eine viel ältere, klassische Tradition. Die Auswahl der besprochenen Märchen mag darauf zurückzuführen sein, dass sich die Sammlung der Ungarischen Volksmärchen in Steiners Privatbibliothek befindet.[43] Gleichzeitig erinnert der Text Hundert auf einen Streich an ein bekanntes Märchen aus der Grimm’schen Sammlung, auf das Steiner am Ende des Vortrags Bezug nimmt. Damit ist seine Erzählung gut charakterisiert: Er setzt sich nicht mit den Grimm’schen Märchen auseinander, sondern verwendet Texte aus der KHM-Sammlung oder ähnliche Motive, um seine eigenen Thesen zu illustrieren. Dabei knüpft er an das Werk der beiden Gelehrten an, erkennt ihre Autorität an, scheint aber gleichzeitig zu argumentieren, dass die in der Sammlung ihrer Märchen vorhandenen Motive nichts Einmaliges im Kontext der Märchen der Welt sind und dass die Grimms sie lediglich in die deutsche Tradition einfließen lassen, ähnlich wie es später die Anthroposophie tut.

Wie man sieht, nimmt Steiner eine Universalisierung der Märchenwelt bis hin zur Antike und ihren Mythen vor. Sich auf die Grimms als Autoritäten zu berufen, heißt nicht, deren Texte über Märchen zu zitieren, sondern nur die von ihnen gesammelten Märchen selbst. Steiners Vortrag bleibt dabei die Erzählung eines einzelnen Autors, der den wissenschaftlichen Weg der Grimm’schen Märchensammlung schätzt und sich mit dieser Tradition identifiziert, aber zugleich als Erzähler im Zentrum bleibt. Daraus ergibt sich auch das Grundproblem von Steiners anthroposophischer Erzählung, das Kaiser wie folgt definiert: „Widersprüchlich ist, dass Anthroposophie Wissenschaft sein möchte, aber sich in ihren Aussagen auf die Darstellung nur einer Person zu verlassen scheint.“[44]

Während im ersten Märchen Hundert auf einen Streich der Held selbst mit den Riesen fertig wird, braucht er im zweiten Text Das Lilienmädchen Helfer und Rat. Im ersten Märchen ist er ein Held, der eine angeborene Naivität besitzt, die er nicht verloren hat, also im Schillerschen Sinne reine Natur ist, während er sie im zweiten Märchen sucht und durch Helfer findet, weil er sich als Mitglied der königlichen Familie vom einfachen Volk entfernt hat. Was die Grimms in solchen Situationen der Welt im Märchen, d. h. der Vergeistigung der Natur, z. B. in Form eines Vogels, eines Pferdes, vorbehalten zuschreiben, wird von Steiner auch der realen Welt zugeschrieben. Somit wird die Grenze zwischen der Darstellung der zwei Welten verwischt. In der Einleitung zu den KHM heißt es hingegen, dass die Sterne, Planeten „als angebetete, göttliche Wesen erscheinen […], wie sie es in den alten Zeiten den Deutschen wirklich waren“.[45] Nach Steiners Verständnis sind sie immer noch von der gleichen Natur, aber die Fähigkeit, sie so zu lesen, d. h. die Möglichkeit einer „wahren geistigen Erkenntnis“[46] sei verschwunden. Deshalb sollte die Lektüre von Märchen nicht eine Interpretation von Symbolen sein (wie bei den Grimms), sondern als ein Prozess verstanden werden, bei dem man „vollkommen in das Märchen untertaucht“.[47]

Nach Steiners Auffassung sollen Märchen nicht gedeutet, sondern geistig erlebt werden: „Das Deuten der Symbole ist eigentlich etwas Unsinniges.“[48] Das bedeutet, dass auch Steiner als Erzähler die Märchen nicht interpretiert, sondern sie geistig erlebt, was Bockemühl wie folgt charakterisiert: „Schließlich unterscheidet man sich nicht mehr von den Bildern. Man nimmt sie ganz in sich auf.“[49] Bockemühl führt ein Beispiel an, in dem Steiner auf die Frage nach der Bedeutung des Märchens von den Bremer Straßenmusikanten erklärt, er habe nichts zu sagen und bittet, auf eine Gelegenheit in diesem oder im nächsten Leben zu warten, die es ihm ermöglicht, hinter das Märchen zu kommen.[50]

Das zweite Märchen, das Steiner dem ersten gegenüberstellt, das ungarische Märchen Das Lilienmädchen, erzählt von einem König, der eine gute Frau finden will. Der Freund des Königs, ein armer Forstmann, sagt, dass es ein Mädchen sein werde, das sich vor einem Rosmarinstängel verbeuge. Der König wird bei seiner Suche von einem goldenen Vogel und einem geretteten Zauberpferd unterstützt. Nach vielen Abenteuern landen sie in einem seltsamen Schloss, wo sich ein Zweig vor einer Lilie verbeugt. Die Lilie verwandelt sich in ein schönes Mädchen, das der König heiratet.[51] Die betreffenden Texte dienen Steiner als Anschauungsobjekte:

Der erste Ausgangspunkt zur Märchenentstehung liegt bei allen wirklichen Märchen in uralten Zeiten – in den Zeiten, in denen es für alle noch nicht zur Verstandeskultur herangereiften Menschen ein gewisses mehr oder weniger hochgradiges Hellsehen gab, das als ein Rest eines ursprünglichen Hellsehens geblieben war.[52]

Die Figur, die im Märchen gleichzeitig durch die Lilie und das Mädchen dargestellt wird, ist in Steiners Beschreibung mit seinen Überlegungen zur Bewusstseinsseele und den Tagesgegenständen oder zur nächtlichen Gestalt und der Verstandesseele verbunden. Je nachdem, wie sehr der geistige Zustand des Protagonisten von den Naturkräften abhängt, kann die Wirksamkeit des Einsatzes seiner Helfer, in diesem Fall des Vogels oder des Pferdes, im Misserfolg enden oder im Zusammenwachsen der nächtlichen Gestalt mit der Tagesgestalt. In diesem Fall haben wir es mit der letzteren Situation zu tun, und die eheliche Beziehung erlaubt es, in den Charakteren feinere, höhere, geistige Kräfte zu enthüllen.

Ein ähnlicher Zustand der Loslösung von der rationalen Realität wird, Steiner zufolge, vom modernen Menschen in „Zwischenzuständen zwischen dem Schlafen und dem Wachen“[53] erlebt, obwohl dieser Zwischenzustand und das Eindringen in die Welt des Unbewussten keineswegs Chaos bedeute, da „in diesen alten Zeiten die Menschen mit diesem alten Hellsehen etwas ganz Regelmäβiges erlebten […]“.[54] – An dieser Stelle wäre es also angebracht, zu klären, was Steiner mit dem Begriff „Hellsehen“ meint. Darüber gibt er in einem Vortrag (1909) Auskunft:

Das alte Hellsehen war nicht sein [des Menschen ureigenes] Hellsehen, sondern das, was ihm andere Wesen eingeträufelt haben. Das Hellsehen, das der Mensch sich erwerben wird in der Zukunft, das wird ein selbstbewußtes, ein Ichdurchdrungenes Hellsehen sein.[55]

Das Hellsehen im Sinne Steiners ist auf die Wahrnehmung höherer übersinnlicher Welten gerichtet. Und genau diese Art des Hellsehens hat Steiner im Sinn, wenn er über Märchen schreibt. Es handelt sich indes heute um ein geschultes Vorstellungsvermögen, also nicht um das alte Traumhellsehen, sondern um die intellektuelle Vergegenwärtigung der eigenen Gedankentätigkeit durch das Ich als rein geistiges Wesen. Dieses Thema, das sich auf den deutschen Idealismus von Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling bezieht, ist auch für die Grimm’schen Märchen relevant, aber nicht in Bezug auf das Hellsehen, sondern auf bestimmte Fragen der Geschichte und Mythologie. Jacob Grimms Konzept von Volk und Volkspoesie schlieβt an den Mythosbegriff Schellings an.[56] Im Falle der Grimms ist Schelling jedoch keineswegs eine naheliegende Wahl. Wie Otfrid Ehrismann hervorhebt, „haben sie sich nur die philosophischen Rosinen herausgepickt und beiseite gelassen, was sie nicht mochten oder nicht verstanden“.[57] Es ging vor allem um „manche historische Idee“,[58] aber keineswegs um das Hellsehen. Am 13. Januar 1881 schreibt Steiner über Schelling und seine Theorie in einem Brief an seinen Freund Josef Köck wie folgt:

[…] mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: „Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.“ Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben – geahnt habe ich es ja schon längst; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund![59]

Steiner findet für diese Diskrepanzen eine einfache erzählerische Formel: Er hebt den Namen der Grimms hervor und stellt sich selbst als jemanden dar, der aus der Tradition dieser Märchenforscher stammt, während er sie gleichzeitig marginalisiert. Trotz der ihnen zugewiesenen Rolle zitiert er die Grimms nicht, denn der Unterschied zwischen ihnen bleibt grundlegend und betrifft rationale Erkenntnisquellen und Methodik. Daher schreibt er in verschiedenen Texten mehr über andere Mitglieder der Familie Grimm als über die Herausgeber der KHM. Von einer wirklichen und unbestreitbaren Annäherung zwischen Steiner und den Brüdern Grimm kann nur gesprochen werden, wenn es um den wahrgenommenen erzieherischen Wert der Märchen geht.

In seinem Vortrag Märchendeutungen betont Steiner die Existenz von drei Seelengliedern: „der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewusstseinsseele“,[60] deren Verhältnis zur Welt unterschiedlich ist, was sich auch in den Figuren der Märchen widerspiegelt. Vor allem der erste Punkt ist wichtig, weil er die Entstehungszeit der Märchen betrifft. Wie Steiner argumentiert, sei der Mensch in alten Zeiten „[…] ein Wesen nur bestehend aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Empfindungsseele. So bevölkerte er die Welt. Da konnte er dasselbe, was jetzt jene Wesen um ihn herum können, die in den niederen Naturkräften leben“.[61] Dazu gehören extrem starke menschliche Charaktere wie die Riesen, die jedoch aufgrund des fehlenden Zugangs zu einer rationalen Seele im Märchen einfach dumm seien. Diese zweite Ebene des Denkens wird durch das andere Geschlecht repräsentiert: „die Gebilde der Verstandesseele als die formenden weiblichen Wesenheiten, die Weisheit in die Dinge hineinbringen […]. Das sind die ‚weisen Frauen‘, […] die alles gestalten“.[62] Schließlich verweist Steiner auf den dritten Bewusstseinszustand, den er als Bewusstseinsseele bezeichnet. Diese Seele besitzt eine Fähigkeit, die er Schlauheit nennt. Wie der Autor feststellt,

sehen wir mit der Bewusstseinsseele diejenigen geistigen Wesenheiten an, die auf den Stufen stehengeblieben sind, wo der Mensch erst nur die Hülle des Ich hatte. Diese Wesenheiten sieht da der Mensch leben, sie können nicht viel, ihre Kräfte sind klein. Und da der Mensch in den Bildern die Gestalten ihrer inneren Natur angemessen sieht, so erscheinen sie als „Zwerge“.[63]

Am Ende werden die Riesen und andere blinde, von der Natur gebannte Kräfte durch Schlauheit besiegt. Steiner erklärt oder interpretiert die genannten Motive nicht, sondern nutzt sie, um ein anthroposophisches Weltbild zu erläutern. Er arbeitet auf diese Weise im Gegensatz zu den Grimms. Vordergründig teilt er deren Überzeugung, dass viele Motive im Märchen keiner Erklärung bedürfen, aber im Falle der Grimms geht es nur um einfache Motive. So lesen wir in der Einleitung zu den KHM, dass „das alles unmittelbar zum Herzen redet und keiner Erklärung bedarf“.[64] Anders als bei Steiner öffnet sich hier jedoch ein Tor zu einer philologischen Interpretation, die als Rekonstruktion von Bedeutungen verstanden wird, wenn die folgende zusätzliche Aussage erscheint: „Jede wahre Poesie ist der mannigfaltigsten Auslegung fähig […].“[65] Dies beeinflusst die spätere Deutung der Märchen durch die Grimms, die Wert auf die Absichten derjenigen legen, die mit den Märchen in Berührung kommen.

In der Einleitung der Grimm’schen Sammlung werden Vögel erwähnt, die als Geister „betrachtet“ werden. Tieren wird „die höhere Natur beigelegt“.[66] Diese Motive sind keine Manifestationen realer Zustände der menschlichen Seele, sondern Produkte der Wunschvorstellung. Auch teilen die Grimms die Figuren nicht, wie später Steiner, in verschiedene Funktionsstufen der menschlichen Seele ein, sondern sehen sie im Rahmen der märchenhaften Phantasie als autonome Wesenheiten, die von außen auf den Menschen einwirken. Dies gilt auch für die Riesen, die „das Übermächtige“[67] darstellen. Im Fall der weisen Frauen lesen wir in der Einleitung zu KHM nicht vom Denken, sondern vom „Bewachen des Schicksals“,[68] was den Schwerpunkt vom Denkprozess auf die Bewachung der Macht und des Einflusses dieser Kraft jenseits ihrer menschlichen Dimension verlagert. Das „wird in ähnlichen naiven, höchst bezeichnenden Zügen dargestellt“.[69] Bei den Grimms geht es also um die Kategorie, die mit der Darstellung der Intentionen verschiedener Rezipienten von Märchen verbunden ist, bei Steiner – um die Bewertung der Bewusstseinsstufen in Märchenstoffen.

Steiners Analysen der Märchen Das Lilienmädchen und Die sechs Drachen zeigen alle bisher besprochenen einschlägigen Motive „als Wiedererzählungen astralischer Erlebnisse“.[70] Zu Steiners Zeiten gab es viele Menschen, die auf der Suche nach solchen Spuren des atavistischen Hellsehens aktiv die Welt bereisten. „Die Gebrüder Grimm haben so die Märchen gesammelt“,[71] schreibt Steiner in einem ergänzenden Kommentar. Obwohl es, wie Bockemühl feststellt, eine gewisse Übereinstimmung zwischen Steiners und Wilhelm Grimms Ansichten gibt, Märchen als „Überreste eines in die älteste Zeit hinaufreichenden Glaubens“[72] zu sehen, insbesondere auf der Ebene der allegorischen Interpretationen, unterscheiden sie sich in der Tat völlig in ihrer „exotherisch-wörtlichen“ oder okkulten Auffassung der Märchenstoffe, sobald Märchen wörtlich genommen werden. Für Bockemühl und Steiner bedeutet das, „vollkommen in das Märchen unterzutauchen, sich mit ihm zu identifizieren, hineinzuschlüpfen, nicht nur in den persönlichen Lieblingshelden, sondern in alle Gestalten […]“.[73] Wilhelm Grimm hingegen bewahrt seine Haltung eines distanzierten Märchensammlers und Philologen.

5 Rudolf Steiners Märchendeutungen im Lichte der Geistesforschung

Der zweite Vortrag Steiners, Märchendeutungen im Lichte der Geistesforschung (Berlin, 6. Februar 1913), ist länger, überschneidet sich aber inhaltlich teilweise mit dem ersten. Diesmal beginnt Steiner jedoch, zwischen dem Inhalt der Dramen und Märchen zu unterscheiden. Wahrscheinlich geht es darum, dass Steiner seine eigenen Mysteriendramen geschrieben hat, und schon im ersten solchen Mysteriendrama Ein Rosenkreuzermysterium von 1910 nimmt der Autor eine Art Verwandlung von Goethes Das Mährchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie (1795) in einen Meditationsstoff vor. Für den vorliegenden Artikel ist dieser Stoff jedoch nicht relevant, da er keinen Bezug zu den Märchen der Brüder Grimm hat.

Nach Steiner geht es in der Tragödie um das Schicksal einer bestimmten Person, während das Märchen etwas allgemein Menschliches ausdrücke. Die Konflikte darin seien daher auch für das Kind verständlicher, und durch die Vermittlung der Methoden der Geisteswissenschaft könne man darin einfacher in geistige Welten eindringen. Steiner argumentiert, dass die in den Märchen dargestellten Konflikte dem Menschen am Tag des Erwachens widerfahren und auf den Kampf der Seele gegen die Kräfte des natürlichen Daseins beim Aufwachen hinauslaufen. Während des Schlafes führe die menschliche Seele ein rein geistiges Dasein, was auch im Traum geschehe, dem aber nicht mehr so viel Beachtung geschenkt werde wie früher, als der primitive Mensch „ein gewisses ursprüngliches Hellsehen“[74] gekannt habe. Steiner zufolge ist der Urzustand des Menschen ein Zustand des Hellsehens, wie er auch im Märchen durch die Verbindung der Seele mit der gesamten vergeistigten Welt vorhanden sei. Als Beispiel für eine solche Verbindung führt er das Verhalten eines Kindes an, das sich unsichtbare Freunde, einfache Seelenverwandte, schafft.

An dieser Stelle bezieht sich Steiner zum ersten Mal auf Das Märchen von der Unke, „das die Brüder Grimm mitgeteilt haben. Sie erzählen uns von dem Kinde, welches immer eine Unke mitessen läβt“.[75] Als die Mutter des Kindes davon erfährt, tötet sie die Unke. Infolgedessen wird das Kind krank und stirbt. Dies zeige, so Steiner, welche Folgen es hat, wenn die Verbindung zwischen der äußeren Welt und der geistigen Welt unterbrochen wird. In diesem Fall handelt es sich um das mangelnde Verständnis der Mutter für das seelische Bedürfnis des Kindes, sich eine innere Führungs- und Begleitfigur zu schaffen:

Wer sollte zum Beispiel nicht Kinder kennen, welche gewisse unsichtbare Freunde mit sich durchs Leben führen, Freunde, von denen Sie sich vorstellen müssen, daβ sie da sind, wenn etwas geschieht, was die Kinder freut, welche teilnehmen müssen als unsichtbare Geistesgenossen, Seelengenossen, wenn das Kind dieses oder jenes erlebt?[76]

Das Grimm’sche Märchen ist demnach die Verbalisierung eines Vorgangs, der in der kindlichen Psyche ganz natürlich abläuft, obwohl er von Außenstehenden oft als etwas Bizarres und sogar Morbides angesehen wird.

„Ein kindliches Gemüt – die Erfahrung, das Erlebnis kann das durchaus zeigen – kommt oftmals dazu, in seinem Innern sich etwas zu erschaffen wie einen einfachen Genossen, einen Genossen, der eigentlich nur für dieses kindliche Gemüt da ist, der es aber doch begleitet, der mittut bei den verschiedensten Lebensereignissen.[77]

Die Tatsache, dass die Grimms die innere Instanzierung der Kinderseele treffend verbalisieren, hängt damit zusammen, dass „das Kind mit dem Tiere wie mit einem Menschen spricht“.[78] Die im Märchen geschilderte Krankheit und der Tod des Kindes seien eine weitere Form der Verbalisierung der Tatsache, dass die Rationalität der anderen Familienmitglieder sie den Kontakt mit dem Seelengenossen als Abweichung von der Norm betrachten lassen. Steiner beschreibt die Episode des Kindstodes als einen Zustand von Trauer und Krankheit im wirklichen Leben:

Das Kind trauert um seinen Seelengenossen. Und wenn es empfänglich ist für geistig-seelische Stimmungen, so bedeutet diese Trauer noch viel mehr, kann ein Kränkeln, ein Siechwerden des Kindes bedeuten. Das ist ein durchaus reales Erlebnis, das mit tief innern Ereignissen der Menschenseele zusammenhängt.[79]

Steiner versteht das Grimm’sche Märchen als eine Geschichte über gewisse Seelenstimmungen, die „sich tatsächlich in den Tiefen der Seele abspielen“,[80] und daher nicht als erfundene und rein abstrakte mentale Zustände, sondern als eine genaue Art der intuitiven Beschreibung des Innenlebens des Kindes betrachtet werden sollten.

Ein weiteres Grimm’sches Märchen, auf das sich Steiner bezieht, ist Rumpelstilzchen. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung eines tiefinneren Seelenerlebnisses:

Wirklich keinem anderen Kunstwerke als dem Märchen gegenüber hat man so sehr das Gefühl, daβ man an dem unmittelbaren Bilde die innerste Freude haben und dennoch wissen kann von dem tiefinneren Seelenerlebnis, aus dem ein solches Märchen herausgeboren worden ist.[81]

Ein Müller behauptet, dass seine Tochter Stroh in Gold verwandeln kann. Der König befiehlt, sie ins Schloss zu bringen, um dies zu testen. Nachdem das Mädchen im Schloss eingesperrt ist, stellt es sich heraus, dass es hilflos ist, aber ein kleiner Mann erscheint und hilft der Tochter des Müllers, Stroh in Gold zu verwandeln. Im Gegenzug erhält er das Versprechen, ihr erstes Kind zu bekommen. Als der Mann das Kind holen kommt, kann die Tochter des Müllers es retten, wenn sie ihm seinen Namen sagt. So geschieht es, und Rumpelstilzchen erfüllt die von Steiner beschriebene Funktion des Helfers im Leben jedes Kindes: „[…] denn es gibt etwas in dir, was unendlich mehr ist, als dein ‚Wissendes‘. Das ist dir ein treuer Helfer“.[82]

Steiner kehrt zum Motiv des Seelengenossen zurück, auch wenn er es im Falle dieses Märchens anders nennt. Er bedient sich eines rhetorischen Kniffs, der in Vorträgen nützlich ist, nämlich der direkten Ansprache des Zuhörers, um die Botschaft zu individualisieren und zu betonen, dass der Stoff des Märchens ein Produkt des kollektiven Geistes vieler Märchenerzähler ist, dass sich aber gleichzeitig in seiner universellen Botschaft die intime Kommunikation verbirgt, die für jeden Rezipienten mythologischen Inhalts charakteristisch ist und Spuren atavistischen Denkens enthält:

Du muβt nur ein Verhältnis dazu gewinnen, du muβt nur wirklich einen Begriff verbinden können mit dieser in dir selber wohnenden klügeren, weiseren, geschickteren Wesenheit, als du selbst bist.

Und nun versuche man wieder, diesen Umgang der Menschenseele mit sich selbst, diesen unbewuβten Umgang mit dem geschickteren Teile in der Seele sich zu vergegenwärtigen, und man versuche, nachschwingen zu fühlen in diesem Märchen vom Rumpelstilzchen, was da die Seele erlebt in der Müllerstochter, die nicht das Stroh zu Gold verspinnen kann, die aber in dem Männchen einen geschickten, treuen Helfer findet.[83]

Wiederum geht es Steiner um dieses „tiefinnere Seelenleben“, das die Grimms in den Märchenstoffen oder durch die Märchen verbalisieren. Das lesen wir auch in der Einleitung zu den KHM: „Es sind hier Gedanken über das Göttliche und Geistige im Leben aufbewahrt: alter Glaube und Glaubenslehre in das epische Element, das sich mit der Geschichte eines Volkes entwickelt, getaucht und leiblich gestaltet.“[84] Doch während bei den Grimms das Ergebnis dieser Verbalisierung ein literarisches Kunstwerk ist, bedeutet die gleiche Aussage bei Steiner nur den halben Weg zum Ziel. An seinem Ende steht eine Beschreibung des psychologischen Mechanismus des atavistischen Denkens, das im Menschen immer noch in begrenzter Form vorhanden ist.

Im zweiten Teil des Vortrags bezieht sich Steiner auf seinen Text Die Geheimwissenschaft im Umriss (1910), um die Widerspiegelung der Weltenevolution in den Märchen nachzuzeichnen. Dieses Thema ist bereits deutlich pseudowissenschaftlicher Natur und geht davon aus, „dass unsere Erde selber als Planet im Weltenall gewisse Stadien durchgemacht hat, welche wir mit den aufeinanderfolgenden Leben des einzelnen Menschen vergleichen können“.[85] Steiner betont, dass all dies mit geisteswissenschaftlichen Methoden entdeckt würde und von wissenschaftlicher Vernunft zeuge, aber seine Vorstellung, es gäbe eine Analogie zwischen den planetarischen Lebensstufen und den aufeinanderfolgenden Leben der einzelnen Menschen, erweist sich nun als wissenschaftlich haltlose Spekulation.

Bevor die Erde „ihr ‚Erden‘-Dasein begonnen habe, habe sie eine Art von ‚Monden‘-Dasein durchgemacht, und vor diesem eine Art von ‚Sonnen‘-Dasein“.[86] Das „Sonnen“-Dasein sei „ein planetarisches Vorgänger-Dasein unseres Erden-Daseins in urferner Vergangenheit“.[87] Dann komme es zu einer Trennung zwischen der Sonne und der Erde. Der Mond und die gegenwärtige Sonne trennten sich von der ursprünglichen Sonne. Nach Steiner ist zwischen Erde und Sonne sowie zwischen Mond mit gegenwärtiger Sonne und der ursprünglichen Sonne zu unterscheiden. Die Seele mache eine ähnliche Reise im Zustand der Bewusstlosigkeit, wenn sie sich vom Bewusstsein der sie umgebenden Materie befreie. Nach Steiner ist die menschliche Seele in der Antike noch nicht so mit der irdischen Materie verbunden, und „die höchsten tierischen Organismen waren die Fisch-Anlagen“.[88]

In diesem Text gibt es keine Hinweise auf Märchen oder auf die Grimms, stattdessen wird allgemein angenommen, „daß es hinter der sichtbaren Welt eine unsichtbare, eine zunächst für die Sinne und das an diese Sinne gefesselte Denken verborgene Welt gibt“.[89] Für Steiner ist es also die Welt, die zu einem märchenhaften Gebilde wird und nicht andersherum. Immerhin räumt der Autor ein, dass er erst nach der Formulierung seiner Weltenevolutionstheorie „in der ‚Völkerpsychologie‘ von Wundt“[90] auf „ein bei primitiven Völkern sich findendes Märchen“[91] stieß, das solche Dinge enthält. Genauer gesagt ist es der Inhalt, den Wilhelm Wundt im zweiten Band seiner monumentalen Monographie Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte (1905) zitiert.

Um die erwähnte Weltenevolution zu demonstrieren, bezieht sich Steiner (wie Wundt) auf zwei Märchen von Naturvölkern, deren Ursprung weder von Steiner noch von den Herausgebern seiner Werke festgestellt wurde. Eine der von ihm zitierten Geschichten handelt von „einem Menschen von der Wesenheit des Baumharzes“,[92] der nachts auf die Jagd geht, um in der Sonne nicht zu schmelzen. Einmal, als er tagsüber fischen geht, schmilzt er. Seine Söhne schieβen daraufhin Pfeile ab und bilden eine Leiter, die in den Himmel aufsteigt. Die Brüder klettern in den Himmel, töten die Sonne und werden selbst zu Himmelskörpern. Wie Wundt schreibt, „wandte sich der ältere Bruder […] dem Tage, der jüngere der Nacht zu, und so wurden aus ihnen Sonne und Mond“.[93] Wundt behandelt die Geschichte als eine Zusammenstellung von Geschichten „aus zwei ziemlich disparaten Märchenstoffen, deren einer eine Art von primitivem Sonnenmythus, der andere ein Baummythus ist“.[94]

Steiner benutzt die Geschichte, um die These zu begründen, dass „das Ich des Menschen selber eine Art Sonne für den schlafenden Menschenleib“[95] sei, was es für die Sonne in Bezug auf die zwölf Sternbilder gilt. Je nachdem welches Sternbild die Sonne bedecke, wirke sie anders auf die Erde. Hier zeigt sich „die Verwandschaft des sich verändernden Ichs mit der sich wandelnden Sonnenwirkung“.[96] Demnach symbolisiert der Mond „die Nachkommenschaft der ursprünglichen Sonne“.[97] Im Folgenden geht es im Allgemeinen um die Verwandtschaft der Menschenseele und des menschlichen Ichs mit dem Kosmos, wofür Beispiele aus Grimms Märchen herangezogen werden. Darin würden die Naturkräfte und ihr Gegengewicht durch die Anwesenheit von Riesen manifestiert werden:

Diese Riesen entstehen ganz selbstverständlich als Bild aus der Stimmung heraus, welche die Seele hat, wenn sie sich wieder am Morgen in ihren physischen Leib hineinbegeben will und sich nun den für die Menschenseele ”riesenhaften“ Naturkräften gegenüber sieht, die den Leib einnehmen.[98]

Ebenso würden sich Naturkräfte narrativ in Form von Planeten, Sternen und anderen riesenhaften Gebilden zeigen. Die Beziehung zwischen den geistigen Kräften des Kosmos, der Natur und den Tiefen der Menschenseele wird in den Quellen der Märchendichtung deutlich. Hier spielt Steiner wieder auf die Grimms an, die auf mythologische Inhalte aus längst vergangenen Zeiten zurückgreifen. Obwohl die Märchenstoffe in ihren Augen nur Dokumente der Vergangenheit sind, bilden sie in leicht abgewandelter Form immer noch die Grundlage für das atavistische Denken vieler Menschen in Ländern wie beispielsweise Indien. Steiner spricht hier für die gesamte Gemeinschaft der Märchenleser und geht für sich und sie davon aus, dass dieser Geist der Vergangenheit in der Sammlung der Grimms überlebt, weil er aus der Überlieferung einfacher Menschen stammt:

Dann wundern wir uns aber auch nicht, daβ wir in den deutschen Märchen, die Jacob und Wilhelm Grimm in der Gestaltung sammelten, wie sie sie hören konnten von Verwandten oder anderen, oft einfachen Menschen, Darstellungen wiederfinden, die an jene Zeiten des europäischen Lebens erinnern, in denen auch die groβen Heldensagen entstanden sind, und daβ die Märchen Züge enthalten, die wir auch bei den groβen Götter- und Heldensagen finden.[99]

Mit anderen Worten: Steiner charakterisiert die Grimms als jene Forscher, die das Volksmärchen nicht nur philologisch und historisch dokumentiert, sondern auch Einblicke in eine atavistische Denkweise gegeben hätten, die in der Welt noch vorhanden ist, aber in der europäischen Kultur, die „durch Verstand, Vernunft“ und „das Bewuβtsein der Gegenwart“[100] dominiert wird, längst aufgegeben wurde. Obwohl Steiner Beispiele aus außereuropäischen Märchen anführt, verwendet er den Namen der Grimms abschließend abermals, wenn er über die getarnte Beschreibung des Ursprungs der Welt und des Funktionierens der menschlichen Seele in Märchen schreibt. Auf diese Weise legitimiert er seine Geisteswissenschaft in den Augen der Zuhörer und Leserinnen, die mit den von den Grimms gesammelten und zusammengestellten Texten aufgewachsen sind. Aus diesem Zusammenhang lässt sich auch ableiten, dass Steiner die Brüder Grimm zu dem Kreis der Märchenforscher und -freunde zählt, die es ermöglichen, die Erkenntnisse der gegenwärtigen Geisteswissenschaft in literarischen Kunstwerken neu zu vergegenwärtigen:

So wird gerade durch die Verbreitung der Geisteswissenschaft das bewahrheitet, was echte Märchensammler, echte Märchenfühler und Märchendarsteller wollten, […], wiederholend ein schönes dichterisches Wort, in das wir zusammenfassen können, was sich auch aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Märchens ergibt, wenn wir sie im heutigen Sinne anstellen.[101]

Hier kehrt Steiner zu dem ungarischen Märchen aus dem ersten Vortrag über den jungen Mann zurück, der „Hundert auf einmal erschlagen“ kann, und wieder geht es um den Kampf der menschlichen Seele gegen die Kräfte der Natur. Das Märchen schildert diesen Kampf in einer einfachen, für Kinder charakteristischen Weise, „weil im Kinde die menschliche Wesenheit in einer noch ursprünglicheren Art mit dem Gesamtdasein, mit dem Gesamtleben zusammenhängt“.[102] Auch Wilhelm Grimm schreibt in seiner Einleitung zu der 1819 erschienenen Sammlung Kinder- und Hausmärchen über Riesen, setzt den Akzent aber anders:

Überhaupt aber das, die Naturkräfte in dem Gegensatz ihrer wilden und stillen Wirkungen darstellende Riesen- und Zwerg-Wesen lebt hier noch in den Formen und Bildern fort, in welchen es die alten ursprünglich deutschen Gedichte darstellen, das Übermächtige und doch Ungeschlachte jener ist in ähnlichen naiven, höchst bezeichnenden Zügen dargestellt, so wie die Schlauheit, List und wiederum das Zuthätige und Bereitwillige der Kleinen aus Elberichs Reich, welche durch ihre wunderbaren und geheimen Kräfte immer auch das Geistermäßige ihrer Natur erkennen lassen.[103]

Gegen Ende seines Vortrags Märchendeutungen im Lichte der Geistesforschung bezieht sich Steiner auf die Aussage einer anonymen Person, „eines tiefen Freundes der Märchendarstellung“:

Märchen und Sagen sind wie ein guter Engel, der von Geburt an, von Heimat wegen dem Menschen mitgegeben wird auf seiner Lebenswanderung, damit er ihm ein vertraulicher Genosse durch diese ganze Lebenswanderung hindurch sei und ihm dadurch, dass er ihm diese Genossenschaft bietet, erst das Leben zu einem wahrhaft innerlich beseelten Märchen macht![104]

Diese Worte werden Karl Julius Schröer (1825–1900) zugeschrieben, einem Erforscher der deutschen Volkskunde in Ungarn. Schröer veröffentlichte 1857/1858 das Buch Deutsche Weihnachtsspiele aus Ungarn und war auch als Goetheforscher in Wien tätig. Er kommentierte Goethes Werke und interessierte sich besonders für die Faust-Studien, die er in einer zweibändigen Faust-Ausgabe vorlegte. Am wichtigsten war jedoch die Identität von Schröers Ansichten mit dem „Geist“ von Jacob Grimm:

Allein, es war mir doch Gelegenheit geboten, die langjährige Freundschaft eines guten Nachfolgers und Schülers Jacob Grimms zu genießen, des Österreichischen Dialekt-, Sagen- und Mythenforschers, später auch Goethe-Forschers Karl Julius Schröer. Ich habe darüber ja schon in diesen Vorträgen gesprochen, außer über das, was er, ich möchte sagen, so recht aus dem Geiste Jacob Grimms heraus zu erforschen versuchte, namentlich über die intimen Lebensbeziehungen der deutschen Volksseele zu den verschiedenen Volksseelen, die in Österreich walten.[105]

Der Kontakt mit Märchen dominiert Steiners Arbeit an Goethes Märchen und dann seine eigenen Märchen, die in die Reihe der Mysteriendramen aufgenommen wurden. Interessanterweise deutet dies indirekt auf einen weiteren Einfluss der Grimms auf Steiner hin, nämlich die Forschungen von Herman Grimm zu Goethes Werken, wie sie sich im Berliner Vortrag vom 16. Januar 1913 finden, und dann zumindest im Stuttgarter Vortrag von 1920. Dort wird Herman Grimm als Essayist erwähnt, der „den lebendigen Goethe“[106] zeigt. In der Tat ist Herman Grimm für Steiner jemand, der „die Idee, das abendländische Geistesleben im ganzen so zu betrachten, wie er es individuell in bezug auf Goethe betrachtet hat“,[107] vertritt. Dieser Ansatz unterscheidet Grimm nach Steiners Ansicht von anderen Geschichtsrezipienten, und das hänge wiederum damit zusammen, dass Grimm „die ganze abendländische Geistesentwickelung als Entwicklung der Volksphantasie“[108] sehe, was ja indirekt auch zur literarisch-kreativen Rolle von Mythen und Märchen führe.

Am Ende des Vortrags nennt Steiner Jacob und Wilhelm Grimm als ein Beispiel für Menschen, die sich mit Märchen beschäftigten – zwar nicht geisteswissenschaftlich wie Herman Grimm, aber intuitiv wissend, wie sie den Leserinnen und Lesern den Schlüssel zu ihrem inneren Selbst geben konnten. In diesem Sinne hätten sich ihre Ziele mit denen gedeckt, die später von der Anthroposophie für die Märchen gesetzt werden sollten. Gerade durch das Sammeln und Veröffentlichen von Märchen hätten die Brüder Grimm dazu beigetragen, das Märchenpublikum für die zukünftige Botschaft der Anthroposophie zu sensibilisieren:

Menschen wie zum Beispiel die Brüder Grimm, wenn sie sich auch nicht geisteswissenschaftlich zu der Sache stellen, doch aber aus der ganzen Art, wie sie mit den Märchen lebten, die sie aus der Volkskultur heraufholten, hatten die Empfindung, dass sie der Menschheit etwas gaben, was innig zu dieser Menschennatur gehört. Dann begreift man es auch, dass, nachdem eine Verstandeskultur durch Jahrhunderte so manches getan hat, um die Menschenseele und auch die Kindesseele dem Märchen zu entfremden, solche Märchensammlungen wie die der Brüder Grimm wieder bei allen Menschen Eingang gefunden haben, die für so etwas empfänglich sind, und dass sie wieder Gemeingut gerade der Kinderseele geworden sind, aber wohl auch Gemeingut aller Seelen, und dies namentlich immer mehr und mehr werden, je mehr die Geisteswissenschaft nicht nur Theorie sein wird, sondern Stimmung der Seele, jene Stimmung, welche die Seele immer mehr und mehr zusammenführen, gefühlsmäβig zusammenführen wird mit ihren geistigen Wurzeln des Daseins.[109]

6 Grimms Märchen in der von Rudolf Steiner inspirierten Pädagogik

Grimms Märchen kommen in Steiners Texten und Vorträgen relativ selten vor, und sie sind nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, der über sie hinausgeht. Dies zeigt sich auch in den Texten, Vorlesungen und Seminaren zur Pädagogik. Der Inhalt der Seminare steht in engem Zusammenhang mit der Rolle, die Steiner den Märchen nicht nur in der Erziehung der Kinder, sondern auch in ihrer Wirkung auf die gesunde Psyche des Kindes zuordnet. Dies entspricht der Funktion, die auch die Brüder Grimm den Märchen zuweisen. Wie Harm-Peer Zimmermann feststellt, „bestehe die ‚Absicht‘ der Märchensammlung darin, ‚daβ sie als ein Erziehungsbuch diene‘. […] Es geht um die Erziehung des Menschen mit Hilfe der Poesie“.[110]

Steiner schreibt den Märchen aufgrund ihrer Wirkung auf die menschliche Psyche auch einen medizinischen Wert zu. Er betont, dass man die Märchen nicht wegen ihrer Entstehungszeit, in der die Menschheit noch in der Unmündigkeit lebte, vernachlässigen sollte, denn in dieser Zeit fand der Kontakt mit den Göttern statt, der den Charakter des Menschen prägte:

Die Materialisten sagen: Mythen und Märchen entspringen der Kindheitsstufe der Menschheit. – Aber die Menschen wurden eben in ihrer Kindheit von Göttern unterrichtet. […] Es ist ein großer Unterschied, ob man das Kind mit oder ohne Märchen aufwachsen läßt. […] Ja sogar physisch kommt es zum Ausdruck, auch gegen Krankheiten können Märchen helfen. Was durch die Märchen hineingeträufelt wird, das kommt als Lebensfroheit, Lebenssinn später heraus, kommt als Möglichkeit, mit dem Leben fertigzuwerden, noch im spätesten Alter zum Vorschein. Es müssen die Kinder in ihrer Jugend, wo sie sie noch erleben können, erleben die Kraft des Märcheninhaltes.[111]

Steiner bekräftigt diesen Glauben an den wichtigen Einfluss der Märchen auf die menschliche Psyche auch bei anderen Gelegenheiten:

Wenn wir die geeigneten Märchen dem Kinde erzählen, regen wir die kindliche Seele so an, daß sie nicht allein in der Weise der Wirklichkeit zugeführt wird, daß sie immer nur in der Stimmung verharrt bei irgendeinem Begriff, der mit der äußeren Realität stimmt. Denn ein solches Verhältnis zur Wirklichkeit vertrocknet und verödet die Seele, dagegen wird die Seele lebendig und frisch gehalten, so daß sie die Gesamtorganisation des Menschen durchdringt, wenn sie das, was real im höheren Sinne ist, in den gesetzmäßigen Gestalten der Märchenbilder fühlt, die aber doch die Seele ganz über die äußere Welt hinwegheben. Kräftiger für das Leben, lebendiger das Leben erfassend wird der Mensch, wenn in seiner Kindheit Märchen auf seine Seele gewirkt haben.[112]

Als am 7. September 1919 in Stuttgart die erste „Freie Waldorfschule“ als „einheitliche Volks- und höhere Schule“ eröffnet wurde, fand ein von Steiner geleiteter Einführungskurs für Lehrer statt (vom 21. August bis 6. September). In Form eines Seminars wurden verschiedene methodische und didaktische Fragen erörtert, darunter auch die Verwendung von Märchen in der pädagogischen Praxis im Sinne der Anthroposophie Steiners. Teile dieses Kurses sind in Dem ersten und dritten Kursteil der Rudolf Steiner Gesamtausgabe unter den Titeln: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. Vierzehn Vorträge, (Stuttgart, 21. August bis 5. September 1919, GA Bd. 293), sowie in Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge. Fünfzehn Seminarbesprechungen und drei Lehrplanvorträge, (Stuttgart, 21. August bis 6. September 1919, GA Bd. 295) zu finden.

In der Ersten Seminarbesprechung (Stuttgart, 21. August 1919, Bd. 295) stellt Steiner die für seine anthropologischen Theorien charakteristische Typologie des Kindes vor, die im Wesentlichen auf vier Persönlichkeitstypen hinausläuft: „Seit alters unterscheidet man die vier Grundtypen des sanguinischen, des melancholischen, des phlegmatischen und des cholerischen Temperamentes.“[113] Diese Kategorisierung ist mit der Typologie des Menschen im Allgemeinen verbunden, d. h. mit der Einteilung „der Menschenwesenheit in Ich, Astralleib, Ätherleib und physischen Leib“.[114] Eine Synthese dieser Beziehungen ist im folgenden Absatz von Steiners Text enthalten:

Waltet der Astralleib vor, dann tritt uns das cholerische Temperament entgegen. Waltet der Ätherleib vor, dann tritt uns das sanguinische Temperament entgegen. Waltet der physische Leib vor, dann tritt uns das phlegmatische Temperament entgegen.[115]

Je nach Charakter, Aufgabe und Alter des Kindes empfiehlt Steiner im Waldorfschulunterricht die Lektüre verschiedener Texte im sogenannten Geschichtenunterricht, wobei Märchen in den ersten Schuljahren naturgemäß einen zentralen Platz einnehmen. Neben einer Reihe von Volks- und Kunstmärchen enthält die Antwort auf Fragen der dritten Seminarsitzung in Stuttgart am 23. August 1919 eine Passage mit einer Gesprächsmitschrift über das Märchen Marienkind. Es geht um eine Diskussion darüber, wie man dieses Märchen melancholischen und sanguinischen Kindern erzählen könne. Steiner erklärt, dass man der ersten Gruppe von Kindern das Märchen „in etwas eindringlicherer Art“ erzählen solle und der zweiten mit Pausen dazwischen. Später kommen auch die Märchen Meerkätzchen und Similiberg zur Sprache, als Steiner erwähnt, dass man melancholischen Kindern die Geschichte gemütlich erzählen und „das sanguinische Kind straff vor sich setzen“[116] müsse. Jedoch wird nicht diskutiert, welchen Zweck der Einsatz genau dieser und nicht anderer Märchen im Unterricht überhaupt habe. Alles, was zählt, ist die Artikulation des Textes und die richtige Wahl des Publikums.

Für alle drei Märchen weist Steiner die Lehrer darauf hin, dass „immer die erste Fassung auch in ihrer Zielsetzung die bessere ist“,[117] und empfiehlt dann, eine andere Fassung für das phlegmatische Kind vorzubereiten. Nach zwei Tagen wird das Marienkind-Märchen den phlegmatischen Kindern erzählt, und Steiner empfiehlt, „das Überraschungsmoment […], das Neugiermoment“[118] zu benutzen. Beim Erzählen von Märchen seien die Temperamente der Kinder wichtig, und diese sollten im Voraus durch Beobachtung ermittelt und in die Gruppenpräsentation einbezogen werden. In der Niederschrift der Vierten Seminarbesprechung (25. August 1919) kann man auch sehen, wie die Märchennamen auf die Gemütsverfassung der Kinder abgestimmt werden, z. B. Aschenputtel: „Nie die Kinder sich gegenseitig denunzieren lassen, sondern man sollte auf andere Weise herausbekommen, was die Ursache ihres Aschenbrödeltums ist. Die Kinder brauchen nicht selber Schuld zu sein.“[119]

Wir sprechen hier von einer hypothetischen Situation, in der Kinder, die jeden der psychologischen Typen repräsentieren, einen Zustand erleben können, der für die Figuren in den Märchen der Brüder Grimm charakteristisch ist. Steiner ermutigt die Lehrenden, proaktiv zu sein und eine Antwort zu formulieren, wenn sie die Erfahrung machen,

daß drei bis vier Wochen nachdem die Schule begonnen hat, ein phlegmatisches Kind, ein cholerisches und ein melancholisches Kind gewissermaßen die drei Aschenbrödel der Klasse werden, daß sie von allen gepufft werden, daß niemand mit ihnen umgeht und so weiter. Also, wenn das passiert wäre, wie würden sich die Lehrenden und Unterrichtenden hierzu verhalten?[120]

Steiner weist dann auf die Notwendigkeit hin, solche Erfahrungem im Unterricht in eine Geschichte umzuwandeln, und das Ergebnis solle ein Märchen sein, „das [die Lehrenden – T.M.] dann der ganzen Klasse vorführen, wobei [sie – T.M.] die drei Aschenbrödel ein wenig trösten und die anderen ein wenig beschämen“.[121] Steiner verwendet also eine Figur aus Grimms Märchen mitsamt der impliziten Geschichte dahinter, um eine bestimmte Situation in einer Gruppe von Gleichaltrigen zu lösen. Der Spitzname „Aschenbrödel“ erleichtert und beschleunigt die Kommunikation mit den Lehrern, da jeder im Publikum das Märchen aus der Grimm’schen Sammlung kennt. Dadurch wird die Verwendung von verschlungenen Ableitungen und psychologischen Begriffen vermieden.

Steiners Ratschläge haben die Rolle beeinflusst, die Grimms Märchen heute in der Waldorfpädagogik spielen. Jedoch hat er sich gelegentlich auch geirrt. So schreibt er eine Version des Märchens vom Gestiefelten Kater den Grimms zu, die in Wirklichkeit aus einer dänischen Fassung stammt, die Ludwig Laistner (1889) dokumentiert hat.[122] An diesem Beispiel wiederholt Steiner übrigens seine Theorie über den Ursprung der Märchen:

Was im Traume gesehen wurde, das wurde erzählt, so wie das Märchen vom gestiefelten Kater, das nur eine Umbildung ist des Märchens, das ich Ihnen heute erzählte. Alle Märchen waren schließlich vorhanden als letzte Reste des ursprünglichen Hellsehens. Daher kann ein wirkliches Märchen nur entstehen, wenn – entweder bewußt oder unbewußt – in der Seele des Märchendichters die Imagination vorhanden ist, die sich hineinprojiziert in die Seele, sonst ist es nicht richtig.[123]

Grausamkeiten in Märchen spricht Steiner ebenfalls an, allerdings ohne Nennung von Titeln. Dies ist der Fall bei der Frage eines Lehrers nach dem Blut im Märchen. Steiner antwortet allgemein und betont, dass solches Blut in einem Märchen künstlerisch wirken solle und dass das Märchen selbst geschmackvoll sein müsse. Diese Passagen werden später von anthroposophisch inspirierten Autorinnen und Autoren genutzt, um die besprochenen Probleme mit den spezifischen Inhalten der Märchen zu verbinden. So erklärt Almut Bockemühl: „‚Grausame‘ Handlungen, wie beispielsweise die Zerstückelung des Knaben im Märchen vom ‚Machandelboom‘, aus dem dann Blutsuppe gekocht wird, sind nur in der richtigen Weise aufzufassen, wenn man sie bildhaft versteht […].“[124]

Abgesehen von allen anthroposophisch inspirierten Autorinnen und Autoren bleibt die Haltung gegenüber Steiners Pädagogik kritisch. Die Anthroposophie ist im Wesentlichen ähnlich strukturiert wie die Welt der Volksmärchen, und das gilt auch für Steiners Gedanken zur Pädagogik. Während eine solche Erzählung in der Welt der Fiktion akzeptabel ist, beraubt sie Steiner ihres wissenschaftlichen Wertes, wie Klaus Prange kritisiert:

Wie sieht Steiners Lösungsformel aus? Sie ist simpel und zugleich höchst abstrakt. Er hat ein archaisches, uraltes Bild aus der Kindheit der Menschheit ausgenommen und modern kostümiert. […] Die Anthroposophie ist pädagogisch durch und durch, vor allem deshalb, weil sie dem kindlichen Bewuβtsein auf eine sublime Weise entspricht.[125]

Auf diese Weise werde die Waldorfpädagogik zum „Einstieg in die Anthroposophie“ und die Waldorfschule zu einer „Bekenntnisschule“.[126] Der Inhalt der Lehrerbotschaft in Steiners Konzeption der absoluten Pädagogik, die auf der unanfechtbaren Autorität des Lehrenden, der „geliebten Autorität“, beruht, wird dann zu Erzählungen, deren Konstruktion der Stilistik von Volksmärchen entspricht, die sich aber tatsächlich auch auf praktische Ratschläge für das Erwachsenenleben beziehen. Christian Clement weist indes auf Steiners Relevanz für die Untersuchung von Märchen hin, die sich mit metaphysischen oder religiösen Themen beschäftigen:

Die in dieser Untersuchung angedeutete Entdeckung der Apokalypse als ästhetisch-sprachphilosophischem Text eröffnet den Blick auf das von Rudolf Steiner beschriebene Erlebnis von Sprache als real sich vollziehender Offenbarung von Transzendenz. „Wir müssen zu dem Ungewöhnlichen greifen“, formulierte Steiner, „religiöse Verehrung für diese göttlichen Lehrmeister, die Laute, haben zu können, denn in ihnen liegt ursprünglich eine ganze Welt“.[127]

Die Ähnlichkeit zwischen Märchen und Apokalypse macht Märchen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geeignet, denn, wie Clement in Bezug auf Steiners Zitat anmerkt:

Kinder brauchen Märchen, schreibt Bruno Bettelheim, und mit Recht, denn das Märchen spiegelt dem Kind das Wesen der Welt auf eine Weise wider, die seiner Bewusstseinsverfassung angemessen ist. Erwachsene, so könnte im Anschluss an unsere obigen Darlegungen formuliert werden, brauchen Apokalypse[128].

7 Schlussbemerkungen

Rudolf Steiner beruft sich auf die Grimms als Autoritäten in der Mythenforschung und natürlich als geistige Förderer ihres Neffen, Herman Grimm. In Wirklichkeit nutzt Steiner deren Potenzial jedoch weit weniger aus, als man vermuten könnte, denn er wendet sich häufiger Goethe zu, aber auch zum Beispiel ungarischen und exotischen Märchen. Aus diesem Grund fällt es heute schwer, Steiner als Forscher und Interpret der Grimm’schen Märchen zu bezeichnen. Vielmehr ist er als bewusster Nutzer derselben anzusehen, der in seinen anthroposophischen Schriften eine nach dem Vorbild der Märchen mythologisierte Vision der realen Welt propagiert.

Zwar gibt es auch heute noch Publikationen, die einen Umgang mit Märchen im Sinne Steiners darstellen, doch handelt es sich dabei um Texte aus Publikationen, die in irgendeiner Weise mit der Anthroposophie in Verbindung stehen oder um Artikel, die in anthroposophischen Zeitschriften erscheinen. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Akzeptanz anthroposophischer Wahrheiten als Gewissheiten. Entgegen den Erwartungen, die sich aus der weiten Verbreitung der Grimm’schen Märchen in den Waldorfschulen ergeben, finden sich erstaunlich wenige davon in Steiners Originaltexten. Sieht man von den Protokollen der pädagogischen Werkstätten ab, so sind das vor allem die beiden Texte, Märchendeutungen (1908) und Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung (1913), die in diesem Artikel besprochen wurden, und auch darin dominieren Grimms Märchen nicht das Ganze, sondern ergänzen es. Sie sind auch nie Selbstzweck, sondern dienen als Weg zu einem Ziel, das über sie hinausgeht.

Wo die Grimms alte Mythen verwenden, um die Welt zum Leben zu erwecken und verschiedene Raum-Zeit-Kontinuitäten zu verbinden, führt Steiner das Konzept des Hellsehens ein. Obwohl er eine ähnliche Visualisierung des Wunschdenkens verwendet und sich auf die gleichen Figuren (Riesen, Feen usw.) bezieht, schreibt er sie in ein seiner Geisteswissenschaft eigenes Weltsystem ein. Er liest die Botschaft wörtlich und leitet die Ereignisse aus einem System kosmischer Energien ab. Die deutsche Romantik passt zu diesen Theorien wegen des starken sakralen Elements, das in der Beziehung zwischen Schriftstellern und Priestern, in der Mission der Literatur dieser Zeit, die mit dem Heiligen verbunden ist, enthalten ist.

Obwohl sich große Psychoanalytiker wie Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und ihre Nachfolger mit Märchen und Mythen beschäftigten, tabuisierten sie Steiner, indem sie seine wissenschaftlichen Offenbarungswahrheiten mit Sektierertum in Verbindung brachten. Was ihnen in Steiners Forschungen fehlte, war eine Empirie, die zumindest aus psychologischen oder psychiatrischen Praktiken abgeleitet werden konnte, wofür Steiner nicht qualifiziert war. So nutzte er das visionäre Schreiben als Kunst zur Schaffung seiner eigenen Autorität, und in den von ihm praktizierten literarischen Formen dominierten Texte mit essayistischer Tendenz oder einfach redigierte Vorträge. Eine wichtige und greifbare Folge seines Wirkens war die dauerhafte Integration der Märchen, auch derjenigen der Brüder Grimm, in die Erziehung der Kinder an Waldorfschulen. Überdies hat Steiner die Volksmärchen nicht als Dokumente der Sprachgeschichte betrachtet, sondern als Projektionen des hellsichtigen Unbewussten aus alten Zeiten, das auch in seiner Zeit einen versprachlichten Ausdruck fand, in dem sich Realität und Traum trafen.

Insgesamt ergibt sich vor allem ein Bild der Grimm’schen Märchen als Mittel der absoluten Pädagogik. Die kanonische Fassung des Märchens im Original, die für Steiner immer im Vordergrund steht, ist ein Mittel zur Beherrschung des Schülers und ein Mittel zum Kontakt mit der vergeistigten Welt. Dabei geht es nicht um eine vertiefte philologische Analyse, sondern um eine Projektion des Mechanismus der Raum-Zeit-Wahrnehmung im Märchen auf eine ähnliche Wirklichkeitswahrnehmung in Steiners Argumentation. In diesem Sinne wird seine Argumentation selbst zu einer Art anthroposophischem Märchen, das in bestimmte Lesarten und Subtexte zerlegt wird. In der Figur des Aschenputtels beispielsweise kann man die Suche nach wörtlichen Analogien zwischen den Handlungen der Märchenfiguren und den nach psychologischen Typen klassifizierten Kindern erkennen, wie es in den Protokollen der oben besprochenen pädagogischen Workshops zu sehen ist.

Sieht man von der stetigen Rezeption der Schriften Steiners in der anthroposophischen Literatur ab, so kann man seine Texte mit Bezug zu Volksmärchen als blinden Fleck bezeichnen, den Lüthi prägnant definiert, indem er Steiners Leistungen der Psychologie der Märchen zuschreibt, was aber die Märchenforschung keineswegs voranbringt. Vielmehr zeigen Steiners Publikationen, wie das Wunschdenken der Grimm’schen Märcheninterpreten es ermöglicht, deren Universalismus zu nutzen, um über Phänomene an der Grenze zwischen Unbewusstem und Metaphysischem zu phantasieren. Wenn Steiners Überlegungen zu Märchen nicht ausschließlich zu Forschungszwecken als Zeitdokumente dienen, haben sie wenig zu bieten. Die von ihm aufgezeigte Transitivität der Motive ist nicht seine Entdeckung, während die oberflächliche Psychologisierung seinen Ausschluss aus den Schulen der Freud’schen und Jung’schen Psychologie beeinflusst hat, obwohl im Falle der letzteren aufgrund der Dominanz von Mythen und Religion bei der Erforschung des menschlichen Unbewussten sicherlich einige Parallelen gezogen werden können.[129]

In letzter Zeit wächst das Interesse an alternativen Weltanschauungen, die von Visionären verschiedener Art vertreten werden, welche sich oft als wissenschaftliche Autoritäten ausgeben. Steiner gewinnt auch außerhalb anthroposophischer Kreise in Kunst, Architektur und Design an Popularität. Künstler wie Olafur Eliasson und Konstantin Grcic greifen auf sein Werk zurück. Deutsche Ausstellungen wie „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ (1983) und „Okkultismus und Avantgarde“ (1995), „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“ (2010) oder „Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags“ (2011/2012) zeigen systematisch Alternativen zur rationalistischen Epoche der Kulturgeschichte. Nach Peter Sloterdijk kann Steiner als „der größte mündliche Philosoph des 20. Jahrhunderts“[130] bezeichnet werden. Derartige Tendenz wird von Christoph Strawe und André Bleicher in der Einleitung zur Neuausgabe von Steiners Werken unter Bezugnahme auf die Ansichten Sloterdijks gut wiedergegeben:[131]

Die Angst vor der ‚Gurukratie‘ habe sich heute ein wenig gelegt, meint etwa Peter Sloterdijk, und man sei „eher bereit, Steiner nicht mehr als Guru zu sehen, sondern als ganz normales Genie“. Solche Aussagen können als symptomatisch dafür angesehen werden, dass in die Steiner-Rezeption Bewegung gekommen ist. Steiner wird ‚neu entdeckt‘ und dabei sehr unterschiedlich beurteilt. Glühende Anhängerschaft, erbitterte Feindschaft und weitgehende Nichtbeachtung in der akademischen Welt sind nicht länger die Koordinaten der Steiner-Rezeption.[132]

Einen Versuch der jüngsten umfassenden Annäherung an das Werk Rudolf Steiners stellt der 2023 von Viktoria Vitanova-Kerber und Helmut Zander herausgegebene Band Anthroposophieforschung dar. Ausgewählte Auszüge aus dieser Sammlung zum Verhältnis von Anthroposophie und Literatur wurden in diesem Artikel zitiert, Studien zu den Grimm’schen Märchen fehlen jedoch. Aber schon Max Lüthi sah eine gemeinsame Tendenz in den Märchendeutungen von Freud, Jung und eben Steiner darin, dass „sie nicht nur […] bestimmte Fragen an das Märchen stellen, sondern ein ganzes Bezugssystem, ja mehr als das, eine auch inhaltlich schon bestimmte Theorie an das Märchen herantragen und es auf dieser Grundlage interpretieren“.[133] Trotz zahlreicher Vorbehalte war Lüthi der Meinung, dass man Steiners Positionen „in ihrer Gesamtheit nicht entwerten“[134] solle.

Seit 2013 erscheint eine neue 16-bändige kritische Ausgabe der Texte Rudolf Steiners, herausgegeben von Christian Clement. Die Veröffentlichung dieser kritischen Ausgabe in einem nicht-anthroposophisch orientierten Wissenschaftsverlag ist ein Beleg für das Interesse an Steiners Texten außerhalb anthroposophischer Kreise, etwa im Bereich der Philosophie. Steiners Leistungen auf dem Gebiet der Märchenforschung sind im Vergleich zu seinen philosophischen Schriften eher bescheiden, wenn man das Thema in den Werken Goethes ausklammert. Dennoch inspirieren sie nach wie vor seine Anhänger und/oder Nachahmerinnen, genau wie vor einem Jahrhundert.

Online erschienen: 2025-07-11
Erschienen im Druck: 2025-07-08

© 2025 bei den Autoren, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Heruntergeladen am 17.4.2026 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/fabula-2025-0010/html
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