Zusammenfassung:
Interkulturelle Dienstleistungen gehören zu den etablierten Angeboten vieler Bibliotheken. Doch durch die Diskussion über die Integration von Flüchtlingen und den Beitrag, den Bibliotheken dazu leisten können, stehen sie stärker im Fokus der Aktivitäten als noch vor wenigen Monaten. Der Artikel gibt einen Überblick über die Rahmenbedingungen und zeigt am konkreten Beispiel der Bücherhallen Hamburg die aktuellen Entwicklungen und das Umdenken auf, von dem nicht nur die Flüchtlinge profitieren.
Abstract:
Intercultural services are part of the established offers of many libraries. The discussion about the integration of refugees and the libraries‘ possible contributions, however, put them much more into the centre of activities than they have been only some months ago. Taking the example of the Bücherhallen Hamburg, this article provides a survey over the conditions and shows the recent developments and revised thinking from which not only the refugees will benefit.
Interkulturelle Bibliotheksarbeit ist aktuell wie nie. Gleich drei Blöcke beim Bibliothekskongress in Leipzig widmen sich explizit der Willkommenskultur. Weitere Vorträge in anderen Blöcken greifen interkulturelle Aspekte auf. Die Sitzung der Kommission für Interkulturelle Bibliotheksarbeit ist öffentlich und als Austauschforum gedacht. Verbände, Fachstellen und Bibliotheksdienstleister laden zu Fachtagen und Fortbildungen ein und benennen interkulturelle Bibliotheksarbeit als ein Schwerpunktthema. Städte und Gemeinden entdecken ihre Bibliotheken als wichtige Partner neu. Im Fokus steht dabei die Integration von Flüchtlingen.
Bibliotheken genießen eine hohe Popularität gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund[1] . Zu den wichtigsten Bedürfnissen von Flüchtlingen zählt, wie Gespräche mit Sozialmanagern in Unterkünften in Hamburg zeigen, nach Unterkunft, Essen und medizinischer Versorgung der Spracherwerb. Gerade hier können Bibliotheken einen wichtigen Beitrag leisten. Auch wenn seit November 2015 Asylbewerber und Geduldete mit guter Bleibeperspektive Zugang zu Integrationskursen des Bundes haben[2] , haben viele Flüchtlinge keine Möglichkeit, einen Sprachkurs zu besuchen. Mit ihrem Medienangebot, ihren vielfach vorhandenen Angeboten im Bereich der Sprachförderung oder einfach als Lernraum begegnen Bibliotheken dem Bedürfnis von Flüchtlingen, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.
1 Rahmenbedingungen
Herausforderungen und Probleme gibt es viele. Die meisten sind nicht bibliotheksspezifisch sondern genereller Art. Das Thema Flüchtlinge ist sehr präsent in den Medien und in der öffentlichen Diskussion. Fast jeder hat eine Meinung dazu. Nicht alle Informationen sind fundiert. Es fällt schwer, in der Menge der Informationen die relevanten auszumachen. Halbwissen ist und wird verbreitet und ist gleichzeitig ein schlechter Berater. Begriffe, Gesetze und Regelungen sind häufig komplex und nicht selbsterklärend. Die Situation unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Kommune zu Kommune.
Auch Zahlen und Statistiken spielen eine wichtige Rolle. Eine Bewertung erfordert die Einordnung in den richtigen Kontext und grundlegendes Faktenwissen. In Deutschland werden Flüchtlinge unterteilt in Asylflüchtlinge (nach § 16 GG), Konventionsflüchtlinge (erhalten nach der Genfer Flüchtlingskonvention Aufnahme), De-facto-Flüchtlinge (Menschen in der bereits erwähnten Duldung bzw. bei denen die Abschiebung ausgesetzt ist), Bürgerkriegs- und Kontingentflüchtlinge, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und sogenannte illegale, nicht registrierte Zugewanderte.[3] Völkerrechtlich gesehen sind Flüchtlinge nur Menschen, die durch äußere Einflüsse zur Flucht gezwungen sind.[4] Die häufig als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichneten Zugewanderten z. B. zählen nicht dazu. Wer Zahlen bewertet oder vergleicht, sollte sich bewusst sein, über wen jeweils gesprochen wird, und was mit den Zahlen belegt werden soll. Zu differenzieren ist auch zwischen Menschen, die sich in einem Bundesland registrieren (diese Zahl ist für Bibliotheken in der Regel irrelevant) und Menschen, die bleiben bzw. nach dem Königsteiner Schlüssel in andere Bundesländer verteilt werden. In Hamburg übertrifft die Anzahl der Registrierungen regelmäßig die Anzahl der Menschen, die auch in Hamburg untergebracht werden, um ein Vielfaches[5] .
2 Gesetzliche Regelungen
Ebenfalls verfolgt werden müssen Neuerungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht. 2015 betraf dies u. a. das Gesetz zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung[6] (Juli), das Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz[7] (Oktober) und das Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher[8] (Oktober). Weitere Neuerungen z. B. in den Bereichen Aufnahmebedingungen, sichere Herkunftsländer, Familiennachzug, Personen mit guter Bleiberechtsperspektive, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, Aufenthaltsbeendigung/Abschiebung oder Bleiberechtsregelungen bringt u. a. das Asylpaket II mit sich[9] .
Die Zuständigkeit für die rechtliche Regelung verteilt sich auf Bund, Länder und Kommunen: Der Bund mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist zuständig für Asylverfahren und Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG)[10] . Die Umsetzung des Asylbewerberleistungsgesetzes hat der Bund an die Länder delegiert. Die Kommunen schließlich vollziehen zum Beispiel das Aufenthaltsrecht und bieten eine Reihe freiwilliger Dienste und Leistungen an wie Migrationsberatungsstellen oder die Koordination ehrenamtlichen Engagements. Die Höhe der aufgewandten Mittel und die Auslegung der Spielräume differieren erheblich. Die konkreten Rahmenbedingungen für letztlich auch bibliothekarisches Engagement unterscheiden sich daher von Kommune zu Kommune.
Viele der Regelungen haben allerdings auf die praktische Bibliotheksarbeit kaum Auswirkungen. Trotzdem ist es wichtig, korrekt informiert zu sein besonders in Bezug auf die verschiedenen Status, die Ausweissituation von Flüchtlingen und gegebenenfalls über die Regelungen zur Ausstattung von Flüchtlingen etwa mit ÖPNV-Tickets.
Welche Informationsquellen aber sind seriös? Welche bieten einen schnellen und gut strukturierten Überblick? Eine der besten und umfassendsten Quellen sind die Seiten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF)[11] . Gut und verständlich aufbereitet sind die Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)[12] . Zusätzlich ist immer die Information auch auf der Ebene der Länder bzw. Kommunen unerlässlich.
3 Information auf kommunaler Ebene
Beträchtliche Fortschritte sind bei der Vernetzung und Bündelung von Informationen auf lokaler Ebene zu verzeichnen. Mangels zentraler Organisation stellten vor allem im Bereich der Kulturarbeit mit Geflüchteten noch bis vor wenigen Monaten vor allem engagierte Initiativen und einzelne Einrichtungen Informationen und Linksammlungen zusammen. Die Bestrebungen einer Koordination und Zentralisierung zeigen inzwischen vielfach Erfolge. Dabei sind vielerorts Bibliotheken oder andere Kultureinrichtungen wichtige Kooperationspartner der Behörden. In Hamburg etwa rief die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI)[13] Ende 2015 als Arbeitsorgane des Forums Flüchtlingshilfe sogenannte Dialogforen z. B. zu den Themen Gesundheit, Wohnen, Sport und Sprache ins Leben.[14] Die Direktorin der Bücherhallen und die Bereichsleitung Bürgerengagement haben gemeinsam mit der Volkshochschule die fachliche Leitung des Forums Sprache für Hamburg übernommen.
Eine wichtige Informationsquelle für Hamburg ist seit Januar 2016 das Portal Willkommenskultur-Hamburg.de[15] . Es bündelt aktuelle Informationen rund um die Kulturarbeit von und mit Geflüchteten. Aktuelle Meldungen können über Feeds oder per Mail bezogen werden. Da auch Hinweise auf bundesweite Termine und Fördermöglichkeiten Gegenstand dieser Meldungen sind, kann ein Abonnement auch außerhalb Hamburgs interessant sein. Allgemeinere, stets aktuelle Informationen und einen täglichen Newsletter bietet Migazin – das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland; Politik, Gesellschaft, Recht und Kultur[16] .
4 Dialog in Deutsch
Neben Informationen sind Netzwerk- und Kontaktarbeit ein Schlüssel zur Entwicklung und erfolgreichen Etablierung von Bibliotheksangeboten für Flüchtlinge. Bedürfnisse und Anforderungen sind komplex. Im Bereich der Sprachförderung ergänzen sich explizite Sprachkurse sowie begleitende und unterstützende Maßnahmen, die nicht auf eine Zertifizierung zielen. Hier engagieren sich die Bücherhallen u. a. durch ihr Angebot Dialog in Deutsch[17] . Die bislang 80 Dialog in Deutsch-Gesprächsgruppen – u. a. aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage auch durch Flüchtlinge steht eine Erweiterung bevor – in der Zentralbibliothek und allen Stadtteilbibliotheken laden Menschen ein, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, in kleinen Gruppen im Dialog mit anderen Teilnehmern ihre Deutschkenntnisse einzusetzen und zu trainieren. Die Gruppen sind offen und kostenlos, eine Anmeldung und Registrierung sind nicht erforderlich. Moderiert werden diese wöchentlichen Gruppen von derzeit rund 200 dafür geschulten und qualifizierten Ehrenamtlichen.
5 Ehrenamtliche
Auch in anderen Bereichen kommt Ehrenamtlichen eine zentrale Rolle bei der Integration von Flüchtlingen zu. Sie bilden häufig das Bindeglied zwischen Hauptamtlichen und Flüchtlingen, z. B. indem sie Flüchtlinge in Bibliotheken, aber auch zu Ämtern, Arztbesuchen etc. begleiten. Die Bücherhallen Hamburg haben einen großen Ehrenamtsbereich. Rund 460 Ehrenamtliche engagieren sich für die Bücherhallen, vor allem in den großen Ehrenamtsprojekten Dialog in Deutsch und Medienboten[18] , aber auch in den Stadtteilen wie beim Lesetraining Wilhelmsburg oder bei der Auswahl und Einarbeitung fremdsprachiger Bestände sowie in Kooperationsprojekten. Die für die Bücherhallen arbeitenden Ehrenamtlichen werden professionell geschult und betreut.
6 Lokale Kooperationen
Im Kontext der Angebote für Flüchtlinge kooperieren die Bücherhallen aber auch mit anderen Ehrenamtlichen-Initiativen vor allem in den Stadtteilen. Die Insel hilft[19] , Welcome to Barmbek[20] oder Herzliches Lokstedt[21] sind nur einige Beispiele. Flüchtlinge finden in ihren Stadtteilen und in örtlicher Nähe zu ihren Unterkünften Angebote aller Art. Eine Ehrenamtliche bietet in der Bücherhalle Wandsbek einen Nähkurs für Flüchtlinge an. In Barmbek hat die Initiative Welcome to Barmbek jüngst in Kooperation mit der Bücherhalle eine Tiptoi-Lernwerkstatt ins Leben gerufen. Sie richtet sich primär an vier- bis zehnjährige Flüchtlingskinder aus den Flüchtlingsunterkünften in Barmbek und deren Eltern. Ziel ist die spielerische Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache. Gleichzeitig lernen Eltern und Kinder die Bücherhalle als attraktiven Ort in ihrer Nachbarschaft kennen, der ihnen kostenlose Freizeitangebote und Möglichkeiten des Austauschs und der Begegnung bietet. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist in vielen Stadtteilen federführend für das ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingsarbeit. Regelmäßig treffen sich Gruppen zum Deutschlernen in der Bücherhalle Neugraben. Mit Unterstützung der Bücherhalle Neugraben stellte das DRK erfolgreich einen Antrag auf Finanzierung von Kopierkarten aus dem Fonds Flüchtlinge und Ehrenamt zahlreicher großer Hamburger Stiftungen[22] .
Kooperationen mit lokalen Initiativen bieten sich auch für kleinere Bibliotheken ohne eigenen Ehrenamtsbereich an. Das breite Spektrum der Aktivitäten dieser Initiativen und die direkte Nähe zu den Flüchtlingsunterkünften sind ein großer Pluspunkt. Bei den Bücherhallen ergänzen diese lokal auf den jeweiligen Stadtteil zugeschnittenen Kooperationen die zentral für das ganze System erarbeiteten Angebote für Flüchtlinge.
7 Interkulturelle Bibliotheksarbeit bei den Bücherhallen Hamburg
Interkulturelle Bibliotheksangebote sind auch für die Bücherhallen Hamburg nicht neu. Fremdsprachige Bestände etwa gibt es bereits sehr lange. Als beim dbv 2006 eine Expertengruppe Interkulturelle Bibliotheksarbeit eingerichtet wurde, beteiligten sich die Bücherhallen daran. Diese ehemalige Expertengruppe arbeitet inzwischen in ihrer vierten Amtszeit als dbv-Kommission, weiterhin unter Beteiligung der Bücherhallen.
Für die Bücherhallen wie auch für die dbv-Kommission zahlt es sich aus, sich seit Jahren intensiv interkulturellen Bibliotheksangeboten gewidmet zu haben. Auf der Basis des erarbeiteten Portfolios lassen sich jetzt gezielt Angebote für Flüchtlinge machen. Und doch unterscheidet sich die interkulturelle Arbeit bei den Bücherhallen heute deutlich von der der Vorjahre. Sie ist auf ein sehr viel breiteres Fundament gestellt.
Bis vor rund eineinhalb Jahren stützten sich die Angebote im Wesentlichen auf wenige Köpfe, nämlich die der Abteilung für Interkulturelle Dienste, Sprachen und Pädagogik. Inzwischen verteilen sich die Aufgaben auf alle Bereiche von Betriebsleitung über Personalabteilung, Zentrale Bibliotheksdienste, EDV und Organisation, Portal, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Fachstelle, den Ehrenamtsbereich bis hin zu Zentralbibliothek und Stadtteilbibliotheken. Mehr und mehr versteht das Kollegium diese Angebote als systemweite Aufgabe. Auslöser war ein Brainstorming, bei dem VertreterInnen aller Bereiche der Bücherhallen zusammentrugen, wo die verschiedenen Arbeitsgebiete interkulturelle Aspekte aufweisen. Das Ergebnis zeigte, fast alle können einen Beitrag zur interkulturellen Öffnung der Institution leisten. Auch z. B. die Katalogisierung und die EDV, indem bibliographische Daten in Auswahl auch in nicht-lateinischer Schrift erfasst und recherchierbar gemacht werden.
Die Anregung ging vom Projekt Orte der Vielfalt – Interkulturelle Öffnung und Diversity Management[23] der Werkstatt 3 aus, an dem die Bücherhallen ab 2014/2015 gemeinsam mit sechs anderen Kultureinrichtungen (Elbphilharmonie, Museen, soziokulturelle Zentren, ein Theater) teilgenommen hatten. Auch von diesem durch zwei Psychologen begleiteten Projekt wie generell der Bewegung in der Kulturlandschaft profitierten die Bücherhallen bei der Etablierung ihrer Angebote für Flüchtlinge.
8 Arbeitskreis Flüchtlingsprojekte
Bereits Ende 2014 wurde der Arbeitskreis Flüchtlingsprojekte ins Leben gerufen. Dieses Gremium, in dem alle Bereiche der Bücherhallen vertreten sind, trifft strategische Entscheidungen für das gesamte System.
Einer der ersten Schritte war die Zusammenstellung verschiedener Medienboxen: arabische Kinder- und Jugendbücher, Kisten mit Spielen, die entweder international bekannt oder fast selbsterklärend sind, und bunte Kisten mit (Bild-)Wörterbüchern, Pappbilderbüchern, Materialien zum Deutschlernen etc. Diese Kisten sollten die Bestände der Stadtteilbibliotheken verstärken und waren nicht zur Ausleihe vorgesehen. Eine Weitergabe in Unterkünfte erfolgte, sofern dort die Möglichkeit bestand, die Medien in betreuten Angeboten zum Einsatz zu bringen. Zusätzlich erhielten alle Stadtteilbibliotheken einen Satz von Duplo-Legosteinen.
9 Spendenfinanzierte Online-Kundenkarte für Flüchtlinge
Ergänzt wurde dieses Angebot durch die Einführung einer spendenfinanzierten Online-Kundenkarte für Flüchtlinge. Die Idee war, Flüchtlingen den Zugang zum breiten eMedien-Angebot der Bücherhallen und zum WLAN in den Bücherhallen zu ermöglichen. Mit PressDisplay, fremdsprachigen eMedien über Overdrive und eLearning-Kursen wie Deutsch als Zweitsprache von Rosetta Stone verfügen die Bücherhallen über zahlreiche elektronische Angebote, die die Bedürfnisse und Interessen von Flüchtlingen erfüllen. Mobile Endgeräte besitzen fast alle Flüchtlinge. Sie sind die wichtigsten Mittel, um mit Angehörigen und Freunden weltweit in Kontakt zu bleiben. In den Unterkünften fehlt allerdings in den meisten Fällen der Zugang zum WLAN. Auch diese Lücke könnte, so die Überlegung, mit einer Online-Kundenkarte der Bücherhallen geschlossen werden. Gleichzeitig war es Ziel, Flüchtlingen im Umfeld der Unterkünfte und in ihren Stadtteilen leicht zugängliche Räumlichkeiten zu öffnen und damit auch die Möglichkeit zu Austausch und Begegnung zu schaffen. Weitere Vorteile der Online-Karten waren, dass sie ggf. auch ohne die sonst für eine Anmeldung notwendigen Ausweise ausgestellt werden konnten und für die Kunden keine Versäumnis- und Mahngebühren entstanden.

Spendenfinanzierte Kundenkarte für Flüchtlinge.
Eine großzügige Spende der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Ende 2014 bildete die Basis für dieses kostspielige Projekt. Über diverse Netzwerke riefen die Bücherhallen zu weiteren Spenden auf. Teilnehmende der Dialog in Deutsch-Gesprächsgruppen sprachen in ihren jeweiligen Muttersprachen Spendenaufrufe für Youtube-Filme auf[24] . Damit warben Menschen, die ihrerseits bereits von den etablierten interkulturellen Angeboten der Bücherhallen profitiert hatten, für neue interkulturelle Dienstleistungen. Die ersten spendenfinanzierten Online-Kundenkarten konnten im März 2015 ausgegeben werden.
10 Kooperation mit Trägern von Unterkünften
U. a. über fördern & wohnen[25] als Träger der meisten Unterkünfte in Hamburg wurde mit Flyern auf Deutsch, Englisch und Arabisch über die Karten informiert. Alle Bücherhallenleitungen waren aufgefordert, Kontakt zum Sozialmanagement der Unterkünfte in ihrem Einzugsgebiet aufzunehmen und weitere Kooperationsideen zu erarbeiten
Die Kontaktaufnahme zu den Unterkünften war sehr lehrreich. Viele Unterkunftsleitungen zeigten sich interessiert und dankbar für die Bücherhallen-Angebote. Häufig kam der Wunsch nach aufsuchender Bibliotheksarbeit. Personell können dies die Bibliotheken in aller Regel nicht leisten. Aus diesem Wunsch entstand aber die Idee einer Teilnahme der Bücherhallen an einigen der von den Unterkünften ausgerichteten Sommerfesten. Mit Teams aus Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen von Dialog in Deutsch bereicherten die Bücherhallen mit Spielen wie Vier gewinnt, Buttonmaschine oder Luftballons das Programm der Sommerfeste, informierten gleichzeitig über ihre Angebote und luden zum Besuch in die Bücherhallen ein. Auf diesen Sommerfesten wurden sehr viele Menschen gleichzeitig erreicht. Als vorteilhaft erwiesen sich Flyer, die konkret über im Umfeld einer Unterkunft gelegene Stadtteilbibliotheken mit ihren Öffnungszeiten und Dialog in Deutsch-Terminen informieren. Hilfreich waren Stadtplanausschnitte, in denen der Weg von der Unterkunft zur Bücherhalle gekennzeichnet ist.
Viele Flüchtlinge folgten der Einladung in die Bücherhallen und besuchten sie – häufig in Gruppen von mehreren Personen – kurz nach den Sommerfesten. Für das Kollegium im Service stellte dies eine Herausforderung dar. Die Kommunikation war nicht immer einfach. Schnell stellte sich heraus, die meisten Flüchtlinge möchten auch physische Medien ausleihen. Vor allem Wörterbücher und Sprachkurse sind begehrt.
11 Ausleihe physischer Medien
Der Arbeitskreis Flüchtlingsprojekte entschied daraufhin, ab Oktober 2015 zunächst testweise bis zum Jahresende allen Inhabern von Kundenkarten der neu geschaffenen Kundengruppe FL (Flüchtling) zusätzlich zur Nutzung der elektronischen Angebote die Ausleihe von zeitgleich bis zu drei physischen Medien zu ermöglichen. Jeder in den letzten Monaten in Hamburg und Umgebung angekommene Flüchtling mit unsicherem Aufenthaltsstatus erhält nun auf Wunsch als Neukunde eine der spendenfinanzierten Kundenkarten. Werden Medien verspätet zurückgegeben, entstehen Versäumnisgebühren. Aus dem Mahnverfahren sind Kunden mit einer spendenfinanzierten Karte ausgenommen. Flüchtlinge, die schon länger in Deutschland leben und eine Aufenthaltsgestattung bzw. Aufenthaltserlaubnis oder Aufenthaltsgenehmigung vorweisen, können eine reguläre Kundenkarte erhalten und damit mehr Medien ausleihen.
Die Nachfrage nach diesen Kundenkarten steigt seit der Öffnung für die Ausleihe physischer Medien ständig. Von Ende März bis September 2015 wurden rund 300 spendenfinanzierte Online-Karten ausgegeben. In den folgenden vier Monaten mehr als weitere 1.600. Informationen zur Benutzung gibt es inzwischen auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi. Eine Audio-App, die bildgestützt auch nicht-alphabetisierten Menschen die Bücherhallen auf zunächst Deutsch, Englisch, Russisch, Farsi und Arabisch erklärt, ist in der Entwicklung.
12 Ausbau der Deutsch als Zweitsprache (DaZ)-Bestände
Die Medienkisten für die Präsenznutzung in den Stadtteilbibliotheken wurden teilweise aufgelöst und stehen nun als Ausleihbestände zur Verfügung. Gleichzeitig erhalten die Stadtteilbibliotheken zentral ausgewählte und beschaffte Wörterbücher und Deutschlernmaterialien zur Verstärkung ihrer Bestände. Die Nachfrage danach übersteigt das bisherige Angebot deutlich.

Sehr begehrt: Bildwörterbücher.
13 Reaktionen auf das Engagement der Bücherhallen Hamburg
Das Engagement der Bücherhallen findet große Beachtung. Viele Einzelpersonen, Institutionen und Organisationen unterstützen die Bücherhallen. Das Harbour Front Literaturfestival rief bei den insgesamt 71 Veranstaltungen im September 2015 zu Spenden für „Mit offenen Armen“[26] , der Spendenaktion der Bücherhallen für Flüchtlinge, auf. Erzielt wurden über 10.800 Euro, mit denen Bücherhallen-Kundenkarten für Flüchtlinge finanziert werden. Der Verein Freunde der Kunsthalle e. V. bietet an der Kasse des Museumsshops der Kunsthalle Bildwörterbücher an, die Besucher dort kaufen und direkt für den Bestand der Bücherhallen spenden können. Ein Hamburger Kaffeehandel sammelte während eines Mitarbeiterfests ebenfalls für Bildwörterbücher und spendete fast 100 Exemplare, die fast alle ständig ausgeliehen sind. Eine andere Idee hatte ein Student, der Sweatshirts und T-Shirts mit dem Aufdruck „Refugees welcome“ über eine Agentur produzieren und verkaufen ließ. Der Reinerlös kam Dialog in Deutsch zugute.
Die Anfragen aus Behörden und von Initiativen nach Mitarbeit durch die Bücherhallen sind ebenfalls sehr hoch und zeugen von Anerkennung und Wertschätzung des Engagements. Diese überwiegend sehr positiven Reaktionen ermutigen dazu, weitere Schritte zu gehen.
14 Berufliche Integration von Flüchtlingen
Ein wichtiges Aktionsfeld wäre die berufliche Integration. Anfragen nach Praktika von Flüchtlingen, die in ihrem Heimatland in Bibliotheken gearbeitet haben, haben die Bücherhallen bereits erreicht. Eher als ein kurzfristiges Praktikum könnte sich die Einstellung eines Menschen mit Flüchtlingsbezug im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes[27] zu einer Win-Win-Situation entwickeln und wird für die kommenden Monate ins Auge gefasst. Flüchtlingen wäre damit die Möglichkeit gegeben, über einen Zeitraum von bis zu achtzehn Monaten nachhaltige praktische Berufserfahrungen in Deutschland zu sammeln. Die Bücherhallen und ihre Kunden profitierten ihrerseits bei Medienauswahl und -bearbeitung, im Service und bei der Öffentlichkeitsarbeit nicht nur von (im Idealfall arabischen) Sprachkenntnissen, sondern auch von der Erfahrung des Ankommens in Deutschland sowie den Kenntnissen der Situation in den Unterkünften und könnten so ihre Angebote zielgerichtet weiterentwickeln.
15 Flüchtlingsangebote als Gewinn für viele
Auch wenn einige der hier beschriebenen Dienste sich explizit an Flüchtlinge richten, ist die gesamte Zielgruppe der Zugewanderten Nutznießer des gegenwärtigen Umdenkens. An einer größeren fremdsprachigen Medienauswahl oder an Flyern und Beschilderungen nicht nur auf Deutsch haben nicht nur Flüchtlinge Interesse.
Interkulturelle Bibliotheksarbeit war lange Sache einiger weniger Protagonisten wie Tayfun Demir, der seit den 1970er Jahren in Duisburg ein Literatur- und Medienangebot für Migranten aufbaute[28] . Obwohl immer mehr Bibliotheken diesen Beispielen folgten und im Deutschen Bibliotheksverband und der IFLA Gremien etabliert sind, die sich der interkulturellen Bibliotheksarbeit mit viel Engagement widmen, ruhte die Arbeit in den einzelnen Häusern bislang häufig auf den Schultern weniger Menschen. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt und beträgt nach der offiziellen Statistik des Mikrozensus gut 20 %, nach anderen Definitionen sogar rund 50 %[29] . Dennoch wurde die Arbeit nicht selten als spezielles Angebot für eine exklusive Zielgruppe betrachtet.
Sich als Bibliothek der Zielgruppe Flüchtlinge zu widmen, bringt auch die Chance einer langsamen Bewusstseinsänderung mit sich. Das Thema betrifft alle. Wenn dadurch die interkulturelle Öffnung als gesamtinstitutionelle Aufgabe begriffen und angenommen wird, bedeutet sie einen Gewinn für Flüchtlinge, für die Zielgruppe der Zugewanderten insgesamt und nicht zuletzt für die Bibliotheken selbst sowie für die gesamte Gesellschaft.
About the author

Anne Barckow
Abteilung für Interkulturelle Dienste, Sprachen, Pädagogik, Bücherhallen Hamburg, Hühnerposten 1, 20097 Hamburg
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