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Bibliotheken als Dritte Orte

Symposium #VisDom2016 an der Fachhochschule Potsdam zum Thema „Smart Libraries“
An erratum for this article can be found here: https://doi.org/10.1515/bd-2018-8888
  • Stephan Büttner

    Stephan Büttner

    Fachhochschule Potsdam

    Fachbereich Informationswissenschaften

    Kiepenheuerallee 5

    14469 Potsdam

    EMAIL logo
    and Lisa Freyberg

    Lisa Freyberg

    Fachhochschule Potsdam

    Fachbereich Informationswissenschaften

    Kiepenheuerallee 5

    14469 Potsdam

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Published/Copyright: August 24, 2016
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Zusammenfassung

Am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam fand vom 27. bis 28. Mai 2016 zum zweiten Mal die #VisDom (Visualisierung von Daten und Informationen – Symposium an der FH Potsdam) statt. Während die Veranstaltung sich 2015 ausschließlich mit der visuellen Darstellung, speziell mit dem Einsatz von AR beschäftigte, war 2016 das Themenfeld wesentlich breiter gefasst und stellte des Prinzip der „Smart Libraries“ in den Vordergrund. Der vorliegende Artikel fasst die wesentlichen Diskussionsbeiträge und Inhalte der Tagung zusammen.

Abstract

The #VisDom (visualization of data and information – symposium at the University of Applied Sciences Potsdam) took place for the second time at the university’s department of information sciences from 27th to 28th May 2016. Whereas the 2015 symposium dealt exclusively with the visual representation, especially with the use of AR, the 2016 range of topics was considerably broader and focused on the principle of “smart libraries”. This report summarizes the main contributions to the discussion and the contents of the conference.

1 Einleitung

Am Fachbereich Informationswissenschaften der Fachhochschule Potsdam fand vom 27. bis 28. Mai 2016 zum zweiten Mal die #VisDom (Visualisierung von Daten und Informationen – Symposium an der FH Potsdam) statt. Die Veranstaltung war 2015 im Rahmen des Projekts „mylibrARy“[1] ins Leben gerufen worden. Im Projekt „mylibrARy“ wurden die Einsatzmöglichkeiten der Technologie „Augmented Reality (AR)“ in Informationseinrichtungen erforscht. Während die Veranstaltung sich 2015 ausschließlich mit der visuellen Darstellung, speziell mit dem Einsatz von AR beschäftigte, war 2016 das Themenfeld wesentlich breiter gefasst. Diesmal sollte, u. a. vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um die Obsoleszenz von Büchern[2] oder gar Bibliotheken an sich, das Konzept „Smart Libraries“ im Vordergrund stehen. Städte und Gemeinden benötigen zunehmend zentrale und kommunale Orte der Kommunikation, der Vernetzung, der Begegnung, des Lernens, um den zukünftigen Ansprüchen zu genügen. Die Bibliothek fungiert in diesem Kontext als physischer Raum und als Ideengeber, was konkrete Inhalte aber auch technische Innovationen betrifft. Dieses Konzept einer „Schlauen Bibliothek“, welche auch in Zukunft Bestand haben kann, bezieht sich demzufolge einmal auf digitale Dienstleistungen, aber auch auf den physischen Ort der Bibliothek sowie auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daher waren Einreichungen in Form eines Vortrags oder eines Workshops zu den folgenden drei Themenschwerpunkten möglich:

  1. Digitale Dienstleistungen in einer Smarten Bibliothek (Welche Technologien und Technologietrends sind für Bibliotheken relevant? Wie können haptische und digitale Bestände miteinander verbunden werden?)

  2. Die Bibliothek als Dritter Ort (Wie hat sich die Institution oder der Raum der Bibliothek gewandelt? Welche Funktion hat dieser Ort innerhalb einer modernen Stadt? Welche zukünftigen Funktionen wird die Bibliothek wahrnehmen?)

  3. Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Wandel (Wie wird die Veränderung der Bibliotheken sich auf das Berufsbild des Bibliothekars/der Bibliothekarin auswirken? Welche Qualifikationen werden zukünftig mehr in den Vordergrund rücken?)

2 Bibliothek als Dritter Ort

2.1 Key Note

Während zum Schwerpunkt „Digitale Dienstleistungen“ vergleichsweise wenig Beiträge eingereicht wurden, vielleicht weil zu Technologien im Umfeld von Bibliotheken doch mittlerweile recht viele spezialisierte Konferenzen existieren, stieß das Thema „Bibliothek als Dritter Ort“ auf große Resonanz und stellte so den Schwerpunkt der Veranstaltung dar. Die meisten Beiträge zu diesem Themenfeld bezogen sich auf öffentliche Bibliotheken und bildeten damit den Fokus in diesem Jahr. Neben dem Call for Papers bemühte sich das Programmkomitee um internationale „Leuchtturmbeispiele“ und so stellten auch Kate Pitman von den Londoner Idea Stores, Chris Wiersma, Direktor der denieuwebibliotheek in Almere sowie Sidsel Bech-Petersen vom Dokk1in Aarhus hauptsächlich den Aspekt der Bibliothek als Dritten Ort in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Das Symposium wurde sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache abgehalten, um einerseits ein größeres Publikum zu erreichen und andererseits einen internationalen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Die Keynote mit dem Titel „Idea Store – a revolution in public libraries“ von Kate Pitman, Managerin eines Idea Stores in London, eröffnete die #VisDom2016. Sehr interessant und anschaulich stellte sie die auch hierzulande bekannte Ausgangslage in städtischen Bezirken vor, die eine hohe Arbeitslosigkeit, ein niedriges Bildungsniveau und eine große Bevölkerungsdiversität aufweisen und in denen Kultur- und Sozialeinrichtungen besonders wichtig sind. Gezielt wurden zentrale Standorte in Ost-Londoner-Bezirken für die Errichtung der Idea Stores ausgewählt, da öffentliche Bibliotheken nur Sinn an stark frequentierten Orten, also in der Nähe anderer im Alltag wichtiger Orte, wie Cafés und Einkaufsmöglichkeiten machen. In diesem Kontext kritisierte Pitman, dass viele Bibliotheksneubauten ihre Anziehungskraft überschätzen und davon ausgehen, dass die Nutzerinnen und Nutzer die Wege zu weitab vom Zentrum gelegenen Standorten auf sich nehmen.

Doch wie passt man die Bibliothek den lokalen Bedürfnissen und Gegebenheiten optimal an?

Abb. 1:  Keynote Kate Pitman, 27.05.2016 (FH Potsdam).
Abb. 1:

Keynote Kate Pitman, 27.05.2016 (FH Potsdam).

Ihre Antwort darauf war simpel aber sehr erfolgreich: Fragen wir die Nutzerinnen und Nutzer! Problemanalysen durch User Studies wurden durchgeführt und geboren war das Grundkonzept der Idea Stores.

Zur Arbeitsweise betonte sie:

  1. Nimm die richtigen Personen!

  2. Schaffe flache Hierarchien!

  3. Werde in den Dienstleistungen tätig!

  4. Nimm allgemeine Rollen wahr!

  5. Fördere, engagiere und bestärke deine Nutzer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Kurz gefasst: Thinking, listening, learning.[3]

Besucherzahlen von über 400.000 jährlich (in dem neuesten 2013 errichteten Idea Store Chrisp Street) geben ihr mehr als Recht. Im Anschluss an die Keynote entstand eine lebhafte Diskussion und die Teilnehmenden der #VisDom konnten viele Anregungen aus London mitnehmen.

2.2 Weitere Vorträge

Nach der Kaffeepause konnte man weitere internationale Vorträge zum Thema „Bibliotheken als Dritte Orte“ von Morag Clarkson vom Croydon Health Services NHS Trust (UK) zu „The Workplace Library as third Space“ und von Mara Jekabsone von der National Library of Latvia in Riga zum Thema „Latvia Libraries – Third… Happy Places“ verfolgen. Parallel dazu fand der Vortrag von Yosef Solomon, Doktorand an der Bar-Ilan University in Tel Aviv, zum Thema „Serendipity“ statt. Solomon erforscht, wie sich diese Methode ins Digitale überführen lässt – ein sehr interessanter Ansatz. Anschließend stellte Kathi Woitas von der ZHAW Hochschulbibliothek in Winterthur vor, wie die Herausforderung eines historischen bzw. denkmalgeschützten Standortes in einen Attraktivitätsfaktor umgemünzt werden kann und zeigte einen künstlerischen Ansatz zur Konzeption eines Videorundganges.

Im letzten Slot des Tages stellten Britta Wildemann und Markus Heinrich (Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg/FH Brandenburg) die Einsatzmöglichkeiten von ethnografischen Forschungsmethoden in Bibliotheken vor.

Lukas Oehm von der SLUB Dresden präsentierte unter dem Motto „Wissen kommt von Machen!“ den Makerspace als Baustein Smarter Bibliotheken. Er stellte die spezifischen Merkmale eines Makerspace in der Bibliothek gegenüber etablierten Werkstätten der Hochschulen vor.

Im Parallelslot zeigte Nicole Clasen von der ZBW Hamburg die neue Reception-App. Abschließend präsentierte Mareen Reichardt vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin das kürzlich eröffnete iLab, ein Forschungslabor für die Informationswissenschaft.

Begleitet wurde die Veranstaltung von einer kleinen Firmenausstellung, bei der man nicht nur die Möglichkeit hatte, Fachinformationen zu erhalten und ins Gespräch zu kommen, sondern auch selbst in virtuelle Welten „abzutauchen“. Eine Berliner Firma bot Abenteuer in interaktiven 3D-Umgebungen an und eine andere zeigte ihre digitalen Erlebnis-Rallyes.

Der Frage „Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus?“ hatten sich Studierende des sechsten Semesters Bibliotheksmanagement der FH Potsdam im Seminar „Smart Libraries“ angenommen und basierend auf der Methode eines Design-Workshops äußerst kreative Lösungen entwickelt, die in Form von Postern präsentiert wurden.

Der erste Tag endete mit einer Bibliotheksführung durch die Stadt- und Landesbibliothek (SLB) Potsdam, die sich im neu gestalteten Bildungsforum befindet.

Ebendort klang der Tag mit einer Abendveranstaltung in der Wissenschaftsetage (WIS) bei fantastischem Wetter, guten Gesprächen und kalten Getränken über den Dächern von Potsdam aus.

Den zweiten Tag eröffnete Sidsel Bech-Petersen von Dokk1 – Urban Media Space in Aarhus (DK) mit einer Keynote zum Thema „The transformation from Main Library to Dokk1“. Mit 4.500 Besuchern am Tag hat sich das Dokk1 mittlerweile zu einer Tourismusattraktion entwickelt, wobei Bech-Petersen vor allem den Weg dorthin aufzeigte. Auch in Aarhus wurden die Nutzerinnen und Nutzer von Beginn an in die Planung des Baus einbezogen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Dokk1 führten sogar Hausbesuche bei potentiellen Nutzerinnen und Nutzern durch, um vor allem deren Alltagsaktivitäten zu erforschen. Das Toolkit „Design Think for Libraries“[4] sowie das 4 Space Model, welches Räume für die Aktivitäten Inspiration, Learning, Meeting und Performance[5] vorsieht, dienten auch als Bezugspunkt für das innovative Bibliothekskonzept.

3 Bibliothek der Zukunft

Der weitere Verlauf des zweiten Tages war als internationaler ThinkTank zum Thema „Bibliothek der Zukunft“ konzipiert: In Workshops sollten Ideen und Konzepte entwickelt werden, wie die Bibliothek als Institution sowie als physischer und digitaler Ort weiterhin bestehen kann.

Man hatte die Wahl, mit Sidsel Bech-Petersen das Thema Design Thinking aktiv zu vertiefen oder an einem Workshop von Chris Wiersma von De nieuwe bibliotheek in Almere (NL) teilzunehmen. Wiersma hatte einen Workshop zum Thema „The library as a platform for inspiration and curiosity“ angeboten und die teilnehmenden Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie Leiterinnen und Leiter zum Erfahrungsaustausch vor allem zum Thema Services, Kommunikation und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeladen. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen des digitalen Wandels, die durch Digitization, Network und Knowledge Society, aber auch Cultural Changes[6] geprägt sind, diskutierten die Teilnehmenden angelehnt an Simon Sineks „Golden Circle“[7] vor allem die Aspekte des „What“ und „How“ der Arbeitsabläufe und angebotenen Dienstleistungen ihrer jeweiligen Bibliotheken.

Abb. 2:  Workshop Chris Wiersma, 28.05.2016 (FH Potsdam).
Abb. 2:

Workshop Chris Wiersma, 28.05.2016 (FH Potsdam).

Am Nachmittag konnte man in dem Workshop „Learning by Gaming“ des Medienpädagogen Daniel Umbach von der Berliner Firma Actionbound interaktive Handy-Rallys erfahren und selbst konzipieren. Mit dieser Software lassen sich ohne Programmiervorkenntnisse Quizspiele entwickeln, um Bibliotheken spielerisch zu entdecken. Den abschließenden Workshop im Parallelslot bot Sabine Wolf (FH Potsdam) aus dem Organisationsteam der #VisDom2016 an zum Thema „Ich plane, du planst – Mit Nutzerpartizipation die eigene Bibliothek planen“.

4 Fazit

Mit rund 70 Teilnehmenden war die diesjährige #VisDom2016 relativ gut besucht, wenngleich die Anzahl etwas hinter den Erwartungen blieb. Eine Ursache könnte die Zweisprachigkeit der Veranstaltung darstellen, die im Vorfeld des Öfteren als Grund für die Nicht-Teilnahme genannt wurde.

Trotzdem kann die Teilnehmerzahl als Indikator für die Aktualität und Relevanz des Themas „Bibliotheken als Dritte Orte“ und der „Bibliothek der Zukunft“ gewertet werden.

Vor allem der internationale Input durch die Keynotes wurde in der begleitenden Feedbackbefragung immer wieder positiv hervorgehoben. Zusammenfassend wurde der Aspekt der Partizipation bei der Konzeption von Bibliotheken und vor allem bei ihren Dienstleistungen immer wieder betont und ist letztendlich ausschlaggebend dafür, dass Bibliotheken sich als Dritte Orte etablieren. In Bezug auf den Wandel des Berufsbildes der Bibliothekarinnen und Bibliothekare stand die Flexibilität in den Aufgabenfeldern und die Offenheit gegenüber neuen Technologien und neuen (nicht nur bibliothekarischen) Dienstleistungen im Vordergrund, denn nur so lässt sich die Bibliothek der Zukunft realisieren.

About the authors

Stephan Büttner

Stephan Büttner

Fachhochschule Potsdam

Fachbereich Informationswissenschaften

Kiepenheuerallee 5

14469 Potsdam

Lisa Freyberg

Lisa Freyberg

Fachhochschule Potsdam

Fachbereich Informationswissenschaften

Kiepenheuerallee 5

14469 Potsdam

Published Online: 2016-08-24
Published in Print: 2016-09-01

© 2016 by De Gruyter

Downloaded on 10.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2016-0099/html
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