Zusammenfassung Gezeigt wird, dass Luthers Sicht des Glaubens der Christen zugleich seine Sicht ihres Lebens ist: Der Glaube ist für Luther die in der leibhaften Begegnung mit der leibhaften Verkündigung des Evangeliums durch die Kirche vom heiligen Geist geschaffene Gewissheit, dass das Lebenszeugnis Jesu (des Evangeliums in Person) über das Wesen unserer menschlichen Lebensgegenwart als Realisierung des weltschaffenden und -erhaltenden unbedingten Versöhnungswillens des Schöpfers, des ewigen Ursprungs und Ziels aller menschlichen Lebensgegenwart, wahr ist. Somit ist Inhalt dieser Gewissheit das Verhältnis , in dem alle Menschen, also auch der Glaubende selbst, zum Schöpfer ihrer Welt stehen: Als das geschaffene Ebenbild des schaffenden Personseins des Schöpfers stehen sie in dem von diesem selbst geschaffenen und erhaltenen Verhältnis der „Kooperation“ mit ihm, welches einerseits radikal asymmetrisch ist, nämlich insofern, als es dem Schöpfergott allein die Erreichung der absoluten Zukunft dieses Verhältnisses (die vollendete, also auch versöhnte, Gemeinschaft des geschaffenen Personseins mit dem schaffenden in dessen ewigem Leben) überlässt (also jeden „Synergismus“ ausschließt), zugleich aber auch andererseits ausschließt, dass dieses eschatische Ziel vorbei am eigenverantwortlichen Wollen und Wirken des Menschen in der Welt (also vorbei an seinen innerweltlichen Werken) erreicht wird. Die Gewissheit, in diesem Kooperationsverhältnis zu existieren, weist somit drei Aspekte auf, die gleichursprünglich und irreduzibel sind. Sie ist a) Gewissheit des ultimativen Angezogenseins vom „höchsten Gut“ (der versöhnten Gemeinschaft mit Gott in dessen ewigem Leben), zugleich b) Gewissheit, als geschaffene Person unter der unabweisbaren Zumutung (Pflicht) des eigenverantwortlichen Dienstes am Unterwegssein des menschlichen Zusammenlebens (der Gemeinschaft aller Menschen) zu seinem ewigen Ziel zu existieren, sowie c) immer auch die Gewissheit des Kräftig- (Fähig- und Tüchtig-)seins zur Erbringung dieses unabweisbar zugemuteten eigenen Lebenswerks, nämlich „Lust und Liebe“ zu diesem Gebot (zu dieser Zumutung, die den Menschen nicht mit der Begründung seines Heils überlastet). Die Gewissheit des Glaubens ist die Einheit dieser dreifachen Gewissheit über das Leben des Glaubenden, die auch nur durch das Ganze von dessen Leben anerkannt, ausgedrückt und kommuniziert wird. – Heute ist diese Sicht keineswegs obsolet, sondern anschlussfähig an viele Weisen des Fühlens und Denkens und Anlass, andere kritisch zu hinterfragen.