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Geschichte und Verantwortung

  • Robert Langer

    Dr. Robert Langer

    Stadtbibliothek Bautzen

    Schloßstraße 10

    02625 Bautzen

    Autoreninfo:

    Dr. Robert Langer (www.kulturbilderwissenschaft.de) führt als freier Wissenschaftler im Auftrag der Stadt Bautzen das NS-Raubgut-Projekt durch.

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Published/Copyright: August 24, 2016
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Zusammenfassung

Die Stadtbibliothek Bautzen untersucht als erste öffentliche Bibliothek ihre Bestände im Sachgebiet Altbestand/Regionalkunde (ehemalige wissenschaftliche Abteilung) systematisch auf Bücher, die während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig in ihren Besitz gelangten. Dabei erwächst ihr aus der eigenen Institutionsgeschichte eine Verantwortung, die mit dem Fortschreiten des NS-Raubgutprojektes und den ersten Restitutionen deutlich zu Tage tritt.

Abstract

As the first public library to do so, the city library Bautzen examines systematically its collections in the area of historical collections/regional sciences (the former scientific department) for books that unlawfully came into its possession during the time of National Socialism. From its own institution history, a responsibility arises which becomes more and more clear with the progress of the Nazi loot project and the first restitutions.

1 Vorab 1. ÖB und WB – sind wir eins?

Eine öffentliche Bibliothek mit NS-Raubgutprojekt? Dass wissenschaftliche Bibliotheken Provenienzforschung respektive NS-Raubgut-Forschung betreiben, ist hinlänglich bekannt. Aber öffentliche Bibliotheken? Haben kommunalgetragene Einrichtungen überhaupt forschungsrelevante Bestände und das entsprechende Personal?

Das Beispiel der historischen Stadtbibliothek Bautzen zeigt, dass dies zum einen mit finanzieller Unterstützung möglich und zum anderen unter wissenschaftlicher Mitwirkung realisierbar ist.[1]

Dafür sind jedoch erst einmal Vorbehalte zu entkräften, die tief im Alltagsgeschäft öffentlicher Bibliothekare wurzeln. Da ist zum einen der Respekt vor dem oft mit Standesdünkel wahrgenommenen wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Da ist der Kulturraum mit seiner Förderpolitik öffentlicher Bibliotheken. Da ist der Stadtrat, der Träger, dem man per Dienstvertrag verpflichtet ist. Wenn dessen Vorstellung einer Bibliothek eine überkommene ist, wird die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Bestandsforschung schier unmöglich gemacht. Gibt es dazu seit Jahren keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, zeugt dies von der Eigensicht auf den Altbestand. Wenn zudem kein wissenschaftlicher Bibliothekar vorhanden ist, wird der historisch gewachsene Bestand zur Magazinleiche. Eine unaufgearbeitete Institutionsgeschichte, eine unübersichtliche Aktenlage und eine zaghafte historische Sensibilität erschweren den Zugang zur eigenen Geschichte. Dies aufzuarbeiten und vorsichtig in die Wahrnehmung zu führen, gehört zu den ersten Aufgaben eines Provenienzforschers in einer kommunalen Bibliothek.

2 Vorab 2. Osten und Westen – sind wir eins?

Ein bei Provenienzforschern bekanntes Phänomen stellt die unterschiedliche, durch die politischen Verhältnisse motivierte Entwicklung der Bibliotheken zwischen 1945 und 1990 dar.[2] Besondere Spezifika im Osten Deutschlands sind die von der Sowjetischen Militäradministration angeordneten Schlossbergungen. Hierbei wurde zum einen vielerlei Kulturgut beschlagnahmt und abtransportiert, andererseits konnten deutsche Verantwortliche, wie der zweisprachige Bautzener Bibliotheksdirektor Dr. Jacob Jatzwauk,[3] die zuständigen Kommandanten der Besatzungsmacht davon überzeugen, bestimmte, regional bedeutsame Bestände in Einrichtungen des neu aufzubauenden Staates zu überstellen.

Ein weiterer, besonders für die wissenschaftlichen Bibliotheken im Westen wichtiger Aspekt betrifft den Weg historischer Bücher aus der DDR über den Antiquariatshandel. In den Ost-Bibliotheken mit Altbeständen wurden dafür die Zugangsbücher nach wertvollen Exemplaren durchsucht. Diese mussten, mit dem Abgabegrund „ZwA“ versehen, überwiesen werden, wurden zentral gesammelt und gegen Devisen in den Westen verkauft.[4] So wanderten Bücher ungeklärter Provenienz in neu gegründete westdeutsche Universitätsbibliotheken oder ergänzten Lücken gewachsener Bestände.

Dies zeigt, dass sich Provenienzforschung nicht nur mit offensichtlichem Raubgut beschäftigen kann, wenn sie ihrer Verantwortung und ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will. Gesagt werden muss aber auch, dass ohne die Förderung der NS-Raubgutprojekte die Provenienzforschung nicht auf dem Forschungsstand wäre, auf dem sie sich heute befindet.

3 Die Stadtbibliothek Bautzen

Abb. 1:  Das Eingangsportal der Stadtbibliothek Bautzen.
Abb. 1:

Das Eingangsportal der Stadtbibliothek Bautzen.

Die über 400-jährige Geschichte der STB ist bewegt und bunt. Von ihren Anfängen her ist sie eine Stiftungsbibliothek, was bedeutet, dass ein wohltätiger Bürger der Stadt nach seinem Tod seine Privatbibliothek überantwortete. Diese Geste griffen in den folgenden Jahrhunderten immer wieder begüterte Einwohner Bautzens auf und schenkten oder verkauften der Stadt ihre Bücher. Auf diese Weise vermehrte sich der Bestand. Gleichzeitig steuerte der Stadtrat eine kleine Summe bei, um die Bibliothek zu erhalten. Aus unterschiedlichen Stiftungen floss zudem jährlich ein Zinskapital in den Bestandsaufbau.

Das 20. Jahrhundert steht für einen grundlegenden Wandel in der Bibliothekskultur, und das nicht nur in Bautzen. In den 1920er Jahren wurden die unterschiedlichen Bautzener Bibliotheken vereinigt und im Zuge der Errichtung einer Kreisberatungsstelle für Volksbüchereiwesen, der Vorgängereinrichtung der Kreisbibliothek, ein hauptamtlicher Büchereidirektor eingestellt. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus erweiterten sich die Möglichkeiten der Bücherbeschaffung, gleichzeitig wurde sie auf dessen Ideologie ausgerichtet. Dies bedeutete auch, dass Bücher jüdischer, sozialistischer, kommunistischer und gewerkschaftlicher Autoren aussortiert wurden. Nach dem Krieg wurde dann die nationalsozialistische Literatur ausgeschieden. Im Gegenzug kamen Bücher aus der ganzen Stadt und dem Kreisgebiet in den Bestand. Das waren zum einen Bücher von Privatpersonen, aber ebenso Sammlungen von Institutionen und ganze Bibliotheken. Eine Erklärung dafür liegt in der Bodenreform, die in der sowjetischen Besatzungszone durchgeführt wurde. Großer Privatbesitz wurde enteignet. So kamen „Junkerland und Herrenhäuser in Volkeshand“ und die in ihnen enthaltenen Bibliotheken gleich mit. Da sich das notleidende Volk dort jedoch unkundig bediente, unternahm man große Anstrengungen, um die Schlossbibliotheken zu sichern und die Bücher in die Bibliothek des Volkes zu überführen. Auf diese Weise versuchte man, in der von großen Universitätsstädten abgeschiedenen Oberlausitz eine Provinzialbibliothek, eine Forschungsbibliothek mit regionalem Fokus, aufzubauen. Dabei sind die sogenannten Schlossbergungen bisher ebenso wenig aufgearbeitet wie NS-Raubgut, das seinen Eigentümern verfolgungsbedingt in der Zeit des Nationalsozialismus entzogen wurde.

Da in den Altbestand der STB viele Bücher unterschiedlicher privater und institutioneller Provenienz eingegangen sind, ist es eine Frage moralischer Verantwortung, sich auf die Suche nach Vorbesitzern und Zugangsumständen zu begeben.

3.1 Ursprünge

Die 1596 gegründete Stadtbibliothek Bautzen ist die größte und zweitälteste öffentliche Bibliothek der Lausitz. Ihr Altbestand setzt sich aus der historischen Stadtbibliothek, der Gersdorff’schen Stiftungsbibliothek und der Volksbücherei zusammen und umfasst ungefähr 75.000 Monographien, 10.000 Periodika, 660 geographische Karten, 90 Atlanten, 100 Handschriften und 60 Inkunabeln.

Von besonderem, historischem Wert ist die Büchersammlung des Gregorius Mättig, die den Grundstock der Stadtbibliothek bildet und als Drucke des 16. Jahrhunderts separat magaziniert ist. Dem Vorbild des Gründers folgend, füllten weitere Persönlichkeiten durch Schenkungen und Nachlässe die Regale, so der Theologe Heinrich Basilius Zeidler, die Bürgermeister Johann Gottfried Steudner (Provenienzmerkmal: Autogramm Pars Musea Steudnerianae) und Erdmann Gottfried Schneider und der Appellationsgerichtsvizepräsident Friedrich Carl Gustav Stieber (Provenienzmerkmal: Etikett Stieber’sche Bibliothek).

Die Stiftungsbibliothek des Hans von Gersdorff steht exemplarisch für eine adelige Gelehrtenbibliothek des 17. Jahrhunderts. Sie trägt Züge einer polyhistorischen Sammlung und beinhaltet wertvolle und bereits seltene Publikationen. Die böhmischen Schriften, die sogenannten Husitica, tschechische und lateinische Schriften des Jan Hus und seiner Anhänger, belegen die besondere Affinität der Lausitz zu Böhmen und Mähren.

Gleiches gilt für die Sorabica, das Schrifttum der Wenden/Sorben, das reichlich in der Bibliothek vorhanden ist. Es trägt der Zweisprachigkeit der Region Rechnung und steht gleichzeitig für das Interesse der Mehrheitsgesellschaft an den kulturellen und sprachlichen Besonderheiten der autochthonen slawischen Bevölkerung.

3.2 Das 20. Jahrhundert

Abb. 2:  Die Bücher stehen bunt gemischt, das 17. neben dem 20. Jahrhundert.
Abb. 2:

Die Bücher stehen bunt gemischt, das 17. neben dem 20. Jahrhundert.

In der Geschichte der Bautzener Stadtbibliothek ist das 20. Jahrhundert von vier großen Umbrüchen gekennzeichnet. Neben den drei politischen mit ihren jeweiligen Anforderungen an die Ausrichtung der Bibliothek firmierten in den 20er Jahren unter dem Namen „Städtische Büchereien“ die drei großen Büchersammlungen als Gesamtbibliothek. Zudem wurde die Kreisfachstelle für Volksbüchereiwesen in Bautzen errichtet. Sie war zuständig für Aufbau, Unterhaltung und Betrieb von Büchereien in den Schulorten der Amtshauptmannschaften der Oberlausitz. Die Bautzener Kreisfachstelle unterhielt rege Korrespondenz mit dem „Verein zur Verbreitung guter volkstümlicher Schriften e. V.“ (Berlin) und arbeitete mit der „Wendenabteilung“ der Amtshauptmannschaft Bautzen, der NSDAP und dem Bund Deutscher Osten zusammen. Städtische Büchereien, Kreisfachstelle und das Stadtarchiv wurden bis 1945 in Personalunion geleitet.

Von Oktober 1945 an leitete Dr. Jacob Jatzwauk die Städtischen Büchereien. Es war die letztmalige Besetzung der Bibliotheksleitung mit einem Wissenschaftler. Dr. Jatzwauk erkannte den Wert des Altbestandes und betrieb deswegen den Ausbau der wissenschaftlichen Abteilung. Er beschloss mit dem Umzug der Bibliothek in die Schloßstraße 10 (Wiedereröffnung am 28. Juli 1947) die vollständige Neuaufstellung der gesamten Stadtbibliothek nach numerus currens und die Katalogisierung nach den preußischen Instruktionen. Noch heute ersetzen der dabei entstandene Autoren-, systematische und Schlagwortkatalog die Vorgängermodelle. Die Bücher stehen bunt gemischt, so wie sie eingearbeitet wurden, das 17. neben dem 20. Jahrhundert. Zudem bereichern zahlreiche Übernahmen das Bild des Altbestandes der Stadtbibliothek, u. a. die Gymnasial- und Schulbibliotheken, die Kanzlei- und Landständebibliothek sowie umfangreiche Privatbibliotheken. Dort wie auch in der ab 1950 neu geschaffenen Musikabteilung lassen sich unterschiedlichste Vorbesitzer ausmachen. Die Aufarbeitung und digitale Verzeichnung des Altbestandes (heute zusammengefasst zum Sachgebiet Altbestand/Regionalkunde), aufgestellt in drei Magazinen beginnend mit dem Jahrgang 1946, ist ein großer Schritt bei der Erforschung der Bestände der Stadtbibliothek Bautzen. Bereits jetzt kann die Forschung den Vertretern der Stadt und der Bevölkerung vermitteln, dass der Altbestand der Stadtbibliothek Bautzen ein Konglomerat unterschiedlicher, auch privater, Vorbesitzer ist. Für ihn, und damit für ihre eigene Geschichte, tragen sie eine Verantwortung. Der offensive Umgang der Stadtbibliothek mit ihren Beständen unterschiedlicher Herkunft steht für ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber lokaler deutscher Geschichte.

4 Raubgut in der STB BZ

Die bisher aufgefundenen NS-Raubgutfälle belegen den Eingang von Büchern aus konfisziertem Besitz von Gewerkschaftlern und Gewerkschaftsbibliotheken. Bücher aus jüdischem Besitz konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Ob besagter Zugang in der Zeit des Nationalsozialismus oder danach stattgefunden hat, lässt sich durch die fehlenden Rechercheinstrumente nicht mit Bestimmtheit feststellen. Augenscheinlich bedarf die Forschung einer Ausweitung auf Zugangszeiträume nach 1945. Eine Verquickung von SBZ, Schlösserbergung, Enteignungen der DDR-Zeit und NS-Raubgut ist zumindest für Bautzen nachweisbar.

4.1 Provenienz: Rolf Günther Ferdinand Maaß

Abb. 3:  Provenienz Rolf Günther Maaß.
Abb. 3:

Provenienz Rolf Günther Maaß.

Der Jurist und Staatswissenschaftler Rolf Maaß (GND 140705554) starb 1940 im britischen Exil. Von Ende der 1920er Jahre bis kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebte er in Bautzen. Hier hatte er die Position eines Gewerkschaftsfunktionärs inne. Nach der Stürmung des Gewerkschaftshauses durch SA-Truppen am 7./8. März 1933 wurde Maaß inhaftiert und angeklagt. Dem Prozess entzog er sich durch Flucht und ging zuerst in die Tschechoslowakei, später nach Großbritannien.

4.1.1 Lebenslauf

Rolf Maaß wurde am 28.9.1893 in Schulpforta bei Naumburg geboren, wo sein Vater Wilhelm als Lehrer an der Landesschule arbeitete.[5] Nach seinem Abschluss 1910 an der Städtischen Oberrealschule in Halle nahm er eine Ausbildung am ‚Königlich evangelischen Schullehrer-Seminar‘ in Aschersleben auf. Im September 1913 legte er die erste Lehramtsprüfung ab und ging als Referendar in den preußischen Schuldienst. 1914 meldete sich Rolf Maaß freiwillig zum Kriegsdienst und kämpfte während des Ersten Weltkrieges in Frankreich, im Irak und in Palästina und wurde zu Kriegsende in Ägypten inhaftiert. Erst im November 1919 kam er wieder frei. Nach dem Krieg studierte er ab 1920 zunächst Philosophie und Nationalökonomie an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg. 1921 wechselte er in den Studiengang der Rechts- und Staatswissenschaften. Sein Studium finanzierte er sich größtenteils durch Arbeit in Braunkohlegruben. 1923 promovierte er in Staatswissenschaften und 1924 in Rechtswissenschaften. In der Folge arbeitete er an verschiedenen Stellen der Kommunalverwaltung in Aschersleben. Im Jahr 1928 oder 1929 trat er in die SPD ein, woraufhin er am 19.7.1929 die Stelle als Arbeitssekretär des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes im Bautzener Gewerkschaftshaus, Nordstraße 1 (heute Dr.-Maria-Grollmuß-Straße) antrat. Dies war seine erste Festanstellung nach Studium und Promotion. Am gleichen Tag heiratete er seine Frau Agnes.[6] Ein Jahr später wurde Tochter Gisela am 3.10.1930 in der Wohnung ihrer Eltern, Rohrstraße 9, geboren.[7]

4.1.2 Rolf Maaß und Bautzen

In den Jahren von 1929 bis 1933 arbeitete Rolf Maaß aktiv als Gewerkschaftsfunktionär für Bautzen und Ostsachsen. Er vertrat die Interessen der Arbeiterschaft vor dem Unfallversicherungsamt Bautzen, dem Arbeitsgericht Bautzen und dem Landesarbeitsgericht Dresden. Er beförderte den Aufbau der Gewerkschaftsstrukturen in der Oberlausitz, wurde Vorsitzender sowohl der ‚Betriebsrätezentrale Ostsachsen‘ als auch des ‚ADGB Ostsachsen‘ und publizierte arbeitsrechtliche Texte. Durch die Nähe der Gewerkschaften zur SPD wurde Maaß zum Vorsitzenden der Bautzener SPD und 1932 zum Vorsitzenden des Unterbezirks Ostsachsen gewählt. Er kandidierte drei Mal für den Reichstag und wurde bei den Stadtverordnetenwahlen im Januar 1933 Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion.

4.1.3 Machtergreifung der Nationalsozialisten

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es im März 1933 in Bautzen zur Erstürmung des Gewerkschaftshauses durch SA-Truppen. Sachsen nahm bei der Ausschaltung der Gewerkschaften eine führende Stellung ein. Während im Reichsgebiet die Besetzungen zumeist erst am 2. Mai stattfanden,[8] erfolgten die sächsischen Aktionen bereits am 7., 8. und 9. März.[9] Am Vormittag des 7. März drangen die Nationalsozialisten bewaffnet ins Bautzener Gewerkschaftshaus ein und forderten von Rolf Maaß die Übergabe des Hauses. Maaß suchte sowohl beim Polizeipräsidium als auch bei Oberbürgermeister Hermann Niedner Unterstützung. Obwohl er diese nicht bekam, konnte eine kurzfristig zusammengerufene Gewerkschaftsversammlung die SA zum Abzug zwingen. Diese erwartete Maaß allerdings, als er am späten Abend nach Hause kam. Das Haus war umstellt, Räume durchsucht, das Telefon zerstört, Korrespondenz und Pass konfisziert. Da am folgenden Tag keine konkreten Schutzmaßnahmen von Seiten der Gewerkschaft unternommen wurden, besetzte die SA am Abend des 8. März das Gewerkschaftshaus erneut. Diesmal zerstörten sie die Büros und verbrannten Dokumente und Papiere auf einem Scheiterhaufen vor dem Gebäude.

Rolf Maaß erfuhr von der neuerlichen Besetzung in seiner Wohnung. Was nun folgte, war der einzige gewerkschaftliche Versuch, sich gegen die sogenannte ‚nationale Revolution‘ in Bautzen zu wehren. Im Ergebnis wurde Maaß und einem Teil der Gewerkschaftler „wegen Bildung eines bewaffneten Haufens“ der Prozess gemacht.[10] Der Haftbefehl, datiert vom 6.7.1933, beschuldigt ihn, „in der Nacht zum 9. März 1933 in Bautzen und Umgebung zugleich 1) öffentlich zu Gewalttätigkeiten gegen Personen aufgefordert, 2) unbefugter Weise einen bewaffneten Haufen gebildet zu haben, indem er nach der Besetzung des Gewerkschaftshauses in Bautzen durch die Standarte 103 mit einem Kraftwagen die Umgebung von Bautzen abfuhr und in seiner Eigenschaft als Gewerkschaftssekretär die Obleute des Reichsbanners und der Eisernen Front aufforderte, ihre Leute zu alarmieren und mit diesen nach Bautzen zu marschieren, um das Gewerkschaftshaus zu entsetzen.“[11] Warum die zusammengezogene Widerstandsgruppe letztendlich doch nicht in die Stadt eindrang, um das Gewerkschaftshaus zu befreien, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Dies änderte jedoch nichts an der Anklage. Die Zerschlagung der Gewerkschaften sowie der Raub ihres Vermögens führte zur deren zwangsweisen Eingliederung in die ‚Deutsche Arbeitsfront‘ (DAF), gegründet am 10. Mai als Einheitsorganisation der NSDAP.[12]

4.1.4 Prozess und Flucht

Am 20. April 1933 wurde Rolf Maaß fristlos als Gewerkschaftsfunktionär entlassen, da mittlerweile die Nationalsozialisten die Gewerkschaften kontrollierten. Das Gebäude in der Nordstraße bekam den Beinamen ‚Braunes Haus‘. Weil Maaß ohne Arbeit seine Familie nicht mehr ernähren konnte – aufgrund seiner politischen Gesinnung war er von kommunalen Stellen ausgeschlossen –, übersiedelte die Familie am 12. Mai nach Halberstadt, wo er bei seinem Schwager in der Privatwirtschaft arbeitete.[13] Im Zuge des angestrengten Gerichtsverfahrens wurde Maaß an seinem Aufenthaltsort in Haft gesetzt, aus der er nach knapp drei Monaten, am 28.9.1933, entlassen wurde,[14] um an seinem Prozess teilzunehmen. Für die zum 6. November anberaumte Gerichtsverhandlung begab er sich am 2. November auf den Weg nach Bautzen.[15] Um seine Familie vor weiteren Repressalien zu schützen und um selbst nicht für mehrere Jahre ins Gefängnis zu gehen, brachte sich Maaß durch illegalen Grenzübertritt in die Tschechoslowakei in Sicherheit. Daraufhin wurde ein erneuter Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, diesmal wegen Abwesenheit bei der Verhandlung am 6.11.1933.[16] Später gab der Bauarbeiter Erich Fechner (Jg. 1900) aus Görlitz an, Maaß im Oktober 1933 einen Kontakt zu seinem Schwager in die Tschechoslowakei gegeben und ihn zur Grenze begleitet zu haben.[17]

Bis November 1938 hielt sich Rolf Maaß in der Tschechoslowakei auf und arbeitete in einer sozialdemokratischen Exilorganisation und als Schriftsteller. Nachdem mit dem ‚Münchener Vertrag‘ am 30. September 1938 der ‚Reichsgau Sudetenland‘ Deutschland eingegliedert wurde, folgte am 15. März 1939 mit der Annektierung die Zerschlagung des Tschechischen Staates.[18] Zuvor war Maaß am 11. November 1938 als Beauftragter von den Exilorganisationen von Sozialdemokratie und Gewerkschaft nach London entsandt worden. Von dort aus kümmerte er sich für die deutschen Exilanten in der Tschechoslowakei um Auswanderung und Fluchtmöglichkeiten. Zudem beteiligte sich Maaß am Widerstand und versuchte die deutsche Opposition zu stärken. Im Mai 1940 wurde er interniert, im November entlassen und starb am 10. Dezember an einem unheilbaren Hirntumor in einem Krankenhaus in London.

4.1.5 Zugangsumstände

Die Bücher gelangten über Umwege in den Bestand der Stadtbibliothek. Sie wurden im Zugangsbuch von 1951 mit dem Vermerk „Lieferant: Bibliothek Sornßig“ verzeichnet. Die Brüder Günther und Martin Hörenz haben nach eigenen Angaben im Frühjahr 1933 die private Bibliothek von Rolf Maaß in dessen Wohnung gesichert und abtransportiert.[19] Als nach dem Krieg im Zuge der Schlossbergungen auch die Bibliothek Sornßig in die Stadtbibliothek eingegliedert wurde, kamen Bücher verschiedener Provenienzen in den Bestand, u. a. von Rolf Maaß, Max Starck und Martin Hörenz.[20]

4.1.6 NS-Raubgut

Die Bücher von Rolf Maaß gelten als NS-Raubgut, da sie „im Zusammenhang mit Verfolgungsmaßnahmen in der Zeit des Nationalsozialismus entzogen oder in Folge des Zweiten Weltkrieges verlagert wurden oder abhanden gekommen sind.“ (Definition nach: Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste). Im Zuge des Projektes konnte der Kontakt zu Gisela Nicols, der Tochter von Rolf Maaß, hergestellt werden. Frau Nicols überlässt als rechtmäßige Eigentümerin die Bücher ihres Vaters der Stadtbibliothek Bautzen. Sie bittet die Stadt Bautzen und ihre Bibliothek, das Andenken an Rolf Maaß zu bewahren.

4.2 Provenienz: Baugewerkschaft Bautzen

Abb. 4:  Provenienz Baugewerkschaft Bautzen.
Abb. 4:

Provenienz Baugewerkschaft Bautzen.

Die Baugewerkschaft Bautzen (GND 1076648010) war Mitglied im Deutschen Baugewerksbund. Sie hatte ihren Sitz im Bautzener Gewerkschaftshaus. Im Zuge der Stürmung und Besetzung des Gewerkschaftshauses durch SA-Truppen am 7./8. März wurden Akten, Propagandamaterial und Fahnen verbrannt und die Büchereien beschlagnahmt. Eindeutig linke und später verbotene Literatur wurde ausgesondert und vernichtet. Unverdächtige Werke wurden u. a. auf dem Fabrikgelände des ehemaligen Kupferhammers deponiert.

4.2.1 Zugangsumstände

Wann und unter welchen Umständen die Bücher in den Bestand der Stadtbibliothek gelangten, ist nicht mehr rekonstruierbar. Fest steht, dass sie im Zugangsbuch vom 15.12.1949 mit dem Vermerk „Lieferant: Geschenk“ verzeichnet wurden

4.2.2 NS-Raubgut

Auch die Bücher der Baugewerkschaft Bautzen gelten als NS-Raubgut. Im Zuge des Projektes konnte als Rechtsnachfolger die IG Bauen-Agrar-Umwelt ermittelt werden. Ihr Bundesvorstand überlässt als rechtmäßige Eigentümerin die Bücher der Stadtbibliothek Bautzen.

5 Transparenz

Nach der Implementierung der neuen Katalogfelder „Provenienz“ (mit GND-Link) und „NS-Raubgut“ konnten mit Unterstützung der Kolleginnen aus dem Arbeitskreis für Provenienzforschung in Bibliotheken die GND-Sätze mit den Bautzener Forschungsergebnissen angereichert werden. Zudem wurde in der GND ein Link zu den Images der Provenienzmerkmale der Stadtbibliothek Bautzen in der Bilddatenbank der Deutschen Fotothek gesetzt, die wiederum in Kooperation mit der SLUB Dresden eingepflegt und sowohl mit der GND als auch mit dem WebOPAC der STB BZ rückverlinkt wurden. Auf diese Weise findet der Nutzer des Bautzener Onlinekatalogs Provenienzmerkmale und NS-Raubgut, kann sich mit dem eingebetteten Link in der DNB die vorhandenen Informationen zu Person bzw. Organisation ansehen und dem weiteren Link in die Deutsche Fotothek folgen. Hier ist das Provenienzmerkmal abgebildet (Stempel, Exlibris, Autogramm). Da sowohl die GND-Sätze als auch die Datensätze der Deutschen Fotothek google-indexiert sind, führen Provenienzmerkmale und Namen mit einer Suche im Internet indirekt auch in die Stadtbibliothek Bautzen. Die hier gefundene Lösung stellt eine Minimalvariante der Verzeichnung dar, die kommunalen Bibliotheken möglich ist und trotzdem den Grundsätzen von Transparenz und Nachhaltigkeit genügt.

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Robert Langer

Dr. Robert Langer

Stadtbibliothek Bautzen

Schloßstraße 10

02625 Bautzen

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Dr. Robert Langer (www.kulturbilderwissenschaft.de) führt als freier Wissenschaftler im Auftrag der Stadt Bautzen das NS-Raubgut-Projekt durch.

Published Online: 2016-08-24
Published in Print: 2016-09-01

© 2016 by De Gruyter

Downloaded on 9.1.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2016-0098/html
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