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Winterthurer Bibliotheken: der Lockdown als Herausforderung und Chance

  • Andres Betschart

    Dr. Andres Betschart

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Published/Copyright: August 12, 2021
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Zusammenfassung

Der Lockdown im Frühling 2020 schüttelte die Öffentlichen Bibliotheken der Stadt Winterthur wie alle Kultur-, Bildungs- und Freizeitinstitutionen gehörig durch. Mit einem Medien-Hauslieferdienst, dem einfachen Zugang zu den Online-Medien und weiteren Maßnahmen reagierten die Bibliotheken aber rasch auf die Sondersituation und konnten ihr so auch einige positive Aspekte abgewinnen.

Abstract

The shutdown in the spring of 2020 has led to a considerable shakeup in public libraries in Winterthur and other cultural, educational and recreational institutions. With the development of a home delivery service for library media, simplified access to online media and various other actions taken, the libraries could react quickly to the special situation drawing a couple of positive lessons from the crisis.

Der 13. März 2020 war der Tag, an dem alles anders wurde. An diesem Freitag gab der Schweizer Bundesrat bekannt, dass ab dem folgenden Montag alle Läden, Freizeitanlagen, Schulen und Restaurants bis auf ein Grundangebot an Gütern des Alltags schließen würden. Dieser Schweizer Lockdown kam zwar nicht überraschend, schon in den Tagen zuvor zeichnete sich diese Entwicklung ab. Und doch war das verordnete Schockgefrieren des öffentlichen Lebens für die ganze Gesellschaft eine große Herausforderung, auch für die Bibliotheken. In der Rückschau – wenn man von einer solchen schon sprechen darf – zeigt es sich, dass diese Sondersituation im Falle der Winterthurer Bibliotheken neben viel Arbeit und Ungemach auch neue Möglichkeiten bot, ihre Angebote an die Bevölkerung heranzutragen – eine Bevölkerung, die diese Angebote in den Zeiten des Stillstands ganz besonders schätzte. Dieser Beitrag berichtet, wie die Öffentlichen Bibliotheken der Stadt Winterthur diese Möglichkeiten genutzt haben und wie sich die Situation seit dem 13. März 2020 bis in den Sommer 2021 entwickelt hat. Zunächst sollen aber die Winterthurer Bibliotheken vorgestellt und ein Blick auf die Entwicklung der Corona-Pandemie und ihre Folgen in der Schweiz geworfen werden.

Die Winterthurer Bibliotheken: Gelebte „New Librarianship“

Die „Gartenstadt“ Winterthur, 25 Kilometer nördlich von Zürich gelegen und mit 120.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die sechstgrößte Stadt der Schweiz, ist bekannt für ihre vielen Grünräume, und sie hat auch sonst alles, was eine hohe Lebensqualität ausmacht: Dank Industrie und Handel kam sie im 19. und 20. Jahrhundert zu beachtlichem Wohlstand. Privates Mäzenatentum sicherte ihr ein reiches kulturelles Leben mit wichtigen Museen, Kunstsammlungen und einem international anerkannten Orchester, dem Musikkollegium Winterthur. In den letzten 30 Jahren gelang der Stadt die Transformation vom Industrie- zum Dienstleistungs- und Bildungszentrum. Parallel dazu entwickelte sich ein reges alternatives Kulturangebot mit Kleintheatern, Musiklokalen und Kunstgalerien. Die Winterthurer Bibliotheken,[1] 1660 als Bürgerbibliothek gegründet, sind ein wichtiger Teil dieses städtischen Lebens. In ihrer 360-jährigen Geschichte haben sie sich immer wieder neu erfunden; seit Mitte der 1990er-Jahre steht ihr Name für ein Netz aus gegenwärtig sechs Quartierbibliotheken, der historisch und regional orientierten „Sammlung Winterthur“ und der Stadtbibliothek, dem Flagship Store mitten in der Altstadt. Im ganzen Netz arbeiten rund 80 Personen in 48 Vollzeitstellen. Der aktuelle strategische Plan richtet sich nach dem dänischen „Four Spaces“-Modell mit den Angebotsschwerpunkten anregen, erforschen, mitmachen und erschaffen.[2] Und ganz im Sinne von David R. Lankes’ „New Librarianship“[3] sehen die Winterthurer Bibliotheken ihre Aufgabe darin, rasch auf gesellschaftliche Bedürfnisse und Veränderungen zu reagieren und ihre Tätigkeit darauf auszurichten. Neben dem Medienangebot stehen den Besucherinnen und Besuchern so ein Makerspace mit Bild- und Tonstudio, eine Leselounge mit Cafeteria, Studienplätze sowie Arbeitsplätze für Gruppen zur Verfügung. Einen hohen Stellenwert nehmen auch die Bibliothekspädagogik, die Förderung des Verständnisses für die digitale Welt, die Integration fremdsprachiger Einwohnerinnen und Einwohner und das Veranstaltungsangebot ein. So konnte das Bibliotheksnetz im Jahr 2019 über 1,6 Millionen Ausleihen (physisch und digital) sowie gegen 600.000 Besucherinnen und Besucher an den acht Bibliotheksstandorten und über 2.000 Veranstaltungen, Führungen und Klassenbesuche verzeichnen. Mit der Absicht, diese Werte erneut zu überbieten und die Modernisierung des Betriebs mit einer umfassenden Reorganisation weiter voranzutreiben, brachen die Winterthurer Bibliotheken ins Jahr 2020 auf. Doch dann kam Corona.

Corona in der Schweiz: „Lockdown“ ohne Ausgangssperre

Auch wenn der Begriff Lockdown in der ganzen westlichen Welt in den Sprachgebrauch eingegangen ist, so hat doch jedes Land etwas Anderes darunter verstanden. In Anwendung des Epidemiegesetzes der Schweiz, das in der aktuellen Form seit 2016 in Kraft ist, rief der Bundesrat, die Landesregierung, am 28. Februar 2020 die „außerordentliche Lage“ aus und erhielt so faktisch die Möglichkeit, per Notrecht zu regieren ohne Beachtung der üblichen demokratischen Prozesse. Er reagierte damit auf die erste Welle von Corona-Infektionen, die zuerst in der Südschweiz und darauf im ganzen Land zu einer extremen Belastung des Gesundheitswesens und zu zahlreichen Todesfällen führte. Mit der Kompetenz der „außerordentlichen Lage“ ordnete der Bundesrat per 16. März 2020 die eingangs erwähnte Schließung aller Publikumseinrichtungen an – und damit auch der Bibliotheken. „Bleiben Sie zu Hause“ wurde zum allgemein verbreiteten Slogan, Homeoffice etablierte sich als gängige Arbeitsform, und der Tourismusort Zermatt projizierte den Hashtag #stayhome im Riesenformat auf das Matterhorn. Die Landesgrenzen wurden bis auf wenige Grenzposten geschlossen. Eine weitere Einschränkung des Bewegungsradius oder sogar eine Ausgangssperre (die eigentliche Bedeutung des Begriffs Lockdown) verordnete die Landesregierung aber nie, und so war der Lockdown nach Schweizer Art wesentlich weniger rigide als in vielen anderen europäischen Ländern. Dennoch hatten die Zwangsschließungen für Restaurants, Kulturschaffende und den Detailhandel weitreichende Folgen, die trotz rascher Staatshilfe nur teilweise aufgefangen werden konnten.

Der Lockdown, verbunden mit dem warmen Frühlingswetter, zeitigte den gewünschten Erfolg, und so hob der Bundesrat die Einschränkungen in drei Stufen von Ende April bis im Juni weitgehend auf. Am 19. Juni 2020 erklärte der Bundesrat die „außerordentliche Lage“ für beendet und übertrug damit die Entscheidungsgewalt wieder den regulären demokratischen Gremien auf Bundesebene und in den Kantonen. Auch Veranstaltungen waren unter gewissen Bedingungen wieder möglich, und schon machte der Begriff der „neuen Normalität“ die Runde. Umso härter traf die zweite Welle im Oktober 2020 das Land. Die nachgewiesenen Infektionen stiegen auf mehr als das Zehnfache der ersten Welle an, und auch die Zahlen der hospitalisierten Personen erreichte Spitzenwerte, die nur dank der im Vergleich zur ersten Welle besseren Vorbereitung aufgefangen werden konnte. Der Bundesrat – jetzt mit parlamentarischer Legitimation – verschärfte die Schutzmaßnahmen sukzessive bis zur Schließung aller Restaurants und Kultureinrichtungen am 22. Dezember 2020 und der Läden für Güter des nicht-täglichen Bedarfs am 18. Januar 2021. Dieser zweite Schweizer Lockdown dauerte – je nach Branche – bis zu fünf Monate; die Bibliotheken konnten für den Ausleihbetrieb in dieser Zeit geöffnet bleiben. Nach anfänglichen Erfolgen stagnierte der Rückgang der Ansteckungen im April, ja die Zahl stieg sogar wieder an. Dennoch beschloss der Bundesrat eine vorsichtige Lockerung der Maßnahmen. Er vertraute dabei auch auf den Effekt der einsetzenden Impfkampagne. Stand Ende Mai 2021 scheint diese Rechnung aufzugehen, so dass auf den Sommer mit weiteren Lockerungen gerechnet werden darf.

Der „Bücherwind“ fegt durch die Stadt

Zurück zum 13. März 2020: Die Corona-Welle und die Ankündigung des Lockdowns trafen die Winterthurer Bibliotheken nicht unvorbereitet. Ein Pandemie-Konzept lag umsetzungsbereit in der Schublade und konnte rasch auf die aktuelle Situation angepasst werden; dank guter Kontakte zu den Lieferanten war auch die ausreichende Beschaffung wichtiger Güter wie Desinfektionsmittel und Schutzhandschuhe kein Problem. Trotzdem galt es zunächst, sich bei allen Ungewissheiten zu informieren und zu organisieren. Ausleihfristen mussten angepasst, Mahnungen blockiert und das Publikum über die Maßnahmen informiert werden. Aber bald erhielten andere Fragen viel mehr Gewicht: Wie können die Winterthurer Bibliotheken ihren Kundinnen und Kunden trotz Lockdown ein passendes Angebot bereitstellen? Und wie sollen alle Mitarbeitenden, die nicht im Homeoffice ihren üblichen Aufgaben nachgehen können, in den Bibliotheksfilialen angemessen beschäftigt werden? Ein Abholservice für bereitgestellte Medien, wie er zuerst erwogen wurde, widersprach angeblich den bundesrätlichen Verfügungen (was sich später als Falschmeldung herausstellen sollte). Also musste die Bibliothek die Medien zu den Kundinnen und Kunden nach Hause bringen.

Abb. 1: Der Hauslieferdienst „Bücherwind“ fand vor einigen Jahren noch keine Nachfrage. Für den Corona-Lockdown war er genau das Richtige (Grafik: Winterthurer Bibliotheken).
Abb. 1:

Der Hauslieferdienst „Bücherwind“ fand vor einigen Jahren noch keine Nachfrage. Für den Corona-Lockdown war er genau das Richtige (Grafik: Winterthurer Bibliotheken).

Es war ein Glücksfall, dass die Winterthurer Bibliotheken auch in diesem Fall tief in die Schublade greifen und ein bestehendes Konzept hervorkramen konnten. Sein Titel hieß „Bücherwind“, und es beschrieb einen Auslieferservice für Bibliotheksmedien mit dem Fahrrad und dem E-Bike. Dieses Angebot hatte die Stadtbibliothek vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit einem Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose entwickelt, ein Pilotversuch scheiterte aber am fehlenden Publikumsinteresse. So verschwand das Konzept in der Versenkung, und das eigens angeschaffte E-Bike wurde eingemottet. Nun war aber die Zeit reif für den Bücherwind! Das Konzept wurde auf die aktuelle Situation angepasst, die Logistikabteilung mietete drei weitere E-Bikes und die Kommunikationsabteilung informierte auf allen Bibliothekskanälen und in den Medien über das Angebot – und bereits eine gute Woche nach Beginn des Lockdowns lieferte der Bücherwind die ersten Medien aus. Für vier Franken konnten eingeschriebene Bibliotheksmitglieder innerhalb der Stadtgrenzen und in den Nachbargemeinden bis zu fünf Bücher aufs Mal bestellen und nach Hause bringen lassen, Lieferfrist: zwei Tage. Auch Kundinnen und Kunden aus den Nachbargemeinden konnten den Dienst beanspruchen – er war für sie wegen des wesentlich höheren Aufwands allerdings teurer.

Abb. 2: Über 1.500 Bestellungen lieferten die Mitarbeitenden der Winterthurer Bibliotheken mit Fahrrad oder E-Bike aus. Die Fahrten waren eine beliebte Abwechslung im Arbeitsalltag (Foto: Winterthurer Bibliotheken).
Abb. 2:

Über 1.500 Bestellungen lieferten die Mitarbeitenden der Winterthurer Bibliotheken mit Fahrrad oder E-Bike aus. Die Fahrten waren eine beliebte Abwechslung im Arbeitsalltag (Foto: Winterthurer Bibliotheken).

Hinter dem Angebot steckte eine komplexe Organisation: Das Kundendienst-Team nahm die Bestellungen per E-Mail oder telefonisch entgegen. Alle verfügbaren Mitarbeitenden sammelten die bestellten Medien darauf in der Stadtbibliothek, den sechs Quartierbibliotheken und dem Außenmagazin ein, desinfizierten sie, ordneten sie den bestellenden Personen zu und verbuchten sie, worauf sie in Tragtaschen zum Transport bereitgestellt werden konnten. Die Auslieferung mit dem Fahrrad oder dem E-Bike war dann nur noch der letzte einer ganzen Reihe von Arbeitsschritten. Dank des meist schönen Frühlingswetters in den Lockdown-Wochen wurden diese Fahrten bei den Bibliotheksmitarbeitenden rasch zum begehrten Zückerchen im Arbeitsalltag.

Der „Bücherwind“ fegte bald wie ein Orkan durch Winterthurs Straßen: Täglich verließen mehrere vollbepackte Zweiräder die zum Logistikzentrum umfunktionierte Leselounge der Stadtbibliothek, und bis Mitte Mai lieferten die Bibliotheksmitarbeitenden über 1.500 Bestellungen aus. So war auch das zweite Ziel der Aktion erreicht: Trotz der Bibliotheksschließung waren alle Mitarbeitenden in den Lockdown-Wochen beschäftigt. Und darüber hinaus verhalf der Bücherwind den Winterthurer Bibliotheken zu viel positiver Publizität. Die Medien berichteten darüber, zahlreiche Kundinnen und Kunden bedankten sich sehr herzlich für das Angebot, und auch im Stadtrat von Winterthur, der städtischen Exekutive, wurde die Aktion positiv zur Kenntnis genommen.

Abb. 3: Die Leselounge in der Stadtbibliothek, sonst ein beliebter Aufenthaltsort für Bibliotheksbesucherinnen und -besucher, wurde zum „Bücherwind“-Logistikzentrum (Foto: Nadia Pettannice).
Abb. 3:

Die Leselounge in der Stadtbibliothek, sonst ein beliebter Aufenthaltsort für Bibliotheksbesucherinnen und -besucher, wurde zum „Bücherwind“-Logistikzentrum (Foto: Nadia Pettannice).

Viel Schub für die Online-Medien und die Online-Bilddatenbank

Der Bücherwind war das publikumswirksamste, aber nicht das einzige Lockdown-Angebot der Winterthurer Bibliotheken. Kader und Mitarbeitende suchten laufend nach weiteren Lockdown-tauglichen Dienstleistungen und Aktivitäten; zwei davon seien hier genannt:

Um den Kundinnen und Kunden einen möglichst breiten Zugang zu den virtuellen Medien zu gewähren, schalteten die Winterthurer Bibliotheken alle digitalen Dienste frei. So erhielten die eingeschriebenen Bibliotheksmitglieder kostenlos Zugang zu Onleihe, Overdrive, dem Musik-Streamingdienst freegal und verschiedenen weiteren Plattformen, für deren Nutzung gewöhnlich ein Zusatzabo erworben werden muss. Auch dieses Angebot fand Zuspruch: Die digitalen Ausleihen verdreifachten sich im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr, und manche Nutzerinnen und Nutzer entschieden sich nach Ende des Lockdowns, das Online-Zusatzabo zu erwerben.

Auch die Sammlungen der Winterthurer Bibliotheken, die neben der Pflege ihrer wertvollen Bestände von Handschriften und Alten Drucken unter anderem eine Online-Bilddatenbank mit aktuell über 60.000 Fotos zur Siedlungsgeschichte und zum Kultur- und Arbeitsleben der Stadt Winterthur betreiben,[4] wussten die ereignislose Lockdown-Zeit zu nutzen. Mit der regionalen Tageszeitung „Der Landbote“ gingen sie eine Kooperation ein, die sich für beide Partner als sehr wertvoll erweisen sollte: Auf Seite 2 der Printausgabe – und natürlich auch online – erschien Anfang April 2020 erstmals ein großformatiges historisches Bild aus der Fotosammlung mit einem kurzen erläuternden Text. Das Bild fand sowohl in der Print- wie in der Online-Ausgabe große Beachtung, und seither erscheint immer mittwochs ein Beitrag „Aus dem Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken“. Das Interesse ist ungebrochen, und die Zahl der Seitenbesuche in der Bilddatenbank hat sich 2020 gegenüber dem Vorjahr verzehnfacht.

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown

Am 11. Mai 2020 hob der Bundesrat den Lockdown für die Bibliotheken auf – einen Monat früher als zunächst angekündigt und nur für den Ausleihbetrieb. Der Bücherwind wurde noch weitergeführt, das Interesse an diesem Angebot ging aber rasch zurück. Nach weiteren Öffnungsschritten gingen die Bibliotheken im Sommer zu einem einigermaßen „normalen“ Betrieb über. Arbeits- und Leseplätze durften eingerichtet werden, und Veranstaltungen waren unter Berücksichtigung eines Schutzkonzepts wieder möglich. Die Stadtbibliothek konnte endlich ihr von langer Hand vorbereitetes Angebot „werkStadt“ einführen,[5] einen Beratungsdienst rund um Themen des E-Government. So füllte sich die Bibliothek allmählich wieder mit Leben. Die Planung wurde dadurch aber nicht einfacher, denn es war klar, dass Corona noch nicht ausgestanden war, und die Aussicht auf eine zweite Welle stand im Raum. Diese erreichte die Schweiz Ende Oktober denn auch mit voller Wucht. Auch in den Reihen der Bibliotheksmitarbeitenden gab es in jenen Wochen Covid-Erkrankungen zu beklagen – es sollten zum Glück fast die einzigen bleiben.

Nach einer Reihe von punktuellen Verschärfungen beschloss der Bundesrat per 22. Dezember 2020 die Schliessung von Restaurants, Sport-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen inklusive Bibliotheken. Damit waren aber, wie sich bald klären sollte, nur die Lesesäle gemeint; der Ausleihbetrieb für Bibliotheken war weiterhin möglich. Also hieß es erneut: Sessel und Stühle wegräumen, Cafeteria schließen. Dass die Bibliotheksräume so unwirtlich wie möglich gemacht werden mussten, gefiel natürlich weder den Bibliotheksmitarbeitenden noch den Besucherinnen und Besuchern. Aber die Bibliothek konnte mit der Medienausleihe wenigstens weiterhin eine ihrer Kernaufgaben wahrnehmen – anders als viele andere Kultur-, Bildungs- und Freizeitbetriebe.

Ein Fazit vor dem Ende

Noch ist das Thema Corona nicht abgeschlossen, und wenn auch die Prognosen wenigstens in Europa und Nordamerika mit Blick auf die baldige weitgehende Durchimpfung der Gesellschaft optimistisch sind, so ist die Schweiz – Stand Ende Mai 2021 – noch weit von einer Normalität entfernt. Noch immer sind Restaurants geschlossen, kulturelle Veranstaltungen dürfen nur mit kleinem Publikum durchgeführt werden. Neben den gesundheitlichen und sozialen werden auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie die Gesellschaft noch lange beschäftigen. So kann sich denn ein Fazit auch aus Bibliothekssicht erst auf den ersten Lockdown vom Frühjahr 2020 beziehen. Für diesen fällt aber die Bilanz nicht nur negativ aus: Wohl hat die abrupte Schließung alle Planungen zunichtegemacht und die Reorganisation des Betriebs erschwert und verzögert, wohl hat die kurzfristige Anpassung der Prozesse und Regelungen besonders für die Bibliothekskader zu viel Mehrarbeit und zuweilen auch zu Frustration geführt, wohl brachen die Zahlen der Bibliotheksbesuche, Veranstaltungen und Ausleihen gegenüber dem Vorjahr ein. Aber der Lockdown bot auch Chancen: Die Winterthurer Bibliotheken konnten beweisen, dass sie auch in Sondersituationen in der Lage sind, ihren gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, und so ihre Bedeutung für die Lebensqualität in der Stadt in Erinnerung rufen. Darüber hinaus stärkte der Lockdown die Position der digitalen Angebote als weiteres Standbein der Winterthurer Bibliotheken. Und manche Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt entdeckten in den ereignislosen Lockdown-Wochen, wieviel Genuss und Freude die Lektüre eines guten Buchs bringen kann, und lernten so die Dienstleistungen der Bibliotheken schätzen.

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Dr. Andres Betschart

Dr. Andres Betschart

Published Online: 2021-08-12
Published in Print: 2021-08-10

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 17.3.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2021-0091/html
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