Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung
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Prädestiniert durch ihre Geschichte als erstes Zentrum der deutschen Aufklärung mit transnationaler Wirkung, gründete die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1993 das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA).
Zu den gegenwärtigen Forschungsschwerpunkten gehören die Frühaufklärung, das Naturrecht, Kant, der Klassizismus, der internationale Wissenstransfer und die Gelehrtenkulturen sowie die neuen Schreibweisen, Ästhetiken und Geschichtsdiskurse der Aufklärung. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden seit 1995 in der Reihe »Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung« veröffentlicht. Hinzu kommen qualifizierte Arbeiten, die extern entstanden sind. Pro Jahr erscheinen zwei bis vier Bände (Monographien, Sammelbände, Quellenkommentare).
Zusatzmaterial
Die Aufklärung als "Zeitalter der Philosophie" wird bis heute als Ära sachbezogener Kritik und vernünftiger Debatte verstanden, angesiedelt jenseits der niederen Sphären persönlicher Angriffe und Schmähungen. Diese Trennung von Kritik und Schmähung entspricht dem Selbstverständnis der Aufklärer: In Schmähschriften werde der gute Name eines ehrlichen Mannes angetastet, so der Leipziger Gelehrte Gottsched 1758, während in Streitschriften schlich um Wahrheiten und gelehrte Meinungen gerungen werde: "Man kann in Meynungen uneins, und doch der Gegner Freund seyn. Nur ungezogene grobe Leute greifen die Personen ihrer Gegner an."
Die historische Forschung ist diesem Selbstbild der Aufklärer bis vor kurzem gefolgt. Schmähungen und persönliche Herabsetzungen wurden als Entgleisungen oder Randphänomene abgetan. Angeregt durch neue Konzepte, die grundlegend nach Formen, Funktionen und Wirkungen „invektiver" Kommunikation fragen, nehmen die Beiträge dieses Bandes Schmähungen und persönliche Herabsetzungen in der Epoche der Aufklärung systematisch in den Blick. Dabei zeigt sich, dass sich gerade mit der Schärfung des Gegensatzes zwischen sachlicher Kritik und persönlicher Schmähung ein reichhaltiger Fundus herabsetzender Kommunikation eröffnete, der von den Aufklärern in vielfältiger Weise genutzt wurde.
Die vor-autonome und noch nicht auf das Feld der Künste beschränkte Ästhetik des ›langen 18. Jahrhunderts‹ strebte eine interdisziplinäre und internationale Kommunikationspraxis an, die eine universelle Verständigung unter den Menschen ermöglichen sollte.
Der Band versammelt Beiträge zu der europäischen Geschichte dieser anthropologisch ausgerichteten ästhetischen Kommunikation. Die Aufsätze der ersten Sektion beschäftigen sich mit der zeitgenössichen Theorie der ästhetischen Wissensvermittlung: Es wird die fachübergreifende (Proto-) Ästhetik Shaftesburys und Addisons, die Sprachtheorie von Coleridge bzw. die schwierige Einbürgerüng der Disziplin ›Ästhetik‹ in Frankreich thematisiert. Im zweiten Teil beschäftigen sich zwei Aufsätze mit der Kommunikation durch Bilder, anhand der Analyse von Gemälden Jean-Siméon Chardins und Caspar David Friedrichs. Die Bedeutung des Bild- und Erzählstoffes ›Herkules am Scheideweg‹ für Wielands ästhetische Kommunikation wird hier ebenfalls behandelt. Die dritte Sektion enthält Untersuchungen zu zwei wichtigen Gattungen der ästhetischen Kommunikation. Es werden zunächst unterschiedliche Varianten des Genres Traumerzählung bei Johann Gottlob Krüger und Mihály Vörösmarty beleuchtet. Der Band schließt mit der Analyse von József Eötvös’ Künstlerroman Der Karthäuser.
Die Fallstudien tragen zu dem besseren Verständnis einer Ästhetik bei, die die Bildung der Menschen durch intersubjektive Kommunikation vorantreiben wollte.
Die 1694 und 1737 inaugurierten Universitäten in Halle und Göttingen gelten in der Forschung als Aufklärungsuniversitäten. Damit geht zum einen die Vorstellung einher, dass sich diese Universitäten in ihrer Struktur, ihrer Lehre und ihrer wissenschaftlichen Ausstrahlung deutlich von den übrigen Universitäten des Alten Reiches unterschieden hätten. Zum anderen werden beide Universitäten gerne aufeinander bezogen, gilt Göttingen als ideeller Nachfolger Halles, auch in der Funktion als Leuchtturm eines aufgeklärten Gelehrtenideals. Im Sammelband werden diese Annahmen auf den Prüfstand gestellt und kritisch erörtert. Dabei geht es erstens um die Frage, inwiefern sich an den Aufklärungsuniversitäten institutionelle Neuerungen ausmachen lassen, die es erlauben, sie als „Reformuniversitäten" zu benennen. Zweitens geht es um das inhaltliche Profil dieser Universitäten in Forschung und Lehre und um die Frage, ob hier neue Formen der Wissensgenerierung zu beobachten sind. Drittens geht es um die Medien, mit denen das Bild von den Aufklärungsuniversitäten zeitgenössisch propagiert und verbreitet worden ist. Und viertens geht es um das Verhältnis der Universitäten Halle und Göttingen zu einander – sei es bei der Frage, inwiefern Göttingen nach dem Vorbild Halles konzipiert worden ist, sei es bei der Beschreibung des besonderen Konkurrenzverhältnisses beider Universitäten.
Im Gegensatz zum drei Jahre jüngeren Schelling, dem er sein Leben lang verbunden blieb, wird Steffens nach seinem Tod nahezu vergessen; in der landläufigen Überlieferung hat er als der Überbringer der Romantik nach Dänemark überlebt. Erst mit Beginn des 21. Jahrhunderts wird er als Naturforscher, als Philosoph und Universitätsreformer wiederentdeckt, nicht zuletzt auch im Diskurs-Zusammenhang um das Anthropozän. Steffens-Forscherinnen und Forscher aus Norwegen, Dänemark und Deutschland setzen sich mit dem romantischen Denken der Zeit, mit den Aspekten der nationalen Wiedergeburt in Kultur, Politik und Wissenschaft auseinander, mit Naturgeschichte und Kunst: Marit Bergner, Marie-Theres Federhofer, Bernd Henningsen, Lore Hühn, Daniel Fulda, Norman Kasper, Jesper Lundsfryd Rasmussen, Jessika Piechocki, Anna Lena Sandberg und Elisabeth Décultot.
Empirismus und Ästhetik werden in den Schriften von Francis Hutcheson, David Hume, Edmund Burke und Henry Home zu einer empiristischen Ästhetik verbunden. Sie argumentiert induktiv, psycho- oder physiologisch, evolutionär und demokratisch und lässt sich als frühe Form der empirischen Ästhetik verstehen. Ihr Transfer nach Deutschland in Rezensionen, Übersetzungen und Anschlussforschungen geht mit unwillkürlichen Anpassungen einher. Für die empiristische Ästhetik in der deutschsprachigen Aufklärung stehen nicht nur Namen wie Lichtenberg, Mendelssohn und Kant, Hamann, Herder und Merck, sondern auch die Übersetzer Dusch, Resewitz und Meinhard, die physiologisch Interessierten Haller, Platner, Lossius und Hißmann sowie die Leipziger Engel, Garve und Riedel, der Prager Meißner oder auch Enzyklopädisten wie Herz, Eschenburg und Schneider.
Die Deutschen Gesellschaften waren eine Sozietätsbewegung, die von den mitteldeutschen und protestantischen Universitäten und Gelehrtenschulen ausging. Ziel war es, über die zum Programm erhobene „Pflege der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit" den Gelehrtenstand aus den Schranken der Latinität herauszuführen und als gesellschaftlich nützliche Gruppe zu profilieren.
Diese Arbeit unterzieht die Deutschen Gesellschaften einer Gesamtbetrachtung, in die die programmatischen Grundlagen, Gründungsvorgänge und Mitgliederstrukturen ebenso einfließen wie die Genese und Rezeption der in den Sozietäten entstandenen Texte. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Strategien und Praktiken, mit denen die Gesellschaften und ihre Mitglieder ihre Positionen in der ständischen Gesellschaft festigen und ausbauen wollten.
In dieser überregionalen und interdisziplinären Zusammenschau entsteht das Bild einer Sozietätsbewegung, in der sich innovative und konservative Momente wechselseitig durchdrangen. Die Geschichte der Sprach- und Literaturpflege sowie der aufgeklärten Gesellschaften wird damit in der sie umgebenden Ständegesellschaft verankert, ihre Protagonisten als Kinder ihrer Zeit begreifbar.
In den Beiträgen des Bandes wird gezeigt, wie der außenpolitische Erfolg europäischer Monarchien und Republiken beobachtet und kategorisiert wurde, und welchem Wandel die hier angelegten Kriterien im Laufe des 18. Jahrhunderts in der Publizistik wie der politischen Praxis unterworfen waren. Die Herausbildung neuer publizistischer Genres zur Vermessung der Staatenwelt und neuer statistischer Methoden wird ebenso untersucht wie die Persistenz von Rangkonflikten bis ins 19. Jahrhundert. Es wird danach gefragt, welche Kriterien die Autoren der Aufklärung in diese Debatte einführten, und welche Folgen deren Perspektive hatte, wenn beispielsweise die Vorbildhaftigkeit Chinas für Europa oder die Legitimation der Teilungen Polens diskutiert wurde. Und es geht um die Frage, inwiefern die diplomatische Theorie und Praxis des 18. Jahrhunderts sich weiterhin an Prämissen orientierte, die seit dem Westfälischen Frieden in Europa etabliert waren, oder ob sich die Wertmaßstäbe und Handlungsmaximen der Diplomaten in dieser Zeit grundlegend wandelten. Mit Status und Rang des Herrschers, Alter der Dynastie, der Anziehungskraft des Hofes, dem Image einzelner Herrscher, der militärischen Schlagkraft, der Bevölkerungsgröße und dem territorialen Umfang eines Landes existierte eine Vielzahl von Kriterien bis ins 19. Jahrhundert, die von unterschiedlichen Akteuren und Publizisten immer wieder neu gewichtet wurden.
War die Universität Halle, als sie 1694 gegründet wurde und bald zur angesehensten und frequenzstärksten Hochschule im Reich aufstieg, eine „Innovationsuniversität", wie es in der Forschung gerne heißt? Wer darauf antworten will, hat zunächst zu klären, ob es sich um eine Frage nach dem Selbstverständnis der historischen Akteure handelt oder ob es der zurückschauende Forscher ist, der Innovation konstatiert. In diesem Sinne fragt der Band: Spielten Ansprüche auf Erneuerung der Institution Universität bei ihrer Gründung eine Rolle, sei es bei den Gelehrten oder den politischen Akteuren? Welchen Anteil hatten Reform- oder Erneuerungsideen an deren Selbstinszenierung? Und falls es ein solches Programm gegeben hat: Wurde es im Lehrprogramm der Universität eingelöst?
Der Band unternimmt eine traditionskritische Revision des etablierten Bildes von der ‚Innovations- und Reformuniversität‘ Halle durch quellennahe Rekonstruktionen historischer Wahrnehmungshorizonte und Agenden. Seine Analysen des Zusammenwirkens von Gelehrten und Öffentlichkeit lassen zumindest eines als gesichert erscheinen: Es gab Gelehrte der Fridericiana und auch Politiker, die über ein Konzept von ‚Innovation‘ verfügten, auch wenn sie sich nicht dieses Wortes bedienten.
In der Literaturgeschichtsschreibung stellt der Vergleich zwischen Schiller und Alfieri eine Art von kleinem Topos dar. Seit dem Tod der Dichter wurde auf ihr ähnliches politisches Empfinden sowie auf motivische Gemeinsamkeiten immer wieder hingewiesen. Allerdings ist die Forschung kaum über die Herausarbeitung von einzelnen Parallelen hinausgekommen. Dagegen erkennt diese Studie eine strukturelle Gemeinsamkeit zwischen Schiller und Alfieri darin, dass sie ihre Werke auch als Reflexionsmedium für eine tragische Weltdeutung verstehen. Dieses Weltbild steht mit einer konsequent verstandenen Rehabilitierung der Sinnlichkeit und dem Schwinden von metaphysischen Bezugspunkten in Zusammenhang. Auf der Bühne erproben Schillers und Alfieris Helden sowohl die Hybris als auch die Verzweiflung, die beide aus der Erkenntnis entstehen, dass der Mensch einen „Gott" darstellt, der „in eine Welt von Würmern verwiesen" ist. In der Spätaufklärung zeichnet sich bereits hier ein ideengeschichtlicher Paradigmenwechsel ab: In der exemplarischen Auseinandersetzung mit Schillers und Alfieris Tragödien kann der Prozess des Umschlagens des alteuropäischen „heroischen Stoizismus" in den „modernen heroischen Nihilismus" (W. Riedel) zurückverfolgt werden.
Designed to reform contemporary British society, Joseph Addison and Richard Steele’s The Tatler (1709-1711) and The Spectator (1711-1712, 1714) rely heavily on the representation of contemporary manners. In shaping such behavioural images, the authors made use of the satirical character sketch. Their character sketches (re)create social interactions between fictionalised representatives of moral types of men and women located in contemporary London. This study examines how Addison and Steele employed the character sketch to create a ‘cosmography’ of (wo)man by actively engaging with the observational approaches of contemporary naturalists. Addison and Steele adapted distinctly empirical methods (e.g. induction and deduction, note taking, repeated and collective observation) and appropriated the (medico-legal) case study to communicate and disseminate socio-moral knowledge. At the same time, the character sketch served them as a means to establish a taxonomic order of the socio-moral knowledge conveyed in the texts. The study sheds new light on the literary techniques and the methodological frameworks of two journals essentially associated with the British - and the European - Enlightenment.
Johann Georg Sulzers (1720–1779) Œuvre ist für das Verständnis der Aufklärungsepoche zentral. Aufgrund seiner Vielschichtigkeit widersetzt es sich jedem einfachen Zugriff. Sulzer hat mit der ‚Allgemeinen Theorie der Schönen Künste‘ (1771–1774) nicht nur einen zentralen Beitrag zur Kunsttheorie des 18. Jahrhunderts geliefert, sondern auch wichtige Schriften zur Psychologie, Anthropologie und Erkenntnistheorie der Aufklärungsepoche veröffentlicht. Über seine Publikationen hinaus erstreckt sich sein Wirken auf den Aufbau eines weitgespannten epistolaren Netzwerks. Mit dem vorliegenden Sammelband wird der Versuch unternommen, die zahlreichen Facetten dieser signifikanten Figur des Aufklärungszeitalters zu beleuchten.
Die Jahre um 1700 sind durch einen bedeutenden Aufschwung der Kantatenproduktion insbesondere im deutschsprachigen Raum gekennzeichnet. Innerhalb weniger Jahre setzt sich die Kantate italienischen Stils mit ihrem typischen Wechsel von Da-capo-Arie und Rezitativ nicht nur als musikalische Form durch. Sie beherrscht auch einen Teil der Poetik und findet Aufnahme in eine Reihe sozialer Handlungsfelder, vom höfischen Zeremoniell bis zum protestantischen Gottesdienst. Offenbar war die Kantate gerade durch ihre kombinatorische Struktur, ihre musikalische Variationsbreite sowie ihre Affektsättigung geeignet, in unterschiedlichsten Kontexten und Funktionen als Katalysator zu wirken: als ein musikalisch-literarisches Modell, das bei gleichbleibender Grundstruktur und variabler Anwendbarkeit funktionale und semantische Wandlungen in besonderem Maße befördern und beschleunigen konnte. Die Kantatenform erweist sich so als wesentliches Dynamisierungsmoment bei den ästhetischen wie kulturellen Transformationen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die wir heute unter der Signatur „Frühaufklärung" zusammenfassen.
In der epistemologischen Umbruchzeit zwischen 'vormodern'-enzyklopädischer und 'modern'-disziplinärer Wissensordnung werden die Sachverhalte antiquarischer und philologischer Praxis neu verhandelt.
Im Zentrum des Buches stehen die Materiallogiken und Narrative, die Verfügbarkeit, Beschaffenheit, Manipulierbarkeit und Temporalität der Überlieferungsobjekte bestimmen und sichern helfen, prägend für gelehrte Praxis ebenso wie literarische Imagination. Die Fallstudien (J. Hardouin, J.J. Scheuchzer, J.J. Bodmer, J.J. Winckelmann) zeigen dabei, wie – scheinbar am Rand der dominanten Wissensformationen der Epoche und spätestens von der Materialvergessenheit der historischen Wissenschaften im 19. Jahrhundert diskreditiert – Gegenstände und Verfahren der Überlieferung eine überaus produktive epistemologische Eigenständigkeit gewinnen.
Was bisher als Echo längst diskreditierter Wissenspraktiken oder als Vorgeschichte moderner Fachwissenschaften betrachtet worden ist, erweist sich damit als singuläre historische Konstellation, deren Signatur eine Selbstverpflichtung auf das Besondere und Bedingte ist.
Die vorliegende Studie bildet die erste Monografie zu Ewald Christian von Kleist (1715-1759) auf dem aktuellen Stand der Forschung.
Anhand einer detaillierten Analyse seines Hauptwerks "Der Frühling" wird Kleists literarisches Schaffen in die kulturgeschichtlichen Kontexte der Zeit eingeordnet. Der Blick der Untersuchung richtet sich auf diese Weise in acht Kapiteln auf Fragen von Natur(-zerstörung) und Landleben, Politik und Moralphilosophie, Anthropologie, Melancholie und Religion im mittleren 18. Jahrhundert. Die Edition neuer Dokumente schließt die Studie ab.
Zu einer der symptomatischen und zentralen Figuren der deutschsprachigen Literatur der Frühaufklärung liegt damit wieder ein Grundlagenwerk vor, das neue Wege der Forschung eröffnen kann.
Der galante Roman um 1700 überrascht mit weiblichen Haupt- und Titelfiguren. Bisher kaum bekannt, prägen sie als zentrale Handlungsträger ein galantes Erzählen, das in einer Textform stattfindet, die erst im 18. Jahrhundert zur ‚literarischen Gattung‘ avanciert. In gattungs- und genderspezifischer Perspektive analysiert die Autorin erstmals narrative Konstruktionsprinzipien galanter Weiblichkeit im deutschen Roman (1690-1720). Ausgehend von den Para-, Peri- und Epitexten beschreibt sie die Spezifik galanter Frauenfiguren im Wechselspiel von poetischen, sozialen und ökonomischen Aspekten der Buch- und Medienlandschaft um 1700. Anonyme Buchhandelsstrukturen und die Orientierung an der preziösen Romantradition Frankreichs erweisen sich als ebenso konstitutiv für ein Erzählen über Geschlecht im galanten Roman wie die Adaption und Modifikation poetischer Traditionen und Gendermodelle durch junge Akademiker auf der Suche nach ‚eigenen‘ bzw. neuen Ausdrucksformen zwischen ‚Scherz und Ernst‘. Aus der Gattungsdynamik emergieren subversive Gendernarrative.
Die Zeit um 1700 wird gerne mit dem (Teil-)Epochen-Begriff der Frühaufklärung belegt. Ihre Diskurse und Tendenzen werden dadurch, häufig unter der Hand, mitunter aber auch explizit teleologisierend, auf die Positionen des späteren 18. Jahrhunderts ausgerichtet. Statt die um 1700 zu beobachtenden Öffnungen als Auftakt zu einer großen, weltbildlichen wie sozialen, Öffnung der Aufklärung durch Vernunft und Kritik zu betrachten, fragt der vorliegende Band nach Öffnungen, auf die wieder neue Schließungen folgten. Welche Gründe hatte die neuartige Offenheit, die die Kultur um 1700 zu einem großen Experimentierfeld machte, und welche Folgen hatte sie? Welche neuen Handlungsspielräume und Rollen in der Öffentlichkeit entstanden damals? Manche der neuen Leitideen – wie die Pflicht zur vernünftigen Begründung allen Denkens und Handelns – können geradezu als Antwort auf die Unsicherheit verstanden werden, die jene Öffnung mit sich brachte. Die relative Offenheit der Zeit um 1700 provozierte, so die These, auch Versuche der neuerlichen Schließung. Der Band wirft neues Licht auf die Frühphase der Aufklärung, um diese insgesamt besser verstehen zu können.
Gegenstand des Bandes ist die Geschichte des Imaginationsbegriffes in der französischen Aufklärung.
Der Band rekonstruiert ausgehend von einer synthetisierenden Übersicht in insgesamt 27 Dossiers (Einleitungen und Textausschnitte) die Entwicklungsgeschichte des Imaginationsbegriffs von Malebranches ‚Recherche de la vérité‘ (1674) und seinen frühaufklärerischen Rezeptionen bis hin zu frühromantischen Positionen. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf der Einbettung des Konzepts in unterschiedliche erkenntnistheoretische Kontexte (Cartesianismus, Sensualismus, Materialismus). Zudem werden verschiedene Wissensfelder und Disziplinen (Erkenntnistheorie, Vermögenslehren, Medizin, Anthropologie, Poetik) insofern berücksichtigt, als sie ihrerseits den Imaginationsbegriff operationalisieren und ihn über sehr unterschiedliche Umwege zu einem zentralen Instrument des modernen Möglichkeitsdenkens machen.
Der Band bietet erstmalig eine zugleich ideen- und kulturgeschichtliche Analyse der Konzeptualisierung des Begriffs im Verlaufe des französischen 18. Jahrhunderts.
Im Zeitalter der Aufklärung etabliert sich eine eigenständige deutschsprachige Essayistik. Ihre gesellschaftliche Funktion blieb in der Forschung bislang unberücksichtigt. Diese Studie kann erstmals zeigen, dass die Essayistik der Aufklärung als textbasierte Selbsttechnik angelegt ist.
Doch wo wird über die Aufgaben essayistischen Schreibens debattiert, und welche Subjektformen bildet der Essay im 18. Jahrhundert aus? Um diese Fragen zu beantworten, weist die Studie anhand exemplarischer Textanalysen nach, wie es der Essay dem Einzelnen ermöglicht, gezielt kollektive oder individuelle Idealvorstellungen einzuüben. Dabei berücksichtigt sie sowohl Konzeptionen des Essays durch Essayisten selbst als auch den starken Einfluss der französischen Essay-Tradition nach dem Vorbild Michel de Montaignes und der englischen Tradition nach dem Vorbild Francis Bacons. Ausgehend von einer Beschreibung des „essayistischen Ichs“, das sich jeweils in den Texten konstituiert, kann sie den Essay der Aufklärung als eine komplexe Wahrheitspraxis beschreiben, deren Reflexionsformen bis in die Gegenwart fortwirken. Damit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur Gattungsgeschichte des Essays und zur Geschichte der Subjektformen der Aufklärung.
Wenn das Jahrhundert von etwa 1750 bis 1850 - die von Reinhart Koselleck so genannte Sattelzeit - die Formierungsphase der westlichen Moderne war: Was bedeutete der damalige Übergang vom alteuropäischen zum modernen Begriffs- und Denkmusterarsenal für das Schreiben der Geschichte? Ist es angemessen, diesen Wandel vor allem als ‚Verwissenschaftlichung‘ zu charakterisieren? Welche Rolle spielten demgegenüber ein zunehmend reklamiertes ‚Vergnügen‘ an Geschichte, politische Wirkabsichten, die Orientierung auf Kunstförmigkeit und ästhetische Eindrücklichkeit oder der Entwurf hypothetischer Geschichtsverläufe? Wurden die alten Denk- und Schreibmuster - insbesondere das Konzept der historia magistra vitae - tatsächlich verabschiedet oder lebten sie, womöglich in neuer Funktion, fort? Der Band geht solchen Fragen mit Blick auf ein ungewöhnlich breites Spektrum historiographischer Gattungen nach: philosophische Geschichtsreflexion und -spekulation, politisch-rhetorische oder didaktische Historiographie, Geschichten der Kunst, der Musik und der Philosophie, Memorialistik und Zeitgeschichtsschreibung, Historiographie ‚für Leser‘. In dieser pluralen Perspektivierung erweist sich das Sattelzeit-Konzept als dringend revisionsbedürftig.
Die Hieroglyphen waren im 18. Jahrhundert eine Herausforderung für die Aufklärung und zugleich ein willkommener Gegenstand für die Esoterik. Sie galten - über den Ägyptenbezug hinaus - als rätselhafte Reste einer vorzeitigen, unbekannt gewordenen Kommunikation zwischen Bilderschrift, Gestensprache und Symbolik und erlangten eine Schlüsselstellung in der Sprach- und Schrifttheorie, der Kulturanthropologie, der Theologie und der Theosophie, aber auch in Physiognomik und Kunsttheorie.
Man sah in ihnen die dunklen Anfänge jeglicher Kultur, in denen die Menschen gleichsam noch mit den Göttern verkehrten. Teils wurden sie dabei kulturanthropologisch interpretiert: Die Hieroglyphen waren die heilige Zeichen einer theokratischen Kultur, die sich durch Religion und Göttervorstellungen ihr Weltbild schuf. Teils wurden sie mit Hilfe hermetischer und neuplatonistischer Traditionen zu Botschaften des Göttlichen sakralisiert.
Insgesamt erweist sich die Hieroglyphe im 18. Jahrhundert für Aufklärer und Esoteriker als Begriff, mit dem scheinbar disjunktive Phänomene wie Bild, Gestik und Schrift, Mythos und Logos sowie Metapher, Gleichnis, Metonymie und Allegorie als miteinander zusammenhängend oder zumindest kombinierbar angesprochen werden
Der Einfluss der Aufklärung auf die säkularisierenden Tendenzen des 19. und 20. Jahrhunderts ist integraler Bestandteil heutiger Selbstvergewisserung. Welche Bedeutung aber hat das 18. Jahrhundert für die Entstehung moderner Esoterik, und welche Rolle spielte die Aufklärung dabei? Kann das vielschichtige Verhältnis von Aufklärung und Esoterik im 18. Jahrhundert vielleicht ebenfalls als konstitutiv für die Moderne begriffen werden?
Die Beiträge dieses Bandes untersuchen, wie sich die Aufklärung mit esoterischen Traditionen der Frühen Neuzeit auseinandersetzte und durch welche Transformationsprozesse Hermetik, Magie, Alchemie oder Kabbala in die Wissensbestände von Spiritismus, Okkultismus und Theosophie gelangten. Sie fragen nach Überschneidungen von Aufklärung und Esoterik und identifizieren Probleme und Themen, die den Übergang zur modernen Esoterik möglich machten. Dabei wird deutlich, wie sehr sich die esoterischen Bewegungen nach 1800 selbst als treibende Kräfte von Verwissenschaftlichung und Säkularisierung verstanden.
Mehr als 30 Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Disziplinen verfolgen diese „Wege in die Moderne“ auf den Feldern von Philosophie und Erkenntniskritik, von Literatur und bildender Kunst, von Wissenschaft und Gesellschaft.
Kulturell kodierte Gefühle haben in vielfacher Weise strukturierende Eigenschaften für Individuen und ihre Gesellschaft. Die Bedeutung dieser Emotionskodes ist bisher noch wenig erforscht und zugleich ein ertragreiches Feld der modernen Kulturwissenschaft. Diese Studie widmet sich der Kultivierung sanfter Melancholie im 18. Jahrhundert aus Sicht einer literaturwissenschaftlich gelagerten Emotionsforschung, um der vermeintlich allein repressiven Melancholie im Zeitalter der Aufklärung positive Effekte und Ziele zur Seite zu stellen.
Im Zentrum stehen englische und deutsche Texte der Lyrik, Epik und Prosa zwischen 1720 und 1785. Die Analyse ihrer Emotionalisierungsstrategien in Emotionskodes legt eine sakrale und säkulare Verbreitung sanfter Melancholie dar, die die Entwicklung eines individuellen Fühlens und damit Bewertens in hohem Maße förderte. Sanfte Melancholie wurde zum Einsatz gebracht, um Leserinnen und Leser emotional zu formen, ihnen Sprachfähigkeit über Phänomene zu geben und schließlich ihre emotionale Autonomie zu bekräftigen.
Wie verhält sich Emotionalität zu Wissen und Erkenntnis? Wie beeinflussen sie unseren Umgang mit dem Wissen, unsere Orientierung in der Welt? Die hier versammelten Beiträge nähern sich dem 18. Jahrhundert als einer Zeit, die auf diese Fragen originelle und bis heute wegweisende Antworten fand. Behandelt werden Themen wie der Einfluss der Emotionen auf die Wahrnehmung oder die Bedeutung der Narrativität für den Umgang mit Emotionalität bei sich und anderen, für Selbstbeherrschung und -therapie, aber auch Fremdkontrolle und Manipulation.
Die Studie zeichnet nach, wie vielfältig der Cambridger Platonismus die europäische Aufklärung mitprägte und auf welche Weise anhand der Diskussion um den Topos der ‚Welt’ das Verhältnis von Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts neu bestimmt worden ist. Gezeigt wird, wie Ralph Cudworths True Intellectual System und dessen französische Übersetzung durch Jean Leclerc eine europaweite Debatte um die Leistungsfähigkeit der plastischen Natur auslösten, an der sich neben Pierre Bayle, Leibniz und Shaftesbury auch Cudworths Tochter, Lady Masham, beteiligte. Während Leibniz auf das Problem der Theodizee fokussierte und Shaftesbury die Diskussion um die Dimension des Schönen erweiterte, versuchte Lady Masham, den Cambridger Platonismus mit der Locke’schen Kritik an den angeborenen Ideen zu versöhnen.
Johann August Eberhard (1739‑1809) zählt zu den gleichermaßen renommierten wie umstrittenen Vertretern der deutschen Popularphilosophie des späten 18. Jahrhunderts. Sein jahrzehntelanges Wirken als Universitätsdozent, Kritiker, Zeitschriften- und Lexikonherausgeber, Kompendien- und Romanautor machte ihn weit über die Grenzen seiner Wirkungsstätte Halle hinaus zu einem der wichtigsten Exponenten eines popularphilosophisch reformierten Aufklärungsdenkens. Mit dem Siegeszug des Kantschen Kritizismus geriet auch dieser letzte Statthalter der ‚Philosophie für die Welt‘ in Vergessenheit. Eine einseitige Betrachtung aus
philosophiehistorischer Perspektive verstellte den Blick auf die Vielfalt, Ergiebigkeit und breitenwirksame Relevanz seines theoretischen Gesamtwerks. Ziel des vorliegenden Bandes ist es, die bestehende Forschungslage kritisch zu hinterfragen, interdisziplinäre Zugänge zum Werk Eberhards zu eröffnen und schließlich zu einer Neubewertung der Leistungen des Philosophen zu gelangen, welche der Komplexität seines Schaffens, das neben den philosophischen auch theologische und sprachwissenschaftliche Fragestellungen berührte, gerecht wird.
Um zu wissen, was der Mensch sei, notiert J. G. Hamann 1759 in den „Brocken“, müsse man die Verhältnisse befragen, in denen er lebe. Die 24 Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen Hamann im Schnittpunkt gesellschaftlicher Konstellationen und stellen neue Fragen der Sozial- und Religionsgeschichte, der Gesellschaftstheorie, Ökonomie, Philosophie, Politik- und Religionswissenschaft an den Königsberger Gelehrten. So ermöglichen sie eine präzisere Positionsbestimmung Hamanns innerhalb zentraler Diskurse der Aufklärung.
Die Hermeneutik bildet seit der Aufklärung eine der kritischen Grundlagen der Geisteswissenschaften. Ihre Einbeziehung in den Bereich der Geschichtserkenntnis ist vor allem mit dem Namen Johann Salomo Semler verbunden. Dies führte nicht nur zu einer methodischen Neubestimmung sämtlicher Fächer der Theologie, sondern der Begriff des Christentums insgesamt wurde einem Prozess der Historisierung unterworfen. Marianne Schröter zeigt, dass die hermeneutische Frage das Leitmotiv in Semlers Denken darstellt.
An den unbegrifflichen Stellen literarischer Texte werden Alexander Gottlieb Baumgarten und Friedrich Gottlieb Klopstock auf das ganz eigene, durch nichts anderes zu ersetzende Vermögen sinnlicher Zeichen und Bilder bei der menschlichen Selbst- und Welterschließung aufmerksam. Zwischen 1730 und 1770 entsteht dabei eine Position in der Wissensordnung, an der das Denken, Können, Handeln, Sollen und Wollen der Literatur epistemisch begründet wird. Indem sowohl Philosoph als auch Dichter die kognitive wie mediale Komplexität des so genannten Gedichts (poema) ausloten, rücken sie die Literatur von den unscharfen Rändern der Wissensordnung in deren zentrales Sichtfeld. Baumgarten hält das Gedicht für die Protoform der sinnlichen Erkenntnis, deren Systematik er medientheoretisch, metaphysisch und ethisch ausarbeitet. Für Klopstock wird das Gedicht zum exklusiven Medium immanenter Transzendenz. Dass Gott und Liebe - die beiden sinnstiftenden Systeme der Moderne - nur noch im Gedicht erfahren werden können, zeigen die exemplarischen Lektüren des religiösen Versepos Der Messias und der anakreontischen Ode Das Rosenband. Am Schluss der Studie steht ein Ausblick auf die Symboltheorien des 18. und 19. Jahrhunderts, die das Erbe der epistemischen Konfiguration ‚Poema/Gedicht‘ antreten.
Die Ästhetik wird als eigenständige philosophische Disziplin im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts von Gelehrten an der Universität Halle begründet. Zur gleichen Zeit treibt die Frage nach dem ‚ganzen Menschen‘ in Halle die Gemüter um: Eine neue Wissenschaft vom Menschen, die Anthropologie, kündigt sich an. Treffend ist deshalb von einer „Gleichursprünglichkeit von Ästhetik und Anthropologie“ gesprochen worden. Worin genau sie besteht, klärt dieses Buch.
Das Verhältnis von Theologie und Literatur im 18. Jahrhundert, das weder begrifflich noch sachlich, weder historisch noch systematisch dem von Religion und Literatur oder Frömmigkeit und Literatur identisch ist, lässt sich als ein insgesamt instabiles, im Detail schwieriges und offenes beschreiben: Stärker als die Theologie im Katholizismus und im Judentum ist die im Protestantismus Transformationen unterlegen: Sie bewegt sich in der Spanne von Lutherischer Orthodoxie und rationalistischer Theologie zwischen erbaulicher cultura animi und vernünftiger Wissenschaft. Die Literatur der Zeit entwickelt sich in der Spanne von Barock zur Romantik von einer ancilla theologiae zu einer wohl selbstbestimmten und zugleich zunehmend am Markt orientierten Institution. Solchermaßen sind Theologie und Literatur in wechselnden Konstellationen aufeinander bezogen: z.B. lernt die Theologie von der Literatur die Gemeinde als ein Publikum zu fesseln, und die Literatur will als Predigt von der Theologie einen Sinnstiftungs- und Orientierungsanspruch übernehmen. Diese und andere Konstellationen und Verhältnisse der Konkurrenz und der Ergänzung, der Konfrontation und der Koexistenz nehmen die Beiträge des Bandes in den Blick.
Einem verbreiteten Vorurteil gemäß ist das Volk mit dem Sturm auf die Bastille 1789 als politisches Subjekt in die Geschichte eingetreten. Seither ist in der Tat die politisierte Volksmasse aus der soziologischen Theorie nicht mehr wegzudenken. Die Geschichte und die Literatur jedoch kannten das Phänomen schon länger. Als politisches Subjekt konstituierte sich das Volk der Frühen Neuzeit vor allem in der Revolte. Der Aufstand war eine gewöhnliche soziale Form im Leben der Unterschichten. Der philosophischen Theorie nach war von dem „tollen“, „unverständigen“, „unverschämten, verstockten Pöbel“ kein eigenständiges Handeln zu erwarten, obwohl man die gesamte „westeuropäische Kultur“ mit Sigmund Freud als Produkt der „Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten“ bezeichnen könnte. Die Dramatiker der Zeit hatten allerdings auf die ›Gesten des Volksaufstands‹ zu reagieren, besonders die Trauerspiel-Dichter. Das Trauerspiel galt als „Schul der Könige“ und ihrer Vollzugsorgane, der ›Politici‹. Als Staatsdiener wurden sie mit der täglichen Revolte der Unterschichten konfrontiert. Zu lehren war daher unter anderm, „wie dergleichen Auffrühre zu verhüten: oder wenn sie einmahl entstanden, zeitig zu stillen seyn möchten“, wie es Hiob Ludolph 1701 formulierte. Das ging aber nur, wenn man die Gesten des Volkssaufstands nicht nur wahrnahm, sondern auch dramatisch analysierte. Diese Herausforderung nahmen die Dramatiker an und produzierten Tragödien, die an der politischen wie poetischen Theorie ihrer Zeit vorbei das ›Volk in der Revolte‹ ernst nahmen und in actu präsentierten. Wie dies geschah, führt die vorliegende Untersuchung an herausragenden Beispielen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert vor.
Die Untersuchung thematisiert den systematischen Zusammenhang anthropologischer und ästhetischer Reflexion im 18. Jahrhundert und versteht sich als Beitrag zur Theoriegeschichte des ästhetischen Denkens im 18. Jahrhundert am Leitfaden des Emotionsbegriffs. Auf der Basis eines erweiterten Ästhetikbegriffs wird auf Texte der philosophischen Affekttheorie, Erfahrungspsychologie, Anthropologie und Kunsttheorie von Descartes über die deutsche Popularphilosophie zugegriffen und in exemplarischen Lektüren verfolgt, wie im Ästhetikdiskurs des späten 18. Jahrhunderts die Wende zum ästhetischen Subjekt, zum Gefühl interdisziplinär begründet wird.
Anthropologisch begründete Theorien des ästhetischen Wissens, so die leitende Hypothese, entwickeln die Eigenbedeutsamkeit des Ästhetischen vordergründig nicht als Metaphysik des Schönen (Theorie des ästhetischen Gegenstands und der Kunst), sondern durch Relativierung der rationalistischen Vorbehalte gegenüber der Sinnlichkeit und die Zurückbindung des Verständnisses des Schönen an die anthropologischen Voraussetzungen ästhetischen Wahrnehmens (Aisthesis). Anthropologische Ästhetik ist in diesem Verständnis erstens Aufklärung über die Sinnennatur des Subjekts, die auf die Anerkennung aller ästhetisch relevanten Vermögen zielt. Sie ist in einem entwicklungsgeschichtlich signifikanten Sinn zweitens Reflexion der
Leistungsfähigkeit der sinnlichen Wahrnehmung im Element des Empfindens, des Gefühls. Im Ergebnis der hier thematisierten Revisionen des rationalistischen Erkenntnisparadigmas (Ästhetik als scientia cognitionis sensitivae) wird Baumgartens Leitfrage nach dem "Beitrag der Sinne zur menschlichen Erkenntnis" (H. Adler) in diejenige nach dem Stellenwert der Emotionen für die ästhetische Erfahrung des Subjekts umformuliert.
In Immanuel Kant als dem führenden Vertreter der philosophischen Aufklärung und dem Geisterseher Emanuel Swedenborg stehen sich zwei auf den ersten Blick ganz gegensätzliche Repräsentanten des 18. Jahrhunderts gegenüber. Zugleich war Swedenborg einer der wenigen Autoren, denen Kant eine eigene Schrift, die Träume eines Geistersehers, widmete. Die Kant- und die Swedenborgforschung haben seither kontrovers über die Bedeutung Swedenborgs für Kants kritische Philosophie diskutiert und dabei auch ganz unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht. Ist in den Träumen nur die radikale Abwendung Kants von Swedenborg und dem hinter ihm vermuteten philosophischen Rationalismus zu sehen? Kann von einer späteren Rehabilitierung Swedenborgs durch Kant gesprochen werden und wie wäre dieser Wandel zu beurteilen? Hat Kant Swedenborg nicht nur zurückgewiesen, sondern zugleich auch wichtige Elemente seiner Lehre übernommen? Oder muss Swedenborgs Rolle lediglich auf eine „Negativfolie“ für die spätere Philosophie Kant reduziert werden? Im vorliegenden Band stellen Philosophen, Religionswissenschaftler, Theologen und Literaturwissenschaftler aus sechs Ländern ihre Deutungen des umstrittenen Verhältnisses zwischen Kants kritischer Philosophie und Swedenborgs „visionärem Rationalismus“ vor.
Über das gesamte Zeitalter der Aufklärung hinweg hält die Auseinandersetzung mit Traditionsbeständen aus Neuplatonismus und Hermetismus, Pythagoreismus, Magie, Alchemie und Kabbala an, die heute unter dem Begriff der frühneuzeitlichen Esoterik zusammengefasst werden. Die Formen zeitgenössischer Aneignung variieren zwischen historisierender, kritischer oder emphatisch zustimmender Rezeption und der Transformation und Integration einzelner Elemente oder Systemfragmente in neue Konzepte. Doch kommt es auch zu polemischen Konfrontationen mit den neu entstehenden esoterischen Formationen im Diskurs der Epoche. Die siebzehn Beiträge des Bandes entwickeln interdisziplinär übergreifende Fragestellungen, untersuchen die spannungsreichen Konstellationen der Zeit mit Blick auf ihre Entstehungsbedingungen im 17. Jahrhundert, erkunden anhand von Einzelstudien die Verlaufswege des Diskurses im 18. Jahrhundert und erörtern aktuelle Probleme der Esoterikforschung.
Der Band schließt an die 1999 erschienene Tagungspublikation zum gleichen Generalthema an und vertieft diesen Zugang zur Geschichte des 18. Jahrhunderts auf der Basis neuester Forschungen.
Die Wissenschaft vom Menschen eröffnete im 18. Jahrhundert den konzeptionellen Rahmen, um die Herkunft und Entwicklung der eigenen Spezies neu zu deuten. Gerade die immer populärer werdenden Berichte über die ‚Wilden‘ hatten dazu beigetragen, den biblischen Schöpfungsbericht infrage zu stellen. Angelehnt an naturwissenschaftliche Methoden wurde in der schottischen Aufklärung ein Modell hypothesengeleiteter, empirischer Menschheitsforschung entwickelt. Besonders in der deutschen Popularphilosophie fand diese Konzeption vielfältige Fortführungen, deren theoretische Anschlussfähigkeit und Kreativität durch die Spezialisierung und Disziplinierung des Feldes zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit gerieten.
Das 18. Jahrhundert wurde auch als das Pädagogische Jahrhundert bezeichnet. In Dessau wurde die erste, den Prinzipien der Aufklärung verpflichtete Reformschule von „Menschenfreunden“ („Philanthropen“) 1774 gegründet. Die Philanthropen revolutionierten den Unterricht, indem sie eine kindgerechte Lernstrategie entwarfen. Sie wollten nicht länger den Lernstoff der Gelehrten, sondern berufspraktisches Wissen für künftige Bürger vermitteln. Alle späteren Reformschulbewegungen in Deutschland beriefen sich auf diesen ersten umfassenden Schulversuch der deutschen Aufklärungspädagogik.
Yvonne Wübben untersucht einen Gespenstertraktat, der 1747 vom Halleschen Aufklärer und Ästhetiker G. F. Meier publiziert wurde. Sie macht dessen topische Entstehungsbedingungen sichtbar sowie seine Funktion, Wissen zu bündeln. Damit zeigt die Arbeit, dass die Hallesche Ästhetik auf die Empirisierung des Wissens
reagiert. Gespensterberichte bilden den Anlass, um über Erfahrung zu reflektieren und sich auf dem Marktplatz des Wissens gegen die ›New Sciences‹ zu bewähren. Die sich hier ausbildenden Rezeptionsmuster sind bei literarischen Autoren (Goethe, Schiller) nachzuweisen.
»Die Aufklärung zieht gegen Täuschung und Vorurtheil zu Felde.« Was der Prediger und Publizist Andreas Riem 1788 lakonisch behauptet, scheint den Konsens auch der heutigen Aufklärungsforschung zu beschreiben: Die Entdeckung und Zerstörung der Vorurteile habe im Interesse aller Aufklärer gelegen. Zur Gegenaufklärung wird gerechnet, wer sich für Vorurteile ausspricht oder über Wege des Umgangs mit ihnen nachdenkt.
Die Studie zeigt, dass es eine Verkürzung des aufklärerischen Diskurses wäre, betrachtete man das Vorurteil nur als Objekt der Aufklärung, als einen der von ihr anvisierten Angriffspunkte. Der Vorurteilsdiskurs wird vielmehr zum entscheidenden Modus aufklärerischer Selbstbefragung, der Selbstaufklärung der Aufklärung. Im literarischen und popularphilosophischen Nachdenken über das Vorurteil werden anthropologiebasierte Argumente wirksam. Sie erschüttern die rationale Gewissheit, mit der Vorurteile kritisiert und durch Wahrheit ersetzt werden sollten. Fragen nach der Funktion von Vorurteilen und nach Wegen, mit ihnen umzugehen, ersetzen die systemphilosophischen Fragen nach Begriff und Typologie. Anhand eines breiten Spektrums deutscher und europäischer Quellen zeigt der Verfasser, dass es dem Vorurteilsdiskurs des 18. Jahrhunderts mittels literarischer und paraliterarischer Formen gelingt, Aufklärung als selbstreflexive Urteilsbildung neu zu bestimmen.
Der Schweizer Johann Georg Zimmermann (1728–1795), ein bekannter Unbekannter der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte, gilt als Prototyp eines philosophischen Arzt-Schriftstellers, der an der Schnittstelle verschiedener Epochendiskurse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts steht. Die in der Forschungslandschaft »Literarische Anthropologie« angesiedelte Monographie untersucht einleitend Zimmermanns Bestimmung des Menschen im zeitgenössischen Kontext. Fünf daran anknüpfende Fragekreise analysieren sein vierteiliges Hauptwerk »Über die Einsamkeit« (1784/85): Schreiben und Einsamkeit als Therapeutica, Natur- und Landschaftsdarstellung, zwei unvermittelt nebeneinander bestehende Geschichtsparadigmen, die spezifische Einsamkeitstheologie sowie Aspekte seiner Sprachwelt. Das dritte Hauptkapitel unternimmt den Versuch einer Ortsbestimmung, indem nach der Literarität von Zimmermanns Gesamtwerk vor dem epochalen Hintergrund, nach medizin- und wissenschaftsgeschichtlichen Bezügen sowie nach seiner Verkörperung einer frommen Aufklärung gefragt wird. Dabei erweist sich Zimmermanns synthetische Originalität, die Traditionelles neuartig verbindet, ohne original Neues zu schaffen, und Ganzheit erkundet im Zeichen sich umgestaltender Wissenstraditionen in einer zunehmend sich ausdifferenzierenden Welt.
Die Arbeit erhellt einen Ausschnitt aus der Geschichte der französischen Geschichtsschreibung, noch bevor diese im 18. Jahrhundert u.a. mit Voltaire unter den Bedingungen einer selbstreflexiven, geschichtsphilosophischen Grundierung ansetzt. Ausgangspunkt ist die Frage, wie aus einer zumeist unkritischen, topisch tradierenden Historiographie mit ihren vielfältigen Perspektiven, Archivierungspraktiken und Notierungen gegen Ende des 17. Jahrhunderts allmählich ein im Ansatz geregelter Fachdiskurs zu entstehen beginnt, der epistemologisch mit Foucaults Begriff der "Repräsentation" zu beschreiben ist. Als ein besonderes Problem erweist sich dabei die Imagination, die, obwohl unabdingbar im Erkenntnisprozess, im cartesischen Sinn als eine prekäre Instanz wahrgenommen wird. In der in Frage stehenden Zeit (ca. 1670-1730) werden diese Bedingungsfaktoren in der historiographischen Praxis, z.B. beim Antiquar Bernard de Montfaucon wie in der theoretischen Reflexion so genannter méthodes einander vermittelt. Die Imagination wird auf ihr Evidenzpotenzial eingehegt, zugleich aber auch in ihrer konzeptuellen Kreativität anerkannt. Aus der epistemischen Spannung zwischen Repräsentationszwang und imaginativen Verfahren ist so die Formierung einer Disziplin angebahnt worden, die sich allerdings erst später in Frankreich und anderswo institutionell etablieren konnte.
Parallel zum Wandel von der Folgen- zur Gesinnungsethik nimmt im 18. Jahrhundert das Interesse an der Psyche des Menschen zu. Menschenkenntnis zielt so auf die moralische Beurteilung des Handelnden. Doch Moralphilosophie, Gesellschaftsethik und Anthropologie der deutschen Aufklärung diagnostizieren die Unerkennbarkeit des Individuums.
Die historische Analyse systematisiert die Argumente dieser Diskussion und verfolgt ihre Reflexion in deutschsprachigen Moralischen Erzählungen. Sie zeigt, dass die ab 1750 neu entstehende Gattung Sittenbeschreibungen mit der Didaxe der Aufklärungsmoral und des moralischen Urteilens verbindet. Auf der Basis eines breiten Quellenkorpus gelingt der Nachweis, dass Moralische Erzählungen nicht nur moralisch-normativ, sondern auch problemreflexiv und in ihrer empfindsamen Tendenz innovativ sind. Denn das "empfindsame" Verhaltensideal erweist sich als ein idealischer Ausweg, den weniger die Präzeptistik als vielmehr die Literatur aufzeigt.
Moralische Erzählungen prüfen mit psychologisch-anthropologischer Kompetenz theoretische Verhaltensvorgaben. Sie analysieren Verhaltensregeln, Tugendrigorismus, Verhaltenserwartung, -wahrnehmung und -konstituierung. Den Blick ins Innere, der real verstellt ist, kann ein "allwissender" Erzähler ausgestalten. Die narrativen Möglichkeiten der Fiktion kompensieren das Nicht-Wissen vom Menschen am Ende des 18. Jahrhunderts.
Entgegen der These Michel Foucaults vom Ende der Ähnlichkeit im 17. Jahrhundert und entgegen der gängigen Auffassung, das Analogiedenken habe in der Aufklärung keine signifikante Bedeutung mehr gehabt, beobachtet die Studie zahlreiche philosophische, poetische und religiöse Analogieformationen der Epoche. Ein problemgeschichtlicher Überblick erschließt Analogiemodelle bis 1750, wobei Lockes Erkenntnistheorie ebenso einbezogen wird wie der Wolffianismus in Deutschland. Der zweite Teil der Untersuchung widmet sich Formen und Figuren der Analogie im Werk des Königsberger Publizisten Johann Georg Hamann (1730-1788), im Gespräch mit der christlichen Apologetik seiner Zeit, mit Sokrates, Herder und Kant. Dabei erweist sich, dass der religiöse Sensualismus Hamanns insbesondere von Analogiekonzepten des britischen Antideismus profitiert. In der Auseinandersetzung mit Herder zeigt sich das polemische Potential der Debatte. Analogie und Ähnlichkeit, darin besteht Hamanns genuiner Beitrag zum Analogiediskurs seiner Zeit, werden in seinen Texten performativ eingesetzt: Sie bilden, im Operationsbereich von Begriff und Metapher, eine entscheidende Denkfigur und Strukturgröße seiner Schriften.
Der auf ein Kolloquium im Gleimhaus Halberstadt zurückgehende Band vereinigt Beiträge, die sich dem Verhältnis von Rokokoliteratur, Anakreontik und Empfindsamkeit im Alten Reich widmen. Behandelt wird vornehmlich der Zeitraum von 1740 bis 1780, vier Jahrzehnte, die von interdiskursiven Überschneidungen kunsttheoretischer, anthropologischer und ästhetischer Natur gekennzeichnet waren. Die Beiträge gehen den Interferenzen bzw. Differenzen der kulturpsychologischen, mentalitätsgeschichtlichen und moralphilosophischen Diskurse nach und betten diese in den Gesamtprozeß 'Aufklärung' ein.
Die Volkskalender des 18. und 19. Jahrhunderts sind ein singuläres medienhistorisches Zeugnis der Alltagserfahrung von interkultureller Dimension. Die Beiträge analysieren ihre Genese, die Text-Bild-Relation, genretypische Charakteristika, genderspezifische Fragen, die transkulturelle Relevanz dieses Lesestoffs sowie die Rolle im Prozeß einer Popularisierung der Aufklärung in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und den USA. Der Band knüpft an zwei Forschungsprojekte der Stiftung Volkswagen und der DFG an, die der Herausgeber mit Hans-Jürgen Lüsebrink und Jean-Yves Mollier realisiert hat.
Das Erziehungsprogramm des Philanthropismus, des wesentlichsten und folgenreichsten Zweigs der deutschen Aufklärungspädagogik, steht am Anfang der modernen Bildungsreform: Bereits vor dem Erscheinen von Rousseaus »Emile« postulierten die philanthropischen Pädagogen Johann Bernhard Basedow, Johann Andreas Cramer und Martin Ehlers eine auf die Natur der Kinder abgestimmte Erziehung, die die jungen Menschen schon frühzeitig mittels eines freundschaftlichen und sinnlich-spielerischen Anschauungsunterrichts zu mündigen Weltbürgern heranbilden sollte. Nahezu unbekannt ist, daß die ideengeschichtlichen Anfänge des Philanthropismus im pädagogischen Diskurs der ab 1715 einsetzenden hamburgischen Frühaufklärung zu suchen sind und daß die philanthropische Pädagogik schon seit den 1750er Jahren von Basedow und Ehlers im dänischen Gesamtstaat in der Schulpraxis erprobt wurde. Die Studie beschreibt diese bisher wenig beachtete Frühgeschichte des Philanthropismus im Detail und auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Quellenstudien, indem ideengeschichtliche und sozialgeschichtliche Aspekte stets neu aufeinander bezogen und miteinander verwoben werden. Dabei wird im Ergebnis ersichtlich, daß die von Basedow und Cramer konzipierte philanthropische Pädagogik ihrem innersten Wesen nach eine theologisch motivierte Erziehung zur religiösen Toleranz war.
Die hier vorgelegten, zum Teil erheblich erweiterten Beiträge zu einer Tagung über Johann Gottfried Schnabel (1692-?1760), die Anfang 2002 in Halle stattfand, zielen auf eine Erweiterung des Feldes, in dem der Autor der »Insel Felsenburg« zu vermessen wäre. Das Werk wird neu gesehen mit Blick auf Leibniz und Thomasius, auf die hermetische Philosophie und die Gespenstertheologie, auf Kultur- und Anthropologiekonzepte. Zugleich kommt der Stellenwert von Schnabels Romanen wie auch seiner (einzigen) Festbeschreibung innerhalb der - umfassender nachgezeichneten - jeweiligen frühaufklärerischen Gattungsprofile genauer zur Erscheinung.
Die bisherige Forschung hat den anthropologischen Paradigmawechsel der europäischen Spätaufklärung (ca. 1750–1800) vorwiegend als einheitlichen Prozeß gedeutet und die Gegenstandsfelder jeweils nur sektoral abgehandelt. Der vorliegende Band geht einen anderen Weg. Er insistiert auf dem Zusammenhang von Konstruktions- und Gegenstandslogik in der Anthropologie und begreift ihn als Ausdifferenzierung im Spannungsfeld von physischem und sittlichem Menschen. Die Einzelstudien behandeln folgende Themen bzw. Interpretationsverfahren: Das Verhältnis von Soma und Pneuma; die Selbsterzeugung des Menschen im naturhistorischen Prozeß; Anthropologie und Zivilisationsgenese; Empirismus als anthropologische Erkenntnisform; Anthropologie und Utopie; fiktive Anthropologie als Erkenntnisverfahren; Philosophie, Wissenschaft und Mythos.
Georg Forster (1754-1794) ist als Weltreisender und Revolutionär, als Aufklärer, Ethnologe und Essayist gewürdigt, aber kaum als Anthropologe ernst genommen worden. In der Tat hat er die »neue Anthropologie«, die er plante, nie geschrieben. Umso kenntnisreicher und engagierter hat er in seiner berühmten »Reise um die Welt« sowie in den Aufsätzen »Noch etwas über die Menschenraßen« und »Leitfaden zu einer künftigen Geschichte der Menschheit« zu den zentralen Streitfragen der physischen Anthropologie Stellung bezogen.
Hier setzt die vorliegende Untersuchung an. Sie macht in einer quellenbezogenen Rekonstruktion erstmalig den wissenschaftsgeschichtlichen Anspielungs- und Diskussionshorizont dieser Texte sichtbar. Ob es um die Frage nach dem Differenzkriterium von Affe und Mensch, um die Klassifizierbarkeit des Menschengeschlechts in verschiedene Rassen, um das Problem der Monogenese oder Polygenese oder um die Idee einer dem Leibe abgelesenen Geschichte der Menschheit geht: immer bewegt sich Forster im Spannungsfeld der einschlägigen Debatten und Kontroversen zwischen Buffon und Linné, Voltaire und Demanet, Kant und Herder, E.A.W. Zimmermann und Home, Blumenbach und Soemmerring. Den Anthropologen Forster in diesem diskursiven Feld zu profilieren, ist das Ziel dieser Untersuchung.
Die Psychologie nimmt im Werk Christian Wolffs (1679-1754) eine zentrale Stellung ein. Sie begründet die Logik und die praktische Philosophie mit Naturrecht, Ethik, Politik und Ökonomik. Der vorliegende Band geht den vielfältigen Problemen nach, die sich mit Wolffs Konzeption einer rationalen und einer empirischen Psychologie einerseits, ihrer Grundlegungsfunktion innerhalb des Wolffschen Systems der Philosophie andererseits ergeben. Darüber hinaus stellt er die Psychologie Wolffs in den philosophie- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext von der Scholastik bis zur kritischen Philosophie Immanuel Kants.
Die Sozietäten rücken neuerdings wieder verstärkt in den Blick bei der Erforschung des 18. Jahrhunderts. Standen früher vor allem die sogenannten 'Aufklärungsgesellschaften' im Mittelpunkt, zieht nun ein breiteres Spektrum von Gesellschaftsbildungen die Aufmerksamkeit von Geistes- und Kulturwissenschaftlern verschiedenster Disziplinen auf sich. Verbindendes Element ist das gemeinsame Interesse an der Ausbildung von Soziabilität, Netzwerken und Kommunikationsstrukturen. Der im Titel formulierte Dreischritt hat somit programmatischen Charakter: Studien zu einzelnen Sozietäten und Mitgliedern sowie Analysen personeller und institutioneller Netzwerke bilden die Grundlage für ein sich abzeichnendes Bild einer Kommunikationsgeschichte der Vergesellschaftung im 18. Jahrhundert.
Der auf eine Tagung von 1998 in Halle zurückgehende Band versucht, das Verhältnis des Christian Thomasius (1655-1733) zu Literatur und Gelehrtenkultur mit Hilfe von Pierre Bourdieus Theorie des 'literarischen' bzw. des 'intellektuellen Feldes' zu untersuchen. Im Fragehorizont des Feldbegriffs als einer mehr oder weniger expliziten, blicklenkenden Heuristik wird nach dem literarisch-kulturellen Wissen, den ästhetischen und poetologischen Konzepten und Leitbildern und der 'Ökonomie der Praxis' des Thomasius als Gelehrter, Satiriker, Kritiker gefragt sowie nach den Impulsen, die er seinerseits der Umgebung mitteilt. Schließlich geht es um die Feldstrukturen selbst, in denen er und seine Bezugsautoren agieren, lokal in Leipzig und Halle sowie überregional über die Printmedien vermittelt.
Der Band konturiert die Bedeutung der 'vernünftigen Ärzte' in Halle um Stahl, Krüger, Unzer, E.A. Nicolai, Bolten u.a. für die anthropologische Wende um 1750. Gezielt wird damit auf die Anthropologie vor der Anthropologie (i.S. Platners und der spätaufklärerischen 'philosophischen Ärzte'). Im Zentrum stehen 1.) die Entstehungsbedingungen von Anthropologie und Ästhetik (Baumgarten, Meier u.a.) im Kontext von Stahlianismus, Pietismus, Thomasianismus und Wolffianismus, 2.) die Vordatierung der Ursprünge der Anthropologie im deutschsprachigen Raum von der Spät- in die Frühaufklärung, 3.) die Gleichursprünglichkeit von Anthropologie und Ästhetik auf Grund eines vergleichbaren, antikartesianischen Impulses, d.h. die Supplementierung der herkömmlichen Logik um eine 'Logik der sensitiven Erkenntnis' (d.i. Ästhetik) und ein ganzheitliches, Leib und Seele umfassendes Menschenbild (d.i. Anthropologie). Die Beiträge leisten einen Beitrag zur Erforschung jener disziplinären Bereiche der Moderne, die vom Kartesianischen Wissenschaftsdispositiv verdrängt worden und in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung unthematisch geblieben sind. Der antikartesianische Impuls von Ästhetik und Anthropologie um 1750 macht die 'vernünftigen Ärzte' anschlußfähig an heutige Überlegungen zu Psychosomatik und ganzheitlichen Therapieansätzen und bildet die Brücke zu einer 'Logik des Individuellen'.
Licht in die Köpfe zu bringen war das erklärte Ziel der Aufklärer: Wie nirgends sonst wurde die Aufklärung im Fürstentum Anhalt-Dessau demonstrativ praktiziert. Seit der Berufung des verketzerten Johann Bernhard Basedow (1724-1790), der 1774 das Philanthropin (eine Erziehungsanstalt) gründete, war Dessau-Wörlitz in aller Munde. Hirsch mustert kritisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens an Hand der oft enthusiastischen Lobreden der Besucher und der Publizistik über dieses Zentrum der Aufklärung, wo man Vorurteile abbaute, die Emanzipation der Juden voranbrachte und in einem Gartenreich die pädagogische Provinz und den "Friedensstaat" der Aufklärung verwirklichte.
Die pluridisziplinäre Analyse dieser beiden Zeitschriften stellt einen originären Beitrag zur Rezeption der Französischen Revolution in Deutschland dar. Die Arbeit basiert auf einem kontinuierlichen Vergleich der historischen Bedingungen beider Länder zu dieser Zeit und daraus resultierend auf einer klaren Darstellung des komplexen Spiels zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont. Dabei zeigt sich, wie untrennbar die Wahrnehmung der revolutionären Geschehnisse mit der repressiven Politik Preußens unter Friedrich Wilhelm II. verbunden ist: Die durch diese Politik bedingte Neuformulierung der ursprünglich dominierenden philanthropischen Thesen im Journal zugunsten einer protoliberalen Position erklärt die anfängliche Begeisterung für die Revolution, und zugleich deren Grenzen. Denn ihre Vertreter werden innerhalb der deutschen Gelehrtenrepublik angefeindet und von den Regierungen im Reich zunehmend unterdrückt. Führen die Autoren der Journale zuerst standhaft ihren Kampf für die Freiheit, so gelangen sie dennoch wegen der Radikalisierung der Situation in Frankreich zu einer kritischen Bewertung der Revolution. Während die Autoren des »Braunschweigischen Journals«, getragen von der Hoffnung auf die Einleitung einer vergleichbaren Politik der Reformen in Deutschland, ihr Augenmerk nach Frankreich richten, wenden sich die Verfasser des »Schleswigschen Journals« von Frankreich ab.
L'étude du »Braunschweigisches Journal« et »Schleswigsches Journal« (1788--1793) permet d'expliquer avec précision les causes et les limites de la réaction des Allemands face à la tourmente révolutionnaire car ces deux revues paraissant des 1788, il est possible de montrer que la réception de la Révolution est indissociable de la répression qui sévit, en Prusse, sous le règne de Frédéric Guillaume II. Confrontés à la politique réactionnaire de son gouvernement, les Philanthropistes qui déterminent la ligne directrice du »Braunschweigisches Journal«, reviennent sur les positions qu'ils avaient formulées jusque-là et insistent sur la nécessité de protéger les droits des individus. Les croyant garantis par la Révolution, les auteurs s'enflamment pour elle. Au fil des mois, ils adoptent donc des positions protolibérales de plus en plus marquées, s'exposant par là à de vives critiques de la part tant des gouvernants que des publicistes conservateurs. L'amertume que les auteurs ressentent vis-à-vis des controverses qui déchirent la République des Lettres est d'autant plus forte que la France trahit, peu à peu, les espoirs qu'ils avaient placés en elle. La dégradation de la situation en France, et la guerre qui s'ensuit, provoquent finalement chez les auteurs du »Schleswigsches Journal« une réaction contraire à celle qu'on pouvait constater chez ceux du »Braunschweigisches Journal« en 1789. Alors qu'à cette date, ils portaient leurs regards vers la France, espérant de leurs souverains une politique de réforme comparable à celle qui s'y produisait, ils les détournent maintenant, croyant pouvoir, par là, sauver les acquis de l'Aufklärung. Néanmoins, même ce mouvement de repli sur soi, qui s'accompagne du refus d'un certain nombre des formes de la sociabilité éclairée et, surtout, d'une prise de parti en faveur de l'absolutisme éclairé s'achève sur un échec.
Wie sieht die Subgeschichte der Frühaufklärung aus? Mathurin Veyssière La Croze war Benediktiner in Paris und dann Bibliothekar des preußischen Königs in Berlin. Er gilt als einer der großen Orientalisten seiner Zeit, zugleich als Kirchen- und Missionshistoriker von Rang. Das Nachspüren seiner Fluchtwege, Netzwerke und intellektuellen Interessen ermöglicht einen Einblick in die Verbindung von gelehrten Debatten mit persönlichen Beziehungen zu Juden, Atheisten oder Sozinianern. Der Leser erhält einen Eindruck von der Vermittlertätigkeit zwischen der Republique des lettres und der "clandestinen" Welt der Geheimschriften, Glaubensflüchtlinge und Heterodoxien. Den Anlaß zur Nachforschung bietet eine französische Versbearbeitung der Ringparabel, in der die Toleranzfrage im Kontext der Situation der exilierten Hugenotten nach 1685 gestellt wird. Die Suche nach dem Autor der Bearbeitung endet schließlich im Holland der Buchfabrikanten und Refugiés um 1720.
Die ältere Staatswissenschaft oszilliert im Deutschland des 18. Jahrhunderts im Spannungsfeld von Absolutismus und Aufklärung zwischen staatlicher und wissenschaftlicher Konstruktion des Staatsdiskurses. Dies resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, daß die akademische Etablierung der säkularen Staats- und Verwaltungslehre unmittelbar verbunden ist mit der Eingliederung der Universitätsbildung in die staatliche Verwaltung. Bisher ist die Zurechnung der älteren Staatswissenschaft zu den Paradigmen der klassischen Politik, der modernen Staatsbildung und der politischen Aufklärung entweder theorieimmanent problematisiert oder in unmittelbare Beziehung gesetzt worden zur sozialgeschichtlichen Transformation der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft. Im Gegensatz dazu soll versucht werden, die Staatswissenschaft anhand ihrer Funktion, ihrer Struktur und ihrer Genese zu verstehen, indem die Funktion der Universität Halle als spezialisiertes wissenschaftliches Produktionsfeld in Beziehung zur politischen Begriffs- und Theoriebildung gesetzt wird. Im milieusoziologischen Fokus der Universität wird der - durch die Veränderung des Wissenschaftssystems bedingte - innere Strukturwandel der Politischen Wissenschaft an der Schwelle zur Moderne komplementär zum sozialen Wandel der politischen Dispositionen untersucht.
Das Konzept der Begriffsgeschichte hat in den verschiedenen Fächern nach 1945 Innovationsprozesse ausgelöst. Die Themenstellung 'Recht und Sprache' verweist auf eine sehr viel ältere Tradition. Bezogen auf das Zeitalter der Aufklärung wird in diesem Band die Leistungsfähigkeit beider Zugänge an unterschiedlichsten Fragestellungen erprobt: Probleme der Terminologie bei Wolff, Mendelssohn und Kant; die Herausbildung von Fachsprachen bei Leibniz; Rechtssprache und Lexikographie; die (sprachliche) Behandlung von Minderheiten; juristische Schreibart und Hermeneutik im 18. Jahrhundert; aufklärerische Tendenzen in der Gesetzessprache; schließlich literarische Transpositionen von Rechtsterminologien. Der Band erstrebt eine Synthese von methodologischer Innovation und konkreter Quellenanalyse.
Georg Ernst Stahl (1659-1734) war weltbekannt als Vertreter einer holistischen Medizin, späterhin als die "natürliche Methode" von Schülern verbreitet und popularisiert. Er war u.a. ein Gegner invasiver Behandlungsmethoden, insbesondere der Verschreibung vieler Medikamente. 1694 wurde er an die neugegründete Universität Halle berufen, als diese zum Versammlungsort reformwilliger junger Professoren wurde. Christian Thomasius und Johann Buddeus waren seine frühen Mitstreiter. Die Verfechter geistiger und erziehungsorientierter Erneuerung waren aber auch in den Erweckungsbewegungen zu finden. So trugen Stahls Auffassungen einer "wahren Medizin" wesentlich dazu bei, den Pietismus zu stärken, auf praktischer Ebene als Anweisung zur Gesundheit und im Krankheitsfall als Behandlungsmethode. Aber auch in psychologischer Hinsicht war Stahls Theorie von großer Bedeutung. Er war überzeugt, der Mensch sei angewiesen auf synergetische Prozesse, die im Körper, in der Seele, oder im Umbruch zwischen beiden, in den Sinneswahrnehmungen oder Gefühlen ihren Ausgang nahmen. Dies erlaubte es, seelische und natürliche Intelligenz als Einheit zu sehen und machte es mehr als plausibel, daß Empfindung und Einbildungskraft gleichrangig mit der Vernunft anzuerkennen seien. Stahls ansehnliches Wirken auf medizinische, psychologische und ästhetische Überlegungen zur Anthropologie ist nachweisbar. Die Schriften des pietistischen Arztes Christian Friedrich Richter und des Radikalseparatisten Johann Samuel Carl, ebenfalls Arzt und Schüler Stahls, verbreiteten diese "Psychomedizin" weit über akademische Kreise hinaus. Stahl stellte somit sowohl die ideologisch motivierte Identifizierung menschlicher Selbstbestimmung mit Vernunft wie auch eine reduktive "mechanistische" Physiologie (z.B. Hallers Irritationslehre) in Frage. Das Buch beschreibt das Leben Stahls und setzt seine Medizin in den Kontext der politischen, geistigen und sozialen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Seine Auffassung, der Arzt sei Diener der Natur, nicht ihr Beherrscher, hat noch heute Relevanz.
Im Gegensatz zu dem Weltreisenden und Revolutionär Georg Forster (1754-1794) ist der Autor Forster, der Theoretiker der Wahrnehmung und der Beschreibung weniger bekannt. Der Band vereinigt Studien zu unterschiedlichen Werkgruppen Forsters, die befragt werden nach der Aneignung des 'Wirklichen' durch 'Erfahrung', 'Verstand', 'Idee', 'Bild' und 'Totaleindruck' im Spannungsfeld von Perzeption und Möglichkeitskonstruktion. Konkrete Textanalyse, Bestimmung der Wirkungsabsicht des Autors bzw. der Arbeitsverfahren des 'gesellschaftlichen Schriftstellers' eröffnen ein neues Forster-Bild.
Der Band versammelt Beiträge, die im Rahmen einer Tagung am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung gehalten wurden. Diese stellte sich die Aufgabe, einem Forschungsdesiderat nachzugehen: dem Stellenwert der Fußreise innerhalb der deutschsprachigen Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. Behandelt werden autobiographische und dichterische Texte, die in exemplarischer Weise Auskunft geben über einen Sachverhalt: der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzenden sozialen Aufwertung der Reise zu Fuß (und deren Reflexion), die einhergeht mit einer Raumerfahrung, die aus der Sicht des Kutschenreisenden so nicht möglich war. - Ergänzt wird der Band durch eine Quellenbibliographie zu den Fußreisen in dem behandelten Zeitraum.
Mitte des 18. Jahrhunderts fand im Diskurs der Aufklärung eine bedeutsame Umorientierung statt. Der einseitige Rationalismus wurde abgelöst durch eine Konzeption des 'Ganzen Menschen', die nun auch seine Sinnlichkeit als Erfahrungsraum der Vernunft zum Gegenstand hatte. Vor diesem Hintergrund untersuchen 13 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen in den Beiträgen dieses Bandes, wie sich die anthropologische Wende auf die utopische Literatur sowie die von ihr beeinflußte Landschaftsgestaltung und Architektur ausgewirkt hat. Der vorliegende Versuch besticht gerade dadurch, daß erstmals der gesamte Paradigmenwechsel in interdisziplinärer Zusammenschau vorgestellt wird.
Gesellschaftliches Substrat der Aufklärung waren die Aufklärungsgesellschaften im Ancien Régime. In Gelehrten und Patriotischen Sozietäten, Freimaurerlogen, Lesegesellschaften und Geheimbünden trafen sich Adelige und Bürgerliche, Gelehrte und Kaufleute, Professoren und Studenten zu gemeinsamer Tätigkeit. Über die Strukturen dieser 'Gesellschaft der Aufklärer' gibt es jedoch bis heute keine prosopographisch fundierten Studien zu einer ausgedehnten Sozietätslandschaft. In seiner vorliegenden Arbeit stellt sich der Autor deshalb anhand der Aufklärungsgesellschaften Mitteldeutschlands die Aufgabe, diese Strukturen systematisch zu analysieren. Wieviele solcher Sozietäten hat es wo und wann im 18. Jahrhundert gegeben? Wer war in ihnen Mitglied? Existierten die Gesellschaften isoliert voneinander oder waren sie über Doppelmitgliedschaften und Sozietätskarrieren verbunden? Läßt sich ein Netzwerk der Aufklärer nachweisen?
Der Band versammelt die Akten einer Tagung der deutschen und italienischen Gesellschaften für die Erforschung des 18. Jahrhunderts. Der Bogen spannt sich von der noch lateinisch geprägten Gelehrsamkeit aus dem frühen 18. Jahrhundert bis zu naturwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Problemstellungen der späten Aufklärung. Die erste Abteilung 'Kontakte' verhandelt komparative Aspekte wie Brief-, Orts- und Kontextwechsel, nationale Standpunkte bei der literarischen Wertung, kontrastive Gelehrtenideale, Übersetzungen. Die zweite Abteilung 'Institutionen' präsentiert Untersuchungen zur Gelehrsamkeit in Oper und Theater, zu ihrer Institutionalisierung in Akademien sowie ihrer Verbreitung durch Drucker bzw. Verlage.
Jakob Friedrich Reimmann steht zwischen Barock und Aufklärung. Er ist einer der großen Vertreter der Literaturgeschichte (Historia litteraria) im frühen 18. Jahrhundert, jener vergessenen Disziplin, die Bildungs-, Wissenschafts- und Buchgeschichte sein wollte und von Reimmann in systematischer Weise für viele Disziplinen und Kulturen durchgeführt worden ist. Sein Werk kann als exemplarisch für die Spannungen gelten, die sich zwischen einem traditionellen Vertrauen auf eine providentiell geordnete Geschichte und der neuen, skeptisch-hypothetischen Wissenschaftskultur ergaben.
Die mit Thomas Morus einsetzende klassische Utopietradition hat den Geltungsanspruch eines regulativen Prinzips bzw. eines Ideals vertreten. Das änderte sich im 18. Jahrhundert grundlegend. Wie die Aufklärung das Problem praktischer Wirklichkeitsveränderung in den Utopie-Diskurs einbrachte und dabei das 19. Jahrhundert antizipierende Formen der Legitimierung gesellschaftlicher Praxis hervorbrachte, ist das systematische Erkenntnisinteresse der in diesem Band gesammelten Beiträge. Sie sind aus dem Symposion zum Thema "Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert" hervorgegangen, das im Frühjahr 1995 am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle stattgefunden hat.
Publiziert werden hier Vorträge, die während einer Tagung zum 200. Todestag Bürgers und zum 275. Geburtstag Gleims in Halberstadt gehalten wurden. Themen sind u.a. die Freundschaftsbeziehung zwischen Gleim und Bürger, die Dichtungs- und Freundschaftskonzepte des späten Gleim und sein Briefwechsel. Neue Zugänge werden eröffnet zu Bürgers Biographie, seinem "Münchhausen"-Buch und zu seiner Lehrtätigkeit an der Göttinger Universität. Ein Anhang bietet bislang nicht publiziertes Quellenmaterial zur sozialen Herkunft Bürgers.
Johann Salomo Semler (1725-1791), der wesentliche Anregungen von seinem Lehrer S.J. Baumgarten und der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft aufgenommen hat, gilt als Begründer der einflußreichen und bis heute umstrittenen historisch-kritischen Theologie, die Elemente der Traditionsbewahrung und der Traditionskritik in sich vereint. Nachdem zunächst auf dem Hintergrund der Zeitgeschichte die Stadien seines Lebensweges nachgezeichnet wurden, konzentriert sich die folgende Darstellung auf das Bibelverständnis und die Hermeneutik, die Christologie und Soteriologie sowie den Perfektibilitätsgedanken. Erörtert werden auch Semlers Forderung nach Gewissensfreiheit und religiöser Toleranz und ihre Auswirkung auf das Zusammenleben in einem mehrkonfessionellen Staat. Skeptisch und ablehnend gegenüber einer ohne Lehrkonsens vollzogenen institutionellen Kirchenvereinigung von Protestantismus und Katholizismus, ist Semler mit seiner Wesensbestimmung des Christentums doch für eine die Konfessionsgrenzen überwindende geistliche Einheit der Christenheit eingetreten. Auf ihn geht auch der Begriff der 'Privatreligion' zurück, und er formuliert wichtige Gründe für die Unterscheidung von christlicher Religion und wissenschaftlicher Theologie.
Der Band versammelt die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Kolloquiums am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (28.-30.10.1993). In europäischer Perspektive steht im Vordergrund die Batteux-Rezeption in der Halleschen Ästhetik. Im Bereich der Prosa geht es um die dichtungstheoretische Selbstverständigung für utopische Genres. Das Gros der Beiträge beschäftigt sich mit Problemstellungen der sich in Halle konstituierenden Ästhetik (A.G. Baumgarten, G.F. Meier), deren Relevanz für den poetologischen Diskurs der Frühaufklärung und ihre Wirksamkeit in der Dichtungspraxis vornehmlich der beiden Halleschen Dichterschulen (Pietismus, Anakreontik).