Diethelm Brüggemann, Kleist. Die Magie. Der Findling – Michael Kohlhaas – Die Marquise von O… – Das Erdbeben in Chili – Die Verlobung in St. Domingo – Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik. 2004
Der hart gefügte Haupttitel Kleist. Die Magie führt irre: Die Rede gilt keineswegs Kleist und der Magie, sei es der magia naturalis oder der magia illicita, eben jenem etwa von L. Thorndike oder W.-E. Peuckert umrissenen Großbezirk medizinisch-naturkundlichen Strebens, sondern Kleists Alchemie. Darüber belehrt bereits das Inhaltsverzeichnis, gespickt mit alchemischen Fachtermini, die heute durchaus auch Ungebildeten unter den Verächtern der Alchemie vertraut sind, angestammten Termini etwa für Arkansubstanzen („Mercurius“, „Mercurius Duplex“, „Lapis“, „Stein“), Geräte („Crucibulum“, „Schmelztiegel“), chemisch-physikalische Vorgänge („Gold aus Blei“, „Transmutation“, „Kohabitationen“, „Conjunctio“, „Chymische Hochzeit“), ferner für Farberscheinungen („Weiß-Schwarz-Rot-Gelb“) und bestimmte Zustände in der Stoffeswelt („Chaos“) oder Substanz- beziehungsweise Prinzipien-Personifikationen („Rex“, „Regina“). Bildwiedergaben, hauptsächlich Illustrationen aus Alchemica des 15. bis 18. Jahrhunderts, bestätigen, daß hier unter „Magie“ ein Synonym für „Alchemie“ verstanden worden ist. Unser Ergebnis flüchtigen Schnupperns wird bei genauerem Lesen nur insofern modifiziert, als Brüggemann in seinem „Prolog“ (S. 9–17: „Kleists Alchemie“) „Alchemie“ beziehungsweise die „uralte hermetische Tradition der Alchemie“ ausdrücklich mit der „weißen [liciten] Magie“, vorab aber mit „Hermetik“ (auch: „hermetische Philosophie“) identifiziert und in Kleist einen „Hermetiker“ erblickt, der aufgrund seiner „alchemistischen Kenntnisse“ (S. 15) den „genuinen Prozess der Labor-Alchemie […] jeweils […] akribisch seinen Werken zugrundegelegt“, in seiner Dichtung „der Struktur des Opus alchymicum nachgearbeitet“ habe (S. 16).
© Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006
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