Zusammenfassung:
Innovationen vielfältigster Art auf Informationseinrichtungen heruntergebrochen, dafür stand abermals das letzte, achte Wildauer Bibliothekssymposium. D. h. diskutiert wurden Innovation als agile Projektmanagementmethode, strategisches Programm, unveräußerliche Kernaufgabe von Bibliotheksteams, als Chance für unbemannte Services (Öffnungszeiten), aber auch, was dies für die technischen Kompetenzen bedeutet. Nach Rezeption aller Vorträge, die auch Themen wie chaotische Lagerhaltung, RFID-Inventur, Serendipität tangierten, bleibt das Fazit, jede Bibliothek birgt Unmengen von Entwicklungspotentialen, die ihren Deut beitragen, der Intention von Bibliotheken ihren Zielgruppen gegenüber zeitgemäß gerechter zu werden
Abstract:
Adapting innovations of many kinds to information institutions was again the topic of the eighth and last Wildau library symposium. The discussion was about innovation as a flexible method of project management, as strategic programme, inalienable core responsibility of library teams, as chance for unmanned services (opening hours), and also about the consequences for the technical competences. After hearing all the lectures which also touched topics like chaotic storing, RFID stocktaking and serendipity, the result is that every library has many development opportunities contributing to doing justice to the intention of libraries with their target groups in a contemporary way.
Seit einigen Jahren wirbt die Fachhochschule Münster erfolgreich mit dem Slogan: Bei uns dürfen Sie spielen. Warum sollte es nicht das Mantra von Informationseinrichtungen werden können? Auf zwei Konferenzen wurde zumindest mit neuen Ideen jongliert.
Sie fanden mit einer Woche zeitlichem Abstand im September letzten Jahres statt an Tagungsorten, die den Buchstaben W zu Anfang tragen. Was haben der Österreichische Bibliothekartag in Wien und, auch wenn die Frage im Größenvergleich vermessen wirkt (z. B. 1.000 Teilnehmer vs. 60), das 8. Wildauer Bibliothekssymposium außerdem gemeinsam? Sie beschäftigten sich mit dem weiten Feld der Innovationen, an der Donau mit zwei Sessions und an der Dahme mit zwei vollen Konferenztagen. Aber diesen spielerischen Fokus muss man scheinbar ansetzen, will man Informationseinrichtungen in der Mitte der Ziel- und Entscheidergruppe verankert wissen und nicht als Marginalie in Frage gestellt.
Der Hörfunk erfreut sich trotz zahlreicher alternativer Medien und unschlagbarer online-Offerten einer schier unerschütterlichen gesellschaftlichen Akzeptanz, ganz dem sogenannten Rieplschen Gesetz folgend. Seit einhundert Jahren scheint zu gelten, dass etablierte und sozial verankerte Kanäle der Kommunikation trotz aufkommender Konkurrenz und Parallelangeboten nicht obsolet werden.
Bemüht man dagegen das Emerson Axiom, wonach gute Bücher die beste Universität ersetzen, dann deucht dies für Bibliotheken – trotz ihrer starken Position in der zunehmenden Individualisierung von Lernstrategien und als Stütze beim lebenslangen Lernen – heutzutage nicht unhinterfragt zu gelten. So betonte der Präsident der Hochschule Hamm-Lippstadt in deren Gründungsphase explizit, keine Bibliothek zu benötigen! Dass es anders kam, ohne, dass deshalb der Aufstand geprobt wurde, und unter welchen Prämissen, darüber referierte der jetzige Leiter dieser Einrichtung. Der Untertitel lässt die Perspektive anklingen: kritisches Hinterfragen einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit. Eingebettet im Zentrum für Wissensmanagement arrangiert die Bibliothek an zwei Standorten nicht nur optimale Lern- und Arbeitsbedingungen, sondern setzt konsequent auf single sign on, outsourcing bei Routineaufgaben und zur Aufrechterhaltung von Diensten, investiert in Open Source, Technikergebenheit bei natürlich gleichzeitiger Technikanfälligkeit. Die MitarbeiterInnen achten strikt darauf, trotz der mannigfaltigen Herausforderungen und Routinen den Spielraum zu haben, Neues zu denken und auszuprobieren, d. h. ihr Kerngeschäft ist das Anstoßen von Innovationen und das Schaffen weiterer Mehrwerte.
Wie man das Neue systematisch angeht, Kreativität strukturiert, mit neun Mitarbeiterinnen (!!) als feste Bezugsgröße eine solche Organisationseinheit institutionalisiert und als Geschäftsgang in eine Informationseinrichtung einbetten kann, dazu referierte eine Kollegin der ETH Zürich. Ausgehend von Michael Schrages Auffassung, wonach Innovation nichts anderes ist, als „the conversion of novelty into value”, möchte man vor der konsequenten Umsetzung an dieser Stelle, die von Jahresplanung bis Trendmonitoring reicht, nur den Hut ziehen. Das auch in Wien wiederholte Mantra von Mumenthaler, wonach keine Bibliothek zu klein für Innovationsstrategien ist, ob spontaner oder strukturierter Natur, mag einem Mut geben, diesen Fokus auch für sich zu bewahren!
Ein konkretes, kartenbasiertes Projekt, das ETHorama, wurde als Beispiel präsentiert. Basierend auf digitalisiertem Material der eigenen Bestände entstand nach bislang drei Jahren Projektlaufzeit eine online-Karte mit georeferenzierten historischen und zeitgenössischen Inhalten zur Visualisierung von z. B. Itinerarien. Der Weg zum Produkt war steinig, blickt man auf Felder wie Perfektionsgrad, die Handhabbarkeit der Anwendung, den Umfang und die stringente Organisation interner und externer Ressourcen bei der Projektumsetzung. Eine gewählte Methode zur Verwirklichung der Projektidee war die des agilen Projektmanagements.
Eine Wildauer Kollegin referierte die Quintessenz ihrer Masterarbeit zu dieser neuen, aus der IT-Branche als zirkuläre Alternative zu bisherigen Wasserfall-Ansätzen (lineare Kaskadierung von Etappen) kommenden Methode. Durch die vielen IT-Projekte im Bibliothekskontext liegt der Seitenblick nahe, wobei der Vortrag nur als Impuls gesehen werden kann. Zur Internalisierung dieses anspruchsvollen und komplexen Werkzeugs bedarf es einer umfassenden Beschäftigung mit dieser Methode. Einige Merkmale wie die Rollenverteilung, Zusammensetzung und das hohe Maß an Selbstorganisation von kleinen Teams, die verschiedenen Formen der Visualisierung von Aufgaben und Fortschritten, ihre Priorisierung, Kurzmeetings als Organisation (scrum), die Kundeneinbindung bereits in der Entwicklungsphase wurden exemplarisch herausgestellt und teilweise auf Wildauer Projekte bezogen.
Das weitere Programm bot eine Bandbreite, die von Grundsätzlichem als weichenstellende Fragestellung, über zahlreiche Beispiele für neue Pfade, bis hin zu Entwicklungen im RFID-Bereich und zur aktuellen IT-Herausforderung als Berufsfeld-extension, in der sich Informationseinrichtungen neu aufstellen müssen, reichte. Wildau als Gastgeber versteckte sich mit sieben Beiträgen nicht, unterstützt von zwei langjährigen Sponsoren bezieht sich dies ebenfalls auf Kost und Location, die zu familiär regem Austausch einluden. Die aufgeweckte Rezeption zeigte sich schon bei den manchmal nicht enden wollenden Fragen im Anschluss an Vorträge.
Drei gestellte Gretchenfragen kann man dem Grundsätzlichen zuordnen; z. B.: Reicht es für Informationseinrichtungen, alles einfach „nur“ recherchier- und konsultierbar aufzubereiten? Wer sucht, der findet heutzutage Unmengen von Treffern, aber wird die- oder derjenige zudem darauf gestoßen, was man aktiv gar nicht recherchierte, außerhalb dieses Echoraumes? Seit dem zufälligen Fund Penicillin, Röntgenstrahlen, oder auch Viagra, ist der zufällige Befund, die überraschende, unverhoffte Entdeckung, wonach man eigentlich nicht Ausschau hielt, in den Fokus geraten. Dementsprechend animieren zum Blick über den eigenen Tellerrand entsprechende Bücherpräsentationen, regen Recommendersysteme an usw., ähnlich wie man durch Werbung an Verkehrsknotenpunkten, Zeitungslektüre, den Besuch im Buchladen oder zappen über verschiedene Fernsehkanäle durch Überraschendes unvorbereitet angeregt werden kann. Aber wie kann man diese Anregung, dieses animalisch anmutende behavioral enrichment systematisch implementieren? Gerade da Suchmaschinen bzw. Discovery-Systeme strukturierte Herangehensweisen außerhalb von Facettierungen ad absurdum zu führen drohen? Anregungen dazu, welche Zufälle es zu differenzieren gibt, den zehn Dimensionen Björneborns folgend, inklusive einer kleinen Vergleichsstudie zu Amazon versus Primus schilderte anschaulich unter dem Fachterminus Serendipität ein Berliner Bibliotheksstudent.
Nicht weniger ins Grundsätzliche ging ein hauseigener Beitrag aus der Logistik, der die von München über Köln bis Hamburg immer wieder aufgestellte Frage behandelte, ob dynamische, auch chaotische genannte Lagerhaltung helfen kann, zusätzliche Arbeitsplätze am eigentlichen Standort zu gewinnen. Ob für Teamarbeit, als Showroom, Erlebnisbibliothek etc., die Inszenierung und Anreicherung des „dritten“ Ortes für die lebendige Klientel erhält zunehmend Vorrang vor der umfassenden Bestandspräsentation. Auch wenn sich Bibliotheken gerne im Internetzeitalter die Frage nach der Daseinsberechtigung stellen, die ebenfalls in Wien Thema war, scheint die Nachfrage nach den limitierten Lern- und Arbeitsmöglichkeiten an den jeweiligen Standorten zu Angebotsdefiziten zu führen. Davon künden die zahlreichen Parkscheiben, ob in Wien oder Berlin. Daher liegt es auf der Hand, Freiraum zu gewinnen, indem man Bestände auslagert, gemäß der Faustregel und mit Blick auf die Bereitstellungszeiten, “Schnelldreher” näher an dem Standort zu haben, als selten nachgefragte Werke. Zugespitzt formuliert: Ist die Festplatzlagerung mit dem Vorzug der systematischen Aufstellung, aber dem raumgreifenden Charakter als Manko noch zeitgemäß? Kann es nicht logistisch hilfreich sein, unabhängig von Systematikgruppen oder dem numerus currens, Kollektionen nach ihrer Nutzungsrate zu differenzieren und dementsprechend den Standort zu wählen? Schafft vielleicht die altbewährte Methode der Kommissionierung eine Lösung? Eine Optimierung von Lagerplatzkapazitäten und Zugriffsstrategien ähnlich bei Lagerverwaltungssystemen wie von Amazon ist logistisch opportun, die Software dazu ausgereift, verlangt aber, und dies wurde bei allem Gewinn im Vortrag deutlich, dass die Bestandsdaten stets zugreifbar sind, ansonsten sind Standplätze nicht rekonstruierbar. Ob solche Pläne mit vorhandenen Bibliotheksmanagementsystemen realisierbar sind, sich die hohen Anfangsinvestitionen aufbringen lassen und entsprechend räumlich gelagerte Magazine zur Verfügung stehen, sei dahingestellt. Bislang ging keine der drei Bibliotheken diesen Weg.
Die dritte Grundsatzdebatte betraf am Abend des ersten Konferenztages die Entscheidung, Inhalte für ubiquitär anzutreffende mobile Endgeräte über entsprechende Web-Anpassungen (responsives Design) zu optimieren, oder via nativer Apps sie für mindestens zwei Betriebssysteme (iOS und Android) verfügbar zu machen. Für den ersten Weg entschied man sich an der UB Darmstadt, für den zweiten, anders en vogue zu sein, mit der mächtigen UNIDOS-App in Wildau. Unstrittig ist, dass eine eigene App zu entwickeln enorme Personalkosten nach sich zieht, inklusive der jeweiligen Aktualisierung, die selbst für größere Informationseinrichtungen nicht immer zu stemmen ist. Für Wildau ergab die Initiierung einer App nur Sinn, da sie mittlerweile im Reifeprozess neben Angeboten der Bibliothek viele Bereiche der Hochschule aus Sicht der Studierenden mit aufnahm. Die App involviert den Mensaplan, Stundenpläne, Notenvergabe, e-learning Plattform, E-Mail, push notifications über differenzierte Kanäle etc. Knapp die Hälfte der Studierenden an der Hochschule nutzt sie, wodurch eine kritische Masse zur Rechtfertigung des Aufwandes gegeben ist. Aber natürlich gilt in diesem Segment besonders Stefan Zweigs Bonmot, ist man mit der Welt unterwegs, teilt man damit auch ihre Vorläufigkeit. Apps erlauben einen umfassenderen Zugriff auf die Sensoren der Geräte wie Kamera (scannen von Bar- oder QR-Code), die bei webbasierten Angeboten trotz HTML5 nicht ohne weiteres umsetzbar sind. Dass es dennoch attraktive Möglichkeiten bietet, war für Darmstadt mit einer kreisrunden Facettierung der Suchmaschinenergebnisse sichtbar.
Nicht ungenannt bleiben soll auch die Kombination von beidem z. B. im Falle der Hamburger Bücherhallen, die sowohl eine umfangreiche App für beide Betriebssysteme bereithalten, als auch im responsiven Design den Webauftritt optimieren wollen. Ebenfalls wurde in dieser lebhaft geführten Debatte eingeworfen, dass z. B. die Nutzung der App für die Staatsbibliothek zu Berlin vernachlässigend gering ausfällt. Zusammenfassend lässt sich der Konsens festhalten, wonach jede Informationseinrichtung für sich selbst einen zielgruppennahen Weg wählen muss, ob eher look and feel orientiert oder im seriösen Design des old fashion daherkommend und dabei nicht weniger leistungsfähig.
Welche neuen Dienstleistungen hielten in Bibliotheken Einzug?
Eine Kundenumfrage hat für Hamburg den Wunsch deutlich werden lassen, dass Öffentliche Bibliotheken längere Öffnungszeiten anbieten. Mit Blick auf den dänischen Nachbar und sein erfolgreiches Modell der Open Library entschied man sich bei den Hamburger Bücherhallen ebenfalls diesen Weg im Balanceakt zwischen Vorschussvertrauen und Kontrolle der non-person-library zu gehen. Der Stadtteil Finkenwerder als Ort mit hoher sozialer Kontrolle wurde für den Pilottest ausgesucht und die Einrichtung für den partiell unbemannten bzw. -befrauten Betrieb umgerüstet. Viel Organisation, weniger Technik war dafür notwendig. Zum Beispiel musste ein beliebter Königsstuhl, der zum Jubiläum als anschauliches Inventar Einzug hielt, in den backstage-Bereich geräumt werden.
Ein weiteres neues Angebot aus Deutschlands Tor zur Welt wurde vorgestellt, ein mobiler Streamingdienst namens Freegal Music. Mit diesem ist es Kunden möglich, täglich bis zu acht Stunden aus 6 Mio. Titeln zu wählen und wöchentlich drei Songs herunterzuladen. Die Angebotspalette an Titeln ist so gewählt, dass sie bisherige kostenlose und werbefinanzierte Dienste im musikalischen Spektrum ergänzt.
Einen bislang nur ansatzweise als Bibliotheksangebot umgesetzten Bedarf thematisierte eine Berliner Masterstudentin mit dem Titel „Vorlesen mit dem Tablet: Auswahlkriterien für digitale Kinderbücher“. In ihrer Masterthesis arbeitete sie heraus, dass öffentliche Bibliotheken kaum zur Recherche nach digitalen Kinderbüchern genutzt werden, und als Wissensvermittler und Anbieter in diesem Bereich deutlich stärker in Erscheinung treten könnten.
In der Sparte Hochschulbibliotheken sind zwei neue Dienste anschaulich herausgestellt worden, die Indoor-Ortung als Bestandteil einer campusweiten Lokalisierung und der sogenannte Webshop. Die TH Wildau versucht seit längerem in ihrer Bibliothek eine Lokalisierung zu erlauben, wozu testweise vor fünf Jahren bereits sog. Open Beacon Technologie eingesetzt wurde (s. Vortrag von Meriac auf 4. Wildauer Bibliothekssymposium 2011). Auf technischer Basis von GPS und WLAN-Ortung wird im Rahmen der UNIDOS-App-Erweiterung eine campusweite Lokalisierung von Diensten und des eigenen Standortes avisiert. Ausschließlich für die Bibliothek ist hierfür eine Technologie herangezogen worden, die von Apple seit 2013 zur Verfügung gestellt wird und den Namen iBeacon trägt. Diese Technologie basiert auf der bekannten Funktechnik Bluetooth Low Energy (BLE), womit geräteunabhängig dieser Service von mobilen Smartphones und Tablets genutzt werden kann, welche die Runenligatur als Logo ausweisen. Und ebenfalls nicht nur diese prestigeträchtige Firma bietet entsprechende batteriebetriebene Sender als iBeacons an. Die 70 verteilten iBeacons von der Firma estimote in einem Gesamtwert von ca. 1.500 € erlauben eine bis zu einem Meter genaue Ortung auf den drei Etagen der Hochschulbibliothek. Jedes iBeacon kann drei Näherungswerte unterscheiden (nah, in der Nähe, weit entfernt), die maximal zehn Meter Entfernung pro iBeacion betragen dürfen. D. h. die Dichte dieser Sender nimmt dort zu, wo relativ exakt Point of Interests hinterlegt werden sollen. Die webbasierte Kartendarstellung erlaubt als weitere Nutzungsszenarien die Aufnahme von Notfallplänen, Veranstaltungen, Ausstellungen etc. Das roll out fand im Wintersemester 2015/16 statt.
Im zweiten Vortrag ging es um eine Entwicklung der Verbundzentrale des GBV, dem Neuerscheinungsdienst als Webshop, die von allen Interessenten bei Bedarf nachgenutzt werden kann. Mit dieser webbasierten Lösung erhält man als Fachreferent, Bibliothekskommission, Mitarbeiter in der Erwerbung die Möglichkeit, im look and feel von kommerziellen Anbietern wie, als großes Vorbild nun schon das dritte Mal genannt, Amazon die zum Kauf verfügbaren Neuerscheinungen excel-sheet-fern mit den typischen Anreicherungsmöglichkeiten von Cover-Abbildungen bis Inhaltsverzeichnis attraktiv zur Entscheidungsfindung zur Verfügung zu stellen und ggf. in den virtuellen Warenkorb zu befördern. Für das Wildauer Szenarium ist damit besonders die Intention verknüpft, über diesen modernen Zugang zu aufbereiteten Informationen mehr ProfessorInnen zur Mitarbeit am Erwerbungsprofil zu bewegen. Sie übernehmen für gewöhnlich die Arbeit von professionellen Fachreferenten.
In der inhaltlichen Bandbreite an dritter Position standen Neuerungen zur RFID-Technologie auf dem Bibliotheksmarkt, thematisch einst das tragende Element des Symposiums. Es ist vielleicht der geschätzten jährlichen Ausschreibungshöhe von ca. 10 Mio. € in Deutschland anzurechnen, dass Innovationen in diesem Segment nicht die Dynamik erbringen, um regelmäßig ein Zweitagesprogramm, ähnlich dem branchenübergreifenden, jährlich stattfindenden internationalen RFID-Fachkongress in Düsseldorf, zu füllen. Die acht Mal in Folge in London auf Bibliotheken zugeschnittene CILIP RFID conference als hiesiger Ideengeber fand durch ihren vermutlichen relatively narrow focus, wie Mick Fortune in seinem Blog mutmaßt (siehe http://www.mickfortune.com/Wordpress/?p=1034), seit 2012 ebenfalls keine Fortsetzung.
Ungeachtet dessen fanden vier Beiträge zu automatisierten Objektidentifikation Eingang in den zweiten Wildauer Konferenztag. Seit einigen Jahren unterziehen die MitarbeiterInnen in Bielefeld und Wildau ihren physischen Bestand einer Revision und Standortkontrolle, wovon im Rahmen eines Vortrags und Workshops die Vorgehensweise und Erfahrungen als Praxisbericht vorgelegt wurden. Das Bielefelder Modul erlaubt bis zu zwölf verschiedene Statusanzeigen, die reichen von leicht bis total verstellt. Seit 2013 sind dort bislang ca. 600.000 Bände auf zwanzig laufenden Regalkilometern bearbeitet worden, im Schnitt mit einer Geschwindigkeit von 180 Werken pro Stunde. Mit dem Revisionstool ist eine erstmalige 100 % Revision während des laufenden Betriebes online möglich. In Wildau wurde bislang dreimal in Folge die jährliche Revision des Gesamtbestandes im Frühjahr durchgeführt. Die letzte Inventur – bezogen auf die Zeitspanne seit 2014 – ergab einen Verlust von 135 Werken. In Anlehnung an das Konzept der fluiden Bibliothek (s. Vortrag von Eigenbrodt auf 7. Wildauer Bibliothekssymposium 2013) wurde seitens der Gastgeber eine stationäre Inventur an sog. Rückstelltischen vorgestellt. Diese an den Stirnseiten aufgestellten Tische, auf denen Werke nach der Präsenznutzung von den Kunden vor dem professionellen Reponieren durch Mitarbeiter abgelegt werden sollen, sind mit RFID-Technik ausgestattet. Somit können dort zwischengelagerte Werke außerhalb der Aufstellungssystematik im Discovery-System WILBERT visualisiert werden, ist eine Zählung der Nutzung von Freihandbeständen möglich und können daraus resultierende Arbeitsgänge optimiert werden.
Ebenfalls viel Erfahrung im Umgang mit der RFID-Technologie, genauer seit 2003, besitzt die UB der TU Berlin, was ihr in der Konsequenz bislang neun Generationen von RFID-Etiketten „bescherte“. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass sie – inkl. der UdK Berlin im gleichen Hause – die entleihbaren Medien ausschließlich über die altbewährten Magnetstreifen (engl. tattle tapes) sichern. Ein Generationswechsel stand hinsichtlich der in die Jahre gekommenen Selbstverbucher an, was die Umstellung der Informationen auf dem Funkchip auf das sog. Dänische Datenmodell nach sich zog. Hierfür konnten manche Generationen an vorhandenen Etiketten genutzt werden, andere wiederum nicht. Nach sechs Wochen waren knapp 400.000 Werke RFID-ready für die Ausleih- und Rückgabeautomaten und seitdem, 2014, erfreut sich diese Halbautomatisierung eines störungsarmen Betriebs.
Einen anderen Weg der Sicherung als Magnetstreifen in der Falz unsichtbar werden zu lassen, beschreitet neuerdings die UB Konstanz, die bislang ebenfalls darauf setzte. Bislang durch den Asbestbefund in ihren räumlichen Möglichkeiten stark eingeschränkt, bietet sie in Ausweichquartieren ihre Dienste an. Die UB Konstanz packte aber in diesem Zusammenhang ebenfalls die Gelegenheit am Schopfe, eine zeitgemäße Medienverbuchung und Sicherung der Bestände mit RFID einzuführen. In der Ausschreibung von 2013 fand dabei der Passus Eingang, dass ein Manipulationsschutz zwingend ist. Man entschied sich für die Schutzvariante „Derived Secret“, dabei der Schlüssel aus einer Kombination der Werte von Etikett und Lesegerät berechnet wird, und somit das “Mithören” erschwert. Diesen Herbst wird der erste Freihandbereich der UB Konstanz am originären Standort im neuen Gewand der Nutzung übergeben und über passwortgeschützte RFID-Etiketten wird diese Form der Medienverbuchung die Barcode-Ausleihe ablösen.
Wie kommt eine Disziplin, die stark semantisch ausgerichtet ist, mit einem Zweig zusammen, der eher mit Wahrscheinlichkeiten, Statistiken, mathematischen Algorithmen arbeitet, wie Prof. Frank von der Leipziger HTWK in Wien betonte? Geht die Halbwertzeit des Erlernten eigentlich über fünf Jahre im Bereich der sich sehr rasant entwickelnden Informatik hinaus? Der vierte und letzte Block im Themenspektrum des Symposiums behandelte die Frage, welche Anknüpfungspunkte seitens unserer Zunft zur Informatik bzw. Informationstechnologie (IT) als berufliches Rüstzeug bestehen. Wo liegt die Schnittstelle für primär als Bibliothekare sozialisierte Mitarbeiter, sich diese Techniken und Kompetenzen bis zu dem Grade der Kooperation mit Softwareingenieuren selbst anzueignen. Denn im Gegensatz zu brandenburgischen Verhältnissen und gewiss nicht nur dort, scheint sich zum Teil der Trend von München über Baden-Württemberg, Leipzig bis Rostock abzuzeichnen, dass alternativ viele Informationseinrichtungen ergänzend oder substituierend Fachinformatiker für Systemintegration ausbilden, statt wie bisher Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (Fa. M.I), Buchbinder etc.
Aus berufenem Munde referierte ein ehemaliger Wildauer Student seinen Bildungsweg und fachlichen Reifeprozess, der mit der Lehre des Fachinformatikers begann, ihn mit Bio- im Präfix eine Bindestrich-Informatik im Curriculum nahebrachte, und nach Einsätzen u. a. in der Bibliothek (z. B. verantwortlich für die Koha-Installation) ihn zum Softwareentwickler im medizinisch-technischen Bereich (Biotronik) werden ließ. Er bevorzugte die fachliche Breite durch die Kombination von zwei Fächern und sieht sich weniger als Modellspezialist oder Algorithmiker. Aus seiner Sicht sitzt er an der Nahtstelle zwischen Kunden und Entwicklung, der zwischen beiden als Problemlöser vermittelt. Lag der Schwerpunkt in der Lehre auf Infrastruktur, Server und Firewall, brachte ihm das Studium z. B. die Datenverarbeitung mittels Skriptsprachen näher und komplexere Verwaltungs- und Managementsysteme. Er sieht gerade durch die starke Ausdifferenzierung von IT-Berufen einen stärkeren Bedarf, solche Schnittstellen der Transferleistung mit Personen zu besetzen, die für beide Seiten starkes Interesse hegen.
Aus der Ecke des Studiums und Promotion in Informatik folgte der interessante Einstieg von Dr. Anna Kasprzik aus München darüber, was einen Informatiker von z. B. einem Bindestrichinformatiker oder IT-lastigen Biathleten, von ihr auch IT-ler genannt, unterscheidet. Gleich dem Architekten beginnt die Arbeit eines Informatikers mit Bleistift und Papier, und erst wenn das Problem, die Modellierung und Darstellung von Informationen, in kleinen Schritten von einer Maschine bearbeitbar ist, setzt man auf den Computer. Als Kombination aus struktur- und ingenieurwissenschaftlichen Anteilen, steht die Zunft für Konzepte und Planung, wobei die ITler Lösungen mit ihrem Knowhow an Hard- und Software praktisch ausführen. Insofern ist es nur konsequent, dass sie ein Plädoyer hielt für das Involvieren von Informatikern als Architekten von Lösungen, bevor die verschiedenen Gewerke (ITler wie Bibliothekare) an deren praktischen Umsetzung des Hausbaus gehen.
Womit es ein ITler in der Ausbildung bei dem neuen Bindestrichfach Bibliotheksinformatik als Masterstudiengang und berufsbegleitend in Wildau modulartig zu tun bekommt, davon berichtete der Studiengangsprecher. Ab Oktober gehen die ersten neun an den Start und werden sich in Präsenzwochen und im Home Office über vier Semester mit Programmiersprachen, Suchmaschinen, Schnittstellen, Datenbanken, Bibliotheksmanagementsoftware etc. aktiv auseinandersetzen. Der Ansatz des lebenslangen Lernens und der qualifizierten beruflichen Weiterbildung wird aufgrund des großen Bedarfs in der Bibliothekslandschaft umgesetzt. Jährlich viermal stattfindende Zwei-Tages-Workshops auf dem Wildauer Campus bezeugen dieses große Interesse, dem hiermit entsprochen wird. Mehr kompetente IT-Ansprechpartner in den Informationseinrichtungen zu haben, mit dem Personal, welches vorhanden ist, kann nur der Wunsch eines/r Jeden sein.
Als letzten Vortrag referierte ein Mitarbeiter der Staatsbibliothek zu Berlin ein Manifest des Open Source Burnouts. Frei nachnutzbare Software erfreut sich auch in Deutschland großer Beliebtheit. Aber was bedeutet dies für eine Informationseinrichtung, auf eine solche zu setzen, oder selber eine zu entwickeln, als Bibliothek ohne development-community. Facettenreich wies er auf Fallstricke hin, dass z. B. viele heutige Programmierer es gar nicht von Grund auf gelernt haben, sondern wie er selbst als Quereinsteiger ursprünglich etwas völlig anderes studiert haben (Sozialwissenschaften) und autodidaktisch sich über Jahre das notwendige Handwerkszeug zum Softwareentwickeln aneigneten. Plugins können bei Open Source Einfallstore für kommerzielle Nutzung sein, Feature-Erweiterungen erschweren die schlank gehaltene Langlebigkeit von Open Source Lösungen, kooperativ-kollaborativ gedachte Drittmittelprojekte in der Softwareentwicklung stoßen durch Partikularinteressen schnell an ihre Grenzen usw. Er stellte die Frage in den Raum, warum zwar neu gebaute Bibliotheken gefeiert werden, man aber auf den Einsatz eines “Architekten” für einen zeitgemäßen Webauftritt, ja dem ubiquitären “Gesicht” jeder Informationseinrichtung, verzichtet.
An zwei Tagen dicht gestaffelte zwanzig Beiträge zu konsumieren, zudem mit KollegInnen zu fachsimpeln, nötigt einiges an schulischer Konzentration und Disziplin ab. Dies birgt aber gleichfalls die Option in sich, dass für jede/n TeilnehmerIn inspirierende Momente für den eigenen Aufgabenbereich dabei waren, ob aus operativer oder strategischer Perspektive. Einen Ratschlag nimmt wohl jede/r mit, der gleiche wie weiland Goethe an Schopenhauer diktierte: Willst du dich deines Wertes freuen, so muss der Welt du Wert verleihen; ob man es nun auf die Tagung unter KollegInnen bezieht, oder auf die Kundschaft. Hinaus mit neuen, flexiblen Ansätzen, um den eigenen Wert im Spiel zu halten.
Ein Jahr zum Verarbeiten ist erlaubt, am 13./14. September 2016 wird zum 9. Wildauer Bibliothekssymposium eingeladen, was sich u. a. mit der für Innovation notwendigen Offenheit von Organisationen beschäftigen wird und der Rekrutierung motivierter MitarbeiterInnen – die Lust auf Probieren und Spielen haben – für dementsprechende Projekte.
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Dr. Frank Seeliger
Leiter der Hochschulbibliothek, TH Wildau [FH], Hochschulring 1/Halle 10, 15745 Wildau
© 2016 by De Gruyter
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