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Labor, Speicher, Bühne: Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

  • Katharina Manojlovic EMAIL logo
Published/Copyright: July 12, 2017

Zusammenfassung

Das im April 2015 eröffnete Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek konnte sich als ein Ort der vielfältigen Auseinandersetzung mit Literatur etablieren. Seit April 2016 ermöglichen Sonderausstellungen zusätzliche thematische Schwerpunktsetzungen. Ein eigens entwickeltes Museumstablet bietet Besuchern viele Möglichkeiten der Vertiefung in die Themen und Objekte des Literaturmuseums. Ein umfangreiches Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm gibt zeitgenössischen Diskursen der Literatur ein Podium und macht es außerdem zu einem attraktiven Ort außerschulischen Literaturunterrichts.

Abstract

The Austrian National Library’s Literature Museum, which opened in April 2015, has been able to establish itself as a lively place of a multifaceted engagement with literature. Since April 2016, temporary exhibitions allow to focus on specific topics. A specially designed tablet guide provides visitors with comprehensive ways of contemplating the topics and objects presented in more detail. An extensive programme of events and learning formats offers a platform for contemporary discussions of literature and makes it an attractive place for out-of-school-learning.

In den ersten eineinhalb Jahren seines Bestehens hat sich das im April 2015 eröffnete Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) erfolgreich als ein Ort der vielfältigen Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur etablieren können. Neben der Dauerausstellung, die auf zwei Ebenen der österreichischen Literatur vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart gewidmet ist und ca. 650 Exponate von über 200 Autoren sowie rund 60 Medienstationen beinhaltet, erweitern im 3. Obergeschoss seit April 2016 jährlich wechselnde Sonderausstellungen das Angebot. Darüber hinaus will das Museum mit einem breit gefächerten Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm ein Diskussionsforum schaffen, das sich der Präsentation unterschiedlicher literarischer Spielarten und Stimmen ebenso verpflichtet sieht wie dem Bildungsauftrag, museale Angebote einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In Kooperation mit Schulen, Unterrichtenden und Partnerinstitutionen erarbeitete Vermittlungskonzepte tragen sich ändernden Rezeptionsbedingungen von Literatur ebenso Rechnung wie Akzentverschiebungen im Deutschunterricht und machen das Literaturmuseum zu einem attraktiven Lernort des außerschulischen Literaturunterrichts.

Dass das Literaturmuseum in die denkmalgeschützte Architektur eines historischen Archivgebäudes integriert und nicht von Grund auf neu entworfen und errichtet wurde, beeinflusst die Voraussetzungen des Ausstellens und Rezipierens ganz entscheidend.[1] In den 1840er-Jahren als k. k. Hofkammerarchiv erbaut, ist das in der Wiener Johannesgasse gelegene Gebäude seit seinem Bezug im Revolutionsjahr 1848 raumgewordenes Sinnbild des Sammelns, Aufbewahren und Verwaltens von Schriftgut. Das besondere Spannungsgefüge der heutigen Museumsräume verdankt sich der räumlichen wie strukturellen Überlagerung zweier Gedächtnisinstitutionen, dem Aufeinandertreffen von historischem Archiv und zeitgenössischem Museum, dessen Bestände sich selbst wiederum aus zahlreichen Archiven speisen. Mittlerweile denkmalgeschützt, umfassen die alten Archivregale die zeitgenössische Ausstellungsarchitektur wie eine historische Klammer. Ein vormals der institutionellen Nutzung vorbehaltener Ort wurde öffentlich, ein Speicher zu einer Bühne. Wo früher die Suche nach Schriftstücken den Wegen des Aktenlaufs folgte, unternehmen heute Museumsbesucher Erkundungsgänge durch die weitverzweigten Räumlichkeiten einer Ausstellung.

Abb. 1 Dauerausstellung, 2. Stock
Abb. 1

Dauerausstellung, 2. Stock

Das Besondere an einem neugegründeten Haus liegt nicht zuletzt darin zu sehen, wie neue Räume genutzt, erlebt und weiter gestaltet werden: Ein Museum wird von seinen Besuchern lebendig gehalten und der Art und Weise, wie diese sich Angebote erschließen, aneignen und sie weiterentwickeln. Idealerweise können sie dabei persönlichen Rezeptionsvorlieben folgen und Museumsinhalte auch nach wiederholten Besuchen neu für sich entdecken. Die modular gestaltete Kapitelstruktur der Dauerausstellung bietet ganz unterschiedliche Orientierungsmöglichkeiten an: So können Besucher historisch-chronologischen Ordnungen ebenso nachgehen wie thematischen Schwerpunktsetzungen oder intertextuellen Bezügen innerhalb der Ausstellung. Im besten Fall verlassen sie das Museum mit dem Gefühl, Handreichungen für eigene, weiterführende Lektüren erhalten zu haben – oder sind vielleicht selbst schreibend tätig geworden. Der Anspruch, Besuchern eine Vielfalt an Orientierungsmöglichkeiten an die Hand zu geben, spiegelt sich in der Konzeption der medialen Angebote des Museums wider.

1 Das Museumstablet: Wege durch das Literaturmuseum

Das Museumstablet bietet den Besuchern die Möglichkeit, sich entlang ausgewählter Objekte, Schwerpunktthemen oder individueller Vorlieben durch die Ausstellungsbereiche zu bewegen. Teil des multimedialen Angebots sind unter anderem Überblicks- und Spezialrundgänge, weiterführende Materialien zu den Ausstellungsobjekten, eine interaktive Schreibwerkstatt oder Informationen in englischer Sprache.

Der Rundgang „Die Dauerausstellung in 90 Minuten“ bietet einen kompakten, multimedialen Überblick über die Ausstellung anhand ausgewählter Objekte, die von den Kuratoren des Literaturmuseums, von Experten und Autoren vorgestellt werden. In Videostatements, Audiobeiträgen und Textbeispielen werden unter anderem Franz Grillparzers Arbeitszimmer, Manuskriptblätter von Franz Kafka oder der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan präsentiert. Zusatzmaterialen zu den einzelnen Kapiteln der Dauerausstellung können im Modus „Freier Rundgang“ via NFC-Kontaktstellen vor Ort im Ausstellungsbereich abgerufen werden. Ein gut sichtbares Symbol weist die Besucher darauf hin. Wird das Tablet an eines der NFC-Tags gehalten, erscheint eine Zusammenstellung mit vertiefenden und weiterführenden Materialien zum jeweiligen Kapitel. Diese Zusatzmaterialien reichen von einem Videostatement zu Arthur Schnitzlers Liebelei, über einen Ausschnitt aus einem Film von Valie Export über Elfriede Jelinek und einen Kommentar zu einem Manuskriptblatt Robert Musils, bis hin zu einer historischen Stimmaufnahme Hugo von Hofmannsthals.

Abb. 2 Museumstablet: Einstiegsmenü
Abb. 2

Museumstablet: Einstiegsmenü

Spezielle Themenrundgänge ermöglichen neue und unerwartete Perspektiven auf die Dauerausstellung. Neben Rundgängen zu den Themenbereichen „Österreichische Kinder- und Jugendliteratur“ und „Flucht und Migration“ soll das Angebot an dieser Stelle auch in Zukunft erweitert werden. Dies bietet die Möglichkeit, auf aktuelle Themen und öffentliche Debattenlagen zu reagieren, das Museum für sie zu öffnen und so als einen Ort der Wissensvermittlung mit Gegenwartsbezug und Zeitgenossenschaft zu etablieren.

Der Menüpunkt „Schreibwerkstatt“ lädt zur interaktiven Mitgestaltung des Literaturmuseums als (virtuellem) Ort ein: Romananfänge von Robert Musil bis Friederike Mayröcker können – gemeinsam mit anderen Besuchern – weitergeschrieben werden, wodurch ein kollektiv verfasster Text als work in progress entsteht. Auch ein digitales Graffito kann via Touchscreen des Tablets angefertigt werden, und zwar nach Vorbild des Wiener Hofkammerbeamten und leidenschaftlichen Reisenden Joseph Kyselak (1798–1831), der auf seinen Wanderungen quer durch Österreich an vielerlei Orten seinen Namenszug in großen Lettern zu hinterlassen pflegte. Die literarischen, grafischen oder zeichnerischen Spuren der Besucher bereichern das Literaturmuseum, und zugleich können sie als digitaler Gruß aus dem Museum mit nach Hause genommen werden: Ihre selbst geschriebenen oder gezeichneten Beiträge können sie sich einfach via E-Mail-Funktion am Tablet selbst zuschicken.

Hintergrundinformationen zu den wechselnden Sonderausstellungen, eine Such-Funktion, mit der das Literaturmuseum nach Schriftstellern durchsucht werden kann, und ein englischsprachiges Angebot, das die zentralen Informationen zu den Ausstellungen in englischer Sprache zur Verfügung stellt, ergänzen das Angebot des Tablets. Darüber hinaus wird in Zukunft ein deutsch- und englischsprachiger Audio-Guide zur Verfügung stehen. Somit versammelt das Museumstablet, grafisch ansprechend umgesetzt und technisch einfach zu handhaben, ein umfangreiches Angebot zur Vermittlung und Vertiefung in die Themen und Objekte des Literaturmuseums. Und, last but not least: Die Besucher nützen das Museumstablet ohne zusätzliche Kosten zum Eintrittspreis.

2 Wissensvermittlung: Das Museum als Lernort

Das umfangreiche Vermittlungsangebot des Literaturmuseums trägt dem Anspruch Rechnung, Literatur einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Museum etablierte sich dabei vor allem auch als ein Ort des außerschulischen Literaturunterrichts. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist der Eintritt frei. Das reguläre Führungsangebot umfasst derzeit neben Gruppenführungen durch die Dauer- und Sonderausstellung einmal wöchentlich stattfindende Überblicksführungen für Einzelpersonen oder Kleingruppen. Nach Vereinbarung angeboten werden außerdem eine 45-minütige themenspezifische Führung, die unter dem Titel „Zwischen den Künsten. Literatur als Medienkunst“ Licht auf in der aktuellen Sonderausstellung gezeigte intermediale Arbeitspraxen zeitgenössischer Autoren wirft, sowie ein 90-minütiger Workshop, der eine Kurzführung durch die Sonderausstellung umfasst und sich insbesondere an höhersemestrige Schüler und Studierende richtet.

Neben dem Angebot an regulären Führungen, die von externen Kulturvermittlern und Mitarbeitern der Österreichischen Nationalbibliothek durchgeführt werden, ist das Angebot für Schulklassen vielfältig. In Kooperation mit dem Institut für Jugendliteratur wurde unter dem Titel „Wortwelten“ ein Vermittlungsprogramm entwickelt, das altersspezifisch konzipierte Führungen für Schulklassen anbietet und Lehrpersonen mittels thematischer Schwerpunktsetzungen ermöglicht, auf die besonderen Interessenslagen und Lernbedürfnisse ihrer Schüler Rücksicht zu nehmen. Ab der 7. Schulstufe werden aktuell drei Themenführungen angeboten: „Familie, Schule & Zensur“ widmet sich dem Umgang mit Autoritäten und gesellschaftspolitischen Fragen der Zensur. Die Themenführung „Zur Sprache bringen, was sprachlos macht“ untersucht Möglichkeiten des Schreibens über Erfahrungen im Nationalsozialismus. Unter dem Titel „Poetik und Performance“ werden Schreiborte und -prozesse ebenso erkundet wie die Positionierung und Inszenierung von Autoren im Literaturbetrieb. In der 3. und 4. Schulstufe können im Rahmen des Formats „Sprachbasteln im Literaturmuseum“ Geschichten und Gedichte gelesen, aber auch selbst entwickelt werden. Im Rahmen von zweistündigen Schreibwerkstätten, die an Kurzführungen durch das Museums gekoppelt sind, besteht die Möglichkeit, unterschiedliche Schreibpositionen kennenzulernen, um anschließend eigene Texte zu verfassen. Zusätzlich werden mehrmals pro Semester Lesungen für Schulklassen angeboten. Zu Gast waren u. a. bereits Renate Welsh, Michael Stavaric, Gabi Kreslehner oder Rachel van Kooij.

Abb. 3 Lesung von Renate Welsh
Abb. 3

Lesung von Renate Welsh

3 Ein Ort für Zeitgenossenschaft: Das Veranstaltungsprogramm des Museums

Seit seiner Eröffnung bietet das Literaturmuseum ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm in unterschiedlichen Formaten an, das unter Einbindung zahlreicher Autoren, Künstler und Wissenschaftler stattfindet und teils in Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen, z. B. dem benachbarten Filmarchiv Austria, entwickelt wird. Die bisherigen Veranstaltungen erfreuten sich eines regen Zuspruchs durch das Publikum und konnten das Museum als Podium für zeitgenössische Diskurse über Literatur etablieren. Um einen niedrigschwelligen Zugang zu den Angeboten des Hauses zu unterstützen, finden die Veranstaltungen bei kostenlosem Eintritt statt. Darüber hinaus können an Veranstaltungsabenden zwischen 18 und 21 Uhr alle Ausstellungen gratis besucht werden. Aktuell setzt sich das Veranstaltungsprogramm aus fünf unterschiedlichen Reihen zusammen.

In den „Vorlesungen zur österreichischen Literatur“, die im Frühjahr und Herbst stattfinden, sprechen Autoren und Literaturwissenschaftler zum titelgebenden Thema. Ihrem Vortrag folgt jeweils ein Publikumsgespräch. Neben den Vorlesungen der Germanisten Konstanze Fliedl und Hans Höller, die 2015 dem „Museum in der Literatur“ und der Aktualität des Werkes Franz Grillparzers, des „Hausherren“ des Museums, gewidmet waren, sprach im Sommersemester 2016 der Publizist und Autor Armin Thurnher über „Karl Kraus und die Nachwelt“.[2] Die Herbstsaison 2016 eröffnete Marlene Streeruwitz mit einer Vorlesung, die unter dem Titel „Frozen.“ das Verhältnis von Literatur und (österreichischer) Gesellschaft untersuchte. Im Frühjahr 2017 ist der große ungarische Schriftsteller Péter Nádas im Literaturmuseum zu Gast.

Die „Archivgespräche“, ein bereits länger bestehendes Format, das Podiumsdiskussion und Lesung vereint, beleuchten Phänomene des Schreibens. Oftmals von den Beständen des Literaturarchivs der ÖNB oder Kapiteln und Themen der Dauerausstellung ausgehend, würdigt die Reihe herausragende Positionen der österreichischen Literatur. Bisher im Museum ausgerichtete Archivgespräche waren u. a. Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, Franz Grillparzer und Ilse Aichinger gewidmet oder thematisierten etwa Verbindungen zwischen Poesie und Philosophie: Im Rahmen des Symposiums „Ludwig Wittgenstein: Philosoph, Dichter und Mäzen“ fand ein Abend zum Werk des Philosophen statt, an dem u. a. die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Marjorie Perloff, der Autor Robert Menasse und der Kulturtheoretiker László F. Földényi teilnahmen.

Abb. 4 Lesung von Robert Menasse
Abb. 4

Lesung von Robert Menasse

In der Reihe „Reden vom Schreiben“, die in Kooperation mit der Grazer Autorinnen Autorenversammlung stattfindet, treffen arrivierte Autoren und jüngere Kollegen einander zu Werkstattgesprächen und lesen aus noch unveröffentlichten Texten. Zu Gast waren hier u. a. Josef Winkler und Sophie Reyer sowie Robert Schindel und Anna Weidenholzer.

Eine Veranstaltungsreihe, die in Kooperation mit einer nahe gelegenen Nachbarinstitution, dem Metro Kino Kulturhaus des Filmarchivs Austria organisiert wird, lädt Besucher unter dem Titel „Das Museum geht ins Kino“ zur eingehenderen Beschäftigung mit den Verbindungslinien zwischen Film und Literatur ein. Kommentierte Vorträge, Autoren-Lesungen und Gesprächen in den Räumlichkeiten des Museums werden von anschließenden Screenings ausgewählter Filme im benachbarten Kino begleitet, die Veranstaltungsbesucher bei freiem Eintritt besuchen können. Bisherige Veranstaltungen der Reihe waren u. a. der „Winnetou“-Lektüre Josef Winklers und dessen Buch „Winnetou, Abel und ich“ (2014) gewidmet, zeigten, nach einem Einführungsvortrag Hanns Zischlers „Filme, die Franz Kafka sah“ oder beleuchteten an aufeinanderfolgenden Abenden die Literaturlandschaft Galizien am Beispiel von Filmen Paul Rosdys und Bernhard Wickis/Fritz Hochwälders. Im Herbst 2016 waren anlässlich des 120. Geburts- und 50. Todestages Heimito von Doderers (1896–1966) an zwei aufeinanderfolgenden Abenden die experimentelle, Kultstatus besitzende filmische Adaption seines Roman Die Merowinger oder Die totale Familie (Die totale Familie, 1981, Regie: Ernst Schmidt Junior)sowie Das Diarium des Dr. Döblinger (1986, Regie: Michael Schottenberg) zu sehen: Autoren und Filmemacher sprachen im Literaturmuseum über die gezeigten Filme.

  1. Die Reihe „Über Umwege“ geht als bewusst experimenteller angelegtes Format den Verbindungen zwischen der Literatur und anderen künstlerischen Disziplinen, etwa der Musik oder dem Übersetzen, nach. Während im Juni 2016 unter dem Titel „Poesie und Übersetzen“ ein Auftritt der im Kollektiv übersetzenden Gruppe „Versatorium“ mit Peter Waterhouse den Reihenauftakt machte, stand ein weiterer Abend zu Jahresende im Zeichen von „Poesie und Posaunen“: Die Komponistin Johanna Doderer sprach mit Autoren und Musikern über das Wechselverhältnis von Text, Klang und Musik.

4 Erste Sonderausstellung: „Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens“

Seit April 2016 erweitern jährlich wechselnde Sonderausstellungen das Angebot. Im 3. Obergeschoß des Museums angesiedelt, wo ebenfalls denkmalgeschützte Holzregale und die Module einer modernen Ausstellungsarchitektur aufeinandertreffen, bieten sie die Möglichkeit, unterschiedliche Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, auf gegenwärtige Entwicklungen zu reagieren und damit auch eine Ausstellungsplattform für zeitgenössische Literatur zu schaffen.

Für die erste Sonderausstellung des Literaturmuseums wurden zehn Autoren – Brigitta Falkner, Hanno Millesi, Richard Obermayr, Teresa Präauer, Kathrin Röggla, Ferdinand Schmatz, Clemens J. Setz, Thomas Stangl, Gerhild Steinbuch und Anna Weidenholzer – eingeladen, Einblick in ihre Werke und Arbeitsweisen zu geben, ohne dabei an inhaltliche oder thematische Vorgaben gebunden zu sein. Den Kuratoren, der Schriftstellerin Angelika Reitzer und dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Straub, ging es in der Ausrichtung der Ausstellung keineswegs um eine repräsentative Schau zeitgenössischer österreichischer Literatur. Vielmehr handelt es sich um eine subjektive Auswahl, die dennoch ermöglicht, Linien zeitgenössischen literarischen Schaffens nachzuzeichnen, zumal die gezeigten Positionen trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge durchaus verbindende Eigenschaften aufweisen: Zu sehen sind Arbeiten, die medienreflexiv verfahren, also ihren Entstehungsprozess mitbedenken, und durch intermediale Zugänge und medienübergreifende Arbeitspraxen gekennzeichnet sind.

Abb. 5 Sonderausstellung, Eingangsbereich
Abb. 5

Sonderausstellung, Eingangsbereich

Dass sich keiner der gezeigten Beiträge auf das Zeigen von Text oder den Einsatz textueller Strategien beschränkt, ist keineswegs nur der Reaktion auf das Medium Ausstellung geschuldet, sind intermediale Bezüge doch oftmals bereits im Werk selbst angelegt. Neben Ausschnitten aus Filmen, Theateraufführungen und Hörspielen, Tonaufnahmen und Objektinstallationen prägen im Besonderen Werke der bildenden Kunst – Zeichnungen, Grafiken, Malereien, Collagen und Fotografien – die erste Sonderausstellung. Vor allem ein vielfältiges Aufeinandertreffen von Texten und Bildern zeichnet sie aus. Etwa bei Teresa Präauer, die in ihrer Installation mit dem Titel „Was hat Schreiben mit Zeichnen zu tun“ über den medialen Umgang mit künstlerischen Rollenbildern nachdenkt. Die von der Autorin gezeigten Objekte, die aus Papier und Pappe gebastelte „Schreibkleidung“ der Autorin, ein Laptop-Dummy etwa, verweisen dabei ironisch auf die auratische Aufladung von in der Dauerausstellung gezeigten Gegenständen aus dem Besitz arrivierter Autoren und ihre Musealisierung. Ihr Beitrag kommt ebenso wie der Richard Obermayrs beinahe ganz ohne Text aus. Obermayr bedient sich in seinem Ausstellungsbeitrag des Mediums der Fotografie, um in Form einer Bilderschau, die sich aus eigenen und gefundenen Aufnahmen zusammensetzt, die Genese eines Textes zu kommentieren. Auch in den hintergründigen Collagen Hanno Millesis treffen Bilder, dem Journalismus und der Werbung entnommene Fotografien, und Text aufeinander. Bild- und Textelemente werden ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und neu zusammenmontiert, Bild- und Sprechkonventionen außer Kraft gesetzt.

Der Auftrag, ein literarisches Werk in das Format einer Ausstellung einzupassen, zieht die Frage nach seiner Aus- und Darstellbarkeit im Museumsraum nach sich, vor allem dann, wenn es nicht von vornherein multimedial operiert (oder für Rezeptionsformen jenseits klassischer Lektüre konzipiert ist). Die ausgestellten Positionen zeigen ganz unterschiedliche Herangehensweisen, sind aber durchwegs geprägt von einer Reflexion des Ausstellens und der dazu verwendeten Mittel. Der Beitrag Thomas Stangls führt Besucher zu den „endlose[n] Verästelungen“ eines Netzwerkes aus Lektüren und Recherchen, das dem Schreiben vorgelagert ist und es speist.[3] Die für Stangls Werk zentralen Räume werden in der Ausstellung u. a. durch reichhaltiges Kartenmaterial angedeutet, historische Stadtpläne und Reiserouten etwa. Zumeist handelt es sich dabei um Objekte aus hauseigenen Sammlungsbeständen, die in der Ausstellung in vergrößerter Ansicht betrachtet werden können.

Besucher erhalten hier aber nicht nur Einblick in literarische Schreibprozesse. Zu sehen sind ferner vielfältige Beispiele interdisziplinären gemeinschaftlichen Arbeitens, etwa von Ferdinand Schmatz, der gemeinsam mit dem bildenden Künstler Heimo Zobernig eine Arbeit mit dem Titel „Kunst der Enzyklopädie“ gestaltet hat. Eine Audioaufnahme, die Besucher über eine Soundglocke hören können, hat der Autor gemeinsam mit der Flötistin Bernadette Zeilinger und dem Gitarristen Diego Muné vor Ort für die Ausstellung aufgenommen. Sie kombiniert seinen Text das gehörte feuer. orphische skizzen (2016) mit musikalischen Improvisationen. Der Ausstellungsbeitrag von Clemens J. Setz wiederum ist in Zusammenarbeit mit der Malerin Katharina Weiß entstanden. Mit ihren Bil-dern, deren Sujets wie aus surrealistischen Assemblagen herausgebrochen wirken, reagiert die Künstlerin auf literarische Textzitate aus Werken des Autors. Auch die Installation Gerhild Steinbuchs präsentiert eine Gemeinschaftsarbeit: Zusammen mit der Bühnenbildnerin Philine Rinnert nützt sie die theatralischen Qualitäten der Regale, um darin Text und Alltagsobjekte bühnenartig zu inszenieren.

In der Tradition einer Literatur, die sich durch ein Nachdenken über die Funktionsweisen von Sprache auszeichnet und deren Grenzen bildhaft auslotet, stehen die streng formalisierten Arbeiten Brigitta Falkners. Falkners Ausstellungsbeitrag präsentiert den Besuchern eine Werkschau ihres bisherigen Œuvres.

Abb. 6 Sonderausstellung, Ausstellungsbeitrag Brigitta Falkners
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Sonderausstellung, Ausstellungsbeitrag Brigitta Falkners

Dass Literatur der Untersuchung gesellschaftspolitischer Prozesse dienen kann, zeigen die Installationen Anna Weidenholzers und Kathrin Rögglas, deren Ausstellungsbeitrag vom Künstler Oliver Grajewski mitgestaltet wurde. Weidenholzers Beitrag gibt Einblicke in die Entstehung ihres Romandebüts Der Winter tut den Fischen gut, das episodisch vom Lebensalltag einer arbeitslosen Frau erzählt. Recherchen und Lektüren, unter anderem Interviews mit arbeitslosen Frauen, bilden die Basis des literarischen Textes. Besucher können sie mithilfe von mobilen Buchobjekten nachhören. Auch Rögglas sprachkritische Texte beleuchten unter Anwendung dokumentarischer und anderer Verfahren gegenwärtige Arbeitswelten und Herrschaftsstrukturen. Für die Ausstellung im Literaturmuseum hat die Autorin den Museumsraum zum Büroraum umfunktioniert, in dem Besucher dazu eingeladen sind, Rögglas Annäherung an die New Economy und die in ihr Beschäftigten über mehrere Medienstationen zu begleiten.

Während für die aktuell zu sehende Sonderausstellung zeitgenössische Autoren Auszüge aus einem work in progress präsentieren und eigens für den Ausstellungsraum produzierte Arbeiten zeigen, die nicht zuletzt der Frage nachgehen, wie Literatur sich ausstellen lässt – und damit auch in einen Dialog mit der Dauerausstellung treten –, wenden sich die für 2017 und 2018 geplanten Ausstellungen verstärkt der Präsentation hauseigener Bestände zu.

5 Sonderausstellung 2017: „Im Rausch des Schreibens. Von Musil bis Bachmann“

Im Fokus der am 27. April 2017 eröffnenden zweiten Sonderausstellung „Im Rausch des Schreibens. Von Musil bis Bachmann“ stehen v. a. literarische Werke des 20. Jahrhunderts: Anhand von Texten Ingeborg Bachmanns, Wolfgang Bauers, Elfriede Gerstls, Mela Hartwigs, Ernst Herbecks, Karl Kraus’, Ernst Jandls, Christine Lavants, Friederike Mayröckers, Robert Musils und vielen anderen sollen in fünf Kapiteln die Stimulantien des Schreibens, die Treibstoffe der literarischen Imagination, sichtbar werden: Was setzt den Schreibprozess in Gang? Welche Rolle spielen Stimulanzien wie Alkohol, Koffein oder Nikotin für die literarische Arbeit, aber auch in der (Selbst-)Inszenierung von Autoren?

Abb. 7 Das „Zigarettenheftchen“ Robert Musils, Sammlungen von Handschriften und alten Drucken, Österreichische Nationalbibliothek
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Das „Zigarettenheftchen“ Robert Musils, Sammlungen von Handschriften und alten Drucken, Österreichische Nationalbibliothek

Präsentiert werden einerseits Texte, die in ganz unterschiedlichen Spielformen von Rausch, Exzess und Körpergetriebenheit handeln. So folgt ein Kapitel etwa jenen Lesespuren, die „Rauschlektüren“ von Autoren in deren Werken hinterlassen haben. Insbesondere aber will die Ausstellung den „Rausch des Schreibens“ selbst nachzeichnen und jene Zustände der Besessenheit, Entrückung oder Konzentration beleuchten, die der künstlerische Arbeitsprozess hervorzubringen vermag: Wann nimmt das Schreiben selbst rauschhafte Züge an? Schließlich soll auch das Verhältnis von Körper und Text, die Ineinssetzung von Schreiben und körperlichen Vorgängen, untersucht, also der „Bauch der Literatur“ auf jenes Material hin abgeklopft werden, zu dessen Entstehung literarische ebenso wie körperliche „Einverleibungen“ beitragen können. Zu sehen sind zahlreiche Originalexponate, von Typoskriptblättern aus Ingeborg Bachmanns Fragment gebliebenem Roman Der Fall Franza (1966), über Gedichte Peter Hammerschlags und Elfriede Gerstls, ein von Robert Musil penibel geführtes „Zigarettenheftchen“, handschriftliche Blätter aus Peter Handkes Opus Magnum Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten bis hin zu Linolschnittstöcken der von Jürgen Schlotter gestalteten Graphic Novel von Franz Kafkas Erzählung EinHungerkünstler (1922).

6 Ausblick 2018: Netzwerke

Die dritte, für das Jahr 2018/19 geplante Sonderausstellung des Literaturmuseums steht im Zeichen der Wiener Moderne und wird sich vornehmlich aus herausragenden Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek, darunter teils noch nie gezeigten Dokumenten und Neuerwerbungen, speisen. Anhand der familiären, künstlerischen und gesellschaftlichen Netzwerke dreier herausragender Persönlichkeiten ihrer Zeit – der Publizistin und Schriftstellerin Bertha Zuckerkandl (1864–1945), dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) und dem Komponisten Alban Berg (1885–1935) – sollen die Beziehungen zwischen Politik, Wissenschaft und Kunst, v. a. die Verbindungslinien zwischen Literatur, Bildender Kunst, Musik, Architektur und Philosophie herausgearbeitet werden.

Abb. 8: Fotoalbum aus dem Nachlass Bertha Zuckerkandls, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
Abb. 8:

Fotoalbum aus dem Nachlass Bertha Zuckerkandls, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Ludwig Wittgensteins Philosophie beeinflusste Autoren wie Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Thomas Bernhard (Wittgensteins Neffe) und die „Wiener Gruppe“. Das zentrale Manuskript (TS 204/„ Gmunden-Typoskript“) seines berühmtesten Werkes, des 1918 vollendeten Tractatus Logico-Philosophicus, befindet sich an der Österreichischen Nationalbibliothek. Dank mehrerer Neuerwerbungen mit gänzlich unbekannten Objekten aus dem Nachlass der legendären Publizistin und Salonière Bertha Zuckerkandl lassen sich familiäre Netzwerke ebenso wie politische und künstlerische Verbindungen exemplarisch nachzeichnen.

Die Dokumente von Zuckerkandls Familiengeschichte belegen weitreichende Verbindungen zu Kunst und (internationaler) Politik. Ihr autobiographisches Werk stellt ein bedeutendes Zeugnis von Krieg und Exil dar.

Auch das Schaffen des Komponisten Alban Berg, dessen in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek lagernder Nachlass äußerst reichhaltig ist, steht stellvertretend für das Zusammenwirken unterschiedlicher Disziplinen. Berg unterhielt intensive Beziehungen zu zahlreichen Schriftstellern, etwa seinem Neffen Hans Lebert, zu Hermann Broch oder Karl Kraus. Die Nähe des Komponisten zur Literatur dokumentieren seine Vertonungen literarischer Texte: Berg vertonte u. a. Werke von Büchner (1925 Uraufführung der Oper Wozzek, deren Libretto auf Büchners Fragment gebliebenem Drama Woyzeck basiert), Wedekind, Baudelaire und George. Die Aufführung zweier seiner Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg führte 1913 aufgrund von Tumulten und Ausschreitungen zum Abbruch des Konzerts.

Literaturverzeichnis

Fetz, Bernhard (Hrsg.) (2015): Das Literaturmuseum. 101 Objekte und Geschichten. Salzburg, Wien: Jung und Jung.Search in Google Scholar

Manojlovic, Katharina; Putz, Kerstin (Hrsg.) (in Vorb.): Im Rausch des Schreibens. Erscheint in der Reihe Profile (24). Hrsg.: Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Wien: Paul Zsolnay Verlag. Mit Beiträgen u. a. von Daniela Bartens, Petra-Maria Dallinger, László F. Földényi, Hans Höller, Franz Schuh, Uwe Schütte. Search in Google Scholar

Schmidt, Alfred (2015): Ein Haus der Poesie. Das neue Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek. In: BIBLIOTHEK – Forschung und Praxis, 39 (3) 304–11.10.1515/bfp-2015-0038Search in Google Scholar

Stangl, Thomas (2016): Spinnennetze. In: Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens, hg. v. Angelika Reitzer und Wolfgang Straub. Salzburg, Wien: Jung und Jung, 12–16.Search in Google Scholar

Online erschienen: 2017-7-12
Erschienen im Druck: 2017-7-6

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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  23. Rezensionen
  24. Frauke Schade (Hrsg.): Praxishandbuch digitale Bibliotheksdienstleistungen: Strategie und Technik der Markenkommunikation. Herausgabe unter Mitarbeit von Johannes Neuer, Redaktion Klaus Stelberg. Berlin: De Gruyter Saur, 2016. XVII, 435 Seiten, Illustrationen. ISBN 978-3-11-034648-0
  25. Cornelia Briel: Die Bücherlager der Reichstauschstelle. Mit einem Vorwort von Georg Ruppelt. Frankfurt am Main: Klostermann, 2016. (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie; Sonderband 117). 360 S., 38 s/w. Abb., fest geb. ISBN 978-3-465-04249-5, ISSN 0514-6364. € 94,–
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