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Published/Copyright: April 4, 2018
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Helga Schwarz: Das Deutsche Bibliotheksinstitut: im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischen Interessen. Berlin: Simon, 2017. – 338 S. – ISBN 978-3-945610-37-0. € 23,80


Die Verfasserin, geboren 1936, legt mit diesem Buch ihre Dissertationsschrift vor, die sie nach vollendetem Berufsleben und Eintritt in den Ruhestand geschrieben hat. Dem gebührt alle Achtung. Ihre beruflichen Stationen waren u. a. die Pädagogische Hochschule Oldenburg i. O. und zwei Hochschulbibliotheken in West-Berlin. Ab 1973 arbeitete sie an der Zeitschriftendatenbank und damit am Deutschen Bibliotheksinstitut (DBI) bzw. einer seiner beiden Vorgängereinrichtungen, nämlich der Arbeitsstelle für Bibliothekstechnik (ABT), mit.

Eingeteilt ist das Buch in zwei Hauptkapitel mit jeweils fünf Unterkapiteln: 1. Aufbruch und Erwartung (1978–96), 2. Langsames Sterben. Forschungsleitend sind Fragen nach den Interessen und Erwartungen bei der Gründung des DBI und der Rolle der beteiligten Gremien. Zudem wird die Historie der beiden Evaluationen des Wissenschaftsrates genauestens aufbereitet. Daran knüpfen sich die Verdienste und Erfolge des DBI. Abschließend werden Fehlentwicklungen abgewogen, weil es zu keiner dauerhaft nachfolgenden Institution gekommen ist.

Die Aufarbeitung der Geschichte des DBI von der Gründung der Vorgängereinrichtungen bis zur endgültigen Schließung der Nachfolgeeinrichtung ist Inhalt des vorliegenden Buches. Der sehr detaillierte Abriss wird unterstützt von Unmengen Archivmaterial (Sitzungsprotokolle, Briefe, Vermerke, Akten), einer sehr hilfreichen Zeittafel, Zeitzeugen-Interviews, einem Personen-Index (mit Nennung der jeweiligen wichtigsten Funktion) und eigenem Hintergrundwissen. Organisationspläne des DBI werden in mehreren Grafiken in Kopie aus ihrer jeweiligen Zeit wiedergegeben. Eine Übersicht der Zeit vor 1988 fehlt bedauerlicherweise. Sehr viel Insider-Wissen und eine subjektive Färbung der Argumentation werden hierbei offenbar, was m. E. teilweise den Blick auf andere Möglichkeiten verstellt. Die Beweisführung wirkt dadurch in Teilen wirr oder wie eine Rechtfertigung der leider eingetretenen Umstände hinsichtlich der Schließung des DBI. Wechsel in den Zeitformen zwischen Präsens und Präteritum, andere sprachliche Unsauberkeiten wie der fehlenden Kennzeichnung von indirekter Rede oder unklarer Zitation (z. B. Fn 342 und 222) unterstützen den Eindruck noch, dass die Aufarbeitung dieser Geschichte von Widerständen, Einflussnahmen, unklarer Kommunikation, Inkompetenz und Versagen der verschiedenen Akteure (DBI, Bibliothekswesen, Berliner und Bundes-Politik, Wissenschaftsrat) doch deutliche Spuren hinterlassen hat. Wichtige Informationen gehen teilweise im Fließtext unter, wie zum Beispiel die Inhalte des DBI-Gesetzes (51) oder der DBI-Satzung (64), die beide zumindest auch im Anhang in Gänze hätten abgedruckt werden können. Das Gesetz zur Auflösung des DBI (336) wird vollständig paraphrasiert. Dies sind die wesentlichen Schriftstücke im Gegensatz zu Sitzungsprotokollen oder Interview-Mitschriften.

Im ersten Teil wird hin und wieder schon das Fazit des gesamten Buches und des zweiten Teils vorweggenommen (so bereits in Kapitel 1.8, insbes. 76), also die wesentlichen Gründe der Negativbeurteilung und Abwicklung des DBI. Wichtig für die Verfasserin ist es, eine solche „Fehlentwicklung“ zu dokumentieren, damit andere daraus lernen können, um frühzeitig gegenlenken zu können. Verwaltungen sind in sich immer sehr komplex; schnelle Erfolge macht das oft schwierig, wenn nicht unmöglich. So schimmert ein zynischer Pessimismus durch, wenn die Verfasserin die Arbeit der zwar zu spät, aber immerhin eingerichteten, sogenannten Qualitätszirkel des DBI anspricht: „Befugnisse zur Durchsetzung eines Vorschlags hatten die Zirkel nicht, so dass ihre Arbeit zwar der Klärung der inneren Verhältnisse diente, aber letztlich folgenlos blieb.“ (202) Es ist ein stetes Bedauern spürbar, so dass positive Projekte des DBI oft nur als Randnotiz erwähnt werden, was schade ist: die Zeitschriftendatenbank (ZDB), der Verbundkatalog (VD), der Dokumentenlieferdienst Subito, die Deutsche Bibliotheksstatistik (DBS).

Es wird deutlich, dass das DBI in den letzten zehn Jahren vor der Beurteilung durch die Bewertungsgruppe des Wissenschaftsrates 1996/1997 sich vor allem als Service-Dienstleister für die öffentlichen Bibliotheken engagiert hat und weniger Forschung und Entwicklung betrieben hat und auch weniger oft den wissenschaftlichen Bibliotheken Partner war. Dies verunmöglicht es, vom Wissenschaftsrat einen positiven Bescheid zu erwirken, dessen Interesse vor allem auf institutionseigener Forschung und Entwicklung liegt. Die Straße des Scheiterns war schon Jahre vorher eingeschlagen worden. Die Förderung von Institutionen auf der „Blauen Liste“ konnten nur Einrichtungen erwarten, die sich in Wissenschafts-Kreisen bewegt haben und eine eigene Innovationskraft in diesem Bereich vorweisen konnten.

Das Literaturverzeichnis ist leider nicht sortiert nach publiziertem Material, Zeitungsartikeln, Internet-Beiträgen bzw. Archivdokumenten und weist im letzteren Fall die genauen Quellen nicht eindeutig nach.

Insgesamt gesehen war eine geschichtliche Aufarbeitung des DBI mit allen seinen Facetten schon längst fällig, nimmt sie doch in der deutschsprachigen Bibliotheksgeschichte eine Sonder- und in Teilen Vorreiterrolle ein. Es wäre sicher gut gewesen, wenn sich eine Historikerin der Thematik angenommen hätte, weil durch eine straffe und systematische Aufarbeitung ein objektiverer Blick auf die Geschehnisse und Hintergründe möglich geworden wäre. Nur marginale Beachtung schenkt die Verfasserin dem Umstand, dass Services des ehemaligen DBI nun in „guten Händen“ sind. Aus Veränderung erwachsen Kreativität, ein anderes Herangehen, ein anderer Blickwinkel. Ein anderer Dienstleister holt aus einem guten Service vielleicht doch noch mehr heraus: So ist die ZDB in der Staatsbibliothek zu Berlin in gute Betreuung gekommen. Der VD ist gut aufgestellt. Subito funktioniert als eingetragener Verein, ist nur leider von den Wechseln im Urheberrecht abhängig. Die DBS wird hervorragend vom Hochschulbibliothekzentrum des Landes Nordrhein-Westfalen betreut. Und das Kompetenznetzwerk für Bibliotheken nimmt weitere Service-Aufgaben wahr. Dennoch sollte der vorliegende Band Inspiration und vor allem Warnung genug sein für Wissenschafts- und Service-Einrichtungen, die sich dem Diktat von Evaluierungen und anderen externen Bewertungen zu stellen genötigt sehen. Denn hier wird eben in erster Linie eine Geschichte des Scheiterns gezeigt, die man so sicher nicht durchleben möchte. Die pessimistische Grundhaltung des Buches, die persönlichen Interessen einzelner Beteiligter, die damals schon behäbige Berliner Politik und die bekanntermaßen oftmals langsam agierenden Verwaltungsstrukturen mögen Anregung genug sein, Warnzeichen eines möglichen Niedergangs rechtzeitig wahrzunehmen, um noch gegensteuern zu können. Die Bewertung der Ziele des Strategiepapiers, wie es für das DBI 1997 zu spät erstellt worden ist (204), sind eine Empfehlung für jede verwaltungsgetriebene Wissenschafts-, aber auch Dienstleistungs-Institution. Insofern empfehle ich dieses Buch zur Anschaffung.

Frank Förster

Bundesanstalt für

Geowissenschaften und Rohstoffe

Hannover

Published Online: 2018-4-4
Published in Print: 2018-4-25

© 2018 by De Gruyter

Downloaded on 8.4.2026 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/abitech-2018-0021/html
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