Zusammenfassung
Die Steiermärkische Landesbibliothek ist die größte und älteste Landesbibliothek Österreichs und wurde 1811 von Erzherzog Johann als Leseanstalt gegründet. Sie präsentiert sich heute in der Umgebung von eindrucksvoller zeitgenössischer Architektur offen und transparent als öffentliche und wissenschaftliche Universalbibliothek. Mit Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen, Recherche-Einführungen für Schüler und Studierende und Kinder- und Jugendveranstaltungen geht die Landesbibliothek aktiv auf die Steirerinnen und Steirer zu.
Abstract
The Styrian Regional Library is the largest and oldest Regional Library in Austria and was founded in 1811 by Archduke Johann as a reading institution. Today, the library is a scientific, public universal library in the open and transparent surroundings of impressive contemporary architecture. With events like readings, exhibitions, research introductions for pupils and students, and children’s and youth events, the Styrian Regional Library opens up active to the people of Styria.
1 Einleitendes zur Steiermärkischen Landesbibliothek
Zu Beginn sei ein Überblick gegeben, wie sich die Steiermärkische Landesbibliothek seit 2012, seit dem Einzug in das neue Joanneumsviertel, präsentiert. Wenn der Interessierte die Steiermärkische Landesbibliothek heute betritt, kommt er in eine Entlehnung, die ihn mit viel Tageslicht und einer beeindruckenden von schrägen Glaswänden dominierten Architektur empfängt.
Er findet ein Bibliotheksangebot vor, das einer top-aktuellen Bücherei entspricht und Bestseller möglichst zeitgleich wie der Buchhandel anbietet, er findet aber auch eine wissenschaftliche Bibliothek vor, die historisch gewachsen geisteswissenschaftlich ausgerichtet ist. Sammlungsschwerpunkt der Landesbibliothek bilden seit der Gründung vor 200 Jahren die Styriaca. Heute umfasst dies alle Werke, die in der Steiermark publiziert werden, Werke über die Steiermark und alle Werke von Steirern. Publikationen werden auch zusätzlich nach „Steirischem“ durchforstet und einschlägige Artikel einzeln erschlossen, um eine möglichst umfassende Styriaca-Sammlung anzubieten.
Die heutige Sammlung dehnt sich auf über 725 m2 aus, in den Regalen befindet sich der aktuellste Bestand des Hauses, über 30 000 Bände, entlang einer tradierten Haussystematik aufgestellt. Innerhalb einzelner Bereiche wie der Belletristik oder der Kinder- und Jugendliteratur wird nochmals alphabetisch nach Autorennamen geordnet, um den Google-verwöhnten Nutzern das Browsen am Regal zu erleichtern.
Die neu geschaffene Kinder- und Jugendbibliothek macht das Haus im Zentrum der Stadt zu einem Treffpunkt für Eltern mit ihren Kindern, lesehungrigen Jugendlichen und bietet ein angenehmes Ambiente für zahlreiche Veranstaltungen.
Lese- und Zeitschriftensaal wurden im Zuge des Umbaus ebenfalls mit neuem Mobiliar und neuer Infrastruktur ausgestattet und präsentieren sich hell, weitläufig und selbstverständlich mit guter W-LAN-Verbindung. Fünf verschließbare Carrels, Boxen, die Studierende für drei Monate kostenlos nutzen können, runden das Angebot ab.
Als sehr traditionelle Bildungseinrichtung, die aus ihrer Entstehungsgeschichte wissenschaftlich geprägt ist und vielen als Geheimtipp galt, hatte die Landesbibliothek mit dem Einzug in die neuen Räumlichkeiten auch die Herausforderung anzunehmen, ihre neue Attraktivität weiter und breiter bekannt zu machen: Dazu wird nun ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm geboten, das von Ausstellungen, Lesungen, Workshops und Theater bis zu einem Kinder- und Jugendprogramm reicht. An dieser Stelle sei die kleine Randbemerkung erlaubt, dass seitens des Eigentümers zwar die nachhaltige Steigerung

Das Joanneumsviertel in Graz – der Zugang erfolgt über den Kegel in der Mitte (©N. Lackner/UMJ).

Der Lesesaal der Steiermärkischen Landesbibliothek (©KKL).
der Bekanntheit gefordert wird, dies allerdings aus dem vorhandenen Budget zu meistern ist.
Um in der Bibliothekswelt auch wieder verstärkt als wissenschaftliche Bibliothek wahrgenommen zu werden, deren Bestände Grundlage für interessante Arbeiten sein könnten, wurde die im Jahr 1936 gestartete eigene Reihe „Arbeiten aus der Steiermärkischen Landesbibliothek“ (seit 1996 „Veröffentlichungen der Steiermärkischen Landesbibliothek“) mit zuletzt drei Bänden[1] wiederbelebt.
2 Organisation
Die Steiermärkische Landesbibliothek ist heute ein Referat der Abteilung 9: Kultur, Europa, Außenbeziehungen des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung. Damit ist sie nicht mehr im Verbund mit dem Joanneum (heute Universalmuseum Joanneum), als dessen Leseanstalt sie 1812 eröffnet worden ist. Das Universalmuseum wurde im Jahr 2001 in eine GmbH ausgegliedert, die Bibliothek verblieb beim Land Steiermark. Der Charakter des Joanneums hat sich über die Jahrhunderte von der von Erzherzog Johann universitär angelegten naturwissenschaftlich ausgerichteten Bildungsinstitution weg zu einem universellen Museumsbetrieb mit großen naturkundlichen Sammlungen aber auch bedeutenden Kunstsammlungen entwickelt und benötigte eine zeitgemäße Rechtsform. Die Bibliothek sollte im Umfeld der Verwaltung verbleiben.
3 Situierung
Beide Institutionen, Universalmuseum und Landesbibliothek, befinden sich nach wie vor im Lesliehof, einem Gebäudekomplex im Zentrum von Graz, der von den steirischen Landständen 1811 für die Sammlungen und Intentionen Erzherzog Johanns angekauft worden war. Die ursprünglich auf wenige Räume angelegte Leseanstalt erfreute sich dank eines engagierten Lesevereins großer Beliebtheit und war stets auf der Suche nach Raumgewinn. „1825 [...] wurde mit Hilfe des vom Grafen Brigido ererbten Kapitals ein Zubau am südlichen Flügel des Lesliehofes begonnen und 1826 vollendet“.[2] Auch dieser Bau wurde bald zu klein und „so entschloss sich 1883 die Landesvertretung nach Prüfung mehrere anderer Projekte, den Bauplan von Professor Gunolt anzunehmen, der einen neuen großen Bibliotheksbau zum Gegenstande hatte“.[3] Der alte Saal wurde abgerissen, der Neubau am 26. November 1893 eröffnet. Dieser Bau existiert noch heute und beherbergt nach wie vor die Lesesäle und Büroräumlichkeiten.
4 Joanneumsviertel
2006 beschloss die Steiermärkische Landesregierung einstimmig, die Gebäudekomplexe des Joanneums und der Landesbibliothek einer Neukonzeption zu unterziehen, einen Masterplan umzusetzen, nach dem ein neuer Kulturbezirk, das Joanneumsviertel, entstehen sollte.
„Der Glanz vergangener Tage ist vielleicht noch spürbar, aber die Landesbibliothek und das Joanneum sind in die Jahre gekommen. Menschen eilen an den ehrwürdigen Gemäuern vorbei, und die Stammhäuser, eingepfercht zwischen Durchzugsverkehr in der Neutorgasse und der Enge der Raubergasse, geraten zusehends in Vergessenheit. [...] Viel wird sich ändern bis zum Jubiläumsjahr 2011: das verschlafene, eingerostete Viertel wird aus dem Dornröschenschlaf geweckt. [...] Denn das Joanneum [...] braucht eine neue Mitte. [...] Alt wird mit neu verbunden [...]. Dann sind das Universalmuseum Joanneum, die Steiermärkische Landesbibliothek und auch das Viertel rundherum bereit für das 21. Jahrhundert.“[4]
Bauherr war die Landesimmobiliengesellschaft (LIG), die im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung ein Volumen von 38 Mio. Euro investiert und von 2006 bis zur Eröffnung 2011 diesen Masterplan umgesetzt hat. Ziel war es, zwei Gebäude, den Lesliehof und das Neue Joanneum, beide aus unterschiedlichen Epochen stammend, zu verbinden und einen neuen urbanen Lebensraum entstehen zu lassen. Das „Neue Joanneum“ war 1895 dem Lesliehof, der bis etwa 1889 von einem botanischen Garten im Ausmaß von fünf Hektar umgeben war, gleichsam vor die Nase gesetzt worden. Es hätte zu einem Straßenprospekt passen sollen, der ähnlich der Wiener Ringstraße gewesen wäre, aber in Graz nicht ganz so konsequent umgesetzt wurde.
Aus der internationalen Ausschreibung für das Architekturprojekt „Joanneumsviertel“ ging die Arbeitsgemeinschaft bestehend aus den Madrider Architekten Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano und dem Grazer Büro der eep architekten (Gerhard Eder, Christian Egger und Bernd Priesching) als Sieger hervor. Sie punkteten mit der Idee, den kleinen Park zwischen den beiden Gebäuden, der zuletzt zu einer kleinen Wildnis mitten in der Stadt geworden war, zum Verbindungselement zu machen, an dieser Stelle zwei Geschoße in die Tiefe zu bauen und die beiden Gebäude mit diesem neuen „Tiefbau“ zu verbinden.
Im ersten Tiefgeschoß unmittelbar unter dem neuen Platz befindet sich ein großzügiges Besucherzentrum mit einem Museumshop, Veranstaltungsräumlichkeiten und den Zugängen zu den Museen („Neue Galerie“, „Studio“ und Naturkundemuseum) und in den neuen Entlehnbereich der Landesbibliothek.
Im zweiten Tiefgeschoß befindet sich nun der neue Tiefspeicher der Landesbibliothek, der sich über 2 000 m2 erstreckt und es erstmals in der Geschichte des Hauses ermöglicht, alle Bestände unter klimatisch perfekten Bedingungen zu lagern und sie für die Benutzer rasch zur Verfügung zu stellen. Vor diesem Neubau waren die 750 000 Bände der Landesbibliothek auf mehrere Lagerräumlichkeiten im Stadtraum verteilt und mussten von dort zeitraubend in die Zweigstelle gebracht werden. Dass die Lagerungsbedingungen zudem selten perfekt waren, muss nicht extra erwähnt werden.
Das Herausragende des Entwurfs der Architekten sind die abgeschnittenen, auf den Kopf gestellten und „verschobenen“ Lichtkegel aus Glas, die die Oberfläche des Platzes an mehreren Stellen in großen Durchmessern durchbrechen. Der größte Lichtkegel hat einen Durchmesser von 14 Metern, in ihn führt eine Rolltreppe hinunter zum Zugang des neuen Besucherzentrums.

Blick Richtung Süden auf das Joanneumsviertel, gut erkennbar ist der große zentrale Kegel mit dem Zugang zum Besucherzentrum (©N. Lackner/UMJ).
Diese Lichtkegel bringen das Tageslicht bis ins zweite Tiefgeschoß, sodass auch im Tiefspeicher der Bibliothek an zwei Stellen Tageslicht herrscht und die Kollegen nicht ausschließlich bei künstlichem Licht arbeiten müssen.
In den riesigen Glaswänden dieser Kegel spiegeln sich die Fassaden der historischen Gebäude und erzeugen beeindruckende optische Effekte. In der Entlehnung der Bibliothek sind rund um die Kegel Schreibtische aufgestellt – sie gehören zu den beliebtesten Arbeitsplätzen der Bibliothek.

Sind beliebt – die Arbeitsplätze rund um die Kegel in der Entlehnung der Steiermärkischen Landesbibliothek (©StLBib).
5 Statut
In der 200-jährigen Geschichte der Landesbibliothek hat es mehrere „Richtlinien“ gegeben. Am ausführlichsten war die „Instruktion für die Landesbibliothek am landschaftlichen Joanneum in Graz“ vom 24. Dezember 1866, die 54 Seiten umfasste und auch „Anordnung und Aufstellung“ regelte. Seit 1945 gab es jedenfalls keine gültigen Richtlinien mehr und schon gar keine Gesetzesgrundlage, die den Betrieb des Hauses geregelt oder die Existenz des Hauses vor spontanen Veränderungen geschützt hätten.
Seit Februar 2015 besitzt die Steiermärkische Landesbibliothek nun ein Statut[5] und reiht sich so in den Kanon der anderen Landesbibliotheken Österreichs ein. Es ist dies eine Rechtsgrundlage, in der Aufgaben, Organisation und Struktur im Detail geregelt sind und insbesondere die Stellung der Bibliothek als öffentliche wissenschaftliche Universalbibliothek des Landes Steiermark für alle Altersgruppen betont wird. Damit wird auch dem Bedürfnis der Öffentlichkeit nach freiem Zugang zu Literatur und Information Rechnung getragen und der Charakter der Steiermärkischen Landesbibliothek mit dem Sammlungsschwerpunkt Styriaca sichergestellt.
6 Mediengesetz
Die Steiermärkische Landesbibliothek ist eine im österreichischen Mediengesetz in der Pflichtablieferungsverordnung angeführte wissenschaftliche Bibliothek, an die vom Medieninhaber zwei Exemplare periodischer Druckwerke und ein Exemplar sonstiger Druckwerke abzuliefern ist.
7 Bestand
Der Buchbestand der Landesbibliothek ist historisch vielfältig gewachsen: Ausgehend von der Sammlung von Erzherzog Johann, der sich entsprechend seiner Interessen für Bergbau und Hüttenwesen, Landwirtschaft und Technik sowie Militär vor allem für die Literatur dieser Fachgebiete begeisterte, sind zu seiner Zeit auch noch drei Adelige als großzügige Buchspender zu nennen. Dies waren Franz Graf von Egger (1815), Josef Graf von Brigido (1817) und der damalige Oberste Kanzler und Minister des Inneren Franz Graf von Saurau (1818–1830). Weitere wichtige Schenkungen erfolgten 1881, als Franz Graf Ritter von Heintl seine alle Wissensgebiete umfassende Sammlung von 22 856 Bänden und Heften der Landesbibliothek testamentarisch vermachte und die Grundlage für die heutige geisteswissenschaftliche Ausrichtung legte. Beiträge leisteten auch internationale Größen wie der Mineraloge Friedrich Mohs (lehrte am Joanneum und war auch zeitweilig Bibliothekar der Leseanstalt), die Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, Anton Ritter von Prokesch-Osten, der Botaniker Franz Unger, der Historiker Albert von Muchar, der Philosoph Ernst Freiherr von Feuchtersleben oder der Dichter Johann Gabriel Seidl.[6]
Im 21. Jahrhundert wird die bereits mehr als 50 000 Bände umfassende Büchersammlung des Grazer Universitätsprofessors für Volkskunde, Dr. Günther Jontes, die Sammlung der Landesbibliothek bereichern, er hat sie dem Hause nach seinem Tode vermacht.
Aktuell beläuft sich der Bestand auf 765 000 Bände und 25 000 digitale Medien. Letztere stehen über eine steiermarkweite "Digi-Bib" auch allen öffentlichen Büchereien zur Verfügung.
8 Sondersammlungen
Die Steiermärkische Landesbibliothek verwaltet in ihrer Inkunabelsammlung und Sammlung alter Drucke 15 000 Titel bis zum 18. Jahrhundert. Darunter befinden sich zahlreiche Unikate wie zum Beispiel der Holztafeldruck „Planetarium" um 1460.
80 000 Bücher umfasst der Bestand aus dem 19. Jahrhundert, z. B. die Bibliothek von Joseph von Hammer-Purgstall. 2 500 Buchtitel steirischer Frühdrucke und die gesamte Widmannstetter-Sammlung sind dem Zeitraum von 1559 bis 1805 zuzuordnen. Dazu gehören die weltberühmten Kepler-Kalender von 1598 und 1599, die begehrte Ausstellungsobjekte sind.
Die Theaterzettelsammlung umfasst 60 000 Theaterzettel der Grazer Theater von 1787 bis 1900 sowie weitere Theaterzettel und Programmhefte bis heute.

Schreibkalender von 1598, erstellt von Johannes Kepler mit den Anhang „Practica ... durch M. Johannem Keplerum“ (©StLBib).
In der Kartensammlung befinden sich etwa 1 500 Einzelblätter und Atlanten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, darunter die erste Auflage des „Theatrum Orbis Terrarum“ von Abraham Ortelius (1572) und die erste Auflage des „Speculum Orbis Terrarum“ von Gerard de Jude (1578).
Die Exlibris-Sammlung der Landesbibliothek enthält etwa 3 000 Einzelstücke aus dem 16. bis ins 20. Jahrhundert.
Bemerkenswert umfangreich ist auch die Kleinschriftensammlung der Landesbibliothek, die aus Druckwerken mit Bezug zur Steiermark besteht. Sie enthält einzelne Informationsblätter und Kleinbroschüren zu Politik, Tourismus, Gemeinden, Kunst und Kultur, Freizeit, Sport, Kulinarik etc. Diese „graue Literatur“ wird nicht einzeln, sondern nach Themen geordnet gesammelt, in eigens angefertigten Kapseln aus säurefreiem Karton aufbewahrt und ist nur im Lesesaal zu benutzen.
An der Landesbibliothek gibt es über 200 Nachlässe. Darunter sind einige von Persönlichkeiten, die überregional bedeutend sind, z. B. Anastasius Grün, Rudolf Hans Bartsch, Ernst Goll, Bruno Ertler, Paula Grogger, Robert Hamerling, Paul Anton Keller, Hans Kloepfer, Max Mell, Franz Nabl, Leopold von Sacher-Masoch, Julius Franz Schütz, Jakob Stolz oder Hannelore Valencak.
Der Nachlass, der alle anderen an Volumen überragt, ist der des steirischen Dichters Peter Rosegger (1843–1918). Aus Jubiläumsgründen wird dieser Nachlass nun wieder vermehrt beachtet, 2013 wurde begonnen, seine Jugendschriften zu digitalisieren und zu erschließen. Aktuell wird für das Roseggerjahr 2018 schwerpunktmäßig der vielfältige und umfangreiche Briefwechsel dieses Dichters systematisch digitalisiert. Zu den Briefpartnern gehören Persönlichkeiten wie Bertha von Suttner, Marie von Ebner-Eschenbach, Franz Defregger, Theodor Storm oder Leopold von Sacher-Masoch.
Dieser Digitalisierungsschwerpunkt für das Roseggerjahr 2018 ist auch Anlass, (endlich) ein Repositorium online gehen zu lassen. IT-Architektur, IT-Kultur und Sicherheitsparameter der IT des Landes Steiermark machen aufwendige Abstimmungen nötig, letztlich wurde die Entscheidung getroffen, an der Technischen Universität ein Programm erarbeiten zu lassen, das den Bedürfnissen der Landesbibliothek und den Anforderungen der IT des Landes Steiermark gerecht wird. Ein langwieriges Unterfangen, das aber bald die Möglichkeit bieten sollte, Schätze, die im Haus vorhanden sind, auch öffentlich digital zugänglich zu machen.
Des Weiteren ist geplant, Digitalisate, die über das Repositorium online gehen werden, zeitgleich auf die Plattform Europeana zu spielen.
„Der Erzherzog legte Wert darauf, dass als Lesestoff, keine Romane, Flugschriften, Schmähschriften usw. und nichts aus dem Heere der gehaltlosen Schriften dienten und gab Weisungen für die Einhaltung einer strengen, fast militärischen Ordnung in den Lesezimmern.“[7]
Seiner heute unvorstellbaren Ablehnung der schöngeistigen Literatur gegenüber steht aber die aus heutiger Sicht dafür umso mutigere Haltung, ab 1 839 Abonnements von 16 (!) polizeilich verbotenen ausländischen Zeitungen den Lesern der Landesbibliothek zur Verfügung zu stellen und diese Abonnements auch selbst zu bezahlen. Diese seit der Gründung gelebte Tradition, bis heute zahlreiche auch internationale Tageszeitungen im Zeitschriftenlesesaal zur Verfügung zu stellen, ist für viele Stammnutzer des Hauses der wichtigste Besuchsfaktor! Dass auch eine große Anzahl regionaler, nationaler und internationaler Journale, Zeitschriften und Magazine angeboten wird, sei der Ordnung halber ebenfalls erwähnt.
Als eine der Bibliotheken in Österreich, die noch Mikrofilme anfertigt, bietet die Landesbibliothek ihren Nutzern alle (!) jemals in der Steiermark erschienenen Zeitungen auf Mikrofilm an. Heute werden alle steirischen Tageszeitungen digitalisiert und weiterhin mikroverfilmt, denn in dieser Form dürfen sie den Nutzern abseits der gebundenen Printausgaben auch zu Recherchezwecken zur Verfügung gestellt werden. Von diesen Mikrofilmen erhält auch die Universitätsbibliothek Graz eine Kopie, damit in deren Mediathek das Recherchieren in den Tageszeitungen überhaupt noch möglich ist. Denn die UB Graz verfügt über keine Mikrofilmstelle mehr.
9 Veranstaltungen
Wie eingangs erwähnt, bietet die Steiermärkische Landesbibliothek ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm an, um das Haus zu öffnen, bekannt zu machen und um den Bildungsauftrag auf eine zeitgemäße Art zu leben.
Ausstellungen, die im schönen barocken Saal stattfinden, sind ein Weg, den vielfältigen Sammlungsbestand des Hauses thematisch bezogen zu präsentieren. Seit dem Jahr 2013 sind alle Ausstellungen ausschließlich auf das „Buch“ bezogen, darunter gibt es aber auch sehr künstlerische Zugänge zum Objekt.
Den Auftakt machte anlässlich des Roseggerjahres 2013 eine erstmalige Präsentation von unbekannten Texten des Autors aus dem Nachlass. Konzentriert auf seine umfangreichen Jugendschriften, in Heften handschriftlich mit vielen Zeichnungen versehen, machte sich das Landesbibliotheksteam daran, das stark von einer bäuerlichen Romantik geprägte Bild des Peter Rosegger zurechtzurücken. Begleitet von einem Symposium, zu dessen Anlass der Nachlass des Dichters aus einigen neuen Blickwinkeln betrachtet wurde, lockte diese Ausstellung viele junge Menschen in die Bibliothek, zahlreiche Schulklassen wurden geführt. Die Symposiumsbeiträge wurden im Band 38 der

Der barocke Veranstaltungs- und Ausstellungssaal der Steiermärkischen Landesbibliothek (©KKL).
Reihe der Landesbibliothek unter dem Titel „Die Kunst ist frei, also sei es auch die Kritik“ veröffentlicht. Den Band zeichnet eine große Zahl bisher unveröffentlichter Bilder des Autors und seiner Umgebung aus dem Nachlass aus.
2014 war die Steiermark „rund“. Titelgebend war die älteste gedruckte Karte der Steiermark von Wolfgang Lazius aus dem Jahr 1561, welche die Steiermark als nahezu rundes Gebilde, das vom Doppeladler gehalten wird, zeigt. Ausgehend von dieser Karte über seltene Kartenwerke aus der Sammlung Erzherzog Johanns bis zu Objekten aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde so die Entwicklung der Landkarten in einer kleinen, feinen Ausstellung ausschließlich aus Beständen des Hauses gezeigt.

Als die Steiermark noch „rund“ war – die erste gedruckte Landkarte der Steiermark von Wolfgang Lazius (©StLBib)
Die Ausstellung „Künstler und ihre Bücher“ machte 2015 offenbar, über welch umfassende Sammlung an Kunstkatalogen vor allem steirischen Kunstschaffens die Landesbibliothek verfügt. Die Steiermark war in den 1960er- und 1970er-Jahren für ihre Aufbruchsstimmung in der Kunst bekannt – steirischer herbst, forum stadtpark, Grazer Autorenvereinigung etc. sind Initiativen, die bis heute wirken und international bekannt sind. Als Sammlungsbibliothek kann das Haus auf einen bereits heute geschichtsträchtigen Bestand an Katalogen, Publikationen und vor allem grauer Literatur dieser Zeit zurückgreifen und für gern gesehene Ausstellungen nutzen.
Rund um das älteste gedruckte Kochbuch Österreichs aus dem Jahr 1686, das im Bestand der Bibliothek ist, drehte sich die Ausstellung „Man nehme ... – Kochbücher und ihre Rezeption im Laufe der Jahrhunderte“. Zu dieser Ausstellung gab es ein Symposium, dessen Vorträge im Band 40 der Reihe der Landesbibliothek publiziert sind.
Mitglieder der Gruppe 77, einer steirischen Künstlerinitiative, haben Ende 2015 im Ausstellungsraum der Landesbibliothek eine Werkschau ihrer sehr kreativen Interventionen zum Objekt Buch gezeigt. Eines der Objekte wurde von der Kulturabteilung des Landes Steiermark auch angekauft und dem Sammlungsbestand der Landesbibliothek übergeben.
Wieder ganz anders verzauberte die Kostümbildnerin Michaela Mayer-Michnay mit ihren Kostüm-Bilder-Büchern die Vitrinen des Ausstellungsraumes. Diese bunte Theaterwelt in Büchern und Bildern wurde 2016 anlässlich der Europameisterschaft vom sehr breiten Thema Fußball abgelöst. Die künstlerische Gestaltung hatte allerdings auch bei diesem Thema immer den Buchbestand der Bibliothek im Auge und kombinierte Fußball originell und eigenwillig mit Literatur. Anlässlich dieser Ausstellung gab es zwei Diskussionsrunden, zu denen auch die beiden fußballbegeisterten österreichischen Literaten Egyd Gstättner und Franzobel eingeladen waren.
Bis April 2017 dauert die aktuelle Ausstellung „Norbertine Bresslern-Roths KINDERWELTEN“ – eine erstmalige Kooperation mit der Nachbarinstitution Universalmuseum Joanneum, das eine große Personale der steirischen Künstlerin Norbertine Bresslern-Roth in der Neuen Galerie präsentiert. In der Bibliothek wird das grafische Werk der Künstlerin gezeigt, welches die Illustrationen vieler bekannter Kinderbücher, Kalender oder auch Broschüren umfasst.
Dass es nicht zu jeder Ausstellung auch einen Katalog gibt, hat banale budgetäre Gründe und ist bedauernswert. Mit beiden Symposiumsbänden konnten aber zwei große Ausstellungen nachhaltig aufbereitet werden.
Seit 2014 zieht immer im Mai das Designfestival assembly ins Joanneumsviertel ein und bespielt auch die Zweigstelle der Landesbibliothek. Um dafür eine passende Kulisse abzugeben, werden die „Neuigkeitenregale“ für einige Tage stets mit Designbüchern aus den Beständen des Hauses bestückt. Im Mai 2017 soll erstmals der Designmonat, eine Veranstaltung der „Creative Industries Styria“ im Joanneumsviertel stattfinden – auch dafür öffnet die Landesbibliothek ihre Räume.
Das Programm der Lesungen orientiert sich an den Neuerscheinungen der Verlage, aber auch an thematischen oder regionalen Schwerpunkten. Im Frühjahr 2016 stand „Literatur von starken Frauen“ im Mittelpunkt, im Herbst 2016 waren es die vor allem steirischen Krimiautoren, die Spannung aufkommen ließen. Und anlässlich der Initiative „Österreich liest“ gab es einen Schwerpunkt „Migration“. Im ersten Halbjahr 2017 sind es steirische Literaten, die aus ihren neuesten Werken – auch Lyrikbänden lesen. Dem Gründungsgedanken Erzherzog Johanns folgend, der Bildung als das wichtigste Gut ansah, konzentriert sich das Konzept auf Vermittlung exklusiven regionalen Schaffens.
Seit 2014 ist die Kinder- und Jugendbibliothek fertig eingerichtet und die Räumlichkeiten werden auch mit einem von Horten, Schulen und Kindergärten stark nachgefragten Programm bespielt. 2016 orientierten sich die Veranstaltungen, die von Lesungen über Workshops, Bilderbuchkino bis zu den unterschiedlichsten Formen von Kinder- und Jugendtheateraufführungen reichten, an den Werken der „Jahresregentin“ Christine Nöstlinger, einer österreichischen Kinderbuchautorin, die im Vorjahr 80 Jahre alt geworden ist. 2017 lautet das Generalthema „Anders sein“ und wieder waren am Abend der Jahresprogrammpräsentation bereits die meisten Veranstaltungen vorab ausgebucht. Rund um die Landesbibliothek liegen fußläufig etliche Schulen, die einen hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben. Gerade die Unterrichtenden und Betreuenden dieser Institutionen nehmen das Angebot der Landesbibliothek gerne in Anspruch, weil es wie alle Veranstaltungen der Bibliothek kostenlos zu besuchen ist.
Seit 2014 müssen an Österreichs allgemeinbildenden und berufsbildenden höheren Schulen von allen Maturanten sogenannte „Vorwissenschaftliche Arbeiten“ verfasst werden. Dazu werden einfache Recherche- und Informationskompetenz-Einführungsveranstaltungen vom Team der Landesbibliothek angeboten, die von den Schulen gut angenommen werden. Um auch Schulen in der restlichen Steiermark den Zugang zur Landesbibliothek zu ermöglichen, reisen einige Kollegen für die Einführungsveranstaltungen in die Schulen vor Ort z. B. nach Leoben, Hartberg oder Radkersburg.
All diese Maßnahmen sind Versuche, den heutigen „digital natives“ die Örtlichkeit Bibliothek – insbesondere die Landesbibliothek – überhaupt bekannt zu machen und zu hoffen, dass sie über die Kinder- und Jugendliteratur später das wissenschaftliche Angebot der Bibliothek für ihre universitären Arbeiten oder beruflichen Recherchen nutzen.
Zukunftspläne gibt es viele: Das Repositorium wurde schon angesprochen, ein Steiermark-Wiki wäre ein langfristiges Zukunftsprojekt, aus den Nachlässen, die aktuell bearbeitet werden, werden weitere Publikationen der eigenen Reihe entstehen. Aktuell wird auch intensiv daran gearbeitet, die Landesbibliothek, die nicht im Österreichischen Bibliothekenverbund ist, RDA-fit zu machen und mittelfristig die jetzige Verschlagwortung durch die RVK abzulösen. Ziel ist, die Landesbibliothek als öffentliche und wissenschaftliche Universalbibliothek mit Styriaca-Schwerpunkt auch im 21. Jahrhundert nachhaltig zu positionieren.
Literatur
Habjan, Ulrike (Hrsg.) (2015): „Die Kunst ist frei, also sei es auch die Kritik“. Beiträge zum Symposium Peter Rosegger 2013. Graz: Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Arbeiten aus der Steiermärkischen Landesbibliothek, 38).Search in Google Scholar
Habjan, Ulrike (Hrsg.) (2016): „Man nehme ...“, Kochbücher und ihre Rezeption im Laufe der Jahrhunderte. Beiträge zum Symposium „Man nehme ...“ 2015. Graz: Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Veröffentlichungen der Steiermärkischen Landesbibliothek, 40).Search in Google Scholar
Hegenbarth, Hans (1980): Die Steiermärkische Landesbibliothek. Graz: Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Arbeiten aus der Steiermärkischen Landesbibliothek, 17). Search in Google Scholar
LIG Steiermark (2009): Joanneumsviertel, Ein neuer Kulturbezirk entsteht. Graz: LIG Steiermark.Search in Google Scholar
Schütz, Julius Franz (1948): Steiermärkische Landesbibliothek am Joanneum, 4. Heft der Führer durch die Institute und Abteilungen des Joanneums in Graz. Graz: Steierm. Landesregierung und Kuratorium des Joanneums.Search in Google Scholar
Teissl, Christian (Hrsg.) (2015): „Ernst Goll, Eine Nachlese“. Graz: Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Veröffentlichungen der Steiermärkischen Landesbibliothek, 39).Search in Google Scholar

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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