Wilfred Sühl-Strohmenger, Inka Tappenbeck (Hg.): Praxishandbuch Wissenschaftliche Bibliothekar:innen: Wandel von Handlungsfeldern, Rollen und Perspektiven im Kontext der digitalen Transformation (De Gruyter Praxishandbuch). Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2024. XIV, 488 S. – Print und eBook (Open Access), ISBN: 9783110790375 (PDF), ISBN: 9783110790559 (EPUB), ISBN: 9783110790047 (gebunden). 99,95 €
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Wilfred Sühl-Strohmenger, Inka Tappenbeck (Hg.): Praxishandbuch Wissenschaftliche Bibliothekar:innen: Wandel von Handlungsfeldern, Rollen und Perspektiven im Kontext der digitalen Transformation (De Gruyter Praxishandbuch). Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2024. XIV,488 S. – Print und eBook (Open Access), ISBN: 9783110790375 (PDF), ISBN: 9783110790559 (EPUB), ISBN: 9783110790047 (gebunden). 99,95 €

Die digitale Transformation hat das Bibliothekswesen grundlegend verändert: Damit wandeln sich auch die Handlungsfelder, Rollen und Perspektiven von wissenschaftlichen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Dieser Wandel ist das zentrale Thema dieses Handbuchs, das in der Reihe De Gruyter Praxishandbuch erschienen ist. Die Herausgebenden, Inka Tappenbeck und Wilfried Sühl-Strohmenger, konnten eine große Zahl an Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen der bibliothekarischen Praxis an diversen wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum versammeln.
Erklärtes Ziel ist „eine Standortbestimmung der Praxis wissenschaftlicher Bibliothekar:innen in einer durch die digitale Transformation geprägten Welt“ (XI). In Abgrenzung zu anderen Publikationen aus dem Themenkomplex der digitalen Transformation an Bibliotheken liegt der Fokus nicht auf den digitalen Dienstleistungen, sondern auf Praxis und Handeln wissenschaftlicher Bibliothekarinnen und Bibliothekare, d. h. ihren Tätigkeitsbereichen und Handlungsfeldern, Funktionen und Rollen sowie Perspektiven.
Es wird die These vertreten, dass zur Bewältigung der Herausforderungen der digitalen Transformation in der Bibliothekswelt nicht nur neue Aufgaben und Funktionen, sondern auch ein „neues bibliothekarisches Mindset“ (4, 457) im Sinne eines neuen Rollenverständnisses nötig ist. Das Praxishandbuch richtet sich an die gesamte Fachcommunity, speziell aber an „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ sowie am Berufsfeld Interessierte (3). So wird das Werk im Folgenden auch aus der Sicht einer Neueinsteigerin in den Beruf der wissenschaftlichen Bibliothekarin besprochen.
Die große Bedeutung digitaler Technologien, Infrastrukturen, Ressourcen, Dienste und Kompetenzen in Bibliotheken wird bereits an der Vielzahl der Kapitel und behandelten Themenkomplexe deutlich: Das Praxishandbuch ist in 10 Teile gegliedert, die jeweils mehrere Beiträge zu einem Themenkomplex beinhalten. Es werden 9 Handlungsfelder vorgestellt:
Teil I ist dem klassischen Thema Medien und Informationen erwerben, erschließen und vermitteln gewidmet. Dem schließen sich Teil II und III mit den Themenfeldern Lehren und Lernen in der Bibliothek und Wissenschaftler:innen beraten und unterstützen an. Die Teile IV und V befassen sich mit den Handlungsfeldern Publizieren fördern und unterstützen und Digitalisieren, Kuratieren, Langzeitarchivieren. Die folgenden Abschnitte sind mehr den strategischen und konzeptionellen Aspekten bibliothekarischer Praxis gewidmet: Teil VI behandelt das Handlungsfeld [In] Bibliotheken führen und leiten. Dem folgen Teil VII zum Handlungsfeld IT-Dienste in und für Bibliotheken entwickeln und umsetzen, Teil VIII zum Feld An Bibliotheken forschen und entwickeln sowie Teil IX zu Vernetzen, Ausbilden, Fortbilden. Teil X nimmt eine Sonderrolle ein, da hier kein Handlungsfeld beschrieben wird, sondern Rollenverständnis und Rollenerwartungen wissenschaftlicher Bibliothekar:innen sowie eine resümierende Zusammenschau der Herausgebenden.
Jedem Teil ist eine kurze Einführung der Herausgebenden mit einer knappen inhaltlichen Zusammenfassung der Beiträge vorangestellt. Abstracts, eine Auswahl an Keywords sowie Kurzbiografien der Beitragenden erleichtern den thematischen Einstieg. Die insgesamt 35 Artikel sind kurz und informativ gehalten. Das zentrale Thema, die Veränderung der Handlungsfelder, Rollen und Perspektiven durch die digitale Transformation, zieht sich als roter Faden durch das gesamte Werk und verbindet die verschiedenen Beiträge miteinander.
Gerahmt werden Sie durch eine informative Einleitung der Herausgebenden, die ins Thema einführt, die wichtigsten Begrifflichkeiten klärt, Zielsetzung und Fragestellungen des Praxishandbuchs darlegt und einen kurzen Ausblick auf die folgenden Beiträge gibt sowie das bereits erwähnte resümierende Fazit in Teil X des Handbuchs. Dabei ist es das Verdienst der Herausgebenden, dass ein einheitliches und übersichtliches Einführungs- und Überblickswerk entstanden ist, das den Beitragenden dennoch Raum für individuelle Schwerpunktsetzung und Ausgestaltung der Themen bot.
Ein Abkürzungsverzeichnis sowie ein Sachindex erleichtern Verständnis und Navigation, sind allerdings recht knapp gehalten. Nicht alle verwendeten Keywords finden sich im Index wieder und vor allem Neulinge im Bibliotheksfeld dürften einige Abkürzungen in dem Verzeichnis vermissen. Für diese Gruppe wäre auch ein zusätzliches Glossar hilfreich gewesen. Ebenso wären am Ende eines jeden Beitrags Empfehlungen von ausgewählten Informationsressourcen zur Vertiefung des jeweiligen Themas nützlich gewesen, denn die Zuordnung der Literatur zu den einzelnen Beiträgen ist in dem umfangreichen Literaturverzeichnis nicht einfach. Ungeachtet dessen ist die angegebene Literatur umfassend und aktuell. Neben den klassischen Druck- und E-Publikationen enthält das Verzeichnis auch zahlreiche Webressourcen. Der Fokus auf die überwiegend deutschsprachige Literatur ist durch den Fokus des Handbuchs auf die bibliothekarische Praxis der Beitragenden nachvollziehbar.
Die klassische Fachreferatsarbeit hat sich durch die digitale Transformation maßgeblich gewandelt. Klassische Aufgaben werden durch Automatisierung und digitale Prozesse vereinfacht und beschleunigt und neue Kommunikations- und Kooperationsformen erprobt und etabliert. Daneben treten weitere Aufgaben und Handlungsfelder im Bereich Management/Leitung, Kompetenzvermittlung und Forschungsunterstützung, insbesondere im Bereich Open Science (u. a. Open Access und Publikationsunterstützung, Forschungsdatenmanagement oder Urheberrecht) in den Vordergrund. Dadurch verändern sich die Anforderungen und das Rollenverständnis wissenschaftlicher Bibliothekar:innen grundlegend. Sie müssen dem digitalen Wandel gegenüber offen sein, ihre eigenen digitalen Kompetenzen stetig ausbauen und ihre Angebote für Studierende, Lehrende und Forschende an die aktuellen Entwicklungen und Bedarfe anpassen.
Bei einem so umfangreichen Werk sind eine ausführliche Besprechung und Würdigung aller Beiträge kaum möglich. Daher sollen an verschiedenen Stellen nur einige wenige beispielhaft herausgegriffen werden.
Dem Handbuchcharakter geschuldet, fallen die Artikel eher kurz und überblicksartig aus. Zum Teil sind sie daher etwas oberflächlich und schematisch. Teilweise gibt es Überschneidungen und Ergänzungen zwischen verschiedenen Beiträgen, insbesondere im Bereich der Analyse und Entwicklung des Serviceportfolios und einzelner Services von wissenschaftlichen Bibliotheken, die bei verschiedenen Themenkomplexen von Bedeutung sind. Da das Gros der Rezipierenden das Werk allerdings kaum an einem Stück lesen, sondern sich gezielt Themen heraussuchen wird, fällt dies wenig ins Gewicht. Für Neulinge im Beruf dürften solche Überschneidungen zum Verständnis und zur Vertiefung vielleicht sogar nützlich sein.
Vielen Beitragenden gelingt es durch Beispiele aus der Bibliothekspraxis und Best-Practice-Beispiele, die Themen anschaulich und kurzweilig zu vermitteln. Hilfreich sind außerdem gelegentliche Verweise zwischen verschiedenen Beiträgen. Äußerst nützlich sind Tipps für den Kompetenzerwerb und Empfehlungen für weiterführende Literatur in einigen Beiträgen: Hier sei Markus Putnings Beitrag zu Publizieren und Open Access fördern (175 ff.) positiv hervorgehoben, der Verbindungen zu den Beiträgen Wissenschaftler:innen beraten und unterstützen sowie den anderen Beiträgen von Teil IV: Publizieren fördern und unterstützen zieht. Sehr hilfreich ist eine übersichtliche Anleitung zur Förderung von Open Access in der eigenen Institution durch den Auf- und Ausbau verschiedener Informations-, Unterstützungs- und Schulungsangebote. Neben konkreten Empfehlungen zum Vorgehen liefert Putning anschauliche Best-Practice-Beispiele. Darüber hinaus listet er verschiedene Möglichkeiten des Kompetenzausbaus und -erwerbs für wissenschaftliche Bibliothekar:innen auf.
Die Beiträge sind gut recherchiert, greifen aktuellste Entwicklungen auf. Beispielsweise wird das Thema Künstliche Intelligenz mit seinen verschiedenen Implikationen für die Bibliotheksarbeit in einem eigenen Beitrag behandelt, Benjamin Flämig: „Zurück in die Zukunft“ – Künstliche Intelligenz in Bibliotheken nutzbar machen, 321 ff. Ute Olliges-Wieczorek bietet einen interessanten Beitrag zum Thema Digitale Sammlungen in die Forschung und in gesellschaftlich-kulturelle Kontexte einbinden (213 ff.). Sie stellt verschiedene digitale Methoden zur Aufbereitung, Vernetzung und Vermittlung von offenen Daten vor und geht unter anderem auf Digital Humanities- und Citizen Science-Projekte, Kulturhackathons und virtuelle Ausstellungen ein. Dabei verweist sie auch auf konkrete Beispiel-Projekte verschiedener Bibliotheken.
Insgesamt profitieren die Beiträge sehr von anschaulichen Beispielen und Schaubildern sowie konkreten Empfehlungen zum Kompetenzerwerb oder auch Zwischenverweisen. An der ein oder anderen Stelle wäre sicher noch Potential für mehr Referenzen zwischen den Beiträgen des Handbuchs gewesen.
Zum Ende des Handbuchs steht die Erkenntnis, dass der Beruf Wissenschaftliche Bibliothekarin/Wissenschaftlicher Bibliothekar durch die digitale Transformation keineswegs obsolet wird, sondern vielfältiger. Wissenschaftliche Bibliothekarinnen und Bibliothekare gestalten die digitale Transformation aktiv mit, indem sie neue Handlungsfelder erschließen sowie neue Rollen und Perspektiven einnehmen.
Das Praxishandbuch Wissenschaftliche Bibliothekar:innen bietet einen fundierten Einstieg und Überblick zu den Implikationen des digitalen Wandels für das Berufsfeld auf einem aktuellen Stand. Es bleibt abzuwarten, wie aktuelle Entwicklungen und Innovationen, insbesondere im Bereich KI, das Berufsfeld in Zukunft weiter verändern werden. Das Praxishandbuch bietet vor allem für Neu- und Quereinsteigende eine hilfreiche Einführung und Übersicht in diesen vielseitigen Beruf. Es wird aber auch erfahrenen wissenschaftlichen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren Anregungen geben und kann ein erster Einstieg in eine tiefgreifendere Beschäftigung und Einarbeitung in spezielle Themen sein.
© 2024 bei den Autoren, publiziert von De Gruyter.
Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.
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