Pluralisierung & Autorität
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Herausgegeben von:
SFB 573
Unter den Leitbegriffen ›Pluralisierung‹ und ›Autorität‹ konzentriert sich diese Reihe auf eine Grundfigur der Frühen Neuzeit. Die Aufmerksamkeit liegt dabei nicht auf dem historischen Siegeszug von Pluralität als einem Ideal der Moderne, sondern auf dem Spannungsverhältnis zwischen Phänomenen der Pluralisierung und Setzungen von Autorität. Dieses Verhältnis ist keineswegs deckungsgleich mit dem von Innovation und Beharrung: Pluralisierung bewirkt nicht nur den Abbau vorgegebener Autoritäten, sondern setzt selbst wiederum Autorisierungsprozesse in Gang. Die Leitbegriffe der Reihe eröffnen eine Doppelperspektive, die es erlaubt, für gewöhnlich isoliert betrachtete Entwicklungen in Literatur, Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft, Religion und Recht in einem gemeinsamen interdisziplinären Rahmen zu erfassen. Die Bände der Reihe verstehen sich als Beiträge zu einer Neukartierung der Epoche zwischen dem Spätmittelalter und der ›Sattelzeit‹ um 1750.
- Innovativer Ansatz
- Interdisziplinäre Ausrichtung
- Internationale Beiträge
Die frühneuzeitliche Rezeption klassischer Mythen in Text und Bild beförderte nicht nur eine Vielzahl von Deutungsmustern und Bildtraditionen, sondern provozierte zugleich bildliche und literarische Gegenreaktionen in Form neuartiger und komischer Mythenadaptionen. Der Witz dieser ikonographischen Verfremdungen hinterfragt sowohl die durch den Mythos vermittelten Sinngehalte als auch die aus der Antike herstammenden Verfahren der Mythenallegorese sowie die den antiken Vorbildern zugemessene Autorität.
Die Studie kontextualisiert erstmals „launige“ Götterbilder aus der italienischen und nordalpinen Profanmalerei und Druckgraphik im Rahmen größerer Motivkomplexe sowie dichtungs- und kunsttheoretischer Diskurse.
In the seventeenth and eighteenth centuries, objects, texts and people travelled around the world on board Dutch ships. The essays in this book explore how these circulations transformed knowledge in Asian and European societies. They concentrate on epistemic consequences in the fields of historiography, geography, natural history, religion and philosophy, as well as in everyday life. Emphasizing transformations, the volume reconstructs small semantic shifts of knowledge and tentative adjustments to new cultural contexts. It unfolds the often conflict-ridden, complex and largely global history of specific pieces of knowledge as well as of generally-shared contemporary understandings regarding what could or could not be considered true. The book contributes to current debates about how to conceptualize the unsettled epistemologies of the early modern world.
Il presente lavoro offre nuovi spunti per ricostruire la storia della lingua in Italia tra medioevo e prima età moderna. Il focus è posto sui ricettari di segreti, una tradizione discorsiva linguisticamente tanto multiforme quanto i contenuti in campo medico, scientifico e magico-religioso che traspone. Tramite di essi vengono esaminate le dinamiche di contatto tra gli idiomi del Regno di Sicilia e il generarsi di varietà linguistiche eterogenee.
Il presente lavoro offre nuovi spunti per ricostruire la storia della lingua in Italia tra medioevo e prima età moderna. Il focus è posto sui ricettari di segreti, una tradizione discorsiva linguisticamente tanto multiforme quanto i contenuti in campo medico, scientifico e magico-religioso che traspone. Tramite di essi vengono esaminate le dinamiche di contatto tra gli idiomi del Regno di Sicilia e il generarsi di varietà linguistiche eterogenee.
Die vorliegende Studie analysiert anhand von Zeugnissen der Verwaltungskommunikation im spanischen Regno di Napoli regionale historische Mehrsprachigkeit auf der Basis pragmatischer Texte und widmet sich somit der Untersuchung eines hochgradig durch Sprachenpluralität gekennzeichneten Kommunikationsraums.
Die anhand von überwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammenden Beispielen erfolgende Darstellung der Sprachenwahl innerhalb der Verwaltungskommunikation wird mit Blick auf die diese prägenden Autorisierungsprozesse vorgenommen. Auf der Grundlage von zum Großteil dem Archivo General de Simancas entstammenden Materialien wird die sprachliche Gestaltung der Verwaltungskommunikation dreifach perspektiviert, wobei aus der Mehrsprachigkeit der Texte und der Kommunikationsvorgänge Erkenntnisse zur Mehrsprachigkeit der beteiligten Personen gewonnen werden, die wiederum in enger Verbindung mit den für die Sprachenpluralität feststellbaren Autorisierungsprozessen stehen.
Die 1582 von Papst Gregor XIII. verkündete Kalenderreform war nur im katholischen Europa durchgeführt worden, die protestantischen Gebiete verblieben in der Regel beim Julianischen Kalender. Von 1582 bis teils ins 18. Jahrhundert hinein war die Kalenderordnung Westeuropas damit zweigeteilt - mit zehn, später elf Tagen Differenz. Im Mittelpunkt der kulturwissenschaftlich orientierten Studie stehen die publizistischen, theologischen, wissenschaftlichen und (konfessions‑)politischen Auseinandersetzungen um die Kalenderreform im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Erstmals wird dabei auch die Genese und Einführung des „Verbesserten Kalenders“ durch das Corpus Evangelicorum im Jahr 1700 untersucht, mit der die Datumsgleichheit im Alten Reich wiederhergestellt wurde. Dies gewährt zugleich einen Einblick in Selbstverständnis und Abläufe am Reichstag um 1700. Die Verknüpfung von alltags-, mentalitäts- und ideengeschichtlichen Aspekten gewährt einen komplexen Einblick in die konfessionspolitischen Verhältnisse vom späten 16. bis ins beginnende 18. Jahrhundert und ermöglicht, Wahrnehmung und Wirkung zeitlicher Pluralisierung in der Frühen Neuzeit zu beleuchten.
Revisionen des Epochenprofils durch einen historisch trennscharfen Konzept-rahmen zu ermöglichen - mit diesem Ziel hat der Münchner Sonderforschungsbereich 573 eine Heuristik erarbeitet, die sich von den Teleologien vorgängiger Forschungsparadigmen abhebt. Anders als Konzepte wie ‚Modernisierung‘, ‚Säkularisierung‘ oder ‚Rationalisierung‘ zielt diese Heuristik darauf ab, richtungsoffene und widersprüchliche Entwicklungen auf allen Ebenen der frühneuzeitlichen Kultur zu erkennen und zu beschreiben. Für die Frühe Neuzeit ist typisch, dass Autoritäten auf Gegenautoritäten treffen, Institutionen miteinander konkurrieren, Traditionen in Frage gestellt werden, unterschiedliche Modelle der Praxis entwickelt werden und die Ordnung der Disziplinen durch epistemische und mediale Umbrüche transformiert wird. Die Dynamik der Pluralisierung erfasst somit auch deren - vermeintlich statisches - Pendant, die Autorität, die sich in Prozessen der Autorisierung stets neu behaupten muss.
Die Aufsätze des Bandes - zehn von Münchner, fünf von auswärtigen Beiträgern - entstammen größtenteils der Abschlusstagung, mit der der SFB Ergebnisse und Perspektiven seiner elfjährigen Forschungsarbeit zur Diskussion stellte.
Der Sammelband vereint Beiträge, die das komplexe Zusammenspiel der Integrations- bzw. Desintegrationsbemühungen des griechisch-lateinisch-italienischen Kulturnetzwerks im 15. Jahrhundert unter verschiedenen Aspekten untersuchen. Im Zentrum dieser steht exemplarisch die Figur des Kardinals Bessarion: Thematisiert wird zum einen die Aufnahme Bessarions in okzidental-lateinische Kreise, zum anderen die Beziehungen des Kardinals zu seiner griechischen Heimat, zu anderen Exilgriechen sowie die sich daraus ergebenden Formen griechischer Desintegration und lateinischer Integration. Darüber hinaus beleuchten akzentuierende Beiträge Bessarions Vertrautenkreis, das Kardinalskollegium und sein Wirken als Legat. Weitere Schwerpunktbereiche beschäftigen sich mit dem Einfluss des Kardinals auf die Rezeption griechischer Wissenschaften sowie mit der Frage, wie das Bild antiker Philosophie durch Bessarion und dessen Entourage konstruiert wird und sich diese (Re-)Konstruktionen von anderen zeitgenössischen Versuchen, die Philosophie neu zu fassen, unterscheiden. .
Die Beiträge des aus der Tagung „Reperti di plurilinguismo nell'Italia spagnola (sec. XVI‑XVII) / Hallazgos de plurilingüismo en la Italia española (siglos XVI‑XVII)“ (München 13./14.10.2011) hervorgehenden Sammelbandes beleuchten die Mehrsprachigkeit der frühneuzeitlichen Italia spagnola aus unterschiedlichen Blickwinkeln und erschließen sie als Problem der romanistischen Sprachgeschichtsschreibung. Ein Teil der Beiträge ist dem Sprachkontakt und der spanisch-italienischen Diskurs- und Textproduktion gewidmet, wobei auch deren vor allem literarische Reflexion zur Sprache kommt; ein anderer Teil befasst sich mit rein italianistischen Fragestellungen wie dem Verhältnis regionaler Schreibtraditionen zum Toskanischen.
I contributi riuniti negli Atti del Convegno Reperti di plurilinguismo nell’Italia spagnola (sec. XVI–XVII) (Monaco di Baviera, 2011) indagano da angolature diverse il plurilinguismo dell’Italia spagnola nella prima età moderna quale problema della storiografia delle lingue romanze. Una parte dei contributi è dedicata al contatto linguistico e alla produzione discorsiva-testuale italo-spagnola. Un’altra parte dei contributi si occupa di questioni più strettamente italianistiche, come il rapporto tra tradizioni scrittorie regionali e il toscano.
El volumen se ocupa de la operatividad de los órdenes semióticos tanto autóctonos como traídos de Europa en la construcción de América en el imaginario occidental. La conversión de los indígenas fue clave en el proyecto de asimilar a los pueblos nativos. Paralelamente, la empresa colonial fue descrita y legitimada mediante la narración histórica. El volumen ilumina algunas parcelas de ese vasto entramado semiótico, textual y argumentativo.
El volumen se ocupa de la operatividad de los órdenes semióticos tanto autóctonos como traídos de Europa en la construcción de América en el imaginario occidental. La conversión de los indígenas fue clave en el proyecto de asimilar a los pueblos nativos. Paralelamente, la empresa colonial fue descrita y legitimada mediante la narración histórica. El volumen ilumina algunas parcelas de ese vasto entramado semiótico, textual y argumentativo.
Reversing F. O. Matthiessen's famous description of translation as “an Elizabethan art”, Elizabethan literature may well be considered “an art of translation”. Amidst a climate of intense intercultural and intertextual exchange, the cultural figure of translatio studii had become a formative concept in most European vernacular writing of the period. However, due to the comparatively marginal status of English in European literary culture, it was above all translation in the literal sense that became the dominant mode of applying this concept in late 16th-century England. Translations into English were not only produced on an unprecedented scale, they also became a key site for critical debate where contemporary discussions about authorship, style, and the development of a specifically English literary identity converged. The essays in this volume set out to explore Elizabethan translation as a literary practice and as a crucial influence on English literature. They analyse the competitive balancing of voices and authorities found in these texts and examine the ways in which both translated models and English literary culture were creatively transformed in the process of appropriation.
Die Sammlung der Philosophenbiographien des Diogenes Laertios ist eines der wichtigsten und einflussreichsten philosophiehistorischen Dokumente der Antike. Die Studie verfolgt die griechische Rezeptionsgeschichte der Viten ab dem Zeitpunkt ihrer Entstehung (etwa 3. Jh. n. Chr.) bis zu den unmittelbaren Folgen ihrer lateinischen Neuübersetzung (15. Jh.). Anhand ausgewählter repräsentativer Zeugen aus der griechischsprachigen Geistesgeschichte (u. a. Klemens von Alexandria, Tatian, Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus, Michael Psellos, Gregorios Akindynos, Nikephoros Gregoras, Bessarion) und Hagiographie wird die mehrdimensionale Funktionalität der antiken Philosophenbiographien in der byzantinischen Kultur illustriert. Die Viten erweisen sich als unverzichtbare Referenzpunkte im spätantiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Diskurs um die richtige, der Wahrheit gemäßen Lebensform unter den Christen, auch und besonders zur Verdeutlichung des zu überwindenden „Anderen“. Gleichzeitig wird der spätrömische Bildungs- und Erziehungsdiskurs, in welchem Diogenes Laertios eine völlig andere, nichtsdestoweniger wichtige Funktion erfüllt, in byzantinischer Zeit nahtlos fortgeführt.
Interferenzen, die in Sprachkontaktsituationen, wie sie der Handel erzwingt, naturgemäß auftreten, auf ihrem Weg zur etablierten Entlehnung zu begleiten, ist das Ziel der vorliegenden Arbeit. Die Lexikologie bietet hier ein dankbares Untersuchungsfeld. Gerade im Bereich des Handels konnte Italien mit seinen einflussreichen Handelszentren wie Venedig oder Mailand stark auf das Deutsche und auch das Französische einwirken. Italien dominierte den Handel des Südens; im Handel mit dem nordalpinen Raum nahmen die süddeutschen Handelszentren eine Vermittlerrolle ein. So transferierten sie in Italien entwickelte Handelsinnovationen mit der dazugehörigen Terminologie, die sodann mit einer zeitlichen Verzögerung von - grob gesagt - 100 Jahren den Norden erreichte.
Ähnliches gilt für Frankreich; auch hier stammt das Gros der Lehrbücher zur Kaufmannschaft aus Italien und wird gleichermaßen wie in Deutschland - wenn auch etwas später - stark rezipiert.
Einer genaueren Prüfung wurden auch die französische Sekundärentlehnungen im Deutschen unterzogen, die im 17. Jahrhundert verstärkt auftraten, in der Literatur aber nicht unbedingt als sekundärentlehnt identifiziert werden. Diese Sekundärentlehnungen zeigen sich verstärkt im Norden, wohl beeinflusst durch Antwerpen, und sind oft nicht dauerhaft.
Es ergab sich auch, dass Entlehnungen zum Teil vordatiert werden müssen und schon viel eher etabliert waren als in der Literatur bislang angenommen wurde.
Die Wege der einzelnen Entlehnungen mit fast 4000 Belegen aus 150 Quelltexten (15.-18. Jahrhundert) sind mit 120 Karten nachgezeichnet worden, die in ihrer Gesamtheit ein plastisches Bild des Entlehnungsweges reflektieren. Die Daten basieren auf einer Access-Tabelle, die eine Sammlung der Daten unter verschiedenen miteinander verknüpften Oberbegriffen (Etymon, Textsorte, Druckort/-jahr, Autor) ermöglicht. Die linguistische Auswertung der Karten zeigt die Regelmäßigkeiten des Transfers wie auch der Etablierung in den Zielsprachen.
Im Mittelpunkt des Bandes steht mit den Décadas ein Schlüsseltext der frühneuzeitlichen kastilischen ‚Kolonialhistoriographie‘, der gleichwohl von der philologischen Forschung bisher kaum beachtet worden ist. Die sprachwissenschaftliche Diskursanalyse, der dieser Text unterzogen wird, versteht sich als pragmatisch orientierter Beitrag zur Geschichte des Spanischen in der Frühen Neuzeit und liefert eine historisch-systematisch fundierte Erklärung der sprachlichen Konstitution der Décadas, indem sie die Verfahren der Kompilation von Quellen, die für vormoderne Historiographie allgemein konstitutiv sind, erschließt und ihre Regularitäten für den konkreten Fall auf allen Ebenen der Sprachbeschreibung sichtbar macht. Dabei zeigt sich auch, dass die Entwicklung des Diskurses der Crónica Oficial de Indias im 16. Jahrhundert anders verläuft als es gängige humanistische Topoi von llaneza und naturalidad nahelegen. Da notwendig auch das Problem der sprachlichen Bedingtheit historischen Wissens und sein Zusammenhang mit der Frage nach Gattungen der Historiographie thematisiert wird, leistet die Arbeit darüber hinaus einen Beitrag zur Klärung der Frage nach dem – sprachlich-diskursiv zu begründenden – Status der Décadas als historischer Quelle und bietet Anknüpfungspunkte für den interdisziplinären Dialog mit der Geschichtswissenschaft.
To metaphorize the world as a theatre has been a common procedure since antiquity, but the use of this trope became particularly prominent and pregnant in early modern times, especially in England. Old and new applications of the “theatrum mundi” topos pervaded discourses, often allegorizing the deceitfulness and impermanence of this world as well as the futility of earthly strife. It was frequently woven into arguments against worldly amusements such as the stage: Commercial theatre was declared an undesirable competitor of God’s well-ordered world drama.
Early modern dramatists often reacted to this development by appropriating the metaphor, and in an ingenious twist, some playwrights even appropriated its anti-theatrical impetus: Early modern theatre seemed to discover a denial of its own theatricality at its very core. Drama was found to succeed best when it staged itself as a great unmasking.
To investigate the reasons and effects of these developments, the anthology examines the metaphorical uses of theatre in plays, pamphlets, epics, treatises, legal proclamations and other sources.
In seiner Arbeit untersucht Magnus Ressel in vergleichender Perspektive das Verhältnis der Republik der Niederlande, der Hansestädte und des Königreiches Dänemark-Norwegen zu den sog. Barbareskenstaaten, den osmanischen Regentschaften Nordafrikas während der Frühen Neuzeit (1520‑1830). Während dieser Epoche waren die seebasierten Fernhandelslinien der Europäer kontinuierlich der Bedrohung der Korsaren der Barbaresken ausgesetzt. Um der Bedrohung entgegenzuwirken, schufen sich die Nordeuropäer komplexe Systeme zur Produktion von Sicherheit für diesen hochprofitablen Sektor der eigenen volkswirtschaftlich-politischen Einheit. Die wesentlichen Ausformungen und Symbole dieser Bemühungen waren einerseits „Sklavenkassen“ zum Freikauf von Gefangenen aus Nordafrika und andererseits „Türkenpässe“ zur Finanzierung von Tributen an die Nordafrikaner zur Einhaltung von Friedensverträgen. Entstehung, Funktion, Diffusion, Konkurrenz und Wirkgeschichte dieser Systeme in Nordeuropa werden hier umfassend nachgezeichnet. Sie erweisen sich dabei als Schlüssel zum Verständnis des wesentlichen Aspekts des konflikt-, aber auch chancenreichen Kontaktes zwischen Nordeuropa und Nordafrika während der Frühen Neuzeit.
Das italienische Cinquecento gilt als das Jahrhundert, in dem die europäische Literaturtheorie der Neuzeit ‚geboren wurde‘. Die ausführliche zeitgenössische Diskussion um einzelne Gattungen (wie Epos, Tragödie, Komödie), die im Horizont eines Gegensatzes von rhetorisch perspektivierter Stillagenpoetik und aufkommendem poetologischem Aristotelismus steht, belegt dies. Besonders problematisch stellt sich der Renaissance die Theoretisierung einer einheitlichen Gattung ‚Lyrik‘ dar: Einerseits ist die Aufgabe einer Definition von ‚Lyrik‘ angesichts der volkssprachlichen Dichtungspraxis, in der der lyrische Petrarkismus eine Hauptströmung ist, unabweisbar dringend. Andererseits stellen die disponiblen theoretischen Optionen nur sehr fragmentarische Werkzeuge zur Bewältigung dieser Aufgabe bereit. Vor diesem Hintergrund behandelt der Band zunächst die grundsätzliche, epochentypische Problematik, konkrete lyrische Praxis und theorieoptionale Vielfalt im Rahmen einer schlüssigen Gattungstheorie in Einklang zu bringen. Danach werden die wichtigsten lyriktheoretischen Schriften (von G.G. Trissino, J.C. Scaliger, A.S. Minturno, P. Torelli und T. Tasso) ausführlich analysiert und im Anschluss die rinascimentalen Diskussionen um die wichtigsten lyrischen Einzelformen (wie Sonett, Canzone, Madrigal und Ballata) kritisch untersucht. Es erweist sich, dass die Bemühung um eine kohärente Lyriktheorie in der Renaissance prekär bleibt: Das Cinquecento zeitigt ungeachtet seiner heftigen Systematisierungsbestrebungen eine Theorie der Lyrik ‚im Plural‘.
For the last decade, early modern studies have significantly been reshaped by raising new and different questions on the uses of religion. This ‛religious turn’ has generated new discussion of the social processes at work in early modern Europe and their cultural effects ‑ from the struggle over religious rites and doctrines to the persecution of secret adherents to forbidden practices. The issue of religious pluralisation has been mostly debated in terms of dissent and escalation. But confessional controversy did not always erupt into hostilities over how to symbolize and perform the sacred nor lead to a paralysis of social agency. The order of the day may often have been to suspend confessional allegiances rather than enforce religious conflict, suggesting a pragmatic rather than polemic handling of religious plurality. This raises the urgent question of how 'normal' transconfessional and even transreligious interaction was produced in a context of highly sharpened and always present reflexivity on religious differences. Our volume takes up this question and explores it from an interdisciplinary and interconfessional perspective. The title “Forgetting Faith?” raises the question whether it was necessary or indeed possible to sidestep religious issues in specific contexts and for specific purposes. This does not mean, however, to describe early modern culture as a process of secularization. Rather, the collection invites discussion of the specific ways available to deal with confessional conflict in an oblivional mode, precisely because faith still mattered more than many other social paradigms emerging at that time, such as nationhood, ethnic origin or class defined through property.
Petrarcas Rime sind Referenztext des umanesimo volgare in Italien und werden dementsprechend oft editiert und kommentiert. Das gattungstypische Gerüst des Kommentars erfordert dabei zunächst Aussagen, die als Glosse, als Wort-, Vers- oder Stellenerklärung passagenweise progredieren. Die erfolgreichen Kommentatoren des 16. Jahrhunderts treffen aber darüber hinaus eigenständige Aussagen im Verbund mit dem Text eines anderen und präsentieren interferierende Texte: einerseits den Canzoniere Petrarcas (das Cinquecento stuft die Rime in den als zentral angesetzten Canzoniere und die minder wichtigen Trionfi) - und andererseits eine mit einer Vielzahl von Fragen befasste Auslegung des Lyrikbuchs. Ausgangspunkt sind stets textkritische Fragen; Handschriftenkunde und editorische Richtlinien verschränken sich freilich umgehend mit exegetischen und interpretatorischen Verfahren, so dass hier letztlich sowohl Gesamtdeutungen für Petrarcas Liebeslyrik als auch grundlegende Möglichkeiten im Umgang mit volkssprachlicher Lyrik und ihrem Autor erprobt werden.
Die drei Kommentare ‑ die im vorliegenden Band in der Chronologie der Erstausgaben als Fallstudien behandelt werden (Vellutello: 1525; Gesualdo 1533; Daniello: 1541) ‑ sind im Selbstverständnis agonal. Anhand einer Zentralfigur rinascimentaler Literatur wird der Zugriff auf Text und Autor kritisch ausdifferenziert: Vellutello nutzt ein biographisch gegründetes Narrativ als Sinnmodell, Gesualdo operiert mit der Diskurs- und Wissensordnung, die seit der Antike als eloquentia et sapientia gefasst ist, Daniello reflektiert auf Sprache und Stil. Die maßgebliche lyrische Autorität Italiens gerät damit in ein komplexes Spannungsfeld; denn natürlich bekräftigen die schon im Erscheinungsbild beeindruckenden Kommentare den Geltungsanspruch des Lauradichters; in ihrer offen zur Schau gestellten Widerständigkeit gegeneinander betonen sie jedoch derartige Differenzen, dass dem Modell Kohärenz und Eindeutigkeit verloren zu gehen drohen.
In den Beiträgen des Sammelbands werden Kulturen des Wettstreitens in bildkünstlerischen und literarischen Darstellungen sowie in sozio-kulturellen Praktiken in der Zeit von 1450 bis 1620 untersucht. Im Zentrum stehen Aspekte, die über den humanistischen ‚Kernbereich‘ lateinischer Textproduktion und über die Paragone-Diskussion in den Bildkünsten hinausgehen. Untersucht werden aemulative Verfahren, die abseits expliziter Ordnungsprogramme das Eigengewicht und die Überlegenheit des jeweiligen Gegenstands in Auseinandersetzung mit den Alten (deutsches, lateinisches und griechisches Altertum) und den Zeitgenossen (europäischer Renaissance-Humanismus) zu profilieren suchen. Aus dieser Perspektive gelingt es, bislang unterforschte Konzepte von Fortschritt und Formen des Neuen, von Tradition und Innovation und von differierenden Möglichkeiten dieser Prozesse in unterschiedlichen Kontexten zu ermitteln und ihre zentrale Funktion für die Ausdifferenzierung humanistischer und vernakularer Kulturen in der Frühen Neuzeit aufzuzeigen. Die ‚Kulturen des Wettstreits‘ erweisen sich als partielle Epochensignatur im Spannungsfeld von Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit.
Die Frühe Neuzeit wird zunehmend als eine Epoche der Antagonismen und des Widerstreits auf verschiedenen diskursiven Feldern wahrgenommen. Im Kontext dieser Thematik hat der Sonderforschungsbereich 573 im März 2010 eine internationale Tagung zum Thema „Para/Textuelle Verhandlungen zwischen Dichtung und Philosophie in der Frühen Neuzeit“ abgehalten, deren Ergebnisse der vorliegende Band präsentiert. Die spezifische Fragestellung des Bandes ergibt sich aus der Koppelung zweier Themenschwerpunkte: des agonalen Verhältnisses zwischen Dichtung und Philosophie, und der Spezifität, mit der sich dieser Agon nicht nur im Text selbst, sondern auch an der Grenze von Text und textuellem Beiwerk (Paratexte und Epitexte) ereignet.
Anthropology is a notoriously polysemous term. Within a continental European academic context, it is usually employed in the sense of philosophical anthropology, and mainly concerned with exploring concepts of a universal human nature. By contrast, Anglo-American scholarship almost exclusively associates anthropology with the investigation of cultural and ethnic differences (cultural anthropology). How these two main traditions (and their ‘derivations’ such as literary anthropology, historical anthropology, ethnology, ethnography, intercultural studies) relate to each other is a matter of debate. Both, however, have their roots in the path-breaking changes that occurred within sixteenth and early seventeenth-century culture and scientific discourse. It was in fact during this period that the term anthropology first acquired the meanings on which its current usage is based. The Renaissance did not ‘invent’ the human. But the period that gave rise to ‘humanism’ witnessed an unprecedented diversification of the concept that was at its very core. The question of what defines the human became increasingly contested as new developments like the emergence of the natural sciences, religious pluralisation, as well as colonial expansion, were undermining old certainties. The proliferation of doctrines of the human in the early modern age bears out the assumption that anthropology is a discipline of crisis, seeking to establish sets of common values and discursive norms in situations when authority finds itself under pressure.
Ziel dieser Studie ist eine Revision der bislang vorherrschenden Auffassungen vom Verhältnis zwischen Puritanern und Theater im England der Frühen Neuzeit auf mehreren Untersuchungsfeldern. Es werden Repräsentationen von Puritanern im Drama erfasst und in der Weise mit anderen Textzeugnissen (wie Predigten, Pamphleten, Petitionen, Briefen und autobiographischen Zeugnissen) korreliert, dass anstelle des immer noch gängigen reduktiv dichotomen Bildes der Opposition von Players und Puritans eine Dynamik wechselseitiger Abhängigkeiten und Austauschprozesse sichtbar wird; ein historisch variables Beziehungsgeflecht zweier Gruppen, die in einem von zunehmenden Pluralisierungstendenzen gekennzeichneten städtischen Kulturraum konkurrierende Autoritätsansprüche vertraten. Eine Leithypothese der Untersuchung ist, dass das unmittelbare Zusammenleben von Puritanern und Theaterleuten in London konstitutiv für die Entwicklung des neuen Unterhaltungsmediums wie für die Konturierung, wenn nicht gar die Formierung einer besonderen puritanischen Identität ist.
Dass sich im 18. Jahrhundert hunderte von konfessionellen Streitigkeiten finden lassen, muss für den auf Aufklärung fixierten Beobachter geradezu als paradox erscheinen. Die Studie unternimmt es die Grundlagen dieses Phänomens erstmals genauer zu erforschen. Die sog. Religionsgravamina dienen dabei gleichsam als Okular für einen synoptischen Blick auf die politische Kultur des Heiligen Römischen Reiches.
Der umfangreiche Niederschlag der Streitigkeiten in frühmodernen Zeitungen und Zeitschriften wird aber nicht nur als Materialbasis verwendet, sondern es wird gezeigt wie der Gegenstand ‚Religionsbeschwerde‘ überhaupt erst aus derartigen Texten entstand. Statt Öffentlichkeit verwendet die Studie das Begriffspaar Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit als bestimmende Distinktion. Diese kommunikationsgeschichtliche Betrachtung ist das verbindende Glied für eine kombinierte Mikro- und Makrostudie. Von den sog. konfessionellen Corpora bis zur Mikrogeschichte kleiner Dörfer werden einzelne Konfliktszenarien auf den verschiedenen Ebenen der frühneuzeitlichen Gesellschaft verfolgt. Das Buch zeigt schließlich, dass die Religionsgravamina als ein sehr zeitgemäßer Ausdruck der großen gesellschaftlichen Umstrukturierungen am Ende der Frühen Neuzeit angesehen werden können.
Der Band präsentiert die Ergebnisse einer internationalen Tagung, die Sprach- und Literaturwissenschaftler, Theologen, Archäologen und Historiker, Anthropologen und Rechtshistoriker zusammenführte. Zentrale Gegenstände sind die Voraussetzungen der Evangelisierung Amerikas in der europäischen Renaissance, in etablierten Verfahren der Katechese sowie in der Kosmovision indianischer Kulturen, ferner die Prozesse, die sich aus diesem Zusammentreffen im religiösen Kernbereich ergeben, auch in den angrenzenden Feldern der Rechtspraxis, Grammatikschreibung, des Buchmarktes sowie in literarischen und symbolischen Formen des Widerstands und der Integration europäischer und amerikanischer Traditionen. Die Positionen der historischen Akteure variieren extrem. Von den utopischen Grundideen der Franziskaner zur Ahndung indianischer Häresie, vom zentralen Problem der rechtlichen Stellung der Indianer zu deren spontanem Verständnis der Heiligen, von andinen Konzepten von Zeit und Raum zur Gelehrsamkeit der Kolonialzeit, von der grammatischen Erforschung des Quechua reicht der Bogen hin zu detailliertesten Beichtspiegeln in Nordwestmexiko und den Strategien der Huicholes bis in die Gegenwart.
Die Beiträge des Bandes diskutieren die Tragfähigkeit des Konzepts ‚Pluralisierung‘ als Leitkonzept für die Erschließung der Frühen Neuzeit. Pluralisierung meint zunächst die Vermehrung der in einem Lebens- und Kulturbereich relevanten Repräsentationen der Wirklichkeit und bedeutet darüber hinaus die Emergenz von ‚neuem‘ bzw. alternativem Wissen und das Entstehen kompetitiver Teilwirklichkeiten. Diese müssen aufeinander abgestimmt oder miteinander vermittelt werden. Dabei entstehen Formen des Dialogs über die Grenzen dieser Teilwelten hinweg, Konflikte werden ausgetragen und Wege der Konfliktbewältigung erprobt. Die von diesen Prozessen betroffenen Phänomene sind bekannt, etwa Konfessionalisierung, Ausdifferenzierung von Wissen, Verarbeitung der Begegnung mit der Neuen Welt, Ausbildung neuer Muster sozialen Verhaltens usw. Pluralisierung spielt sich erst in einem langen widerspruchsvollen Prozess ein, der in den Jahrzehnten um 1500 eine neue Dynamik entwickelt und in Konkurrenz zu Konzepten wie ‚Dialogisierung‘, ‚Konfessionalisierung‘, ‚Individualisierung‘, ‚Rationalisierung‘, ‚Sozialdisziplinierung‘ usw. steht. Die Beiträge und Fallstudien in diesem Band analysieren diesen Prozess und geben wichtige Impulse für Grundlagen der Frühneuzeit-Forschung.
Während die Philosophie noch bis Newton die wissenschaftlichen Bemühungen bezeichnet, wurde in der Frühen Neuzeit die Philologie sehr unterschiedlich verstanden: Sie konnte als universelles Wissen von dem, was sprachlich vermittelt wird, gesehen werden, aber auch als technische Behandlung der schriftlichen Urkunden oder als Ansammlung von unterschiedlichen Wissensbeständen in Gestalt einer Enzyklopädie. Der Band versucht, diese verschiedenen Aspekte näher zu beleuchten.
Eigentlich widerspricht der formellen Ansicht der Philologie als ars critica ihre enzyklopädische Bestimmung nicht. Die Konstitution von ‚Datenbanken‘ wird oft als Bedingung der Behandlung von Texten betrachtet, die ihrerseits dazu beitragen, sie zu bereichern. Die philologische Tätigkeit ist meistens auf ein Wissen angewiesen, das ihre Bemühungen rechtfertigt und das sie ausnutzt. Aber neben der Anhäufung nicht immer verwendbaren Wissens hat die Entwicklung bestimmter Verfahren sicher eine breitere, wenn auch nicht immer gebührend wahrgenommene Auswirkung gehabt. Um die Tragweite der Philologisierung der kulturellen Vergangenheit zu verstehen, sollte man sich zunächst von der technischen Textarbeit entfernen und sich dann für den intellektuellen Gestus interessieren, von dem die Philologie zeugt, wie die Entstehung der ‚kritischen Tätigkeit‘.