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Schulbibliotheken in der bibliothekarischen Literatur kontra Schulbibliotheken in der Praxis

  • Karsten Schuldt EMAIL logo , Rudolf Mumenthaler and Ekaterina Vardanyan
Published/Copyright: July 12, 2017

Zusammenfassung

In der bibliothekarischen Literatur hat sich seit einigen Jahrzehnten eine bestimmte Vorstellung davon etabliert, wie moderne, gut ausgestattete Schulbibliotheken aussehen sollten. Diese Vorstellung bestimmt, was in Bezug auf Schulbibliotheken gefordert wird. Eine Studie zum Status Quo der Volksschulbibliotheken in St. Gallen zeigte, dass es auch in Schulsystemen eine Vorstellung von Schulbibliotheken gibt, die sich fundamental von der bibliothekarischen Vorstellung unterscheiden kann. Dieser Artikel stellt diese beiden Vorstellungen gegenüber und diskutiert, was sich aus den aufgezeigten Differenzen für die bibliothekarische Diskussion ergibt.

Abstract

For some decades now, a specific concept of modern, well equipped school libraries has been established in the library literature. This concept defines the demands in context of school libraries. A study on the status quo of libraries in public school in the Swiss canton of St. Gall revealed that school systems bear other concepts of school libraries, which differentiate from the previously mentioned. This article contrasts these concepts and discusses what could be learned from this comparison for the discussion among libraries about school libraries.

Obwohl sich in der bibliothekarischen Diskussion nur eine überschaubare Anzahl an Personen und Institutionen zu Schulbibliotheken äußern, kann doch von einer bibliothekarischen Vorstellung von Schulbibliotheken gesprochen werden, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat. Diese Vorstellungen bestimmen, wie im Bibliothekswesen Schulbibliotheken bewertet werden, wie und wobei sie unterstützt oder nicht unterstützt werden und welche politischen bzw. finanziellen Forderungen in Bezug auf Schulbibliotheken erhoben werden und was das Bibliothekswesen von den Schulbibliotheken erwartet.

In einer Studie zum Status Quo der Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen zeigt sich allerdings ein anderes Bild, das ‒ in Analogie ‒ als schulische Vorstellung von Schulbibliotheken (in St. Gallen) bezeichnet werden kann. Diese Vorstellung, die von Lehrpersonen und Schuldirektionen vertreten wird, hat zu Schulbibliotheken geführt, die weitläufig verbreitet sind, so dass alle Lernenden an Volksschulen im Kanton regelmäßig Zugang zu einer Schul- oder Gemeindebibliothek haben. Allerdings entspricht diese Realität gerade nicht den bibliothekarischen Vorstellungen von Schulbibliotheken.

Die Ergebnisse der Studie ‒ inklusive Methodik, differenzierter Ergebnisdarstellung und Kontextualisierung ‒ sind anderswo publiziert.[1] In diesem Artikel soll auf die Differenzen zwischen der bibliothekarischen (1) und der schulischen Vorstellung (2) eingegangen werden. Der Text soll über diese Differenzen informieren (3) und eine Diskussion in der bibliothekarischen Fachwelt über ihre Vorstellungen in Bezug auf Schulbibliotheken anregen (4).

1 Das bibliothekarische Bild von Schulbibliotheken (Literatur)

Die bibliothekarische Literatur zu Schulbibliotheken ist nicht allzu umfangreich, dafür aber argumentativ relativ konsistent. Kirmse[2], Holderried und Lüdtke[3] und Wolf und Schuldt[4] schreiben modernen Schulbibliotheken immer wieder ähnliche Merkmale und Aufgaben zu und verwerfen dafür andere mögliche Formen von Schulbibliotheken direkt oder indirekt. Diese Merkmale lassen sich für die deutschsprachige bibliothekarische Literatur bis zur Publikation von Doderer et al.[5] aus den 1970er-Jahren zurückverfolgen.

Dies gilt auch für die Schweiz. In einer Broschüre des Schweizer Bibliotheksdienstes von 1973[6] ‒ und darauffolgend in der weiteren bibliothekarischen Literatur bis heute ‒ werden die gleichen Merkmale wie bei Doderer et al.[7] genannt. Die Broschüre stellt als Merkmale der modernen Schulbibliothek auf: (1) dass die Schulbibliothek das Informations- und Kommunikationszentrum der Schule sein soll, (2) dass die Bibliothek alle modernen und traditionellen Medienformen anbieten soll, (3) dass die Schulbibliothek nach bibliothekarischen Richtlinien geführt werden sollte und zwar von einer bibliothekarisch ausgebildeten Person und (4) dass die Schulbibliothek genutzt wird: (a) von den Lernenden während und nach der Unterrichtszeit, (b) für Hausaufgaben und für die Arbeit in Projekten und Arbeitsgruppen, (c) als Unterrichtsort und für den Unterricht. Für all diese Aufgaben muss die Schulbibliothek eingerichtet sein. Des Weiteren solle die Schulbibliothek (5) immer geöffnet sein, wenn die Schule geöffnet ist, und an einem zentralen Ort in der Schule platziert sein sowie (6) in die Schule eingebunden sein und mit den Lehrpersonen in ständigem Kontakt stehen ‒ aber gleichzeitig auch Teil des Bibliothekswesens sein.

Diese Merkmale werden bis heute, der jeweiligen Zeit angepasst, grundsätzlich in der bibliothekarischen Literatur für moderne Schulbibliotheken angeführt. Für die Schweiz liegen, seit 2014 in dritter Auflage (erste Auflage 1990), Richtlinien für Schulbibliotheken vor, die von der SAB[8] publiziert werden. Diese operieren mit den gleichen Merkmalen für Schulbibliotheken, differenzieren sie jedoch weiter aus. Durch die Richtlinien wird die Vorstellung von Schulbibliotheken in der Schweiz in Bibliotheken geprägt.

2 Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen

In diesem Kapitel wird auf die Ergebnisse einer Studie zum Status Quo der Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen zurückgegriffen, welche 2015 im Auftrag der Bibliothekskommission St. Gallen durchgeführt wurde.[9] Sie sind zwar nur auf einen Kanton bezogen, werfen aber darüber hinausgehende Fragen auf.

2.1 Volksschulbibliotheken in St. Gallen

Volksschulen umfassen in St. Gallen zwei Jahre obligatorischen Kindergarten, sechs Jahre Primarschule und drei Jahre Oberstufe. Sie sind zumeist klein (100 bis 200 Lernende sind der Normalfall), dennoch haben nahezu alle entweder eine Schulbibliothek oder eine Vereinbarung mit einer Gemeindebibliothek über schulbibliothekarische Arbeiten getroffen. Dabei haben die Schulen die Vorstellung, dass die Aufgabe der Bibliotheken grundsätzlich die Leseförderung sei. Umgesetzt wird diese Leseförderung als regelmäßiger Besuch der Bibliothek im Klassenverband zusammen mit der jeweiligen Lehrperson. Während dieser Besuche, die alle ein bis zwei Wochen stattfinden, haben die Lernenden die Möglichkeit, in der Bibliothek frei zu stöbern, zu lesen und sich im Anschluss daran Bücher auszuleihen. Die Ausleihe wird in den schuleigenen Bibliotheken zumeist von der jeweiligen Lehrperson vorgenommen. Der Fokus liegt dabei grundsätzlich auf Büchern ‒ oft sind Comics und Graphic Novels eingeschlossen ‒ und dem freien Lesen. In einem großen Teil der Schulbibliotheken sind nur gedruckte Medien vorhanden, in den anderen spielen weitere Medienformen (überwiegend auf CD-ROM) nur eine untergeordnete Rolle. Das Vorhandensein eines Buches in Antolin ist oft ein Grund für dessen Auswahl.

Die Hauptmerkmale dieser Volksschulbibliotheken sind auffällig: Sie sind nahezu alle für ihre Aufgabe (Leseförderung und Bereitstellung von Medien für diesen Zweck) gut ausgestattet, das Personal ‒ im Normalfall Lehrpersonen ‒ ist mit der Situation, der Nutzung, der Einbindung in ihre Schule und auch dem Etat zufrieden. Erstaunlich ist, wie ähnlich sich diese Einrichtungen sind, obwohl keine Institutionen oder Richtlinien ihnen diese Art der Führung vorschreiben. Die Studie erklärt dies aus der historischen Entwicklung der Schulbibliotheken im Kanton (seit 1906).

2.2 Die Funktionsweise von Volksschulbibliotheken in St. Gallen

Ausgehend von den Konzepten zu Schulbibliotheken, wie sie in der bibliothekarischen Literatur vertreten werden, erscheinen die Einrichtungen in St. Gallen unmodern, sie kommen in dieser Form gar nicht mehr in der bibliothekarischen (oder pädagogischen) Literatur vor.

Die Aufgabe der Bibliotheken wird grundsätzlich in der Leseförderung gesehen, die wiederum als Zugang zum Buch verstanden wird. Aufgaben, die darüber hinausgehen, fanden sich nur in Ausnahmefällen. Die Volksschulbibliotheken in St. Gallen sind auf diese Aufgabe zugeschnitten, aber auch von ihr geprägt. Die soziale Kontrolle ist stärker als in Öffentlichen Bibliotheken. Dies mag ein Grund dafür sein, dass in vielen Schulen die Ausleihe sehr rudimentär organisiert ist. In vielen Bibliotheken scheint sie mit Ausleihkarten u. a. stattzufinden, in anderen wurden elektronische Lösungen gewählt. Keine der Volksschulbibliotheken, die im Rahmen der Studie besucht wurde, führt einen Katalog als Nachweis-, Such- und Erschließungsinstrument.

Geführt werden die Volksschulbibliotheken überwiegend von Lehrpersonen, in den allermeisten Fällen weiblichen. Die Lehrpersonen übernehmen die Aufgabe als sogenanntes „Ämtli“ als Teil ihrer außerunterrichtlichen Aufgaben. Ihre Aufgabe ist es, die Bibliothek intakt zu halten. Bei vielen Besuchen im Rahmen der Studie zeigte sich zudem, dass sich Lehrpersonen für die Bestandsauswahl Hilfe organisiert haben, beispielsweise durch örtliche Buchhandlungen, Öffentliche Bibliotheken oder Bibliothekare an anderen Schulen. Neben Anschaffungswünschen der Lernenden und Lehrpersonen hat Antolin als Programm zur Leseförderung einen direkten Einfluss auf den Bestand.

2.3 Ausstattung, Lokal- und Gegenwartsbezogenheit der Volksschulbibliotheken

Die Besuche im Rahmen dieser Studie zeigten gut ausgestattete Schulbibliotheken. Auch die Lehrpersonen, welche die Bibliotheken betreuen, zeigten sich sehr zufrieden mit der jeweiligen Situation. In den meisten Schulen stehen den Bibliotheken ausreichend große Räume zur Verfügung. Die Ausstattung ist gut gepflegt, in vielen Schulen auch neu angeschafft. Die Einbindung der Verantwortlichen in den restlichen Lehrkörper findet das Bibliothekspersonal ausreichend.

Angesprochen darauf, was sich verändern sollte, wurden – wenn überhaupt – oft nur Kleinigkeiten genannt, was darauf hindeutet, dass größere Probleme nicht gesehen werden. Wichtiger ist für die Lehrpersonen, dass sie sich in den Schulen mit ihrer Aufgabe akzeptiert und bestätigt fühlen.

Die Bibliotheken werden regelmäßig von allen Lernenden genutzt. Da eine andere Nutzung in den meisten Volksschulbibliotheken nicht vorgesehen ist, gibt es auch kaum weitergehende Erfahrungen. Die Einschätzung lässt sich auch für den Bestand bestätigen: Für die Aufgaben der Bibliothek war der Bestand jeweils ausreichend, im Allgemeinen gut gepflegt und aktuell. Finanziell stehen die Bibliotheken ebenfalls gut da. Die Kosten werden aus dem jeweiligen Schuletat getragen. Eine ganze Anzahl von Bibliotheken konnte nicht angeben, wie hoch dieser Etat war, sondern hatte die Erfahrung, dass alle notwendigen Ausgaben im Rahmen des Schuletats getragen wurden. In vielen Schulbibliotheken organisiert das Personal zudem jährlich Lesungen und Leseveranstaltungen, die von ihnen als Höhepunkt des Schuljahres beschrieben werden.

Zu diesen Gemeinsamkeiten tritt eine starke Lokalbezogenheit der Schulbibliotheken hinzu. Die Bibliotheken wissen wenig voneinander. Vielmehr verorten sie sich in ihrer jeweiligen Schule und haben Arbeitsabläufe und Lösungen gefunden, die sich zum Teil gleichen, aber immer als spezifisch für die einzelne Bibliothek angesehen werden.

Auffällig ist, dass die Schulbibliotheken in St. Gallen sich nicht für die Vorstellungen von bibliothekarischer oder anderer Seite interessieren. In der Umfrage und den Interviews wurde gefragt, ob sie Richtlinien oder Regelwerke nutzen würden. Die meisten Volksschulbibliotheken gaben keine Antwort, die anderen nannten zumeist eigene Regelungen, fast keine die Richtlinien der SAB.

Schulbibliotheken kommen im Volksschul- und im Bibliotheksgesetz des Kantons vor, dies wurde von den Schulbibliotheken praktisch nie als Legitimation herangezogen. Ebenso scheinen die Bibliothekskommission und die Bibliotheksstrategie des Kantons unbekannt zu sein.[10]

Gerade im Vergleich zu den ständigen Diskussionen um die zukünftigen Entwicklungen im Bibliotheksbereich war erstaunlich, dass die interviewten Lehrpersonen bei der offenen Frage nach dem Bild der eigenen Bibliothek in zehn Jahren oft stockten. Es hatte den Anschein, als hätten sie bislang nicht über mögliche Veränderungen nachgedacht. Daraus kann nicht geschlossen werden, dass sie Veränderungen gegenüber negativ eingestellt wären, denn Schulen haben sich auch in St. Gallen in den letzten Jahrzehnten massiv geändert.

3 Differenzen zwischen der bibliothekarischen Literatur und der Realität in St. Gallen

Die Vorstellungen, die in der bibliothekarischen Literatur von Schulbibliotheken präsentiert werden und die Realität, wie sie sich in den Volksschulen in St. Gallen findet, unterscheiden sich massiv. Für beide können gute Argumente angeführt werden. Die bibliothekarischen Vorstellungen haben sich über Jahrzehnte entwickelt und sind offenbar so überzeugend, dass sie von Generationen von Bibliothekaren reproduziert werden. Die Schulbibliotheken in St. Gallen haben sich in den Schulen bewährt und werden von den Schulen seit dem Ende der direkten kantonalen Förderung (1906–1983) selbständig getragen. Offensichtlich erfüllen sie für diese Schulen eine sinnvolle Aufgabe. In folgendem Kapitel werden diese Differenzen dargestellt.

3.1 Aufgabe der Bibliothek

In der bibliothekarischen Literatur werden die Schulbibliotheken als Einrichtungen beschrieben, die eine ganze Anzahl von Aufgaben übernehmen sollen: Medienzentrum, mit Medien für das Selberlernen, den Unterricht und die Freizeit, mit Raum für Unterricht, Gruppenarbeiten, Hausaufgaben, Treffen und Kommunikation in der schulischen Freizeit. In den sankt-gallischen Volksschulen hingegen stellt das Lesen fast immer den Daseinsgrund der Bibliothek dar. Die Bibliotheken werden betrieben, um das Lesenlernen der Lernenden zu unterstützen und dies vor allem mit dem gedruckten Buch. Die anderen Aufgaben aus der bibliothekarischen Literatur werden als nicht wichtig erachtet.[11] Aus den unterschiedlichen Aufgabenzuschreibungen ergeben sich unterschiedliche Vorstellungen zu Bestand, Ausstattung, Regeln etc.

3.2 Der Medienbestand

Die unterschiedlichen Aufgabenzuweisungen führen zu anderen Beständen. In der bibliothekarischen Literatur liegt der Fokus darauf, einen zeitgenössischen, aktuellen und inhaltlich differenzierten Medienmix zur Verfügung zu stellen. In den Volksschulbibliotheken in St. Gallen hingegen überwiegen gedruckte Bücher, vor allem Belletristik. Eine Vielzahl der Einrichtungen hat nur Bücher, auch in anderen Einrichtungen sind Non-Book-Medien die Ausnahme im Bestand. In einigen Interviews wurde explizit betont, dass genau dies gewollt sei.

3.3 Inhaltliche Erschließung und Katalog

Die bibliothekarische Literatur geht folgerichtig davon aus, dass die differenzierten Medien in Schulbibliotheken inhaltlich genauso erschlossen werden müssen, wie in Öffentlichen Bibliotheken, d. h. nach bibliothekarischen Regelwerken und in Katalogen. In den sankt-gallischen Volksschulbibliotheken gilt dies nicht. Der Bestand an Sachliteratur ist überschaubar, die Belletristik wird durch Aufstellung in Themenkreisen oder Alters-/Schulstufen erschlossen. Insoweit scheint ein Katalog ‒ und die mit ihm einhergehende Arbeit ‒ nicht nötig.

3.4 Personal

Die bibliothekarische Literatur geht davon aus, dass die Schulbibliothek von einer bibliothekarischen Fachkraft geführt werden sollte. Zudem wird angenommen, dass diese die Bibliothek während der Schulzeit öffnet, die Lernende und Lehrende berät etc. Die Schulbibliotheken in St. Gallen werden hingegen fast ausnahmslos von Lehrpersonen geführt, eine bibliothekarische Ausbildung wird nicht für notwendig erachtet. Die Schulbibliotheken können in der jetzigen Form von Lehrpersonen gut geführt werden. Der Bestand wird weniger nach inhaltlichen Kriterien entwickelt, sondern eher danach, was Kinder und Jugendliche aktuell gerne lesen.

3.5 Raum

Die bibliothekarische Literatur behandelt Fragen des Bibliotheksraumes ausführlich. Der Raum soll die Erfüllung der unterschiedlichen Aufgaben ermöglichen, die den Schulbibliotheken zugeschrieben werden und gleichzeitig zentral im Schulhaus oder auf dem Schulgelände untergebracht sein. Die Schulbibliotheken in St. Gallen haben tatsächlich Räume, die für ihre Aufgaben ausreichend ausgestattet sind. Da die Aufgaben allerdings andere sind, als in der bibliothekarischen Literatur thematisiert, sind die Räume oft auch kleiner. Interessanterweise liegen die meisten dieser Räume tatsächlich relativ zentral, z. B. direkt beim Eingang der Schule.

3.6 Teil des Bibliothekswesens?

Die bibliothekarische Literatur geht davon aus, dass die Schulbibliotheken Teil des Bibliothekssystems sind. Sie arbeiten im Verbund mit anderen Bibliotheken und werden oft als Basis für die weitere „Bibliothekskarriere“ der Nutzenden verstanden. Gleichzeitig sollen sie die Entwicklungen und Diskussionen des Bibliothekswesens mitvollziehen. Im Gegensatz dazu verstehen sich die Volksschulbibliotheken in St. Gallen als Einrichtungen ihrer Schulen mit einer sehr spezifischen Aufgabe. Sie begreifen sich aber grundsätzlich als eigenständige Einrichtungen.[12]

4 Fazit: Begründungen für die bibliothekarischen Annahmen über Schulbibliotheken überprüfen

Es wäre zu einfach, eine der beiden in diesem Text dargestellten Vorstellungen von Schulbibliotheken als falsch, unrealistisch, zu umfangreich oder veraltet zu bezeichnen. Vielmehr wird durch die Gegenüberstellung klar, wie viel in beiden Vorstellungen mit Vorannahmen gearbeitet wird.

Grundsätzlich wäre es sinnvoll, dieses Beispiel zu nutzen, um die bibliothekarischen Annahmen über Schulbibliotheken gerade als solche zu verstehen, die offenbar nicht so abschließend überzeugend und selbsterklärend sind, wie dies durch normative Texte wie Handbücher erscheinen könnte. Offenbar ist es auch möglich, dass Schulbibliotheken mit anderen Aufgaben und Strukturen so funktionieren, dass Schulgemeinschaften ‒ die diese letztlich nutzen und finanzieren ‒ sehr zufrieden mit ihnen sein können. Dies sollte in der bibliothekarischen Diskussion um Schulbibliotheken und in der bibliothekarischen Literatur ernstgenommen werden.

Zwei Schlussfolgerungen scheinen sofort einsichtig: Es ist notwendig, Schulbibliotheken als eigenständige Bibliotheksform zu verstehen, die sich zum Teil massiv von anderen Bibliotheksformen unterscheiden kann. Das heißt nicht, dass z. B. nicht für Unterricht in Schulbibliotheken oder den Einsatz von neuen Medien, z. B. MOOCs, argumentiert werden könnte, aber dies muss überzeugender als bislang, das heißt mit besseren, überprüfbaren Argumenten passieren. Zu anderen scheint es notwendig, Schulbibliotheken nicht nur für große, urbane Schulen zu konzipieren, sondern auch darüber nachzudenken, was Schulbibliotheken im ländlichen Raum sein können.

Im gesamten Kontext des Bibliothekswesens mit den intensiv geführten Debatten über die künftige Rolle von Bibliotheken gibt das Beispiel einen wichtigen Hinweis dafür, dass die lokalen Bedürfnisse der Nutzenden bei der Entwicklung von Bibliotheken in den Vordergrund zu stellen sind. Auch die aktuelle Diskussion um die Bedeutung der Community-Bildung weist in diese Richtung: Bibliotheken, die von der Community (hier: der Schulgemeinschaft) gestaltet und betrieben werden, werden von dieser Community als sinnvoll und zweckmäßig beurteilt. Dies scheint für die Nutzenden wichtiger als die Erfüllung normativer Kriterien zu sein.

Literatur

Doderer, Klaus; Aley, Peter; Merz, Velten; Müller, Helmut; Nicklas, Hans W.; Nottebohm, Brigitte; Schulze-Gattermann, Jutta; Siegling, Luise (1970): Die moderne Schulbibliothek: Bestandsaufnahme und Modell. Untersuchung zur Situation der Schulbibliotheksverhältnisse in der Bundesrepublik und in West-Berlin. Vorschläge zu ihrer Verbesserung. Hamburg: Verlag für Buchmarkt-Forschung (Schriften zur Buchmarkt-Forschung; 19).Search in Google Scholar

Holderried, Angelika; Lücke, Brigitte (2012): Handbuch Schulbibliothek: Planung, Betrieb, Nutzung. Schwalbach/Ts.: Debus Pädagogik.10.46499/1009Search in Google Scholar

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Schuldt, Karsten; Mumenthaler, Rudolf; Vardanyan; Ekaterina (2016): Status Quo der Volksschulbibliotheken in St. Gallen, 2015: Projektbericht. St. Gallen: Kantonale Bibliothekskommission. Verfügbar unter http://www.sg.ch/home/kultur/kantonsbibliothek/bibliotheksfoerderung/_jcr_content/RightPar/downloadlist_teaser_6/DownloadListParTeaser/download_teaser_0.ocFile/AbschlussberichtSchulbibliothekeninSt%20Gallen_M%C3%A4rz2016.pdf.Search in Google Scholar

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Schweizerischer Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken (2014): Richtlinien für Schulbibliotheken. 3. Aufl. Aarau: Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken.Search in Google Scholar

Wolf, Sabine; Schuldt, Karsten (2011): Praxisbuch Schulbibliotheken (Pädagogik). Schwalbach/Ts: Wochenschau.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2017-7-12
Erschienen im Druck: 2017-7-6

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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Downloaded on 1.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bfp-2017-0025/html
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