Rezensierte Publikation:
Bernd Henningsen Die Welt des Nordens. Zwischen Ragnarök und Wohlfahrtsutopie: Eine kulturhistorische Dekonstruktion. Berliner WV 2021. 504 S.
Als sich der Wahlerfolg der rechtspopulistischen Schwedendemokraten bereits in den Wochen vor den schwedischen Parlamentswahlen immer deutlicher abzeichnete, machte eine Karikatur des deutschen Cartoonisten Harm Bengen in den sozialen Medien die Runde: Auf dem Bild ist Pippi Langstrumpf zu sehen, die dem Betrachter den Rücken zukehrt. Pippis Blick zeigt nach oben zur schwedischen Fahne, die an einem Fahnenmast gehisst ist. Das gelbe Kreuz auf blauem Grund hat sich zu einem gelben Hakenkreuz verformt. „Ups…“, heißt es in der Sprechblase, die aus Pippis Mund kommt. Für alle, die die politische Entwicklung in Schweden in den letzten Jahren näher verfolgt haben, war der politische Rechtsruck jedoch kaum eine Überraschung. Dass nicht nur im Staate Dänemark etwas faul ist, sondern dass der gesamte Norden bereits seit Jahrzehnten ähnliche politische, kulturelle und soziale Veränderungen durchlebt wie Kontinentaleuropa, liegt offen auf der Hand. Exemplarisch genannt seien die Bankenskandale, die Erosion des Wohlfahrtstaates und der zunehmend rechtspopulistische Diskurs. Auch der nun erfolgte Beitritt Finnlands und der wohl bald bevorstehende Beitritt Schwedens zur NATO erschüttern das Bild von einer nordischen Andersartigkeit. Die überraschte Pippi Langstrumpf verkörpert somit kaum einen Bewohner eines skandinavischen Staates. Sie ist der personifizierte Deutsche, der den Norden aus der Ferne betrachtet.
In seiner 2021 erschienenen Studie „Die Welt des Nordens“ unternimmt der Skandinavist und Politikwissenschaftler Bernd Henningsen auf knapp 500 Seiten eine Dekonstruktion eben jenes (oft deutschen) Blickes auf den Norden. „Einen skandinavischen Exzeptionalismus gibt es nicht“, hält Henningsen gleich in der Einleitung fest, „jedenfalls nicht diesseits der Phantasie, der mentalen Konstruktionen und des nation branding“ (S. 20). Ebendiese mentalen Konstruktionen sind der Forschungsgegenstand von Henningsen Studie. Dabei stützt sich der Verfasser auf eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen, wie etwa Zeitungsartikel, Filme, Websites, Karikaturen und Plakate, insbesondere aber auf eine große Anzahl deutscher, skandinavischer und englischer Publikationen, wie auch das umfangreiche Literaturverzeichnis belegt.
Das Buch gliedert sich in drei Teile, die mit „Himmelsrichtungen“, „Politik und Gesellschaft“ und „Kulte und Kultur“ überschrieben sind. Im ersten Teil befasst sich Henningsen sowohl aus begriffs- wie kulturgeschichtlicher Perspektive mit den Himmelsrichtungen Norden und Süden, die in ihrer Unschärfe bisweilen als floating signifier erscheinen. Für die Begriffe des Westens und des Ostens bleibt an dieser Stelle leider kein Raum, was etwas verwundert, lädt doch insbesondere die Geschichte des Ostseeraums dazu ein. Der Norden als imagined community, das wird in Henningsens Analyse deutlich, ist ein Produkt sowohl der außer- wie innernordischen Vorstellungswelt. Innerhalb Skandinaviens kam die Idee eines gemeinsamen kulturellen Nordens erst im 19. Jahrhundert zur Entfaltung. Henningsen definiert diesen nun aufblühenden Skandinavismus und Nordismus als „eine nach innen, aber über die Nationsgrenzen hinweg wirkende gemeinschaftsstiftende bürgerliche Identitätskonstruktion“ (S. 118). Eine realpolitische Umsetzung dieser „rückwärtsgewandten Utopie“ blieb jedoch aus, da sich nationalstaatliche Interessen als zu stark erwiesen. 1905 kam es gar zur Auflösung der Personalunion Schweden-Norwegen. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges traten die nordischen Länder zwar mit einer gemeinsamen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles an. Und auch während der erneuten Bedrohungslage des Zweiten Weltkrieges intensivierten sich die Debatten zu einer gesamtnordischen Politik. Finnlands Kooperation mit Nazideutschland und die schwedischen Kompromisse bei gleichzeitiger NS-Okkupation von Dänemark und Norwegen boten jedoch keinen Raum für die Verwirklichung einer politischen oder wirtschaftlichen Einheit. In den 50er Jahren wurde zwar der Nordische Rat gegründet, unter dessen Dach seitdem versucht wird die unterschiedlichen Gesetzgebungen in den skandinavischen Staaten zu harmonisieren. Die Politik dieses Gremiums, so Henningsen, sei jedoch immer nur auf Zusammenarbeit ausgerichtet, „nicht auf eine gemeinsame, gar eine institutionalisierte Politik“ (S. 134).
Henningsen erinnert an eine Reihe gescheiterter Versuche die nordische Zusammenarbeit zu institutionalisieren: Die Idee einer skandinavischen Verteidigungsunion in der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Vorhaben einer nordischen Zollunion in den 1950er Jahren und die Pläne für eine Nordische Wirtschaftsunion Ende der 1960er Jahre. Die Häufung solcher Fehlschläge sieht Henningsen als Beleg dafür an, dass das nordische Zusammengehörigkeitsgefühl womöglich doch nicht so stark ausgeprägt ist, wie es das Bild des homogenen Nordens suggeriert. Neben diesen überzeugenden Beispielen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führt Henningsen die divergierenden Einstellungen zur NATO sowie unterschiedlich gestaltete Einwanderungsregelungen als Belege für die Heterogenität der nordischen Staaten an. Hier hat jedoch das Zeitgeschehen den Autor überrollt. Finnland ist bereits NATO-Mitglied, der Beitritt Schwedens wird zur aktuellen Stunde lediglich von der türkischen Regierung blockiert, und auch die von Henningsen betonte Divergenz zwischen dänischer und schwedischer Einwanderungspolitik hat sich mit dem Wahlsieg der von den Schwedendemokraten gestützten konservativen Regierung wohl erübrigt. Zu hoffen bleibt lediglich, dass die mangelnde Inklusionsbereitschaft der dänischen Gesellschaft, die Henningsen als Produkt des drastischen Wandels einer Großmacht zum Kleinstaat deutet, nicht auf Dauer auch in Schweden Fuß fasst.
Im zweiten Teil des Buches („Politik und Gesellschaft“) zeigt Henningsen die Unschärfe der Bezeichnungen auf, die für eben jene Region, die Gegenstand seiner Untersuchung ist, benutzt werden. Wenngleich etwas unklar bleibt, warum diese Überlegungen nicht bereits im ersten Teil des Buches formuliert wurden, sind die Ausführungen sehr lesenswert. Jeder, der selbst einmal verzweifelt versucht hat, sich die Unterschiede zwischen „Norden“, „Nordeuropa“ und „Skandinavien“ zu erschließen, wird an diesem Teilkapitel seine Freude haben. Weiter geht es mit einer Analyse der Verflechtung von lutherischem Protestantismus auf der einen und nordischer Zivilgesellschaft und Wohlfahrtsstaatsmodell auf der anderen Seite. Darauf folgt das Kapitel „Banaler Nationalismus und skandinavische Spaßkultur“ und spätestens hier wird deutlich: Der Wissenschaftler Henningsen ist auch ein guter Erzähler. „Das gelegentliche Unverständnis der Südländer über die Nordländer rührt zu einem nicht geringen Teil von der Art des skandinavischen Frohsinns und der nordländischen Ironie, die nicht selten in Sarkasmus umschlagen kann“ (S. 274), stellt Henningsen fest und unterhält den Leser im Folgenden blendend mit einer Reihe von nordischen Witzen und Anekdoten. Für den deutschen Leser ist hierbei besonders interessant zu erfahren, dass die Rezeption nordischer Spaßkultur in der DDR sehr viel erfolgreicher war als in der westdeutschen Bundesrepublik. Und auch dem Fehltritt von Lars von Trier auf dem Filmfestival in Cannes 2011 widerfährt hier eine überzeugende Deutung. Der zweite Teil des Buches schließt mit einem Einblick in das nordische Glücksgefühl, vom schwedischen lagom und der gemütlichen fika beziehungsweise der finnlandschwedischen kahvipaussi bis hin zur dänischen hygge. Wie das alles mit im OECD-Durchschnitt überdurchschnittlichen Selbstmordraten und Psychopharmaka-Verbrauch, hoher Jugendarbeitslosigkeit und zunehmendem Rechtspopulismus in Einklang zu bringen ist, kann auch Henningsen nicht beantworten, das Kapitel regt jedoch an zum Weiterdenken.
Im abschließenden dritten Teil („Kulte und Kultur“) kommt abermals der Kulturwissenschaftler Henningsen zu Wort, der Politikwissenschaftler Henningsen hält sich scheinbar im Hintergrund. Doch wird in der Darstellung deutlich, dass Kultur und Politik im Norden ohnehin nicht getrennt gedacht und untersucht werden können. „Stilfragen und Riten-Beschreibungen“, so Henningsen, „sind tief in der gesellschaftlichen Praxis verwurzelt und haben ihren Erklärungswert für das politische und soziale Funktionieren der Gesellschaften“ (S. 314). Die Essens- und Trinkkultur, die ritualisieren Abläufe der Feiertage, die ausgeprägte Dankeskultur in allen skandinavischen Staaten, die Bedeutung des familieneigenen Sommerhauses, möge es auch noch so klein und einfach eingerichtet sein – all das ist für Henningsen nicht nur Ausdruck des banal nationalism und Kitt der nordischen kulturellen Gemeinschaft. Es ist zugleich eine Erklärung dafür, dass sich die nordeuropäischen Gesellschaften zumindest bis in die jüngste Vergangenheit „durch eine bemerkenswerte Ideologie-Immunität“ (S. 328) ausgezeichnet haben. Stattdessen sind sie von einem hohen Partizipationsgrad und einer breiten Akzeptanz des Kompromissprinzips geprägt. Die Dichotomie „Staat-Gesellschaft“ war im Norden stets schwach ausgeprägt. Doch auch hier hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges verschoben: Es hat eine Annäherung des Nordens an Europa stattgefunden (S. 328f.). Eine Erklärung dafür findet Henningsen neben der Teilhabe des Nordens am Globalisierungsprozess im Wandel der ethnischen Zusammensetzung der skandinavischen Gesellschaften. Drei Kapitel zur nordischen Landschaft, zum nordischen Ton und dem nordischen Licht beschließen die detailreiche Darstellung und beleuchten damit weitere wichtige Bestandteile des Phänomens Norden, jenes „Nortopia“, das Henningsen in seiner Studie zu dekonstruieren sucht.
Die Welt des Nordens ist ein gelehrtes und zugleich angenehm lesbares Buch, das zusammenbringt, worüber der Autor im Laufe vieler Jahrzehnte selbst geforscht, geschrieben und gelehrt hat, und was er in vielen Fällen auch selbst als Zeitgenosse erlebt hat. Das theoretische Dilemma eines jeden dekonstruktivistischen Ansatzes vermag indes auch Henningsen nicht zu lösen. Um den Gegenstand seiner kritischen Untersuchung – den Norden – fassbar zu machen, muss Henningsen dessen Existenz voraussetzen und anschaulich machen, was der Verfasser auch mit Bravour tut. Dadurch liest sich die Dekonstruktion der „Welt des Nordens“ jedoch bisweilen wie eine Rekonstruktion der stereotypen nordischen Welt. Von Bullerbü-Schweden über schweigsame Finnen bis hin zum dänischen Smörrebrød – an all das wird der Leser zwangsläufig erinnert und gerät somit in Versuchung ebendiese Stereotype vor seinem geistigen Auge zu verfestigen. Für eine nachhaltige Dekonstruktion des Nordens braucht es daher in Zukunft Publikationen, die andere Geschichten erzählen: die Geschichte der Samen und die Geschichte der muslimischen skandinavischen Bevölkerung; die Geschichte der NATO-Staaten Schweden und Finnland und die Geschichte des kapitalistischen Privatschulsystems in Schweden; leider auch die Geschichte des immer offeneren geäußerten Rassismus und Antisemitismus. Aber diese Geschichten können andere schreiben (und sie tun es bereits auch) – nämlich die nächste Forschergeneration. Henningsen hat sein Buch auf Deutsch geschrieben und richtet sich somit an ein deutsches Publikum – das ist gut so, scheint doch insbesondere in Deutschland das Bild des Nordens eingefroren zu sein. Wahrscheinlich wird es vielen Lesern ebenso ergehen, wie der kleinen Pippi Langstrumpf in Harm Bengens Karikatur. Und wenn den deutschen Lesern dann ebenfalls ein „Ups…“ entfährt, wird es Bernd Henningsen mit Sicherheit freuen.
© 2023 the author(s), published by De Gruyter, Berlin/Boston
This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License.
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